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Wirtschaft&Forschung

Breitbandausbau
Raus aus der Internet-Krise

Viele Deutsche wünschen sich schnelleres Internet. Symbolbild | Bild: Christian Mittweg

Breitbandausbau Raus aus der Internet-Krise

Viele Deutsche wünschen sich schnelleres Internet. Symbolbild | Bild: Christian Mittweg
 

21 Dec 2020

Schnelles Internet ist Mangelware in Deutschland. Zahlreiche Nationen hängen uns beim Breitbandausbau ab. Besserung naht, doch davor müssen noch einige Hürden übersprungen werden.

Christian Mittweg

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
seit Sommersemester 2020
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In Zeiten der Corona-Krise sitzt fast ganz Deutschland zuhause. Wir lassen uns berieseln von Netflix, arbeiten im Home-Office oder studieren via Zoom. Wäre da nicht ein Problem – das Internet. Andauernde Verzögerungen, Abbrüche sowie lange Download-Zeiten stören in deutschen Haushalten. Schuld hat nicht nur die erhöhte Belastung während der Pandemie. Schon vor 2020 machte der Internetzugang im Eigenheim, das Breitband, Sorgen.

Verglichen mit ähnlich fortschrittlichen Nationen schnitt das deutsche Netz 2019 unterdurchschnittlich ab: Beim Geschwindigkeitstest des Vergleichsportals Cable.co.uk landeten wir hinter 18 europäischen Ländern mit durchschnittlich 24,64 MegaBit pro Sekunde (MBit/s). Diese Datenrate reicht für alltägliche Anwendungen wie Mail oder Video. Sobald jedoch mehrere Personen in einem Haushalt das Internet regelmäßig nutzen, sind schnellere Verbindungen empfehlenswert. Bedrückend wird es bei Glasfaseranschlüssen, der fortschrittlichsten Breitbandtechnologie. Laut der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) machte Glasfaser nur 4,1 Prozent aller Anschlüsse in Deutschland aus. Damit rangierten wir auf Platz 33 der 37 Mitgliedstaaten – hinter Nationen wie Kolumbien und Polen.

Festnetz-Verbindungen mit bis zu 16 MBit/s bietet die Deutsche Telekom fast überall in Deutschland an. | Bild: Telekom Deutschland GmbH
Die technischen Voraussetzungen für Anschlüsse mit 100 MBit/s bestehen in den meisten deutschen Städten. | Bild: Telekom Deutschland GmbH
Bei Glasfaserkabeln mit 1.000 MBit/s sieht es in Deutschland düster aus. Die Ausbaukarte zeigt nur wenige technisch angeschlossene Gebiete. | Bild: Telekom Deutschland GmbH

Auf Kosten der Zukunft

Deutschlands Lage hat mehrere Gründe: Späte Fördermittelvergabe, komplexe Antragsverfahren und geringe Tiefbaukapazitäten hindern den Ausbau seit Jahren. Zudem setzten große Netzbetreiber lange auf die kritikwürdige Vectoring-Strategie. Dabei liegt Glasfaser bis zu den Verteilerkästen, ins Haus verlegt wird aber nur Kupferkabel. Die Technik ermöglicht Geschwindigkeiten bis zu 100 MBit/s. Vorteil: Netzbetreiber sparen Geld. Nachteil: Vectoring ist eine Übergangstechnologie. Solange Kupferkabel ins Haus führen, sind Gigabit-Verbindungen mit 1.000 MBit/s unmöglich.

Aber warum Glasfaser? 100 MBit/s reichen für alltägliche Anwendungen. Die Antwort liefert Breitband-Experte Bernd Beckert vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung. Er glaubt, schnelles Internet helfe überall. Ob in der Gesundheitsbranche oder Industrie 4.0, sie alle arbeiten mit enormen Datenmengen. Zudem vervierfachte sich der Bedarf pro Anschluss in deutschen Haushalten zwischen 2015 und 2019 fast. Beckert sieht einen weiteren Vorteil: Schnelles Internet begünstigt Innovationen, doch „wenn die Übertragungskapazität an eine Grenze stößt, ist man automatisch raus aus dem Innovationswettbewerb“. Das droht auch Deutschland.

„Damals hieß es oft: Wozu muss ich mehr als vier MBit/s übertragen? Dafür gibt es überhaupt keine Anwendung. Dann kam YouTube.“ – Dr. Bernd Beckert

Inzwischen haben die Verantwortlichen die Dringlichkeit erkannt: Die Bundesnetzagentur hat Fördergelder in Milliardenhöhe bewilligt und beseitigt Bürokratiehürden. Nach Druck aus Wirtschaft und Politik setzen Netzbetreiber indes verstärkt auf Glasfaser. Entsprechend kommt Beckert zu der Einschätzung: „Wir sind langsam unterwegs und das ist sehr ärgerlich, aber so aussichtslos erscheint der Weg nicht.“

Bund und Netzbetreiber in der Pflicht

Trotz des positiven Trends bleibt viel zu tun. Beckert sieht drei Baustellen: Erstens müsse man öffentliche Förderung beibehalten und „dürfe die Verantwortlichen nicht von der Leine lassen“. Von den großen Kabelnetzbetreibern erwartet der Experte derweil, dass sie mehr Geld in den Ausbau von Glasfaserleitungen investieren. Ihnen müsse man „genau auf die Finger schauen“. Die dritte Baustelle bestehe in ländlichen Regionen. Dort, wo der Breitbandausbau am stärksten hinterherhinkt, fehlt es den Kommunen an Experten, die planen, Fördergeld beantragen und den Ausbau überwachen.

Mann mittleren Alters mit Brille und Anzug. Dr. Bernd Beckert ist stellvertretender Leiter des Competence Centers „Neue Technologien“ am Fraunhofer ISI. | Bild: Fraunhofer ISI

Zwei Bremsen des Ausbaus bleiben Bürokratie und Tiefbau-Kapazitäten. Der Bund will die Antragstellung auf Fördergeld zwar erleichtern, verzichtet aber nicht auf deutsche Gründlichkeit. Verkompliziert wird die Lage durch die Erdarbeiten: Bauunternehmen haben den Kapazitäten-Mangel erkannt und verlangen mehr Geld. Dadurch steigen die Projektkosten, Anträge müssen überarbeitet werden und erneut durch die Gemeinderäte gehen. All das raubt Zeit und schadet auch den Netzbetreibern. Sie müssen immer häufiger abwägen: Zeit oder Geld sparen – keine leichte Entscheidung.

Klar ist: Eine Wunderlösung für den Breitbandausbau gibt es nicht. Beckert verdeutlicht: „Das ist eine Infrastruktur-Aufgabe. Das geht nicht von heute auf morgen.“ Das deutsche Internet wird laut Beckert noch für mehrere Jahre im internationalen Vergleich schlecht abschneiden. Auch das aktuelle Ziel der Bundesregierung – vollständige Gigabit-Versorgung bis 2025 – sieht er skeptisch. Den ambitionierten Plan begrüßt er, 2028 sei aber realistischer.
Und so heißt es auch für uns im Corona-Unterschlupf: Abwarten. Die Probleme des Internetausbaus werden Deutschland in naher Zukunft weiter plagen, doch der richtige Weg scheint eingeschlagen. Das macht Hoffnung.