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Wirtschaft&Forschung

Klimawandel
Warum Tiere und Pflanzen in höhere Gebiete wandern

Ungefähr 30.000 verschiedene Arten leben in den Alpen, dem bedeutendsten Gebirge in Mitteleuropa. | Bild: Penelope Hoeth

Klimawandel Warum Tiere und Pflanzen in höhere Gebiete wandern

Ungefähr 30.000 verschiedene Arten leben in den Alpen, dem bedeutendsten Gebirge in Mitteleuropa. | Bild: Penelope Hoeth
 

09 Jul 2021

Die fortschreitende Klimaerwärmung bedroht Flora und Fauna in den Schweizer Alpen. Wechselhaftes Wetter und steigende Temperaturen: um sich an diese Veränderungen anzupassen, wandern Tiere und Pflanzen in höhere Gebiete – ein Wettlauf ums Überleben?

Penelope Hoeth

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2019
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Bianca List

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Die Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich vielerorts: Besonders in den Schweizer Alpen bedroht die Klimaerwärmung das Fortbestehen verschiedener Tier- und Pflanzenarten. Der BUND Naturschutz stellte fest, dass Temperaturen hier doppelt so schnell steigen wie im globalen Durchschnitt. Studien der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) zeigen: Seit 1970 ist  die Temperatur um 1,8 Grad Celsius gestiegen. 

Die Tier- und Pflanzenarten, die in den Alpen leben, passen sich an die Klimaentwicklungen an. Indem sie früher mit ihren Frühjahrsaktivitäten beginnen, beispielsweise erwachen sie früher aus dem Winterschlaf. Aber auch eine Bewegung in höhere Gebiete ist zu beobachten. Doch nicht jedem Tier gelingt es mit der schnellen Klimaentwicklung mitzuhalten. Das Ökosystem gerate aus dem gewohnten Rhythmus, so die WSL. 

Klimaveränderungen in den Alpen

In der Grafik erkennt man, dass die durchschnittliche Jahrestemperatur in der Schweiz seit 1991 gestiegen ist. Während sie 1991 bei etwa 5 Grad Celsius war, ist sie heute bei fast 7 Grad Celsius. Aber nicht nur der Temperaturanstieg macht Tieren und Pflanzen das Leben schwer. Auch die schwankenden Temperaturen von Jahr zu Jahr beeinflussen das Ökosystem. Das hat zur Folge, dass sich die Lebensbedinungen von Tier- und Pflanzenarten verändert.

Die durchschnittliche Jahrestemperatur in der Schweiz ist seit 1991 stark gestiegen. | Bild: Penelope Hoeth

Das hat zur Folge, dass im Winter die vorherige Schneehöhe nicht erreicht werden kann und der Schnee früher schmilzt als zuvor: Der Winter wird kürzer, der Frühling beginnt schon früher im Jahr. In der Grafik wird deutlich, wie warm es selbst in Hochalpingebieten geworden ist. Während der Winter früher von November bis Mai andauerte und große Schneemengen mit sich brachte, sind heute nur noch wenige Wintermonate geblieben. Besonders im April und Mai ist die Schneehöhe seit 1971 stark zurückgegangen und sinkt stetig weiter.

Besonders in den Frühlingsmonaten ist die durchschnittliche Schneehöhe seit 1971 stark zurückgegangen. | Bild: Penelope Hoeth

Anpassung der Tiere an das Klima 

Da die verschiedenen Arten in den Alpen die extreme Kälte gewöhnt sind, wandern sie weiter nach oben, wo die Temperatur herrscht, die sie zum Überleben brauchen. Die WSL erklärt in ihrem Bericht, dass Tiere und Pflanzen jedes Jahrzehnt etwa 60 bis 70 Höhenmeter wandern müssten, um unter gewohnten Bedingungen weiter leben zu können. Besonders viele Höhenmeter legen Schmetterlinge, Reptilien, Bäume und Sträucher zurück. Pro Jahrzehnt schaffen sie rund 33 Meter. Viel langsamer wandern Vögel, Farne und holzzersetzende Pilze mit weniger als 15 Höhenmetern pro Jahrzehnt. 

Einige Arten beginnen durchschnittlich zwei bis acht Tage pro Jahrzehnt früher mit ihren Frühjahrsaktivitäten. Reptilien, Zugvögel, Pflanzen und an Land lebende Insekten haben sich zeitlich angepasst und am stärksten auf die neuen Klimabedingungen reagiert. Pflanzen blühen früher, Tiere erwachen zu einem vorgezogenen Zeitpunkt aus dem Winterschlaf und auch die Zeit der Fortpflanzung ändert sich. Bei Amphibien, Wasserinsekten und Vögeln gibt es keine oder nur geringe zeitliche Anpassungen.

Das Gleichgewicht der Natur

Die Tiere und Pflanzen, die in einem Ökosystem leben, sind durch ihre Lebensweise aufeinander abgestimmt und bilden so ein gegenseitiges Gleichgewicht. Wenn sich die Lebensräume und die Zeiten des Erwachens aus dem Winterschlaf oder der Fortpflanzung ändern, hat das Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem in den Alpen, erklärt der BUND Naturschutz. Der langfristige Fortbestand verschiedener Tier- und Pflanzenarten wird gefährdet.

Huftiere wandern in höher gelegene Gebiete, um ihre gewohnten Lebensbedingungen beizubehalten. | Bild: Bianca List
Rehe fühlen sich an Waldrändern wohl. Dieser gewohnte Lebensraum erschwert es ihnen, in höhere Gebiete auszuweichen. | Bild: Bianca List

Überlebensbedingungen

Die Wanderung in höhere Gebiete reicht allein nicht aus. Wie das Bundesministerium für Umwelt und Naturschutz berichtet, brauchen die Tiere zum Überleben ähnliche Lebensbedingungen wie im vorherigen Lebensraum. Die Verfügbarkeit und der Zugang zur benötigten Nahrung, die Jagdintensität, aber auch die Mitwanderung der Feinde der jeweiligen Tierart sind wesentlich. 

Die häufigsten Huftiere in den Alpen sind Steinböcke, Gämse, Rothirsche und Rehe. Wie aus einer Studie vom WSL im Fachblatt „Ecosphere“ hervorgeht, verschiebt sich der Lebensraum der Huftiere in den Alpen. Im Zeitraum von 1991 bis 2013 sind Steinböcke ungefähr 35 Meter aufgestiegen, Gämse sogar 95 Meter und Rothirsche 79 Höhenmeter. Rehe wandern verglichen zu anderen Huftieren nicht erheblich. Im gleichen Zeitraum legten Rehe nur knapp 31 Höhenmeter zurück. Das liegt daran, dass sie eher in Wäldern beheimatet sind und diese sich in weniger hoch gelegenen Gebieten befinden.

Die verschiedenen Huftiere reagieren individuell auf die neuen klimatischen Bedingungen. | Bild: Penelope Hoeth

Aussichten

Laut der WSL passen sich die Huftiere den klimatischen Veränderungen flexibel an. Es ist jedoch noch nicht ersichtlich, ob diese Anpassung den Tieren zum Überleben reicht. Nicht zuletzt aufgrund der immer schneller ansteigenden Temperaturen. Außerdem wird erst Jahre später deutlich werden, welche Auswirkungen die Verhaltensänderungen der Arten auf das Ökosystem der Schweizer Alpen haben wird.