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Sind Zoos noch zeitgemäß?

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Elefanten und Giraffen gehören wohl zu den berühmtesten Zootieren. Doch eine artgerechte Haltung der großen Säugetiere ist nicht einfach. | Bild: Pascal Eichner

Zoos Sind Zoos noch zeitgemäß?

Elefanten und Giraffen gehören wohl zu den berühmtesten Zootieren. Doch eine artgerechte Haltung der großen Säugetiere ist nicht einfach. | Bild: Pascal Eichner
 

25 Feb 2022

Strahlende Kinderaugen sehen einen „webenden“ Elefanten. Das Tier hat eine zwanghafte Verhaltensstörung und läuft immerzu im Gehege hin und her. „Mama, schau mal, Benjamin winkt mir mit dem Rüssel zu!“ Wie wollen wir in Zukunft mit Zoos und Tiergärten umgehen? Ein Essay.

Pascal Eichner

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020
KulturSpracheMusik

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Gebannt starre ich auf die spiegelglatte Wasseroberfläche. Noch nie in meinem Leben habe ich gesehen, was gleich auftauchen wird. Und da fährt das Gitter hoch. Eine kleine Welle vor sich hinschiebend, schwimmt ein Delfin ins Großbecken der Lagune. 5,4 Millionen Liter Meerwasser fasst die Delfinlagune im Tiergarten Nürnberg. Als ich als Kind dort zum ersten Mal Delfine sah, war ich fasziniert. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen. Tagelang hatte ich unserem Besuch entgegengefiebert. Eigens dafür waren wir von Stuttgart nach Nürnberg gefahren. Endlich konnte ich die eleganten Meeresbewohner sehen. Ich war glücklich.

Doch waren die Tiere auch glücklich? Wie ist es zu begründen, Delfine, die in freier Wildbahn einen ganzen Ozean ihre Heimat nennen, auf einigen tausend Kubikmetern Wasser einzusperren? Zwischen 100 000 und 200 000 Tiere lebten 2019 in deutschen Zoos. Aber sind Zoos überhaupt noch zeitgemäß? Zehn Jahre später denke ich an meinen Delfin-Besuch in Nürnberg zurück und bin mir nicht mehr so sicher, ob dieser richtig war.

Bildungsstätte Zoo

Zoos sind Lern- und Bildungsorte. Mit jedem Besuch habe ich als Kind neue Tiere kennengelernt und konnte diese genau beobachten. Auch Schulausflüge gingen oft in die Wilhelma Stuttgart. Die Vielfalt der Arten wird einem dann bewusst, wenn man zuerst vor einem Tiger steht und zehn Meter weiter den Pinguinen beim Schwimmen zusieht. In einer Forsa-Studie aus 2020 gaben zwei Drittel der Befragten an, bei ihrem Zoobesuch viel oder sehr viel über Tiere gelernt zu haben. Obwohl wir auch aus Dokumentationsfilmen lernen können, kann dies nicht den Lerneffekt eines Zoos ersetzen. Durch aktives Beobachten und das eigene Erleben von Tieren entsteht eine viel größere und nachhaltigere Begeisterung für die Tiere und ihre Umwelt. Zumindest auf mich trifft das uneingeschränkt zu. In Zeiten, in denen große Teile des Lebens digital stattfinden, ist es erfrischend, Tiere nicht nur in Dokumentationen oder durch lange Flugreisen erleben zu können.

„Komplett dagegen bin ich aber, dass man Wildfänge in Zoos hält. Das ist ein No-Go!" – Susanne Finckh-Friedrich, ehemalige Mitarbeiterin der Wilhelma Stuttgart

Auch mit „Zooschulen“ versuchen einige deutsche Zoos ihr Bildungsangebot zu ergänzen. Und dieses Angebot ist nicht nur auf Kinder oder Schulklassen beschränkt. Zurückdenken muss ich an eine Informationsveranstaltung in der Zooschule der Wilhelma Stuttgart an einem Sonntag vor einigen Jahren. Hier hielt ein Wildhüter aus dem Kongo einen Vortrag darüber, was Gorillas mit unseren Handys zu tun haben. Im natürlichen Lebensraum der Gorillas wird demnach im großen Stil das seltene Metall Coltan abgebaut, welches in den meisten Smartphones verbaut ist. Dieser Abbau bedroht die seltenen Tiere unmittelbar. Der Appell des Vortrags: Kaufen Sie sich nicht jedes Jahr ein neues Handy und recyceln Sie die alten Smartphones. Diese eindrückliche Message blieb hängen. Das Logo des „Virunga National Park“ im Kongo hängt seit dem Vortrag an unserer Pinnwand in der Küche. Meine Eltern benutzen noch immer ihr erstes Smartphone. Im Affenhaus des Stuttgarter Zoos schließt sich der Kreis: Hier kann man seine gebrauchten Handys abgeben und diese werden recycelt. Deutlich wird also, dass Zoos wichtige Bildungsarbeit für alle Generationen leisten.

