Laufen ohne Ziel - viele Wettkämpfe wurden abgesagt, aber es geht auch virtuell. | Bild: Vanessa Tasev

Gesundheit&Geist Virtuelle Läufe
Getrennt und doch gemeinsam laufen

Laufen ohne Ziel - viele Wettkämpfe wurden abgesagt, aber es geht auch virtuell. | Bild: Vanessa Tasev

26 Jun 2020

2020 – das Jahr für die etwas anderen Laufveranstaltungen. Aufgrund der Corona-Pandemie können die gewohnten Events nicht stattfinden. Wie virtuelle Läufe es schaffen, diese zu ersetzen und wie dabei sogar ein "Wir-Gefühl" entstehen kann, erfahrt ihr hier.

Es ist 8.55 Uhr, ich eile hastig nach draußen. Über die Kopfhörer höre ich, wie Kati das traditionelle Marathonlied startet. Die Aufregung steigt, gleich geht es los! Kati zählt den Countdown runter und ich fange endlich an zu laufen! Während der einen Stunde höre ich weiterhin Kati zu, die mich und alle anderen Läufer*innen in meiner Zeitzone motiviert. Bei einem kurzen Blick aufs Handy sehe ich die zahlreichen Kommentare der anderen. Diese Motivation lässt mich noch einmal schneller laufen. Nach einer Stunde bin ich fertig und noch voller freudiger Aufregung, sodass ich mich direkt an den Laptop setzte, um den Start der nächsten Zeitzone mitzuverfolgen. Jetzt werde ich von der Läuferin zur Unterstützerin für die Nächsten.

Plötzlich war alles neu, so auch dieses ganz besondere Lauferlebnis. Seit März 2020 wurden alle Großveranstaltungen Corona-bedingt abgesagt, so auch die zahlreichen Marathon- und Halbmarathonläufe. Die Wettkämpfe, auf die sich Läufer*innen weltweit monatelang – wenn nicht sogar jahrelang vorbereitet haben – finden nicht statt. Das Ergebnis: ganz viel Frust.

Aus diesem Frust heraus ist nun aber etwas Wunderbares entstanden: Kati Jaeger, 51 Jahre alt, Freiberuflerin, hat einen der ersten weltweiten virtuellen Läufe ins Leben gerufen, den Easter World Run. Mit dieser Idee hat sie es geschafft, Läufer*innen auf der ganzen Welt zu motivieren – zwar räumlich getrennt, aber dennoch gemeinsam – zu laufen.

Da geht das Läufer*innenherz auf | Bild: Kathrin Grewe - Deutschland
Endlich wieder laufen! | Bild: Maria Schreiber - Chicago USA
Egal bei welchem Wetter | Bild: Tim Wolstenholme - Nordirland
Orión Sanchez Rault, mit nur drei Jahren der jüngste Läufer | Bild: Virginie Rault - Frankreich
Als Ehepaar gemeinsam am Start | Bild: Tania und Jan H. Steenkamp - Kanada
Glücklich präsentiert Edwin seine Urkunde | Bild: Edwin Figuera - Kalifornien, USA

Wie kann man sich einen solchen virtuellen Lauf vorstellen?

Los ging es über die Sozialen Medien: Auf Facebook hatte Kati eine Gruppe zum Thema "Easter World Run" gegründet, um so ihre Idee vom virtuellen, gemeinsamen Lauferlebnis zu verbreiten. Von Beginn an stieß ihr Plan auf positive Resonanz – immer mehr Läufer*innen traten der Gruppe in den folgenden Wochen bei. Dabei hat sich schnell auch eine positive Dynamik zwischen den Gruppenmitgliedern entwickelt. Endlich gab es wieder einen Lauf, auf den man sich gemeinsam freuen konnte. Klar war, dass durch Zeitverschiebungen nicht alle zur gleichen Zeit starten können. Also hat Kati eine Uhrzeit festgelegt, zu der jede*r in seiner*ihrer Zeitzone losläuft. Alleine – aber trotzdem zusammen.
Ein paar Tage vor dem Lauf hat Kati immer wieder kurze Videos hochgeladen, in denen sie den Ablauf des Laufes erklärt hat. Unter den Videos haben sich viele freudige und sehr positive Kommentare gesammelt, sodass das Gefühl aufkam, man kenne sich schon seit Ewigkeiten. Und das, obwohl die anderen Läufer*innen kilometerweit entfernt waren und man sich noch nie begegnet war.

"Noch heute bekomme ich bei dem Gedanken an diesen einzigartigen Lauf eine Gänsehaut. Vereint mit vielen hundert Läufern aus allen Zeitzonen dieser Welt mit dem gleichen Ziel. Glück pur." – Kathrin Grewe, eine Teilnehmerin des Easter World Runs

Ostersamstag war es dann soweit. Jede*r Läufer*in sollte in seiner*ihrer Zeitzone um 9 Uhr loslaufen. Kati war per Video live dabei, um jede Stunde den Lauf anzumoderieren. Viele, die nicht gerade selber am Laufen waren, verfolgten das Livevideo weiterhin und verfassten motivierende Kommentare.

Heute habe ich Kati wieder im Ohr und möchte erfahren, wie sie das entstandene Wir-Gefühl wahrgenommen hat.

Der Easter World Run ist ein komplett virtuellen Lauf gewesen. Wie hast du es geschafft, dieses Wir-Gefühl virtuell umzusetzen?

Ein weiterer Lauf war zunächst nicht geplant. Doch diese unglaubliche Stimmung, die dabei entstanden ist, hat in ihr die Motivation geweckt, diesen Lauf unbedingt zu wiederholen. Viele der Läufer*innen haben direkt nach dem Lauf nachgefragt und bereits zugesichert, im nächsten Jahr wieder dabei zu sein.

Der Easter World Run war einer der ersten virtuellen Läufe, die dieses Jahr stattgefunden haben, aber bei weitem nicht der einzige. Viele Veranstalter*innen, die für 2020 einen Lauf geplant hatten, steigen nun auf die virtuelle Variante um. So geht nun auch der Stuttgart-Lauf virtuell über die Bühne. Da hier ein ganzes Team an Organisator*innen dahinter steht, ist der Ablauf natürlich ein wenig anders als beim Easter World Run. Über eine App können Teilnehmer*innen simulieren, wo sie gerade laufen würden, wenn sie auf der Strecke des Stuttgart-Laufs unterwegs wären. Dadurch hat man sogar einen virtuellen Zieleinlauf in die Mercedes-Benz Arena. Die Medaille, die viele motiviert, bekommt man sogar per Post zugeschickt.

Allein für den Juni zählt Runner’s World – ein Magazin für Läufer*innen – noch 24 weitere virtuelle Läufe. Teilweise sind diese Läufe sogar weltweit organisiert.

So schaffen es die virtuellen Läufe, einen weiterhin zu motivieren. Man hat das Wissen und das Gefühl, mit tausenden anderen Menschen gemeinsam zu laufen. Durch genau diese Gemeinschaft entsteht das ganz besondere Wir-Gefühl und das Wettkampfgefühl bleibt weiterhin bestehen. Und zu guter Letzt: Nach jedem Lauf, egal ob virtuell oder nicht, fühlt man sich einfach gut.

Genau deshalb schnappe ich mir jetzt auch wieder meine Laufschuhe und gehe vor die Tür, denn der nächste virtuelle Lauf wartet schon auf mich!