Oma-Kolumne 4 Minuten

Was hältst du von „people pleasing“, Oma?

Meine Oma auf dem Schiff.
Meine Oma auf einer Reise, zu der sie spontan Ja sagte. | Quelle: Victoria Haberzettl
09. Juni 2026

Eine Welt ohne Internet – für mich völlig unvorstellbar. Für meine Oma früher (und um ehrlich zu sein auch heute noch) völlig normal. Trotzdem nehmen wir gemeinsam Internettrends unter die Lupe. In dieser Folge geht es um „people pleaser”. Sagt meine Oma zu allem widerspruchslos Ja?

#peoplepleaser nennt sich plötzlich jeder im Internet und gibt damit offen eine große Schwäche zu: Nicht nein sagen zu können. „people pleaser“ legen Wert darauf, die Erwartungen, Bedürfnisse und Wünsche anderer zu erfüllen. Oft auf Kosten der eigenen Grenzen. Im Friseursalon stundenlang auf das Endergebnis warten, beim Angesicht des eigenen Spiegelbildes die ersten Tränen unterdrücken  und dennoch freundlich für die neue Frisur bedanken, dabei sehe ich aus wie ein Streifenhörnchen. Sobald ich aus der Tür bin und die Flucht zum Auto ergreife, sind die Tränen nicht mehr zu stoppen. People Pleaser verspüren ein unausstehliches Schamgefühl, wenn sie eine Grenze ziehen.

Oma bist du ein people pleaser? 

„Ich habe sicherlich oft Ja gesagt, um Harmonie zu wahren. Zu Arbeit hat man nicht nein gesagt, Geld kam immer zu Gute. Mit 15 machte ich eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau. Als ich ausgelernt habe, wurde ich in eine andere Filiale versetzt. Dort bekam ich ein Zimmer für mich allein, doch nach ein paar Wochen fragte mich die Hausfrau, ob ihre Tochter bei mir schlafen darf. Die vierköpfige Familie hatte sich bisher ein Schlafzimmer geteilt. Ich konnte nicht nein sagen. Aber das war in Ordnung, es hat sich gleich sehr familiär angefühlt, schließlich bin ich mit vielen Geschwistern aufgewachsen.

Meine Schwester wollte zu unseren Verwandten nach Amerika auswandern, aber sie hatte sich in letzter Minute umentschieden und das hat unsere Angehörigen in den Staaten sehr enttäuscht. Deshalb bin ich anstelle meiner Schwester aufs Schiff. Mit 25 Jahre war ich neun Tage alleine auf dem Wasser unterwegs. Um Verwandte kennenzulernen, mit denen ich zuvor lediglich Briefkontakt hielt. 

Ich kam zurück von meiner Reise und schon einen Tag später stand mein Chef vor der Haustür und fragte, ob ich wieder bei ihm in der Filiale anfangen wolle. Und da habe ich ja gesagt, wenn er schon fragt. 

Als ich später dann die Kinder hatte, rief mich der Chef manchmal auch unter der Woche an. Dann hatte ich gesagt: „Ich habe niemanden für meine Kinder.“ Worauf er meinte: „Bringen Sie sie mit.“ Ich habe an der vordersten Kasse bedient und die Kinder haben an einem der hinteren Thekentische ihre Hausaufgaben gemacht oder beim Einräumen der Obstabteilung geholfen.  

Kurzbiografie 

Meine Oma wurde 1934 als viertes von sieben Kindern geboren und wuchs in Heilbronn auf. Die Stadt wurde seit 1940 mehrmals zur Zielscheibe, doch der Bombenangriff am 4. Dezember 1944 brannte Heilbronn fast vollständig nieder. Was zurückblieb: ein Feuersturm und Rauch, der Tage später noch auf die Trümmern presste. Für die nächsten Monate wohnte meine Oma bei Verwandten auf dem Land. Später machte eine Lehre zur Einzelkauffrau. Sie heiratete 1960 meinen Opa und bekam 4 Kinder, 5 Enkelinnen und auch die nächste Generation kommt ihre „Oma Oma“ besuchen. Mit 72 ging sie in den wohlverdienten Ruhestand.

Ich habe in meinem Leben noch mehr Arbeit erledigt. In meinem Elternhaus wurde ein Bankautomat eingerichtet, aber meine Mutter war vom Land und hatte nie mit Geld zu tun. Ich habe ausgeholfen, Kontoauszüge geschrieben und jeden Abend die Abrechnungen gemacht. Später folgte die Arbeit in der Metzgerei, erst waren es nur wenige Stunden, doch dann fiel die andere Kollegin aus. Da wurde ich nicht gefragt, ich habe die Schichten übernommen, weil es niemand anderes gab. Das funktionierte, weil meine Schwestern und ich unsere Schichten einander anpassten. Immer so, dass jemand bei den Kindern war.

Das Ja sagen hat für mich immer wieder funktioniert: Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich mal nach Amerika komme.“

Heute: Ist Nein sagen jetzt angesagt?

Meine Oma hat oft Ja gesagt, wie oft sie dabei an ihre eigene Grenzen geraten ist, das weiß sie nicht mehr. Viel lieber erzählt sie mit leuchtenden Augen von ihren Erlebnissen bei der Arbeit oder blättert schwelgend in ihrem Fotoalbum. Der Begriff people pleaser setzt sich auf ironische Weise mit einem Konflikt auseinander, den viele Menschen mit sich selbst ausmachen. Dieses Verhaltensmuster unterdrückt die eigenen Bedürfnisse und geht weit über (gesunde) Fürsorge hinaus. Während meine Generation sensible für sich einsteht und die eigenen Grenzen schützt, lerne ich aus meinem Gespräch mit Oma: Ja sagen öffnet neue Türen! 

 

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