Artenschutz und Haltungsbedingungen

Durch die Pflege und Haltung von bedrohten Arten schützen Zoos die Biodiversität. Durch internationale Zuchtprogramme werden bedrohte Tierarten erhalten. Viele Zoos beteiligen sich auch an Programmen mit dem Ziel, bedrohte oder in freier Wildbahn ausgestorbene Tiere auszuwildern. „Zoos sind elementar für die Artenerhaltung. Der Mensch kann durch den Zoo auch lernen, das natürliche Umfeld der Tiere zu erhalten und richtig zu schützen“, sagt Susanne Finckh-Friedrich, die viele Jahre in der Wilhelma Stuttgart gearbeitet hat. Laut ihr sind die meisten Tiere heutzutage schon in Zoos geboren. Wildfänge gibt es kaum mehr. „Die Tiere, die in Zoos geboren sind, auch in Zoos zu halten, finde ich in Ordnung, wenn diese auch die richtige Unterkunft und Beschäftigungstherapie haben“, erklärt sie. Gute Haltungsbedingungen seien demnach sehr wichtig. Tiere brauchen ihren Platz. „Komplett dagegen bin ich aber, dass man Wildfänge in Zoos hält. Das ist ein No-Go“, stellt Finckh-Friedrich klar.

Einige Tiere gehören nicht in Zoos

Dass Zoos eine wichtige Rolle für die Arterhaltung spielen und zur Bildung über die Natur beitragen, scheint auf der Hand zu liegen. Doch rechtfertigt dies das Einsperren von Tieren? Je größer das natürliche Streifgebiet der Tiere ist, desto mehr leiden sie unter der Gefangenschaft, berichtet Peta Deutschland. Demnach leiden insbesondere große Tiere wie Löwen, Menschenaffen und Eisbären. Zurückdenken muss ich hier an einen heißen Sommertag, an dem ich vor vielen Jahren die Eisbären im Zoo beobachtet habe. Die arktischen Raubtiere bei 40 Grad zu sehen, bereitete mir schon damals ein ungutes Gefühl. Schlechte Haltungsbedingungen führen laut Deutschem Tierschutzbund zu Verhaltensstörungen bei den Tieren. Wenn Eisbären permanent die gleichen Runden im Gehege drehen, oder Elefanten pausenlos mit dem Rüssel hin- und herschaukeln – genannt „Weben“ – ist das ein deutlichen Zeichen für eine nicht artgerechte Haltung. Manche Tierarten sollte man einfach nicht mehr in Zoos halten.

Stuttgart denkt um

In Stuttgart gibt es ein Umdenken. 2020 teilte die Wilhelma beispielsweise mit, dass die Eisbärenhaltung zunächst ausgesetzt wird, da die Anlage „wie eine in Beton gegossene Festung“ sei. Generell beobachte ich als langjähriger Besucher des Stuttgarter Zoos eine stetige Bemühung, den Tieren so gute Bedingungen wie möglich zu bieten. Ich habe den Eindruck, dass lieber weniger Arten gehalten werden und diesen dann genug Platz eingeräumt wird. So wurde schon 2013 die Menschenaffenanlage modernisiert. Die 14-fache Vergrößerung des Geheges auf rund 10 000 Quadratmeter zeigte neue Maßstäbe in Sachen Haltungsbedingungen auf. Jedes Mal, wenn ich die Wilhelma besuche, gibt es eine neue Baustelle – und das ist auch gut so! Hieran kann ich erkennen, dass meine Eintrittsgelder das Tierwohl verbessern und in artgerechte Haltung investiert wird. Dieser Eindruck wird durch das aktuelle Zoo-Ranking 2022 bestätigt. Die Wilhelma machte im Vergleich zum letzten Ranking einen Sprung nach vorne und belegt nun Platz fünf unter Europas Zoos. Zuvor lag die Wilhelma auf Platz zehn. Das Ranking des Zoo-Analysten Anthony Sheridan lobt insbesondere das neue Schneeleoparden-Gehege und bewertet die Menschenaffe-Anlage mit Bestnoten. Aktuell arbeitet der Zoo an einem neuen Australien-Bereich. Einen Zoo, der so viel investiert, möchte ich auch in Zukunft mit einem Besuch unterstützen. Die Wilhelma wird zu einem modernen Zoo!

Moderne Zoos sind zeitgemäß

Moderne Zoos sind Bildungsorte, helfen dem Artenschutz und bieten den Tieren gute Lebensbedingungen. In Zukunft werde ich, bevor ich einen Zoo besuche, prüfen, wie viel Projekte zur Modernisierung aktuell laufen und ob innovative Bemühungen zu erkennen sind, um den Tieren immer bessere Bedingungen zu bieten. Denn dann ist mein Eintrittsgeld richtig eingesetzt. Moderne Zoos sind zeitgemäß – Delfine und Eisbären braucht es dazu aber nicht.

Zoos der Zukunft

Viele neue Konzepte machen Hoffnung auf eine positive Entwicklung der Zoos in den nächsten Jahren. „Zoo360“ ist eine Idee aus Philadelphia, die Zoos in Zukunft prägen könnte. An der US-Ostküste können Tiger durch einen großen Gittergang über den Besucherweg schreiten und selbstständig zwischen den großräumigen Gehegen wechseln. Die Röhren bieten den Tieren einen größeren Freiraum. Auch im Zoo Leipzig entstehen moderne und weitläufige Anlagen, die dem natürlichen Lebensraum der Tiere nachempfunden sind. Dabei soll sich der Besucher wie auf einer Safari fühlen. Ich bin gespannt, wie hell die Augen meiner Kinder einmal leuchten werden, wenn sie die Zoos der Zukunft sehen.