Psychotherapeuten: Zwischen Patientenschicksalen und dem eigenen Leben (Symbolbild). | Bild: Jasmin Maya, Janina Hofmann

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Psychotherapeuten: Zwischen Patientenschicksalen und dem eigenen Leben (Symbolbild). | Bild: Jasmin Maya, Janina Hofmann

22 Jan 2020

Immer mehr Menschen leiden unter psychischen Störungen. Psychotherapeuten sind daher gefragter denn je und werden täglich mit dem Leid und der Trauer anderer konfrontiert. Belastet das auch die eigene Psyche und wie funktioniert die Trennung zwischen Berufs- und Alltagsleben? Zwei Therapeuten berichten.

Jasmin Maya

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2019

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Janina Hofmann

Crossmedia Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2019

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1,5 Millionen. So viele Menschen sind laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung pro Quartal in psychotherapeutischer Behandlung. Die Anfragen häufen sich, die Wartelisten sind lang – der Bedarf ist groß. Tagtäglich werden die behandelnden Psychotherapeuten unter anderem mit Depressionen, Angst- und Panikstörungen, Zwangsneurosen oder Persönlichkeitsstörungen konfrontiert. Sie befassen sich mit schweren Schicksalen, sprechen mit Patienten über ihre traumatischen Erlebnisse und unterstützen sie dabei, ihren Alltag zu bewältigen. Wie gehen Therapeuten mit all dem Leid um, ohne die eigene psychische Stabilität zu verlieren?

Die eigenen Gefühle laufen parallel

„Es gibt natürlich Sitzungen, in denen ich viel Traurigkeit spüre, wo ich auch in mir viel Traurigkeit wahrnehme und das richtig miterlebe”, so Verhaltenstherapeutin Perinisa Springer-Lüdtke, die den Beruf seit fast 20 Jahren ausübt. Das Leben zieht an Therapeuten natürlich nicht spurlos vorbei, auch sie erleben Schicksalsschläge, die sie berühren. Springer-Lüdtke erinnert sich, dass es zum Beispiel nicht einfach war, während der Arbeit den Tod ihres Vaters zu verarbeiten. Sie betont, wie wichtig es ist, offen mit eigenen Problemen umzugehen. „Das Belastende im Raum oder im Gespräch, sind die unausgesprochenen Dinge.” Wenn Springer-Lüdtke während einer Therapie an Belastendes aus ihrem eigenen Leben erinnert wird, versucht sie, das „parallel” weiterlaufen zu lassen und sich wieder auf ihre Patienten zu fokussieren. Das bedeutet, die eigenen Gefühle in den Hintergrund zu stellen und sich danach mit ihnen auseinanderzusetzen.

„Die Sitzung bildet sozusagen den Rahmen, in dem wir wissen: da findet die Therapie statt, und dann können wir uns auch wieder loslassen.” – Perinisa Springer-Lüdtke

Es hilft, Fälle mit Kollegen zu teilen

Um sich über Erlebtes in der Therapie auszutauschen, und neue Blickwinkel zu bekommen, gibt es für Psychotherapeuten die Supervision. Springer-Lüdtke selbst nimmt regelmäßig an sogenannten Intervisionsgruppen teil. Der Austausch mit Kollegen über die eigenen Therapie-Fälle ist für sie sehr wichtig, „sonst schwimmt man so in der eigenen Suppe”.

Supervision – was ist das?

Unter Supervision versteht man eine Beratung im beruflichen Kontext. Diese eignet sich dafür, das eigene Verhalten innerhalb der Therapiesitzungen zu reflektieren. Psychotherapeuten bekommen vom leitenden Supervisor einen anderen Blickwinkel und neue Behandlungsverfahren und -techniken mit auf den Weg, die sie dann selbst anwenden können.

Innerhalb der Ausbildung zum Psychotherapeuten ist die Supervision ein Pflichtbestandteil. Der Supervisor übernimmt hier eine Art Kontrollfunktion für die angehenden Therapeuten. Um selbst Supervisor zu werden, muss zusätzlich zur psychotherapeutischen Ausbildung eine zweijährige Ausbildung absolviert werden.

