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Das Gefühl, nicht perfekt zu sein, kann für viele zur Last werden (Symbolbild). | Bild: Anna Tschürtz

Kultur&Identität Perfektionismus
"Almost is never enough"

Das Gefühl, nicht perfekt zu sein, kann für viele zur Last werden (Symbolbild). | Bild: Anna Tschürtz

01 Nov 2020

Aufgrund des stetig wachsenden Druckes innerhalb der Gesellschaft werden es immer mehr. Was harmlos beginnt, kann sich zu einer Zwangsstörung weiterentwickeln. Auch ich habe meine Erfahrungen damit, unperfekt zu sein.

Anna Tschürtz

Crossmedia Redaktion/ Public Relations
seit Sommersemester 2019
GesellschaftKulturPolitik

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Ich stehe vor dem großen Spiegel und sehe mein Spiegelbild gerade noch so durch die zwei Reihen von Mädchen, die vor mir stehen. Mein Rücken ist gerade, die Schultern sind hinten, meine Arme in der ersten und meine Füße in der fünften Position. Der Schweiß rinnt mir den Rücken hinab und mir bammelt es bereits vor der nächsten Übung, die ich erstens nicht mag und zweitens, was viel schlimmer ist, nicht kann. Die ersten Töne setzen ein und wir tanzen los, wobei man das, was ich praktiziere, nicht gerade tanzen nennen kann. Meine Füße sind zu langsam und die Musik ist zu schnell. Verzweifelt versuche ich, mit den anderen mitzuhalten, aber mein Kopf und mein Körper scheinen nicht miteinander verbunden zu sein. Die letzten Töne verklingen, meine Schultern sinken ein und ich schaue betreten auf den Boden. Ich habe es schon wieder als Einzige nicht hinbekommen. Warum sieht es bei den anderen so unbeschwert und perfekt aus und bei mir als würde eine Kartoffel unkontrolliert durch den Raum geschleudert werden? Ich hasse dieses Gefühl. Dieses Gefühl, wenn ich versage oder jemand anderes besser ist als ich. Dieses Gefühl, wenn ich etwas nicht perfekt kann.

Wenn aus gut schlecht wird

So wie es mir geht, geht es vielen anderen auch. Die Rede ist von Perfektionist*innen. Menschen, die an dieser Zwangsstörung leiden, haben den Drang, in vielen Lebensbereichen Perfektion und Vollkommenheit zu erreichen. Das muss grundsätzlich nichts Schlechtes bedeuten – denn es gibt zwei Ausprägungen: Laut Psychologin und Perfektionismus-Expertin Christine Altstötter-Gleich, haben betroffene Personen bei dem gesunden, oder auch funktionalen Perfektionismus genannt, hohe Standards. Sie können Fehler und Rückschläge akzeptieren und freuen sich über ihre erbrachten Erfolge. Mit anderen Worten könnte man diese Art eigentlich auch als gesunden Ehrgeiz und Zielstrebigkeit bezeichnen. 

Bei dem ungesunden, beziehungsweise dem dysfunktionalen Perfektionismus, haben Betroffene Angst vor Fehlern und vor dem Versagen. Allein der Gedanke, dass man etwas Falsches machen oder sagen könnte, löst Panik aus. Auch über erbrachte Erfolge freut sich ein*e dysfunktionale*r Perfektionist*in meist nicht, da das angestrebte Ziel vermeintlich nie erreicht wird. Es gibt immer noch eine Kleinigkeit, die verbessert werden könnte.

Von allen Seiten 

Ich frage mich oft, woher dieser Zwang, alles perfekt machen zu müssen, kommt – nicht nur bei mir.  Da es an verschiedenen Faktoren und Einflüssen liegen kann, gibt es darauf keine genaue Antwort. Wirklich hilfreich ist das natürlich nicht. Es kann zum einen angeboren sein und zum anderen erst im Laufe der Erziehung entstehen. Ein Elternhaus mit fehlender Wärme und Akzeptanz begünstigt beispielsweise die Entwicklung zu einem*r Perfektionist*in. Vor allem auch der stetig wachsende Druck der Gesellschaft trägt dazu bei, dass es immer mehr perfektionistische Menschen gibt. 

