Mit langsamen Schritten nähere ich mich meiner heutigen Therapeutin.

Emilia Licht

Mit langsamen Schritten nähere ich mich meiner heutigen Therapeutin.

Emilia Licht

Das ist Stute Karina. Pferde werden immer häufiger als Therapiebegleiter eingesetzt und das, obwohl sie Fluchttiere sind. Ausgerechnet sie sollen Menschen bei Problemen helfen. Wie das zusammenpasst, will ich selbst herausfinden.

Emilia Licht

Das ist Stute Karina. Pferde werden immer häufiger als Therapiebegleiter eingesetzt und das, obwohl sie Fluchttiere sind. Ausgerechnet sie sollen Menschen bei Problemen helfen. Wie das zusammenpasst, will ich selbst herausfinden.

Emilia Licht

Therapie in Stille

Emilia Licht

Therapie in Stille

Emilia Licht

Sonntagmorgen, 09:00 Uhr. Zwischen Koffern und Menschen stehe ich mit meinen Wanderschuhen am Hauptbahnhof in Stuttgart. Ich bin nervös. Nicht nur, weil es sich seltsam anfühlt, mit diesen Schuhen am Gleis zu stehen, sondern auch wegen meiner heutigen Therapiestunde. Sie wird anders sein als diejenigen, die ich bereits kenne. Ich steige in die S-Bahn. Raus aus der Stadt, vorbei an Schrebergärten und Weinbergen. Ankunft in Fellbach vor einem großen, grauen Metalltor.

Therapie findet für mich normalerweise drinnen statt. In einem kleinen Raum, mit zwei bequemen Stühlen, einem Tisch dazwischen und einer Packung Taschentücher darauf. Fünfzig Minuten lang erzähle ich meiner Therapeutin, was mich in der letzten Woche so um den Verstand gebracht hat. Sie hört zu, fragt nach und ordnet ein. Manchmal bestärkt sie mich, manchmal bringt sie mich dazu, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. Jetzt allerdings bin ich draußen in der Natur. Hinter dem Metalltor liegen mehrere Holzschuppen, dazwischen Sand und Heu. Es ist windig und kalt. An diesem frühen Morgen verdeckt der Nebel noch die umliegenden Weinberge. Vom Lärm am Hauptbahnhof ist hier nichts mehr zu hören. Meine heutige Therapeutin Karina steht auch schon da. Sie ist nicht besonders groß, etwas rundlich, mit hellen, zotteligen Haaren. Sie wirkt gelassen. Das Einzige, was sie nicht kann, ist sprechen, denn sie ist ein Pferd. Gemeinsam mit fünf anderen Ponys lebt sie hier auf dem Hof. Alle sechs sind Therapiepferde. Manche von ihnen haben selbst schwierige Erfahrungen gemacht, als Zuchtstute oder Reitpferd. Jetzt helfen sie Menschen, mit Ängsten, Unsicherheiten oder belastenden Erlebnissen umzugehen. 

Begleitet werden die Sitzungen von Susanne, Heilpraktikerin und Vermittlerin zwischen Mensch und Tier.

Emilia Licht

Begleitet werden die Sitzungen von Susanne, Heilpraktikerin und Vermittlerin zwischen Mensch und Tier.

Emilia Licht

Susanne hat lange in einem Büro-Job gearbeitet, bis sie selbst an einem Burnout erkrankte. Sie beschreibt diese Zeit als Wendepunkt. Danach hat sie sich neu orientiert, sich mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt und schließlich den Weg zu den Pferden gefunden. Heute begleitet sie Menschen, die mit ganz unterschiedlichen Themen zu ihr kommen. Manche haben Depressionen oder Panikattacken, andere sind auf der Suche nach Orientierung für das weitere Leben. Dass sie nun hier steht und diesen Job ausübt, wundert mich nicht. Als sie mir das Tor aufmacht, spüre ich direkt, dass sie viel Ruhe ausstrahlt. Als würde sie einfach hierhin gehören. Sie gibt mir eine kurze Führung über den Hof und fragt mich, ob ich denn ein Thema mitgebracht habe, das ich in der Stunde mit den Pferden angehen möchte. Ich bin verlegen und antworte nur mit einem „Ja“. Genügend Themen hätte ich auf jeden Fall zu besprechen. Im Moment denke ich aber besonders an meine Oma. Sie ist zwei Wochen vor diesem Termin verstorben. Einer meiner absoluten Lieblingsmenschen ist plötzlich nicht mehr da. Verarbeitet habe ich das bisher auf keinen Fall. Es ist noch frisch, aber vielleicht genau deshalb der richtige Zeitpunkt, um hier zu stehen.

