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Minderheit
Aborigines – ein vergessenes Volk

Paul Craft (ganz links) und Mitglieder der Aborigine-Gemeinschaft, als sie für die Verdienste für die Gemeinschaft ausgezeichnet wurden | Bild: Claire Penga

Minderheit Aborigines – ein vergessenes Volk

Paul Craft (ganz links) und Mitglieder der Aborigine-Gemeinschaft, als sie für die Verdienste für die Gemeinschaft ausgezeichnet wurden | Bild: Claire Penga
 

19 Jan 2023

Auch wenn ein Großteil der Aborigines in Städten ein modernes Leben führt, trügt der Schein einer harmonischen australischen Gesellschaft. Noch immer werden viele Aborigines von der australischen Regierung vernachlässigt. Ein Interview.

Claire Penga

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2022
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Die Ureinwohner*innen bzw. die First Nations Australiens werden als Aborigines und Torres Strait Islander bezeichnet. Ihre Vorfahren besiedelten vor etwa 50 Tausend Jahren den Kontinent. Sie bestehen aus vielen Völkern, Stämmen und Clans mit unterschiedlichen Bräuchen und Sprachen.

Aborigines sind die ursprünglichen Bewohner des australischen Festlandes und die Torres Strait Islander sind die Bewohner der nördlichen Inseln von Australien.

1788 begann England gegen den Willen der Aborigines, Kolonien aufzubauen. Aufgrund von gewaltsamen Konflikten ist die Anzahl der indigenen Einwohner*innen innerhalb von hundert Jahren von circa eine Million auf rund 60 Tausend geschrumpft. Der australische Staat führte am 26. Mai 1998 den „National Sorry Day“ ein, um sich bei der indigenen Bevölkerung für ihre Verbrechen zu entschuldigen. Die Einführung des Gesetzes „Aboriginal and Torres Strait Islander Peoples Recognition Bill 2012“ zur Anerkennung der Aborigines als erste Einwohner*innen Australiens scheiterte jedoch bis heute.

Paul Craft weiß warum das Gesetz gescheitert ist und erklärt im Interview mit edit, warum die indigene Bevölkerung sich noch immer von der australischen Regierung unterdrückt und nicht anerkannt fühlt. Er arbeitet als Kulturpädagoge bei einem Aborigine-Kulturservice und hat selbst Aborigine Vorfahren. Er besucht Schulen und Bildungseinrichtungen. Dabei ist sein Ziel, Jugendgruppen mit verschiedenen Hintergründen ein breiteres Verständnis und eine größere Wertschätzung für die Kultur der Ureinwohner*innen zu vermitteln.

Paul (rechts) und sein Großvater (links). Pauls Großvater und seine britische Großmutter waren entgegen der damaligen Rassentrennung zusammen. | Bild: Paul Craft
Paul, als er seinen Neffen Boomerangwerfen beibringt, eine traditionelle Sportart der Aborigines.Der Boomerang ist der Wurfstock, der dabei verwendet wird. | Bild: Paul Craft
Pauls Jugend-Aborigine-Boomerang-Team. | Bild: Paul Craft
Kinder, die sich für die Dienste von Pauls Aborigine-Community bedanken. | Bild: Paul Craft

Warum ist es nötig, den jungen Leuten die Kultur der indigenen Völker näher zu bringen?

Durch die Folgen der Assimilationspolitik ist so viel verloren gegangen. Viele junge Leute haben sich an die europäische Lebensweise angepasst und die Kultur der First Nations vergessen. Die koloniale Politik geht immer noch weiter. Der Unterricht in den Schulen und in den Universitäten vermittelt nur westliches Wissen und lässt die Perspektiven der First Nations außen vor. Das sorgt dafür, dass jungen indigenen Leuten eine kulturelle Identität fehlt.

Die Aborigines litten besonders an einer grauenvollen Assimilationspolitik. Die britischen Siedler zwangen die Aborigines dazu, ihre westliche Kultur anzunehmen. Ziel war es, die indigene Bevölkerung auszulöschen. Teil der Maßnahmen war das „Bringing them home“-Programm. Indigene Kinder wurden zwischen 1910 und den 1970er Jahren aus ihren Familien gerissen und mussten in fremden Haushalten arbeiten. Zudem mussten sie Schulen besuchen, die ihnen britische Kultur aufzwangen.

Entstehen bei jungen Leuten wegen einer fehlenden kulturellen Identität Probleme?