Die Sozial- und Sportpsychologen Thomas Curran und Andrew P. Hill führten 2016 eine Studie durch, die zeigte, dass das Streben der Gesellschaft nach Vollkommenheit, in den letzten 20 bis 30 Jahren, deutlich zugenommen hat. Dabei unterschieden sie zwischen drei Arten des Perfektionismus. Diese sind auf das Drei-Facetten-Modell der Psychologen Paul L. Hewitt und Gordon L. Flett aus dem Jahr 1991 zurückzuführen: Beim selbstorientierten Perfektionismus haben Betroffene hohe Standards und sind sich selbst gegenüber hochkritisch. Sie streben Vollkommenheit an, erwarten, dass sie es selbst sind und möchten Fehler vermeiden. Fremdorientierte Perfektionist*innen haben dagegen die Erwartung, dass ihre Mitmenschen perfekt sind. An sich selbst haben sie diese Erwartung nicht. Der sozial vorgeschriebene Perfektionismus besagt, dass betroffene Personen glauben, dass sie vollkommen und fehlerlos sein müssen, weil es das Umfeld so erwartet. 

Innerhalb der letzten Jahre ist die Anzahl an Perfektionist*innen enorm gestiegen. Während der selbst- und der fremdorientierte Perfektionismus weit unter 20 Prozent liegen, hat der sozial vorgeschriebene mit 33 Prozent die größte Zunahme gemacht. Das ist besonders bei jungen Menschen der Fall, was unter anderem den sozialen Medien und dem dadurch verbundenen Selbstoptimierungszwang zu verschulden ist. Für mich keine große Überraschung, denn der ständige Vergleich mit anderen Menschen, die man in den meisten Fällen nicht einmal kennt, und der damit verbundenen Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper oder der Karriere, kann den Drang zum Perfektionismus ja nur verstärken.

Aber auch außerhalb des Internets beginnt der Druck bereits früh. Zum Beispiel direkt nach der Schule, wenn es um die Frage geht, was man beruflich machen möchte. Hat man hierauf keine Antwort beziehungsweise ist sich in seiner Entscheidung noch nicht sicher, ist der Blick darauf meist ungläubig, fast sogar entsetzt. So erging es auch mir vor drei Jahren. Als ob es ein Weltuntergang wäre, wenn ich nicht seit meiner Geburt weiß, was ich nach der Schule machen möchte. Allerdings hat es mich jedes Mal mehr unter Druck gesetzt, dass ich den perfekten Beruf für mich finden muss, der mich dann für den Rest meines Lebens begleitet. 

80/20

Diese Angst betrifft aber nicht nur größere Lebensentscheidungen, sondern so ziemlich jede noch so kleine Entscheidung – zumindest ist das bei mir der Fall. Oft denke ich mir, beispielsweise bei Texten, dass ich noch zig Kleinigkeiten ändern könnte und sitze stundenlang vor der perfekten Formulierung. 

Das Gefühl, nie fertig zu sein, kann zur Last werden. Eine mögliche Lösung mit diesem Gefühl umzugehen, ist das Pareto-Prinzip, beziehungsweise die 80/20-Regel. Dieses Prinzip besagt, dass 80 Prozent des Ergebnisses mit einem Gesamtaufwand von 20 Prozent erreicht werden können. Das bedeutet nicht, dass man sich weniger Mühe geben oder nur das Nötigste tun soll, sondern eher kleinere Entscheidungen erleichtern. Beispielsweise beim Erstellen einer Präsentation: Man sollte sich nicht bei der Gestaltung verkünsteln, da es am Ende nur einen minimalen Unterschied ausmacht, sondern seine Energie für wichtigere Dinge nutzen.

