Medianight 5 Minuten

App gegen Panikattacke - was das Start-up Iremia besser macht als Duolingo

Ein Vergleich von repräsentativen Icons von Duolingo und Iremia
Duolingo vs. Iremia – die Visualisierung der App erzeugt das Stimmungsbild der Nutzer | Quelle: Eigenkonzeption von Evelyn Missal auf Canva
29. Juni 2026

Drei Studenten der HdM sind Teil des Teams der Iremia-App, einem Alltagsbegleiter bei Panikattacken. Sie sind bei der App-Entwicklung für die Elemente zuständig, die den Nutzer motivieren und den Progress dokumentieren. Dabei verraten sie uns, warum sie „Streaks“ wie bei Duolingo ganz aus ihrem Konzept streichen. 

Mia ist eine 29-jährige Marketing-Managerin aus München mit diagnostizierter Angststörung. In der U-Bahn auf dem Weg nach Hause merkt sie, wie die Reize sie überfluten: Menschen, Gerüche, Geräusche, ungewollte Berührungen. Ihr fehlt der Raum zum Atmen und ihr Brustkorb spannt sich an – eine Panikattacke. 

Die Mitbegründer der Iremia-App wollen Menschen durch genau solche Situationen im Alltag begleiten. Mia ist zwar bloß eine ausgedachte Figur, jedoch wissen die drei Studenten der HdM genau, dass es vielen Menschen im Alltag genauso geht wie ihrer fiktiven Persona. Die App bietet den Nutzern die Möglichkeit, die Situation im Nachhinein mithilfe einer Führung zu reflektieren und wichtige Learnings für die Zukunft mitzunehmen. Dazu gehören zum Beispiel Journaleinträge, in denen man seine Panik einstuft und die Ursprünge definiert. So könne man seine großen und kleinen Trigger in der Zukunft besser absehen und einschätzen, wie man in Situationen von Panik am besten handeln könnte. 

Die App wird nicht nur für diagnostizierte Personen ausgearbeitet. In einer zweiten fiktiven Persona beschreiben die Studenten den Fall eines 21-jährigen IT-Spezialisten, der keine Diagnose hat. Er leidet unter chronischem Stress und Prüfungsangst, die ihn manchmal in Panik versetzt. Auch er findet seine Ruhe in der App. Jeder Nutzer baut sich einen eigenen Garten als Ruheort, in dem nach jedem Eintrag eine neue Pflanze gepflanzt wird. Die Einträge sind nicht nur auf Texte beschränkt: Auch mit seiner Prüfungsangst kann der Nutzer in stressigen Momenten einfache Prompts formulieren, die nur aus Emojis bestehen. Sobald der Eintrag gespeichert wird, fallen leichte Regentropfen auf den Garten und symbolisieren Resilienz in schwierigen Momenten. 

Mobile Ansicht des Prototyps der App
Ein Prototyp der App auf dem Handy - baue deinen eigenen Garten
Quelle: Iremia-Team

Die Rolle der Studenten im Start-up

Semih, Kerem und Yusuf sind im Start-up für die Entwicklung der Features „Smart Insights“ und „Progress“ verantwortlich. Sie halten eine motivierende Symbolik wie den lobenden Regen für essenziell.

„Wir hatten ein sehr aufschlussreiches Gespräch mit der Studentin Laila Jerusalem, die ihre Bachelorarbeit über Streaks (speziell bei Duolingo) und deren Einfluss schreibt. Danach stand für uns fest: Wir streichen Streaks komplett aus Iremia“, antwortet Kerem, einer der Studenten, im Interview. 

Stattdessen möchten sie die Nutzer langfristig motivieren und setzen dabei auf Formulierungen wie „An Tagen mit Sport bist du weniger anfällig für Panik“. Sie fanden in ihrem Gespräch heraus, dass Duolingo Streaks wie ein Businessmodell nutze und die Motivation der Nutzer an zweiter Stelle stehen würde. Die App würde oft nur geöffnet, um den Streak nicht zu verlieren und beim Verlust langanhaltender Streaks wieder gelöscht.

Nun fokussiert sich das junge Team ganz auf den „Compassionate Gamification“ Ansatz, der sich an der App „Forest“ orientiert. Die kleinen Erfolgserlebnisse wie der wachsende Baum oder der animierte Vogel, welcher die Nutzer herzlich empfängt, seien gerade bei Menschen mit Angststörung und Panik von großer Bedeutung. Das bestätigt nicht nur Laila in ihrer Bachelorarbeit, sondern auch eine Umfrage, die sie selbst an weiteren HdM-Studenten durchgeführt haben. Die Befragten wünschen sich sanfte Ansätze, statt harter Zahlen. Die Jungs möchten dies im weiteren Prozess umsetzen.

„Streaks erzeugen enormen Druck und schlechtes Gewissen, sobald man sie verliert. Für unsere Zielgruppe ist das absolut kontraproduktiv.“
Kerem Sarica

Sie sehen ihre Arbeit jedoch stets mit einem kritischen Blick: „Momentan taucht ein gepflanzter Baum einfach so auf – das ist noch ein bisschen unspektakulär. Wir wollen da mehr Reize setzen, zum Beispiel mit zufälligen Tier-Animationen.“ Sobald das Projekt vervollständigt ist, möchten sie den Prototypen weiter testen und fortlaufend optimieren. So sollen Menschen, die auf lange Wartelisten von Psychologen gesetzt werden, als Übergangslösung im Alltag begleitet werden.