Ein ganz großes Problem sind viele Suizidfälle bei jungen indigenen Leuten. Natürlich gibt es dafür mehrere Gründe, aber vor allem entstehen diese Todesfälle durch eine fehlende kulturelle Identität. Umgeben von Alkohol und Drogen haben indigene Jugendliche oftmals keinen Anker, an dem sie sich festhalten können. Ich gebe dir ein Beispiel: In diesem Jahr habe ich vier meiner Neffen und Nichten, als auch zwei Brüder, die Selbstmord begangen haben, verloren. (Paul atmet tief ein und hebt seine Stimme)

Obwohl die First Nations nur zwei Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, ist ihre Selbstmord- und Inhaftierungsrate doppelt so hoch wie die der nicht-indigenen Einwohner*innen. – Paul Craft

Der Rassismus und die Diskriminierung im eigenen Land sind unerträglich. Zum Alltag eines Aborigines gehört es, in Geschäften verfolgt, von der Polizei angehalten oder zu Tode geprügelt zu werden. Obwohl die First Nations nur zwei Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, ist ihre Selbstmord- und Inhaftierungsrate doppelt so hoch wie die der nicht-indigenen Einwohner*innen!

Die Suizid- und Inhaftierungsrate der indigenen und nicht-indigenen Bevölkerung im Vergleich Die Suizid- und Inhaftierungsrate der indigenen und nicht-indigenen Bevölkerung im Vergleich, Quelle: Australian Bureau of Statistics | Bild: Claire Penga

Welche Maßnahmen wünschen Sie sich in Zukunft vom Staat?

Wir wollen schon seit Jahren in der Verfassung als erste Einwohner*innen Australiens anerkannt werden, aber dieses Gesetz wird immer wieder aufgeschoben. Wir wurden wiederholt durch leere Versprechen enttäuscht. Die Umsetzung des Gesetzes wäre der erste Schritt, unser Ziel zu erreichen, ein größerer Teil der Regierung zu werden. Wir müssen eine stärkere Stimme im Parlament haben, damit wir für uns sprechen können. Andere Politiker*innen kennen uns nicht und wissen nicht, was wir brauchen oder wollen. In den letzten 250 Jahren hat man für uns entschieden. Das haben wir endgültig satt! Wir wollen, dass die Regierung und die indigenen Einwohner*innen zusammenarbeiten und eine Einheit bilden, in der sich jede*r als Teil der Gemeinschaft fühlt! Die Perspektive der First Nations soll auch in das Bildungsangebot der Schulen und der Universitäten einbezogen werden. Gemeinsam mit älteren Wissensträger*innen soll die Regierung einen neuen Lehrplan aufstellen. Die Kinder sollten in beiden Sprachen, Englisch und der indigenen Sprache, unterrichtet werden.

Warum schiebt die Regierung die Anerkennung der Aborigines als erste Einwohner*innen Australiens immer wieder auf?

Konservative Politiker*innen haben Angst, dass wir unser Land zurückfordern könnten. Wir wollen das aber gar nicht. Wir wollen unser Land nur dafür nutzen, unseren jungen Leuten die Aborigine Kultur nahe zu bringen. Wir wollen das nicht alleine machen, sondern unser Wissen auch mit nicht-indigenen Leuten teilen. Wir können uns nicht auf die Politiker*innen verlassen, sondern müssen selbst für unsere Rechte kämpfen. Es gibt zwar schon einige junge Aktivist*innen, die für indigene Rechte kämpfen, aber wir brauchen noch mehr von dieser Sorte!

Bald ist ja Australia Day, ein Nationalfeiertag, als auch ein großer Tag für Aktivist*innen – warum eigentlich?

Alle feiern die Invasion Australiens am 26. Januar. An diesem Tag im Jahr 1788 wurde die erste dauerhafte europäische Siedlung auf dem australischen Kontinent gegründet. Für uns gibt’s da nicht viel zu feiern. An diesem Tag begann für uns eine lange und brutale Kolonialisierung von Menschen und Land.

Während die anderen mit einer wehenden australischen Flagge in ihren Autos hupend herumfahren, demonstrieren wir gegen den Feiertag und kämpfen für unsere Rechte. – Paul Craft

Der Tag bedeutet für uns einen tiefen Verlust – den Verlust der souveränen Rechte an unserem Land, den Verlust der Familie, den Verlust des Rechts, unsere Kultur auszuüben. Während die anderen mit einer wehenden australischen Flagge in ihren Autos hupend herumfahren, demonstrieren wir gegen die Zelebrierung dieses Tages und kämpfen für unsere Rechte.

In der australischen Politik geht ja vieles schief, aber hat die Politik im Umgang mit der indigenen Bevölkerung auch Fortschritte gemacht?

Ja, es geht schon voran. Kleine Schritte in die richtige Richtung sind besser als gar keine Schritte. Die Entschuldigung des Premierministers für vergangene Verbrechen war schonmal großartig und ich habe sie ihm abgekauft. Aber jeder kann sich entschuldigen. Wenn man auch wirklich was dafür tut, Dinge wieder in Ordnung zu bringen, dann wissen wir auch, dass es eine aufrichtige Entschuldigung ist. Es gibt immer noch so viel Arbeit zu erledigen. Ich sage es nur ungern, aber es könnte noch 250 Jahre dauern bis wir als gleichberechtigt angesehen werden.