Nach innen hören

Mit langsamen Schritten bewegen wir uns nebeneinander auf Karina zu. Susanne gibt mir die Anweisung, mit jedem Schritt lange, tiefe Atemzüge zu nehmen und erzählt mir, dass wir die Ursachen der Schmerzen oft im Unterbewussten finden. Deshalb starten wir mit Achtsamkeitsübungen, die mich ins Hier und Jetzt bringen sollen. In dem Moment schwirren mir aber ehrlich gesagt noch viele Fragen im Kopf. Wie funktioniert Therapie ohne Sprache? Werde ich reiten? Oder mit Karina spazieren gehen? Pferde kenne ich als Tiere, die man im Zaum hält und die ihren eigenen Willen haben. Wie funktioniert das? Ich frage nicht nach und lasse es einfach auf mich zukommen.

Einen Meter vor Karina bleiben wir stehen. Links neben uns dösen die anderen Ponys im Unterstall. Pure Stille, nichts außer Vogelgezwitscher und das gelegentliche Schnauben der Tiere. Zu Beginn der Therapie würde meine Therapeutin in dem Raum mit den beiden Stühlen nun erstmal fragen, was in der Woche gut oder schlecht lief.

Karina hingegen sagt nichts. Sie wirkt vollkommen gelassen und bewegt sich nicht von uns weg.

Emilia Licht

Karina hingegen sagt nichts. Sie wirkt vollkommen gelassen und bewegt sich nicht von uns weg.

Emilia Licht

Susanne ist die Einzige, die spricht. Ihre Stimme hat etwas Beruhigendes. Sie führt mich durch eine Art Body Scan. „Spüre, wie deine Füße fest auf dem Boden stehen.“ Wie eine Meditation, die ich sonst nur mache, wenn ein aufregender Tag bevorsteht. „Vielleicht merkst du, wie sich deine Schultern langsam entspannen.“ So richtig weiß ich nicht, was ich von dieser Achtsamkeit halten soll. Ich merke von Beginn an, dass diese Therapieform definitiv anders ist als meine gewöhnliche. Die richtige Konversation über Gefühle und Gedanken fehlt hier.

In der pferdegestützten Therapie spielt Achtsamkeit aber eine zentrale Rolle. Sie bringt den Körper zur Ruhe, sodass die Atmung langsamer wird und sich die Muskulatur entspannt. Es ist erwiesen, dass sich in der Pferdetherapie sowohl die Menschen als auch die Pferde messbar entspannen und die Herz-und Atemfrequenz sinken. Susanne führt mich weiter durch meinen Körper und ich merke tatsächlich, wie meine anfängliche Anspannung nachlässt. „Wo gibt dir dein Körper gerade ein Zeichen?“, fragt sie. Ich konzentriere mich und versuche etwas zu finden. Als erstes fällt mir mein Kopf ein, vielleicht auch, weil ich durch die Ruhe etwas nachdenklich bin. Ich fühle, dass ich meine Oma sehr vermisse. „Worüber denkst du gerade nach?“ Ich erinnere mich an die letzten Stunden, die ich mit ihr hatte und das letzte Mal als ich „Ich habe dich auch lieb“ von ihr gehört habe. Der Gedanke, dass sie nicht mehr zurückkommt, macht mir Angst. Susanne sagt etwas, das ich auch von meiner Therapeutin kenne. „Es ist wichtig, nicht die Angst bekämpfen zu wollen oder zu unterdrücken, sondern mit ihr zu gehen.“ Das ist leichter gesagt als getan, aber ich versuche mich darauf einzulassen. Karina steht noch immer vor mir. Den Kopf leicht gesenkt und die Augen halb geschlossen. Verlust gehört auch zu ihrer Geschichte. Als Zuchtstute wurden ihr alle Fohlen weggenommen. Ich bin ein bisschen sprachlos, dass ich jetzt ausgerechnet mit Karina diese Stunde erlebe, als hätten wir automatisch zueinander gefunden.

„Es ist wichtig, nicht die Angst bekämpfen zu wollen oder zu unterdrücken, sondern mit ihr zu gehen.“ 

Susanne Gerhard, Heilpraktikerin

Pferde als Spiegel unserer Selbst

Wir gehen weiter durch meinen Körper, Atemzug für Atemzug. „Vielleicht spürst du, wie deine Hände wärmer werden.“ Susanne lenkt meine Aufmerksamkeit von einem Körperteil zum nächsten und bringt mich dazu, tief in mich hineinzuhorchen. Dorthin, wo etwas zwickt oder sich bemerkbar macht. Dann bewegt sich Karina. Zuerst knickt sie ihre Vorderbeine ein, dann ihre Hinterbeine. Sie lässt sich nach unten sinken und liegt plötzlich im Sand. Ich stehe da und bin beeindruckt. Ich habe bisher noch nicht oft gesehen, wie ein Pferd liegt.

„Wenn ein Pferd sich hinlegt, ist das ein Geschenk", sagt Susanne. „Das machen sie nur, wenn sie sich sicher und geborgen fühlen".

Emilia Licht

„Wenn ein Pferd sich hinlegt, ist das ein Geschenk", sagt Susanne. „Das machen sie nur, wenn sie sich sicher und geborgen fühlen".

