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Wenn Fahrschüler vor einem endlich "die Biege" machen, kann man schon mal vor Freude weinen. | Bild: Photo by JESHOOTS.com from Pexels

Blickwinkel Kolumne
Fahr zu!

Wenn Fahrschüler vor einem endlich "die Biege" machen, kann man schon mal vor Freude weinen. | Bild: Photo by JESHOOTS.com from Pexels

12 Apr 2020

Lebensaufgabe Alltag meistern! An dieser Stelle bekommen die kleinen, fast schon selbstverständlichen Erfolgserlebnisse oder Hürden des Alltags, die Aufmerksamkeit, die sie verdienen: wenn die Zahnpasta von der Bürste fällt, du in der Warteschlange vorgelassen wirst oder wenn du die kleinen Kissen der Luftpolsterfolie zerstechen darfst. Heute: „Fahr doch endlich zu! – wenn Fahrschüler endlich „die Biege“ machen“.

Celina Arnemann

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2018
VideojournalismusLifestyle KunstSport

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Ich hasse Stadtverkehr. In fast jeder Innenstadt verfluche ich meine Entscheidung das Auto genommen zu haben erneut. Ist rechts- oder linksherum schneller? Wann wird die Ampel endlich grün? Kann ein Fuß absterben, wenn man die Kupplung zu lange gedrückt hält? Welcher Unmensch hat den Smart erfunden?

Der Hauptgrund aus dem ich den Stadtverkehr hasse, sind aber die anderen Fahrer um mich herum. Dabei meine ich jetzt nicht schlecht gelaunte SUV-Fahrer. Auch nicht die, die anscheinend chronisch dazu veranlagt sind, Geschwindigkeitsbegrenzungen nur als Orientierung anzusehen und mit Lichtgeschwindigkeit an einem vorbeirauschen. Sondern den ultimativen Endgegner: Fahrschüler. In keiner Stadt scheint man der „Bremse des Verkehrsflusses“ entkommen zu können. Ich halte dann einfach nur Sicherheitsabstand. Eigentlich sage ich mir jedes Mal, ich muss einfach Ruhe bewahren und es über mich ergehen lassen. Aber das ist einfach nicht in jeder Situation möglich. Beim Einkaufen zum Beispiel, lege ich die Tiefkühlware nach oben in meine Einkaufstasche, damit ich nahtlos die Packungen aus meinem Kofferraum in meine Tiefkühltruhe manövrieren kann. Mir bringt das aber nichts, wenn sich der Aggregatzustand der Eispackung schon auf dem Weg von fest in einen flüssigen See aus Erdbeere und Schokolade verwandelt hat.

Oder noch schlimmer: man muss jemanden abholen. Als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe, kam es öfter mal vor, dass ich meine kleine Schwester zu äußerst sozial wichtigen Aktivitäten, wie Tik-Tok-Treffen mit der BFF, fahren durfte und anschließend wieder abholen sollte. Zehn Minuten zu spät sind umgerechnet ja ganze zwei Tanzvideos, die man zeitlich nicht drehen kann. Ich biege also um die Ecke und vor mir tanzt das „Fahrschule“-Schild wie ein Damoklesschwert über der berechneten Ankunftszeit. Toll. Ein Blick in den Rückspiegel lässt erkennen: die Lage ist aussichtsloser als gedacht. Sogar der ergraute Fahrer der A-Klasse hinter mir umklammert vor Ungeduld das Lenkrad so heftig, dass sich schon die Knöchel an den Händen erkennen kann. Fehlt nur noch, dass der Kopf vor lauter Genervtheit auf das Lenkrad fällt und aus Versehen hupt. Wäre ja eigentlich witzig. Vielleicht würde der Führerscheinanwärter vor mir dann auch mal das Gaspedal entdecken.

Aber wenn ich ehrlich bin, ist es gar nicht die bloße Schuld der Fahrschüler. Ich kann mich noch sehr gut an meine eigene Zeit in der Fahrschule erinnern. Vor allem die Praxisstunden. Mein erster Versuch auf dem Fahrersitz endete gleich mal in einer Katastrophe. Es ist ja auch nicht leicht zu merken, welches Pedal welche Funktion hat! Dass Fahrlehrer auch in das Fahrverhalten eingreifen können, hat auf jeden Fall seine Berechtigung. Am schlimmsten waren tatsächlich immer die Stunden innerorts. Da wo ich herkomme, gibt es nämlich keine wirkliche Alternative, was Fortbewegungsmittel angeht. Die Straßen der Stadtmitte sind demnach immer recht gut gefüllt.

Das Gefühl, vorschriftsgemäß mit exaktem Tacho durch Labyrinthe von rechts vor links Kreuzungen zu kriechen, der Fuß des Fahrlehrers aus dem Augenwinkel schon in unmittelbarer Nähe der Bremse, werde ich nie vergessen. Auch ein Highlight: Einparken. Das sage ich jetzt nicht, weil ich eine Frau bin! Wenn hinter dir jemand so demonstrativ nah auffährt, um die aller erste Möglichkeit zu ergreifen, dich mit einem genervten Gesichtsausdruck, Kopfschütteln oder einem stechenden „ich merk mir dein Gesicht“ -Blick endlich zu überholen, kann man nur schlecht einparken.

Ich lehne mich also auf meinem Fahrersitz zurück und bin froh, diese Zeit überstanden zu haben. Eigentlich ist es doch auch egal wie schnell man voran kommt. Die paar Minuten. Trotzdem geht nichts über den Moment, wenn der Fahrschüler endlich vor einem abbiegt und man freie Fahrt hat. Zumindest bis man einen Traktor vor sich hat. Nächstes Mal nehme ich einfach das E-Bike - besser für die Umwelt und schneller geht es auch!