Die Stuttgarter Synagoge ist von hohen Stahlzäunen und Sicherheitskameras umgeben. | Bild: Celina Arnemann

Reportagen Antisemitismus
Freiheit hinter Gittern

Die Stuttgarter Synagoge ist von hohen Stahlzäunen und Sicherheitskameras umgeben. | Bild: Celina Arnemann

16 Apr 2020

Sicherheit ist für die meisten Menschen in Deutschland selbstverständlich. Die Religion seiner Wahl ungestört auszuüben auch. Aber nicht für alle. Avi Palvari ist Mitglied der jüdischen Gemeinde in Stuttgart. Offener Hass und die Notwendigkeit sich davor zu schützen sind für Avi nichts Neues. Nur in seiner Synagoge, von Gittern geschützt, kann er sich sicher fühlen.

Celina Arnemann

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Tjorben Mattschull

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„Ich war Ende 20 und Student in Tübingen. Am Abend kam ich in meine Wohnung und dachte, es wäre ein Tag wie jeder andere“, erinnert sich Avi Pavari. Bis er seinen Anrufbeantworter in der Küche abhörte: „Du bisch Jude, ich kriege dich“. Der Hörer fiel ihm aus der Hand. Er war wie gelähmt. Fassungslos rutschte er die Wand hinunter, blieb zusammengesunken in der Ecke sitzen, fing an zu zittern. In dieser Nacht bekam er kein Auge zu. In seinem Kopf schwirrte eine einzige Frage: "Wann kommen sie und töten mich?". Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, wie lang ihn dieser Anruf beschäftigen würde. Vielleicht sogar sein ganzes Leben.

Als wir Avi Palvari 30 Jahre später zum ersten Mal treffen, ist es noch Winter. Etwas zu warm für diese Jahreszeit. Trotzdem sind auf den Straßen kaum Menschen unterwegs. Die Synagoge in Stuttgart ist eine von 99 in Deutschland. Sie zu finden ist nicht leicht. Auf den ersten Blick kaum zu erkennen, so eingegliedert wirkt sie im Umkreis der anderen umstehenden Gebäude. Nähert man sich von der Seite, bemerkt man auf den ersten Blick gar nicht, dass die Kameras an der Fassade schon zu dem jüdischen Gotteshaus gehören. Eine davon direkt auf den Eingang gerichtet. Eine andere ziert die mannshohe, steinerne Mauer, die das jüdische Gotteshaus umgibt. Wie ein allsehendes Auge, ist sie direkt auf den Bürgersteig gerichtet. Sich ungesehen zu nähern, unmöglich. Durch einen schweren schwarzen Stahlzaun lässt sich eine gepflasterte Fassade erkennen. Modern, kühl und glatt wirkt sie. Fast wie eine Festung, gewappnet zur Verteidigung. Mittlerweile haben immer mehr Synagogen solche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, um das Gebäude und die Gemeindemitglieder darin zu schützen. In Stuttgart gehören die Maßnahmen, wie in anderen großen Gemeinden, schon seit vielen Jahren dazu.

Mit einem Surren öffnet sich die vordere Glastür in einen Vorraum. Sie ist, wie alle Fenster und Türen des Gebäudes, aus dickem Panzerglas. Um überhaupt hineinzukommen, muss man sich eine Woche vorher schriftlich anmelden. Vor- und Zuname, Geburtsdatum, Telefonnummer. Aus Sicherheitsgründen, so steht es auf der Homepage. Nach einer Ausweiskontrolle öffnet sich die nächste gläserne Tür. Dahinter steht Avi Palvari und lächelt. Er ist einer von nur noch 120.000 Juden in Deutschland, Tendenz fallend. Auf seinem Kopf trägt er eine blau-weiße Kippa, die im Judentum als Zeichen des Respekts vor Gott gilt. Darunter lugen weiße Haare hervor. Seine Augen sind braun, wirken vertraut. Unter seinem rechten Arm trägt er einen Stapel Unterlagen, die andere hält er zur Begrüßung ausgestreckt. „Früher hatte ich einfach nur einen Schlüssel und konnte aufschließen für wen ich wollte, doch das ist schon lange her“, erklärt er, während er zum Innenraum der Synagoge geht, „aber wegen zahlreicher Bedrohungen am Telefon und per Post hat man sich dazu entschieden, dass man erhöhte Sicherheitsmaßnahmen braucht."

Im Gegensatz zu den Räumen davor, vermittelt das Innere des Gebetsraumes ein Gefühl von Geborgenheit. Das Licht taucht die hölzernen Bänke in ein warmes Braun. Obwohl der größte Teil mit dunkelblauem Teppichboden ausgelegt ist, hallt Avis Stimme von der hohen Decke wider. „Da oben sitzen normalerweise die Frauen“, erklärt er und deutet mit seiner Hand auf die Empore. Avi gehört zu der Gruppe der orthodoxen Juden, die sich auch als „gesetzestreues“ oder „torahtreues“ Judentum bezeichnen. Bei ihnen sind die Frauen von den Männern streng getrennt. Frauen dürfen beten, müssen aber nicht. Mittlerweile steht Avi auf der kleinen Erhöhung inmitten der Synagoge, dem sogenannten „Almemor“. Hier wird normalerweise die Thora verlesen, nachdem sie bei einer feierlichen Prozedur aus dem Thoraschrank geholt wurde. Wenn er von den jüdischen Gebräuchen und den Gebeten erzählt ist er glücklich. Es macht ihm Spaß anderen von seinen Traditionen zu erzählen. Nur bei einem Thema trübt sich der Ausdruck in seinen Augen. Dann, wenn es um seine Sicherheit geht.