Emilia Licht

In dem Moment löst es ein warmes Gefühl in mir aus, dass Karina sich in meiner Gegenwart so sicher fühlt. Als Fluchttiere sind Pferde ständig aufmerksam und bereit zu reagieren. Sie nehmen kleinste Veränderungen, ob Anspannung oder Entspannung, in ihrem Umfeld wahr. „Wenn der Mensch ruhig ist, ist das Pferd es auch. Ich erlebe meine Pferde aber auch angespannt, wenn die Menschen nicht bei sich sind“, sagt Susanne. Pferde wirken deshalb wie eine Art Spiegel, indem sie sich so verhalten wie ihr Gegenüber und zeigen, was in ihnen vorgeht. Ich verstehe besser, warum wir so viel Zeit mit den Achtsamkeitsübungen verbringen. Nicht nur, um selbst ruhiger zu werden und besser einordnen zu können, was in einem vorgeht. Sondern auch, weil dieses Vertrauen die Grundlage für die Verbindung zu den Pferden ist. 

Formen der Therapie mit Pferden

Hippotherapie
Physiotherapeutische Behandlung: Die Bewegungen des Pferdes fördern Haltung, Gleichgewicht und Muskelspannung, z. B. bei Menschen mit Bewegungsstörungen wie einer Querschnittslähmung.

Psychotherapie mit dem Pferd 
Arbeit mit Gefühlen und inneren Themen: Das Pferd unterstützt z. B. bei Angst, Trauma oder Trauer.

Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren
Pädagogischer Ansatz: Fördert soziale Fähigkeiten, Selbstvertrauen und persönliche Entwicklung, vor allem bei Kindern.

Quelle: Deutsche Paracelsus Schulen für Naturheilverfahren GmbH

Zu Beginn wusste ich nicht, was mich erwartet. Trotzdem habe ich mir die Therapie mit dem Pferd anders vorgestellt. Karina spielte bisher keine große Rolle. Mittlerweile hat sie sich wieder hingestellt, ist aber immer noch tiefenentspannt. Sie schaut sich ein bisschen um und bewegt ihre Ohren, bleibt aber immer noch an Ort und Stelle stehen. In meiner gewohnten Therapie wäre die Stunde jetzt schon fast vorbei. Ich hätte gesprochen, meine Therapeutin hätte zugehört und mir geholfen, meine Gedanken zu sortieren. Der Body Scan durch meinen Körper, den Susanne mit mir macht, zieht sich. Immer wieder lenkt sie meine Aufmerksamkeit auf andere Körperteile und fragt, wie sie sich anfühlen. Ruhe verspüre ich dadurch auf jeden Fall. Trotzdem kribbelt es in meinen Fingern, denn ich will mehr mit Karina in Kontakt kommen. Erst gegen Ende der Stunde kommt es dazu. Susanne geht einen Schritt zurück und ich einen nach vorne. Vorsichtig bewege ich meine Hand in Richtung Karinas Kopf. Ihr Fell ist warm. „Was strahlt sie für dich aus?“

Karina strahlt für mich Gelassenheit und Wärme aus. Diesen Moment soll ich mir merken, als einen Ort, an den ich zurückkehren kann, wenn ich meine Oma besonders stark vermisse.

Emilia Licht

Karina strahlt für mich Gelassenheit und Wärme aus. Diesen Moment soll ich mir merken, als einen Ort, an den ich zurückkehren kann, wenn ich meine Oma besonders stark vermisse.

Emilia Licht

Es ist viertel vor zwölf, als ich mich von Susanne verabschiede und wir uns zum Abschluss umarmen. Die Ponys stehen wieder zusammen im Unterstand und wirken wacher als noch während der Stunde. Mittlerweile ist der Nebel verzogen. Ich schließe das Metalltor hinter mir und gehe mit gemischten Gefühlen. 

Ein bisschen schade finde ich es schon, dass ich so wenig direkt mit Karina interagiert habe. Gleichzeitig habe ich aber mal eine ganz andere Form der Therapie erlebt. In dieser Stunde waren wir zu dritt: Susanne, Karina und ich. In meiner gewohnten Therapie sind es nur meine Therapeutin und ich. Und trotzdem geht es am Ende um das Gleiche. Niemand kann einem die eigenen Themen abnehmen. Weder ein Mensch noch ein Tier. Sie können lediglich begleiten und Impulse geben. 

Susanne arbeitet dabei mit ähnlichen Gedanken, wie ich sie aus der Gesprächstherapie kenne. Gefühle zulassen, nicht gegen die Angst gehen, sondern mit ihr. Nur, dass ich hier eben nicht darüber gesprochen habe. Die Ruhe, die Natur und die Pferde schaffen dafür aber einen ganz anderen Raum, den ich so aus der Praxis nicht kenne. Als ich den Hof verlasse, denke ich an einen Satz, den Susanne während der Stunde gesagt hat: „Die Heilung kommt allein aus dir heraus.“ Nur der Weg dorthin kann unterschiedlich aussehen.