Ist „delulu the solulu“, Oma?
#deluluisthesolulu heißt es auf TikTok wenn jemand der festen Überzeugung ist, eines Tages seinen Celebrity Crush zu heiraten, auch wenn er keine Ahnung hat, dass die andere Person existiert. Obendrein bestärkt eine Freundin das Gefühl und sagt: „Wie könne er dich nicht wollen?“ Dann halten Beide an Überzeugungen fest, die total realitätsfern sind. Sind Delusionen ein neuartiges Phänomen oder hat meine Oma auch schon delulu gedacht?
Oma, ist delulu the solulu?
„Ich denken, nein, ich hoffe dass ich in der Realität lebe. Vielleicht würde ich noch manche Reisen machen, wenn ich nicht so alt wäre. Aber darauf baue ich nicht. Ich mache mir keine großen Vorstellungen, ich war immer dankbar für jeden Tag, an dem ich fit und gesund aus dem Bett gestiegen bin.
Delusionen hatte ich auch früher keine, viel eher hatte ich Träume, die dann zu Zielen wurden. Es war schon immer mein Wunsch nach Rom zu gehen, jetzt war ich bereits vier oder fünf mal. Und in Amerika war ich auch schon ein paar Mal.
Kurzbiografie
Meine Oma wurde 1934 als viertes von sieben Kindern geboren und wuchs in Heilbronn auf. Mit 15 Jahren machte sie die Lehre zur Einzelhandelskauffrau. Sie heiratete 1960 meinen Opa und bekam 4 Kinder, 5 Enkelinnen und auch die nächste Generation kommt ihre „Oma Oma“ besuchen. Besonders liebe ich ihre ungefilterte Ehrlichkeit gemischt mit schwäbischen Weisheiten, ihren Kartoffelsalat und den knalligen VW Polo, mit welchem ich nun durch die Welt düse.
Heute möchten alle selbstständig sein und etwas Eigenes aufbauen. In meiner Generation war das ungewöhnlich. Meine Generation erlebte die Nachkriegszeit und lernte zu schaffen. Es gab sicherlich welche, die zu großen Geschäftsleuten wurden, aber die meisten von ihnen erbten einen Familienbetrieb und führten diesen fort. Die Selbstständigkeit war kein realitätsferner Gedanken, sondern ein einzelner Entwicklungsschritt.
Inzwischen bin ich 91 Jahre alt und möchte nicht auf unrealistische Vorstellungen bauen. Ich bleibe lieber auf dem Boden der Tatsache.“
Heute: Zukunftsvision oder Utopie?
Im Gegensatz zu meiner Oma kann ich zu einer richtigen Tagträumerin werden. In meiner Traumvorstellung habe ich später ein schönes freistehendes Haus mit einem großen Garten und einem Pool, ich fahre einen polierten Van und reise in ferne Länder. Komischerweise kommt in meiner Vorstellung kein Job vor, der genau dieses Leben finanziert. Jedoch weiß ich, diese rosige Zukunft kommt nicht vom Faulenzen. Delusionen können mit Sicherheit einen positiven Ansporn darstellen und so Bereiche wie die Kreativität bestärken. Die Zuflucht in eine andere Realität finde ich nicht verkehrt, aber mein Leben verläuft in einem ganz anderen Tempo als das meiner Oma. Ich habe mehr Freiheiten und Möglichkeiten meine Kreativität auszuleben. Viele junge Leute gründen aus ihren Visionen richtige Start-Ups. Träume können zu Zielen werden oder einfach Gedankenspaziergänge blieben. Delusionen können aber schwerwiegende Folgen haben, wenn sie zu einem Realitätsverlust führen. Und wahnhafte Überzeugungen plötzlich zur Eigen- oder Fremdgefährdung werden. Delulu sein, kann sich wie die Lösung anfühlen, bis man abrupt aufwacht.
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