Bei den orthodoxen Juden sitzen die Frauen (oben) von den Männern (unten) getrennt. | Bild: Celina Arnemann

An der gleichen Stelle an der Avi jetzt steht, stand er auch letztes Jahr im Oktober. Damals war Jom Kippur, der heiligsten Tag des Jahres im Judentum. Eigentlich sollte es ein Feiertag wie jeder andere im Kreise seiner Gemeinde werden. In den Pausen wurde gelacht, Freude lag in der Luft. Monate lang hatten alle auf diesen Tag hin gefiebert. Er sollte besonders und unvergesslich werden. Traurigerweise wurde er das auch. Zuerst hatte die Gemeinde gar nicht bewusst wahrgenommen, dass ein paar mehr Polizisten als sonst vor der Synagoge versammelt waren. Sicherheitsmänner vor der Tür waren schon damals für Avi und seine Gemeinde ein gewohnter Anblick. Sie konnten zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnen, was sich nur wenige Minuten zuvor im 450 km entfernten Halle ereignet hatte. Ein bewaffneter Rechtsextremist hatte versucht in die dortige Synagoge einzudringen und einen Massenmord an Juden zu begehen. Sein Motiv: Antisemitismus. Aber eine einfache Holztür versperrte ihm in den Weg. Trotzdem erschoss er zwei Passanten auf offener Straße.

Erst ein paar Stunden später, als Regierungsbeamte zur solidarischen Unterstützung zum Beten vorbeikamen, erfuhr Avis Gemeinde von dem Attentat in Halle. Der Schock sitzt noch heute tief. „Die in Halle haben einfach großes Glück gehabt, dass ihre Tür gehalten hat. Hier kann das nicht passieren, wir haben Panzerglas, da kommt man nicht rein“, sagt Avi und stützt sich am Geländer hinter sich ab, während er von dem schrecklichen Tag erzählt. Seine bis dahin so wachen Augen scheinen auf einmal müde zu werden und sein Blick schweift ab.

Dabei sind Anschläge auf die jüdische Gesellschaft schon lange traurige Realität. Der Anschlag in Halle nur ein weiterer Schicksalsschlag von vielen. In 2019 verzeichnete das BKA allein in den ersten sechs Monaten 440 antisemitische Zwischenfälle. Dabei handelt es sich nicht nur um schwerwiegende Ereignisse wie in Halle. Die Diskriminierung und Konfrontation mit Rassismus beginnt für viele Juden schon in kleinen alltäglichen Begegnungen. Ein Reisebusfahrer schikanierte israelische Kinder und Jugendliche, die in seinem Bus mitfahren wollten. Ein israelischer Fußballspieler wurde auf Twitter beleidigt. Eine rechtsextremistische Partei positionierte sich vor einer Synagoge und spielte Tonaufnahmen einer mehrfach verhafteten Holocaust-Leugnerin ab. Auch Avi wurde schon mit Antisemitismus und offenem Hass konfrontiert. Parolen wie „Deutschland für die Deutschen“ oder „Ausländer raus“ hat man ihm schon oft an den Kopf geworfen. „Ich persönlich werde nicht im Dunkeln alleine zum Bahnhof gehen. Das ist einfach zu gefährlich“, stellt er fest. In einer Studie des „Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung“ gaben 58% der Befragten Juden an, bestimmte Stadtteile oder Orte zu umgehen, an denen sie sich unsicher fühlen. Drei von vier Befragten vermeiden es in der Öffentlichkeit Schmuck oder Gegenstände zu tragen, die sie deutlich als Juden kennzeichnen. Seine Kippa nimmt Avi schon seit Jahren außerhalb der Synagoge vom Kopf und versteckt seine traditionelle jüdische Kette unter der Kleidung. Zu groß ist die Angst als Jude erkannt und schikaniert zu werden.

Während er von den Demütigungen und Begegnungen berichtet, rückt die gemütliche Atmosphäre des Gebetsraumes immer mehr in den Hintergrund. Fast schon vergessen ist der goldbestickte Teppich, das rötlich schimmernde Fensterglas oder der Geruch nach Holz. Schaut man vom „Almemor“ ein wenig nach rechts, fällt einem eine steinerne Platte an der Wand auf. In den Stein sind einige hebräische Zeichen eingemeißelt, die von einem runden Torbogen wie umarmt scheinen. Fast ein wenig deplatziert wirkt sie inmitten der hölzernen Wand. Schwer, wie eine Erinnerung an eine längst vergessene, schmerzhafte Vergangenheit. „Darauf sind die zehn Gebote zu sehen“, sagt Avi und deutet auf die Steinplatte, „Das ist alles, was von der ursprünglichen Synagoge übriggeblieben ist.“ Und selbst das sei ein Wunder, denn auch die Stuttgarter Synagoge wurde am 9. November 1938 in der Reichspogromnacht zerstört. Alles abgebrannt und zerstört. Selbst die Steine der Grundmauern wurden geklaut.

