Kultur&Gesellschaft

Ausbildung
Traumberuf Neurochirurg - von San Luis Potosí nach Saarbrücken

Mauricio im Zentrum seiner Heimatstadt San Luis Potosí. | Bild: Mauricio Coronado López

Ausbildung Traumberuf Neurochirurg - von San Luis Potosí nach Saarbrücken

Mauricio im Zentrum seiner Heimatstadt San Luis Potosí. | Bild: Mauricio Coronado López
 

12 May 2022

Für Mauricios Traum, Neurochirurg zu werden, hat er sein altes Leben im mexikanischen San Luis Potosí hinter sich gelassen, um in Saarbrücken seine Spezialisierung zu beginnen.

Ina Grosser

Medienmanagement
seit Wintersemester 2021
KulturGesundheit

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Schon seit der Grundschule weiß Mauricio, dass er eines Tages Arzt werden will. „Ich möchte Menschen helfen. Das ist meine größte Motivation“, erzählt er mit leuchtenden Augen und einem Lächeln im Gesicht. Mauricio ist neugierig auf den menschlichen Körper. Er möchte verstehen, wie alles funktioniert und beginnt sein Medizinstudium in Mexiko. In seiner Heimatstadt San Luis Potosí gibt es eine gute Universität für Medizin und das Krankenhaus ist gleich gegenüber. Optimale Bedingungen, doch das Studium hat es in sich. Mauricios Ausbildung geht insgesamt sieben Jahre. Er erhält theoretisches Wissen in Anatomie und Biochemie, arbeitet im Krankenhaus und lernt mit Patient*innen umzugehen. Er hat Nachtdienste und ist manchmal 36 Stunden am Stück im Einsatz, was an seinen Kräften zehrt. Mauricio arbeitet im letzten Jahr als Arzt in einem Dorf und legt seine Abschlussprüfung ab. Nach jahrelangen Bemühungen, viel Schweiß und Engagement erhält er endlich seinen Abschluss und ist Allgemeinmediziner.

Mauricio erzählt von seinem Traum, Neurochirurg zu werden.

Der Traum vom Ausland

Mauricio nimmt während seines Studiums an einem Austausch in Argentinien teil und lernt viele neue Leute aus Europa kennen, darunter auch eine deutsche Ärztin. „So bin ich auf die Idee gekommen, meine Spezialisierung zum Neurochirurgen in Deutschland zu machen. Damals konnte ich aber noch kein Wort Deutsch“, verrät er lachend. Neurochirurg*innen operieren am Gehirn, Rückenmark und auch an einigen Nerven in Armen und Beinen. Die Spezialisierung in Mexiko ist hart. Es gibt viele Hierarchien in den Krankenhäusern, wenig Urlaub und Überstunden. „Das wollte ich nicht für mich“, sagt Mauricio mit fester Stimme. Aus einer anfänglichen Idee wird ein konkreter Plan. Er beginnt, Deutsch zu lernen und reist für einen Intensivkurs nach Deutschland, um das Land und die Kultur kennenzulernen. „Deutschland hat mir sehr gut gefallen. Die Pünktlichkeit der Deutschen, die Bus- und Bahnverbindungen – alles funktioniert hier super.“ Zurück in Mexiko lernt er seine deutsche Freundin Verena kennen. Mauricio unterhält sich mit ihr hauptsächlich auf Deutsch, was ihm sehr geholfen habe, sagt er dankbar.

Für Mauricio ist es auch wichtig, dass das Niveau in der Spezialisierung gut ist. Nach einigen Recherchen stößt er auf das Programm „Specialized!“, ein Ärzt*innenprogramm der Bundesagentur für Arbeit. Es ermöglicht Mediziner*innen aus Mexiko und Jordanien eine Spezialisierung in Deutschland zu machen. Mauricio bewirbt sich und wird in Saarbrücken angenommen. Er ist überglücklich, dass er nach Deutschland kommen kann. „Natürlich war der Prozess auch kompliziert. Ich musste einige Dokumente übersetzen lassen, ein B2-Sprachniveau nachweisen und an Vorstellungsgesprächen teilnehmen.“ Am Ende hat sich die ganze Bürokratie gelohnt, denn für Mauricio gibt es keinen Plan B: „Wenn das mit dem Programm nicht geklappt hätte, wäre ich selbstständig nach Deutschland gegangen.“

