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Dorfleben
Dorfkinder sind einfach anders

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Freudensprünge: Das Dorfleben kann schöner sein, als gedacht | Bild: Tiana Kleyer

Dorfleben Dorfkinder sind einfach anders

Freudensprünge: Das Dorfleben kann schöner sein, als gedacht | Bild: Tiana Kleyer
 

02 Apr 2022

Ich bin ein Dorfkind. Ich bin es gewohnt, dass sich Gerüchte schneller verbreiten, als es die Bild-Zeitung jemals könnte. Die Stadt ist mit Bus und Bahn eine halbe Weltreise entfernt. Manchmal hasse ich das Dorfleben, manchmal liebe ich es.

Tiana Kleyer

Crossmedia Redaktion
seit Sommersemester 2021
Sport Gesellschaft Menschen

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Dorfkinder sind aufgewachsen inmitten von Heu und Stroh auf dem Feld mit Gülle im Garten und mit einem halben Streichelzoo vor der Tür, ganz klar. Dorfkinder sind alle gleich, Dorfkinder sind alle anders. Aber jetzt mal ehrlich, wer glaubt diesen Misthaufen eigentlich? Das Beispiel musste sein. Als waschechtes Dorfkind bin ich mir den Nachteilen meines Lebens bewusst und ja, manchmal hasse ich es auch, aber nicht alles muss schlecht sein. Also hier der Aufruf an alle Dorfkinder: Mistgabel in die Hand. Wir lassen uns nicht alles gefallen!

Aufmerksamkeit auf das Dorfleben 

Den Blick mehr auf das Dorfleben richten, wollte übrigens auch die ehemalige Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft Julia Klöckner (CDU). Die heutige Bundeschatzmeisterin der CDU startete im Jahr 2020 eine Kampagne auf Social Media namens „#Dorfkinder". Die Kampagne sollte „innovative Ansätze der ländlichen Entwicklung" unterstreichen. Und siehe da: In den sozialen Netzwerken gab es erstmal ordentlich Kritik. Auf Twitter reagierte ein User beispielsweise folgendermaßen auf die Kampagne: „#Dorfkinder wissen nichts von der Kampagne, weil sie 2020 immer noch kein Internet haben." Dorfleben ist also sowieso nur schlechtes Netz und schlechte Perspektiven. Die Dorfkinder selbst konnten sich mit ihren Beiträgen gegen viele Vorurteile wehren, aber auch vieles eingestehen. Denn wenn wir was können, dann ist es Dinge eingestehen und Nachteile an unserem Leben nicht zu  verneinen. 

Wieso Dorfleben cool sein kann 

Mag sein, dass die Menschen auf dem Dorf von viel Feld und Gras umgeben sind. Mag sein, dass wir bei der Frage: „Wo kommst du her?“, den Landkreis sagen müssen, weil keiner das Kaff kennt, aus dem wir kommen. Aber dafür können wir ungestört, wenn es sein muss auch nackt, unbeobachtet in unserem Garten relaxen, ohne dass 100 Autos vorbeifahren und ohne, dass obercoole Assi-Jugendliche mit Hosen bis zum Boden ständig vorbeilaufen.

„Kein Bier vor Vier“ gilt auf dem Dorf, die Zahl steht dabei für das Alter, nicht für die Uhrzeit.

Ruhe vor Menschen ist eins der größten Vorteile. Der Wald ist in der Nähe, da können wir zur Not auch Menschen hinbringen, wenn sie uns auf die Nerven gehen. Nein Spaß, sonst ist das direkt das nächste Vorurteil. Aber mal ehrlich: Tiere im Umfeld als Nachbarn zu haben, ist viel entspannter als nervige alte Grummel-Omas, die mit ihrem Leben ohnehin schon unzufrieden sind. Ganz klar: Die Coolness von Dorfkindern ist Stadtkindern oft nicht bewusst. Während Stadtkinder erst mit 18 das erste Radler, vielleicht auch Bier, in den Händen halten, ist das für Dorfkinder nichts Neues mehr. „Kein Bier vor Vier“ gilt auf dem Dorf, die Zahl steht dabei für das Alter, nicht für die Uhrzeit. 

Dorfkinder machen die geilsten Partys

Wir können Partys feiern und zwar schon ab dem Zeitpunkt, ab dem wir keine Windeln mehr tragen. Und diese Partys sind die besten. Entweder finden sie auf einem Waldplatz, in einer Scheune auf dem Feld oder im Nachbarskeller statt. Nicht zu vergessen, sind die jährlichen Dorf- oder Feuerwehrfeste. Schlagermukke an und los geht es. Das ganze Dorf feiert mit bei einer Alterspanne von 12 bis 60 Jahren. Deshalb ist es auch ein super Vorteil am Dorfleben, dass sonntags keine Menschen außer der Kirchengänger*innen auf den Straßen unterwegs sind. So kann man nämlich in Ruhe und entspannt die dröhnenden Alkoholkopfschmerzen, die man sich am Vorabend erarbeitet hat, ertragen.

Auch den Stadtkindern würde es mal guttun, sich von der reinen Luft auf dem Land das Gehirn durchblasen zu lassen. 

Es gibt übrigens nicht nur Traktoren-Fanatiker*innen auf dem Dorf: Große Fußballtalente wie Nationalspieler Serge Gnabry beispielsweise kommen vom Land. Dorfkinder genießen die reine Landluft und das stressfreie Leben. Statt ständig in einer anonymen Masse als einziger winziger Punkt das Gewusel zu erleben, können wir entspannt durch die Straßen laufen und dabei eine schöne Landschaft sehen. Auch den Stadtkindern würde es mal guttun, sich von der reinen Luft auf dem Land das Gehirn durchblasen zu lassen. Aber zugegeben, manchmal lieben wir Dorfkinder das Dorfleben, aber manchmal hassen wir es auch. Da schmeiß ich die Mistgabel doch schnell in die Ecke, wenn ich zur Party in die Stadt mitgenommen werde.

Hier kommt ihr zu einer weiteren Folge von „Dorfleben". Diesmal geht es um die Nachteile des Dorflebens.