Mit wenig Aufwand kann, laut der 80/20-Regel, viel erreicht werden. Perfektionist*innen machen sich allerdings häufig viel zu viel Aufwand und Arbeit für viel zu wenig Erfolg und Ergebnis. So brauchen sie für die verbliebenen 20 Prozent zum perfekten Ergebnis 80 Prozent ihrer Energie. Der gesunde Menschenverstand sagt einem da eigentlich, dass das überhaupt nicht im Verhältnis steht. Dass man doch bescheuert ist, wenn man sich für das bisschen mehr so viel mehr ins Zeug legen muss. Doch oft kann dagegen gar nichts unternommen werden, weil man viel zu sehr in seinen eigenen Gedanken gefangen ist. Weil da immer dieser Druck ist, dass es perfekt sein muss – egal, wie wichtig oder unwichtig es erscheint. 

Ich habe mir deshalb oft überlegt, mit dem Tanzen aufzuhören. Weil meine Füße die Schritte nicht beherrschen und ich jedes Mal wortwörtlich aus der Reihe tanze. Weil ich das Gefühl nicht loswerde, dass ich immer 100 Prozent oder mehr geben muss. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Personen daran zerbrechen. Da fällt mir das Lied „Almost is never enough“ von Ariana Grande ein. 
Denn genau damit haben viele in unserer Gesellschaft zu kämpfen. Mit dem Gefühl, niemals genug zu sein, egal, wie sehr man sich anstrengt. Deshalb wundert es mich auch nicht, dass Burnout, Depressionen, Stress oder Essstörungen nicht nur bei vielen Perfektionist*innen die Folge sind. Aber das kann doch nicht das Ende sein, mit dem man sich einfach abfinden muss! Irgendetwas muss man dagegen tun, aber wo fängt man an?

„Never let the fear of striking out keep you from playing the game.”  – Babe Ruth

Vor Kurzem habe ich mich beim Tanztraining mal wieder geärgert, dass ich etwas nicht auf Anhieb kann. Meine Ballettlehrerin hat meinen enttäuschten Blick gesehen, Folgendes in die Runde gesagt und mich dabei besonders ernst angeschaut: „Es ist nicht schlimm, wenn etwas nicht sofort beim ersten Mal klappt, wir üben ja. Beim Tanzen geht es nicht um Perfektion, es geht um die Freude daran. Das ist das Wichtigste!“ 

Unterbewusst wusste ich das schon vorher und habe in dem Moment vielleicht innerlich mit den Augen gerollt. So richtig bewusst wurden mir diese Worte aber erst nach dieser Stunde. Ich war Millimeter davon entfernt, mit dem Tanzen aufzuhören. Das Einzige, was mich daran hinderte, war mein Ehrgeiz und vielleicht auch ein bisschen mein Stolz. Vielleicht ist das die gute Seite am Perfektionismus. Denn Aufgeben kam für mich nicht in Frage, dafür hätte ich bereits zu hart gearbeitet. Aber wie schafft man den Absprung von den negativen zu den positiven Seiten?

Man sollte mit kleinen Schritten beginnen, am besten bei sich selbst. Und wenn man sich nur an einem Satz festhält, dem einen die Ballettlehrer*in mit auf den Weg gibt. Außerdem sollte man niemals etwas sein lassen, weil man Angst hat vor Rückschlägen. Verhindern kann sie sowieso niemand – aber daraus lernen und es beim nächsten Mal besser machen. Oder um es mit Babe Ruths Worten, einem amerikanischen Baseballspieler, auszudrücken: „Never let the fear of striking out keep you from playing the game.“

Wenn ich jetzt vor dem großen Spiegel stehe und ich mein Spiegelbild gerade noch so durch die Reihe vor mir erkennen kann, ist mein Rücken immer noch gerade und meine Schultern sind hinten. Auch der Schweiß rinnt mir vor Anstrengung nach wie vor den Rücken hinab. Doch es gibt einen maßgebenden Unterschied: Ich sehe nicht mehr das Mädchen, dass die Schultern hängen lässt, wenn sie etwas nicht sofort kann oder sich vor der nächsten Übung fürchtet. Ich sehe jemanden, der sich in manchen Situationen, um sich selbst nicht kaputt zu machen, mit dem „almost“ zufrieden gibt. Es ist nicht viel, aber es ist immerhin ein Anfang.