Ein Film, der tiefer geht als jeder Einstich
Laut dem Beauftragten der Bundesregierung für Sucht und Drogenfragen sank die Zahl der heroinabhängigen Menschen in Deutschland. Allerdings erkranken jährlich immer noch viele an einer Heroinsucht. So auch der Vater des angehenden Filmregisseurs Timon Zickendraht, der im Rahmen seines Studiengangs Audiovisuelle Medien den Film „aitcH“ dreht. Die persönliche Erfahrung von Timon ist Inspiration für die Geschichte. Ziel ist es, mit dem Film mehr Verständnis zwischen Erkrankten und ihren Hintergründen zu vermitteln.
„Allerdings ohne die Sucht oder den angerichteten Schmerz zu relativieren oder zu entschuldigen“, betont der Regisseur.
Die Idee hinter dem Film
Das Konzept von „aitcH“ wurzelt in den persönlichen Erfahrungen von Timon. Der Protagonist des Films, Mark, ist keine direkte Darstellung seines verstorbenen Vaters, aber er trägt dessen innere Zerrissenheit in sich: die Sucht, die Scham, die Ohnmacht, und zugleich die Menschlichkeit, die Timon als Sohn immer gesehen hat. Verkörpert wird Mark von Lennart Gottmann, der unter anderem in der ARD‑Doku „Tod für Olympia“ (2024) mitwirkt. Eine weitere zentrale Figur, Kommissar Diels, spielt Timons Patenonkel, der im echten Leben der engste Freund seines Vaters war.
In „aitcH“ gerät Mark in ein Verhör, nachdem seine Freundin an einer Überdosis stirbt. Er muss dem Kommissar seine Unschuld beweisen, und das schnell, bevor seine einsetzenden Entzugserscheinungen ihn überwältigen. Diese Konstellation macht den Film zu einem Kammerspiel voller Druck, Nähe und moralischer Grauzonen. Die beiden Rollen spiegeln den Konflikt, der Timons Kindheit geprägt hat: den Schmerz und das reflexhafte Verurteilen auf der einen Seite, die bedingungslose Liebe auf der anderen. Auch wenn die Figuren im Film nicht miteinander verwandt sind, tragen sie genau diese Ambivalenz in sich.
Hinter den Kulissen
Das gesamte Team ging offen mit den persönlichen Erfahrungen von Timon Zickendraht um. Besonders die Schauspieler arbeiten eng zusammen, um die emotionalen Szenen in „aitcH“ so authentisch wie möglich umzusetzen. Hauptdarsteller Lennart Gottmann unterstützt dabei Timons Patenonkel, und führt ihn in die Schauspieltechnik “Chubbuck” ein, die ihnen hilft, echte Emotionen für die Szenen zugänglich zu machen. Vor manchen Drehs stehen sie gemeinsam mit Timon vor dem Raum, halten sich an den Händen und atmen tief durch. Ein Moment, der sie erdet und daran erinnert, dass sie diese schweren Szenen gemeinsam tragen. Dieses enge Arbeiten schafft eine besondere Nähe zwischen den Beteiligten – eine Verbindung, die sich auch im fertigen Film widerspiegelt.
Und obwohl 80 Prozent des Teams zum ersten Mal an einem Filmset stehen, entsteht hier ein Projekt, das zeigt, wie viel Professionalität möglich ist, wenn alle Beteiligten mit maximalem Einsatz arbeiten.
Die Chubbuck‑Technik, die weltweit verbreitet ist und bereits in Oscar‑prämierten Darbietungen eingesetzt wurde, bietet ihnen dafür den Rahmen. Dieses gemeinsame Arbeiten schafft eine besondere Nähe zwischen den Beteiligten, eine Verbindung, die sich auch im fertigen Film widerspiegelt.
Was ist die Chubbuck-Technik?
Die Chubbuck-Technik ist eine hilfreiche Toolbox aus 12 Schritten und vielen verschiedenen Übungen. Eine präzise Kombination aus Skript-Analyse, Figurenarbeit, persönlichem Zugang und effektiven Strategien, um ins authentische Spielen zu kommen.
„Der Unterschied zwischen der Chubbuck‑Technik und früheren Methoden besteht darin, dass ich Schauspieler:innen beibringe, ihre Emotionen nicht als Endergebnis zu betrachten, sondern als Mittel zum Erreichen eines Ziels“, erklärt Ivana Chubbuck, die Begründerin der Methode.
Auf diese Weise begeben sich sowohl Schauspieler:innen, Drehbuchautor:innen, und Regisseur:innen, als auch das Publikum auf eine dynamische Reise.
Quelle: Chubbuck Studio Berlin
Für Timon Zickendraht war der Dreh von „aitcH“ nicht nur eine filmische, sondern vor allem eine persönliche Reise. Am Set stützten ihn Menschen, denen er zutiefst vertraut: sein Patenonkel, der im Film den Kommissar spielt, und Hauptdarsteller Lennart Gottmann. Besonders in Momenten, in denen Erinnerungen an seinen Vater hochkommen, sind die beiden für ihn da. Sie fangen die Emotionen gemeinsam auf und tragen sie miteinander durch die Szenen. Allerdings ist am Set durchweg eine professionelle Atmosphäre. Auch Kameramann Lorenzo Vivacqua, Timons bester Freund, war eine zentrale Stütze. Er hielt ihm den Rücken frei, übernahm organisatorische Aufgaben und sorgte dafür, dass Timon sich auf die Arbeit mit den Schauspielern konzentrieren konnte.
Es bleibt nun abzuwarten, wann der Film seine Festivalpremiere feiert. Sicher ist jedoch: Dieser Film eröffnet einen neuen Blick auf das Thema Heroinsucht, einen, der mehr Farben zeigt als Schwarz und Weiß.