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Bettgeschichten
Einmal Uni zum Liegen bleiben, bitte!

MEINUNG
Zwischen Rechts-Vorlesung und Mittagessen: nur geschlafen, wird im Bett schon lange nicht mehr. | Bild: Julia Kunert

Bettgeschichten Einmal Uni zum Liegen bleiben, bitte!

Zwischen Rechts-Vorlesung und Mittagessen: nur geschlafen, wird im Bett schon lange nicht mehr. | Bild: Julia Kunert
 

16 May 2021

Der Albtraum aller Eltern: Ich nehm' euch mit ins Bett! Eine Kolumne über die Menschen, mit denen ich es teile und die Krisen, die ich hier meistere – so viel mehr als klassische Bettgeschichten. Heute: Uni zum Liegen bleiben.

Julia Kunert

CR/PR
seit Sommersemester 2020
AuslandPolitik und AktionKulturMusik

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Es ist Montag, 10 Uhr morgens - meine Bettwäsche ist heute rosa-gestreift. Mit Knöpfen am Ende, damit das ungeliebte Fußende ohne große Anstrengung identifiziert und weggestoßen werden kann und so weich, dass sie mir definitiv die Liebste ist. Warum ich das so genau sagen kann?

Weil ich wie aktuell ca. 2,9 Millionen Studierende meinen täglichen Unialltag zuhause bestreiten muss. Seit über einem Jahr sitze ich vielleicht nicht 24/7, aber mindestens 21/6 in meinem elf Quadratmeter großen Wohnheimszimmer fest. Wenn der Platz zum Denken immer enger wird, und die marode Zimmerdecke aus den Siebzigern mir nicht nur wörtlich, sondern auch metaphorisch auf den Kopf zu fallen droht, versinke ich im täglichen Home-Office-Desaster immer wieder in meinem Lieblingsort. Denn hier ereignete sich zu Beginn der Pandemie etwas Großes: Meine rosa-gestreifte Bettdecke und mein instabiles Wohnheimsbett fusionierten im Angesicht des Lockdowns zu einer mystischen Kreatur: der Gestaltenwandlerin.

Den Schein wahren

Die Gestaltenwandlerin nimmt all diejenigen Formen an, die mir in meinem Studierendenleben bisher verwehrt blieben. Würde ich an der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei studieren, wäre mein Bett ein Star unter den mystischen Wesen. Doch da mich mein Weg an die Hochschule der Medien verschlug, verwandelt sich mein Bett jeden Tag in einen Hörsaal. Zugegeben: wenn ich den Laptop aufklappe, meiner Dozentin beim Philosophieren zuhöre und maximal drei bis vier müde Kommiliton*innen aus schlechtem Gewissen heraus in die Kamera blinzeln, kann ich das von allen Seiten beschriebene Uni-Feeling noch nicht ganz nachvollziehen. Doch im Angesicht des kleinsten Zweifels fährt die Gestaltenwandlerin die schweren Geschütze auf: „Aktiviere Bequemlichkeit!“. Und ehe ich mich versehe, ist mir die kuschlige Hörsaal-Light-Version dann doch ganz lieb.

Doch lange Zeit zum Einkuscheln bleibt nicht, denn auch im Lockdown muss für Nervenfutter gesorgt sein. Nur einen kurzen Trip in die Küche später hat die Gestaltenwandlerin den Hörsaal bereits zur Mensa umgebaut. Ein vielfältiges Menü an delikaten Köstlichkeiten wird mir im Bett zwar nicht geboten, doch wer wäre die Gestaltenwandlerin, hätte sie nicht das nächste Ass im Ärmel? „Aktiviere Ungeduld!“ Und Schwuppdiwupp fallen mir die Vorzüge meiner Kuschel-Mensa wie Scheuklappen von den Augen: Kein langes Anstehen für ein mittelklassiges Veggie-Schnitzel, Hurra! Zufrieden versinke ich in den Weiten meiner Kissen und verschlinge mein Käse-Sandwich.

Doch zu Speis muss auch Trank her. Ganz besonders wir Online-Studenten sind dem abendlichen Alkoholkonsum nicht abgeneigt. Deshalb schickt mich die Gestaltenwandlerin am Abend in die Studentenkneipe – mit freundlicher Unterstützung ihres Kooperationspartners. Zoom sei Dank! Mittlerweile schmerzen die Augen vom Bildschirmflimmern und schon wieder ist mein Gegenüber dank schlechter Internetverbindung kommentarlos vom Bildschirm verschwunden. So sehr sie es versucht, kann mich die Gestaltenwandlerin diesmal nicht von ihren Vorzügen überzeugen. Nicht mal mit gratis Drinks.

Aller Zauber hat ein Ende

Denn auch mit einer mystischen Kreatur an meiner Seite, fehlt mir das echte Leben. Auch im bequemen Jogging-Outift und umgeben von weichen Kissen, sehne ich mich nach der Unbequemlichkeit des Alltags. Ihr lieben verdreckten S-Bahn-Sitze, stetig-besetzten Uni-Toiletten, kaugummi-behafteten Hörsaal-Bänke und selbst ihr pseudo-intellektuellen Zwölftsemester in der Studi-Kneipe: Ich vermisse euch, ganz doll. Und irgendwann werden wir euch alle doppelt und dreifach zu schätzen wissen! Ich klappe den Laptop zu, ziehe die rosa-gestreifte Bettdecke über mein Haupt und fange an zu träumen. Vom echten Leben.

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