Der Supervisor und Kinder- und Jugendpsychotherapeut Thomas Feldmann-Hauptstein spricht von vielen kleinen Herausforderungen, denen er sich kontinuierlich stellen muss. So befasst er sich neben seinen eigenen Patienten parallel mit den Fällen anderer Therapeuten. Man könnte meinen, dass das mental ziemlich viel ist. Er hat allerdings einen klaren Blick darauf: „In dem Moment, in dem ich über das Wissen verfüge, was ich für den Patienten tun kann, belastet mich die Störung nicht. Das bewahrt Psychotherapeuten davor, sich zu sehr von den Problemen der Patienten beeinflussen zu lassen.“ Zusätzlich geht auch er regelmäßig zur Supervision – „einfach, weil es für die eigene Psychohygiene ganz gut ist”.

„Es wäre wünschenswert, wenn mehr Kollegen Supervision nutzen würden, weil es eine besondere Art der Selbstreflexion ist.” – Thomas Feldmann-Hauptstein

Mitgefühl statt Mitleid

Beide Therapeuten haben eine ähnliche Herangehensweise, wie sie sich von Patientenschicksalen abgrenzen. Es gehe weniger darum, Mitleid gegenüber den Patienten zu verspüren, sondern mehr um Mitgefühl. Springer-Lüdtke beschreibt dies als ein „Mittragen” der psychischen Probleme, wodurch sich die Patienten weniger allein und hilflos fühlen. Die Therapeuten müssen Verständnis für ihre Patienten zeigen und Lösungsansätze vermitteln. „Es ist günstig, wenn ich die Welt auch aus den Augen des Patienten betrachten kann”, meint Feldmann-Hauptstein. Als Psychotherapeut ist es also wichtig, individuell auf den Patienten einzugehen und sich in dessen Weltbild hineinversetzen zu können.

Doch wie geht man mit suizidgefährdeten Patienten um? „Selbstmord? Verbiete ich." Perinisa Springer-Lüdtke hat eine konsequente Einstellung dazu.

Einmal Therapeut, immer Therapeut

Den Beruf des Psychotherapeuten legt man im Privatleben nicht einfach ab. Über die Kompetenzen verfüge man nicht nur während des therapeutischen Geschehens, sondern auch als Privatperson, betont Feldmann-Hauptstein. Springer-Lüdtke kann dies bestätigen. Im Freundeskreis ist sie nicht nur Freundin mit gutem Rat, sondern hakt bei Anzeichen auf Symptome auch nach. „Da gucke ich wahrscheinlich auch mit einem therapeutischen Auge und meinem Erfahrungshorizont, was das alles für Bedeutungen haben könnte.”

Trotz der schweren Schicksale, denen Psychotherapeuten täglich begegnen, ist es essenziell, nicht die Hoffnung zu verlieren und in ein negatives Weltbild abzudriften. So stellt Feldmann-Hauptstein fest, dass er stets an Erfahrungen gewinnt und sich seine Kompetenzen durch den Umgang mit Patienten weiterentwickeln. Und auch Springer-Lüdtke empfindet eine große Leidenschaft für ihren Beruf und sieht die Arbeit als Möglichkeit, den eigenen Horizont zu erweitern. Mit der richtigen Einstellung und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, ist es also möglich, die eigene Psyche nicht zu sehr zu belasten.

Hast Du oder jemand aus Deinem Bekanntenkreis schon mal an Suizid gedacht? Hier findest Du Hilfe:

Arbeitskreis Leben: www.ak-leben.de
Bundesweite Beratungsangebote: www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/adressen/
Für Angehörige: www.agus-selbsthilfe.de/ueber-uns/
Online-Programm für Hinterbliebene: www.hilfe-nach-suizid.de/ueber-das-programm

Landesstelle der Psychologischen Beratungsstellen: www.psych-beratungsstelle-landesstelle.de/links/