Gehe ich oder warte ich?
Auf meinem Weg zur U-Bahn gibt es eine Ampel, die eigentlich keine sein müsste. Die Straße ist kaum drei Meter breit, der Verkehr überschaubar. Genug um zu sehen, ob ein Auto kommt oder nicht. Wenn keins kommt, gehe ich. Fast schon automatisch. Ein kurzer Blick nach links, nach rechts. Weit und breit nichts und schon bin ich drüben.
Als ich fürs Studium nach Stuttgart gezogen bin, habe ich anfangs trotzdem immer brav gewartet. Rot war rot! Egal, ob ein Auto kam oder nicht. Vielleicht war das noch das Dorfkind in mir. Auf dem Dorf tut man schließlich nie etwas unbeobachtet. Da steht die Irmgard immer am Fenster und beobachtet dich ganz genau. Irmgard sieht alle deine Fehler.
Manchmal denke ich, sie sitzt immer noch hinter der Gardine, mit dem Fernglas in der Hand. Was sie wohl dazu sagen würde, dass ich mittlerweile nicht mehr auf das grüne Ampelmännchen warte…
Warten für jemand Anderes
Ganz stimmt das übrigens nicht. Ich gehe nicht immer bei Rot über die überschaubare Dreischrittstraße. Die Frau, die zum Sport geht und der Mann im Anzug auf dem Weg zur Arbeit auch nicht. Manchmal steht da jemand, jemand Kleines, bei dem jeder wartet. Ein Kind. Dann wird aus der roten Ampel (die mich normalerweise nur nervt) plötzlich ein Symbol für Anstand und Vernunft (was sie ja eigentlich sowieso darstellen sollte). Aus dem sonst so selbstverständlichen „Ich habs eilig!“ wird ein kollektives Innehalten. Auch wenn ich jetzt einfach gerne über die Dreischrittstraße gehen würde, hält mich der kleine Knirps auf der anderen Straßenseite davon ab.
Die Frau mit der Sporttasche, der Mann im Anzug und ich, wir schauen auf das Rot, als hätte es uns kurz alle im Griff. Komisch, wie schnell man sich einig ist, wenn ein Kind dabei ist. In solchen Sekunden sehe ich die Irmgard hinter der Gardine hervorlunsen.
Sie nickt anerkennend, als würde sie sagen: „So macht man das.“ Aber diesmal warte ich nicht, weil mich jemand beobachtend kontrolliert. Ich warte, weil jemand zuschaut. Weil jemand gerade lernt, wie die Welt funktioniert.
Und das ist übrigens nicht nur so ein Bauchgefühl. In einer Studie von Limbourg und Gerber aus dem Jahr 1979 wurde ein Verkehrssicherheitstraining für Vorschulkinder entwickelt und getestet. Ergebnis: Kinder lernen Verkehrsregeln am besten durch bewusstes und realitätsnahes Verhaltenstraining. Deshalb warten wir eben. Nicht, weil die Polizei oder auch Irmgard sonst aus dem Gebüsch springt, sondern weil niemand der Grund dafür sein möchte, dass der kleine Junge mit dem Dino-Turnbeutel in der Hand glaubt, Rot sei optional.
Und plötzlich ist das Warten kein Zwang, keine blöde Vorschrift mehr, sondern ein stilles Versprechen untereinander, dass wir Vorbilder sein möchten. Vielleicht ist das ja der eigentliche Sinn von all diesen Regeln, die ich oft so unnötig finde: dass wir sie manchmal nicht für uns selbst einhalten, sondern für die, die gerade zuschauen. Um es eben richtig zu machen.
Ich glaube Irmgard wäre stolz auf uns. Und das will ja schließlich was heißen.
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