Ein nicht ganz so leichter Abschied 

Nach seinem Abschluss arbeitet Mauricio zwei Jahre lang als Arzt, um sich seinen Traum vom Leben in Deutschland finanzieren zu können. „Ich hatte drei Jobs gleichzeitig.“ Auch die Erwartungen von Familie und Freund*innen seien hoch. „Ich habe mich unter Druck gesetzt gefühlt. Meine Freunde haben bereits mit ihrer Spezialisierung angefangen und ich habe nur als Allgemeinmediziner gearbeitet.“ Als Mauricio die Zusage erhält, freuen sich alle für ihn und sind stolz. Seine Eltern organisieren eine Abschiedsparty mit all den Menschen, die ihm wichtig sind. Es gibt Tacos und alle tanzen ausgelassen zur mexikanischen Volksmusik Mariachi. Mauricio verbringt die restliche Zeit intensiv mit Familie und Freund*innen, reist mit seiner Freundin Verena durch Mexiko und besucht atemberaubende Strände und kleine Dörfer. Doch kurz vor seiner Abreise passiert etwas Schlimmes. Sein ältester Bruder Carlos hat einen schweren Autounfall und sitzt seither im Rollstuhl. Mauricio kümmert sich liebevoll um seinen Bruder, macht mit ihm Gymnastik und hilft ihm beim Essen und Duschen. Die Situation mit Carlos beschäftigt ihn sehr. Seine Familie ist in einer schwierigen Situation und braucht Hilfe. Das hat Mauricio immer im Hinterkopf. „Das mit meiner Facharztausbildung in Deutschland habe ich drei Jahre lang geplant und dann passiert meiner Familie so ein Schicksal“, erzählt er mit trauriger Stimme. Doch der Tag der Abreise rückt näher. Seine Familie verabschiedet Mauricio mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Angst hatte ich nie, immer nur Vorfreude. Mein Leben war gerade dabei, sich komplett zu verändern.“

„Angst hatte ich nie, immer nur Vorfreude. Mein Leben war gerade dabei, sich komplett zu verändern.“ – Mauricio

Mauricio kommt in seiner neuen Heimat an und wird am Flughafen von Verena empfangen, die vor ihm nach Deutschland gereist ist. „Es war ein schönes, aber auch komisches Gefühl, denn alle um mich herum haben Deutsch gesprochen.“ Vieles ist neu für Mauricio: Er ist fasziniert von den Autobahnen und erzählt mit schmunzelndem Lächeln, dass die Straßen hier gar keine Löcher haben. Mauricio verbringt eine Woche in Verenas Heimatstadt Lichtenwald, bevor er nach Saarbrücken weiterreist. „Es war Spätsommer und wir sind viel spazieren gegangen. Das Gras hat für mich besonders gerochen – es war ein schöner, intensiver Geruch.“ Ein Freund von Mauricio, der bereits in Saarbrücken lebt und am gleichen Programm teilnimmt, holt ihn vom Bahnhof ab und begleitet ihn zu seiner Unterkunft, einer kleinen Einzimmerwohnung direkt neben dem Krankenhaus. Die ersten Wochen sind aufregend. Mauricio lernt die anderen Teilnehmer*innen des Programms kennen, beginnt den Deutschkurs für Mediziner*innen und arbeitet zweimal pro Woche in der Klinik. Vieles ist anfangs ungewohnt, die deutsche Sprache mit all den Fremdwörtern ist für ihn noch schwer zu verstehen, aber mit der Zeit lebt sich Mauricio ein. Der Arbeitsalltag kehrt ein und wird zur Routine.

Mauricio (Mitte) kann sich endlich Allgemeinmediziner nennen. | Bild: Mauricio Coronado López
Die Innenstadt von Mauricios Heimatstadt San Luis Potosí. | Bild: Mauricio Coronado López
Im historischen Zentrum von San Luis Potosí steht eine atemberaubende Kathedrale. | Bild: Mauricio Coronado López
Die brasilianische Kampfsportart Jiu-Jitsu ist Mauricios große Leidenschaft. | Bild: Mauricio Coronado López
Mauricio und seine Freundin Verena fühlen sich wohl in Saarbrücken. | Bild: Mauricio Coronado López

Natürlich vermisst Mauricio seine Familie und Freund*innen in Mexiko. „Zugegeben, es ist dort ein bisschen lustiger als in Deutschland“, sagt er lachend. Aber in Deutschland fühle er sich sicher und habe keine Angst, nachts allein unterwegs zu sein. Inzwischen lebt Mauricio mit Verena in einer schönen Wohnung an der Saar. Am Wochenende trifft er sich gerne mit Freund*innen und sie kochen gemeinsam. Mauricio fühlt sich wohl in Deutschland, er ist angekommen. Doch bis zu seinem Abschluss als Neurochirurg ist es noch ein weiter Weg. „Ich muss mindestens sechs Jahre lang als Assistenzarzt arbeiten, eine Liste von Eingriffen erfüllen und am Ende eine Prüfung ablegen. Dann bekomme ich meinen Facharzttitel.“ Es sei definitiv die richtige Entscheidung gewesen nach Deutschland zu gehen, verrät er zum Schluss. Mauricio ist sich seiner Verantwortung bewusst und freut sich auf alles, was ihn während seiner Spezialisierung noch erwartet.

*Hinweis: Mauricio ist der feste Freund von meiner Cousine Verena