Diese circa 1,50 x 2 Meter große Steinplatte ist alles, was von der alten Stuttgarter Synagoge nach der Reichspogromnacht noch übrig geblieben ist. | Bild: Celina Arnemann

Der Ursprung des Antisemitismus liegt viele tausend Jahre zurück. Zuerst glaubten die Christen, die Juden seien kollektiv an der Ermordung Christi schuld. Als kurz darauf das Christentum als Staatsreligion des römischen Reichs deklariert wurde, begannen erstmals antijüdische Maßnahmen. Die Kirche wies der jüdischen Bevölkerung den Status minderen Rechts zu, verboten den Bau von Synagogen, schlossen sie von den meisten Berufen aus, sendeten sie ins Ghetto. Der sogenannte „Christliche Antijudaismus“ machte auch vor Martin Luther nicht halt, er verbot den Juden sogar die Ausübung ihrer Religion. So etwas wie die Glaubensfreiheit, damals undenkbar. Diskriminierung und Hass führten zur Definition der Juden als Rasse im späten 19. Jahrhundert und gipfelten im Zweiten Weltkrieg in der „Shoah“, der hebräischen Bezeichnung für Holocaust.

Heute findet Antisemitismus vor allem dort statt, wo sich Täter in die Anonymität fliehen können und sich sicher fühlen. Durch die zunehmende Bedeutung des Internets, sinkt die Schwelle, Juden in der Öffentlichkeit zu beleidigen, rasant. So waren 2017 nach einer Studie der TU Berlin, mehr als 30% der Nutzerkommentare bei Online-Qualitätsmedien (SZ, taz, FAZ etc.) mit judenfeindlichen Inhalten versehen. „Wenn ein jüdisches Kind hier in Deutschland geboren wird, dann kennt es diese Zustände auch gar nicht anders“, erklärt Avi, während er langsam nach vorne, in Richtung des Thoraschreins, läuft. Bis zu seinem Studium in Deutschland, hat Avi in Israel gelebt. In einem kleinen Dorf im Norden des Landes, ein oft umkämpftes Kriegsgebiet. Terror und Bomben waren dort keine Seltenheit. Sicherheitsvorkehrungen kennt er zur Genüge. Nicht einmal einen einfachen Lebensmitteleinkauf, keine einzige Busfahrt gab es, bei dem nicht alle Taschen auf gefährliche Gegenstände untersucht wurden. Frei hat er sich trotzdem immer gefühlt. Freier als heute in Deutschland. Hier fühlt er sich wie im Ghetto. Kleingemacht, seiner Identität und Freiheit beraubt. „Es ist komisch eingeschränkt zu sein, aber was ist besser?“, entgegnet Avi bedauernd, ein müdes Lächeln auf seinen Lippen, „Sich komisch zu fühlen oder in Angst zu leben? Man hat hier drin ja eine gewisse Sicherheit, weil ich weiß, dass die Synagoge sicher ist."

Es ist komisch in seiner Freiheit eingeschränkt zu sein, aber was ist besser? Sich komisch zu fühlen, oder in Angst zu leben? – Avi Palvari

Obwohl Avi seit Jahrzehnten mit Hass und Gewalt konfrontiert wird, hat er gelernt einfach weiter zu machen. Der Anschlag in Halle erschütterte ihn trotzdem: „Ich habe mich danach wirklich gefragt: Willst du hier weiterleben? Ist das hier dein Platz auf der Welt?“. Bis jetzt ist er hiergeblieben. Weil er sich freiwillig entschieden hat in Deutschland zu bleiben, und vor allem, weil ihn seine deutschen Freunde unterstützen. Diejenigen, die anders denken, ihm und seinem Glauben eine Chance geben. Wenn Avi inmitten der Synagoge steht hat er eine Heimat und einen sicheren Hafen gefunden. Hier kann Avi er selbst sein, sicher, geborgen. Juden in Deutschland bleibt keine andere Wahl. Sie müssen sie sich vor antisemitischen Anfeindungen schützen, so gut es geht. Eine Flucht nach vorne ist erstmal keine Option.

Das Gefühl von Alarmbereitschaft, in der Avi und alle anderen Juden sich täglich befinden, ist kaum nachzuvollziehen. Aber erlebt man einmal den Unterschied der warmen, gemütlichen Synagoge und dem kalten, sterilen Flur, in den Avi jetzt zurückkehrt, wird man sich der traurigen Realität bewusst. „Wartet bis die erste Tür zu geht, bevor ihr versucht die Zweite zu öffnen, dann geht es schneller“, sind die letzten Worte, die Avi sagt, bevor sich die Panzertür vor ihm schließt und ihn in der Kälte des Flurs zurücklässt. Fast so kalt wie damals, vor 30 Jahren, nach dem Anruf in seiner Küche.