Alkoholkonsum 3 Minuten

Prost auf die Gewohnheit

Wein mit Weinflasche
Alkohol gehört für viele zum sozialen Leben dazu. | Quelle: Hanna Neigert
09. Juni 2026

Ob Geburtstag, Familienfeier oder Feierabend: Trinken gehört oft ganz selbstverständlich dazu. Aber macht der Konsum von Alkohol solche Momente wirklich festlicher? Zeit, den eigenen Umgang mit Alkohol zu hinterfragen. Ein Kommentar. 

Wer gemütlich zusammensitzt, etwas zu feiern hat oder ein gutes Essen genießt, trinkt Alkohol. Für viele Menschen ist Alkohol im Alltag eine Selbstverständlichkeit. Der Konsum wird kaum hinterfragt, sondern vorausgesetzt. Alkohol gehört einfach dazu: beim Grillabend, dem Vereinsfest, zum Feierabend und beim Anstoßen an Silvester. Meist wirkt das Trinken weniger wie eine bewusste Entscheidung und mehr wie eine gesellschaftliche Regel.

Alltag statt Ausnahme

Wenn über Alkohol diskutiert wird, richtet sich der Blick oft auf Exzesse. Schlagzeilen entstehen durch betrunkene Jugendliche, Sauffeste und Massen an Menschen, die sich kaum noch auf den Beinen halten können. Doch die eigentliche Normalisierung passiert nicht einmal im Jahr auf dem Oktoberfest, sondern täglich im Kleinen.

Das Feierabendbier oder das Gläschen Wein am Abend gelten für viele als Symbol der Entspannung. Der tägliche Konsum wird nicht als auffällig, sondern als normale Routine verstanden. Auch bei guten Nachrichten oder besonderen Anlässen wird automatisch mit einem Glas Sekt angestoßen.

Die Kultur des Mittrinkens

Alkohol erscheint häufig nicht als individuelle Entscheidung, sondern als fester Bestandteil sozialer Rituale. Wer anstößt, gehört dazu. Oft heißt es, jeder könne ja selbst entscheiden, doch Entscheidungen entstehen nicht unabhängig vom sozialen Umfeld. Wenn Alkohol bei nahezu jeder Veranstaltung präsent ist, wird bewusster Verzicht automatisch schwieriger.

Dazu kommt, dass Menschen früh mit Alkohol in Kontakt kommen. Schon Kinder erleben, wie oft und selbstverständlich Alkohol konsumiert wird. Alkohol darf in Deutschland bereits ab 14 Jahren in Begleitung getrunken werden. So gibt es dann mit 14 zur Konfirmation den ersten Sekt, zum 16. Geburtstag Bier, spätestens zum 18. dann die Freiheit, endlich alles trinken zu dürfen. Alkohol gehört zum Feiern und wird als Teil des Erwachsenwerdens gesehen, als wäre es ein Symbol für Reife. Alkohol wird verschenkt, zelebriert und ritualisiert. Die Warnung „Halt dich fern von Drogen!“ kennen wohl die meisten Jugendlichen. Alkohol scheint da aber eine gesellschaftliche Sondergenehmigung zu haben. Während die meisten Drogen strikt abgelehnt werden, wird bei Alkohol die Grenze deutlich später gezogen. Kaum eine andere Droge ist so tief im Alltag verankert. 

Bewusster konsumieren

Alkohol zu trinken ist grundsätzlich nichts Verwerfliches. Es geht nicht darum, jeden Schluck zu verteufeln oder ein generelles Verbot und moralische Überlegenheit zu fordern. Das Problem liegt vielmehr in der Selbstverständlichkeit und Gedankenlosigkeit, mit der Alkohol häufig konsumiert wird.

Alkohol muss nicht aus dem Leben aller verschwinden. Aber der Automatismus dahinter und der oft unreflektierte Konsum sollten stärker hinterfragt werden. Es würde schon helfen, wenn nicht jede Feier selbstverständlich Alkohol voraussetzen würde. Wenn Gastgeber fragen würden, ob man denn überhaupt Alkohol trinken möchte, anstatt ohne nachzudenken das Weinglas zum Abendessen bereitzustellen. Wenn der Verzicht auf Alkohol nicht als erklärungsbedürftige Ausnahme gelten würde. Wenn Mittrinken nicht länger als Eintrittskarte für Gemeinschaft verstanden würde. Und wenn vor dem nächsten Anstoßen kurz die Frage auftaucht: Möchte ich gerade wirklich Alkohol trinken oder gehört es einfach nur dazu?

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