Cosa Nostra 8 Minuten

Pizza, Pasta, Schutzgeld - die italienische Mafia im Ländle

Die männerdominierte Mafia-Welt hält bis heute an ihren Werten und Traditionen fest.
Die männerdominierte Mafia-Welt hält bis heute an ihren Werten und Traditionen fest. (Symbolbild) | Quelle: Giulia Pirrello
07. März 2024

Dunkle Sonnenbrillen, Zigaretten und Geldwäsche in der Pizzeria nebenan: Deutschland gilt als Mafia-Paradies – und Baden-Württemberg ist das Zentrum. David Fritsch, Pressesprecher des Landeskriminalamt Baden-Württemberg (LKA) erklärt, was es mit der Mafia im Ländle auf sich hat. 

Fast jeder kennt die Bilder und Klischees alter Mafia-Filme – und dass die kriminellen Gruppierungen tatsächlich fester Bestandteil der Gesellschaft sind, ist schon längst kein Geheimnis mehr. Innerhalb der italienischen Mafia gibt es verschiedene Gruppierungen, die sich in ihren Strukturen unterscheiden können. Die sizilianische Cosa Nostra besteht beispielsweise aus verschiedenen „coscas“ – einzelnen Familienclans, die nicht immer blutsverwandt sind. Sie werden von einem „Capo“ angeführt und sind nur durch wenige mächtige Mitglieder mit anderen Familienclans vernetzt.

Über die Cosa Nostra ist nicht allzu viel bekannt. Doch in den Jahren 1986 und 1987 konnte man zahlreiche Mitglieder festnehmen und sie in den sogenannten Maxiprozessen in Palermo auf Sizilien verurteilen. Final konnten 344 Männer zu insgesamt 2665 Jahren Haft schuldig gesprochen werden. Ziel der italienischen Justiz damals: der Kampf gegen die organisierte Kriminalität. Durch die Maxiprozesse gewann man einen tieferen Einblick in die Familienstrukturen der Cosa Nostra und ihrer Mitglieder.
 

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Gesamtnetzwerk Cosa Nostra: Wie eng die einzelnen Familienclans miteinander vernetzt sind, zeigt das Netzwerk der 1986/1987 in den Maxiprozessen verurteilten Mitglieder der Cosa Nostra. Die coscas sind in diesem Fall als jeweils dicht verbundene Gruppen erkennbar. | Quelle: Katharina Matt, Alina Klass, Giulia Pirrello, Jolyne Kamm

Wird von Mafia gesprochen, geht es in der Regel um die italienisch organisierte Kriminalität. Zur organisierten Kriminalität im Allgemeinen gehört das Gewinn- und Machtstreben und die planmäßige Begehung von Straftaten, die von erheblicher Bedeutung sind. Dabei wirken mehr als zwei Beteiligte auf längere oder unbestimmte Dauer unter gewerblichen Strukturen, der Anwendung von Gewalt oder einschüchternden Mitteln und unter Einflussnahme auf Politik, Medien, die öffentliche Verwaltung, Justiz oder Wirtschaft zusammen.

Die italienisch organisierte Kriminalität nutzt Deutschland vor allem als Aktions-, Flucht-, Rückzugs-, und Investitionsraum. Dabei wird zwischen vier Hauptgruppen unterschieden: Die Sizilianische Mafia, unter anderem die Cosa Nostra, die Neapolitanische Camorra, die Ǹdrangheta aus Kalabrien, sowie Apulische Gruppierungen, wie die Sacra Corona Unita. 

Die Cosa Nostra ist die älteste und traditionellste Gruppierung der sizilianischen Mafia und ist neben Italien auch in Deutschland, Südafrika, Kanada, den USA, Venezuela und Spanien aktiv.

Quelle: Bundeskriminalamt

Das Ziel der Mafia: Gewinn und Machtstreben. Dabei agieren die Mitglieder laut David Fritsch organisiert im Verborgenen. „Die sind überall da, wo es Geld zu verdienen gibt, wo man Geld investieren, Geld waschen kann. Ihre Vermögenswerte müssen sie natürlich irgendwie wieder legal in den Wirtschaftskreislauf bringen.“ Ihre Hauptdeliktsfelder seien dabei Rauschgiftdelikte, Schutzgelderpressung und Betrügereien, auch zum Nachteil der EU. Aber auch auf dem Immobilienmarkt oder in der Baubranche sei die Mafia aktiv. „Die sind schon sehr modern und gehen einfach mit der Zeit. Was sich ergibt, wird versucht.“ 

Normalerweise bleiben die Gruppen der italienisch organisierten Kriminalität unter sich in ihren jeweiligen Regionen, wie zum Beispiel die Cosa Nostra in Sizilien. 
Je nach Deliktsbereich oder Auftrag kann es dennoch zu Zusammenarbeiten mit anderen Mafia-Familien oder kriminellen Gruppierungen kommen, sowohl im eigenen Land als auch international. Kommt beispielsweise Rauschgift aus Südamerika nach Europa, wollen sich die italienischen Mafiosi daran bereichern und es weiterverkaufen, auch an dritte Gruppierungen. „Das ist natürlich Sinn und Zweck, gemeinsam durch kriminelle Tätigkeiten Geld zu verdienen. Da ist es egal, von welcher Nationalität“, so Fritsch. 

Ein absolutes No-Go innerhalb der Deliktsfelder: Das Rotlichtmilieu. „Prostitution und Mafia ist nicht state of the art. Italien ist ein katholisches Land, und so auch die Mafia. Die sind sehr verbunden mit Tradition, dem Glaube, der Kirche.“ Aus diesem Grund halten sie die Treue sehr hoch – wer fremdgeht, hat laut Fritsch gravierende Konsequenzen zu fürchten. „Da kann es schon sein, dass die Frau dann Witwe ist.“ Die Mitglieder der italienischen Mafia sind also selbst nicht sicher vor ihr, sondern müssen noch eher mit Gefahren rechnen. 
 

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Das Konfliktnetzwerk der 1986/1987 in den Maxiprozessen verurteilten Mitglieder der Cosa Nostra macht deutlich, dass es auch innerhalb der Mafia Streitigkeiten und Auftragsmorde geben kann. | Quelle: Katharina Matt, Alina Klass, Giulia Pirrello, Jolyne Kamm

Doch nicht nur an den Werten wird festgehalten. Ein wichtiger Aspekt der Mafia ist ihre Struktur und die lange Tradition. Bestimmte Regeln, Rituale und Taufen sind feste Bestandteile, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. „Das ist quasi eine Parallelwelt, in die sie zum Teil hineingeboren werden. Seit Jahrzehnten gewachsene Strukturen und Gelder, die fließen. An diesem Modell wird festgehalten, so lange es funktioniert.“

Mafia-Gefahr für Baden-Württemberg?

Laut dem LKA müsse sich der „normale“ Bürger keine Sorgen machen, durch die italienische Mafia in Gefahr zu kommen. Da die Mitglieder im Hintergrund arbeiten und sich weitestgehend von der Öffentlichkeit fernhalten, gebe es keine direkten Berührungspunkte zwischen der Gesellschaft und der italienischen Mafia. „Die wollen einfach ihre Geschäfte im Untergrund machen, ihre Gelder verdienen und in Ruhe gelassen werden“, heißt es von Fritsch. 
Um einer wirklichen Gefahr durch die Mafia ausgesetzt zu sein, fehlen laut LKA bei Normalbürgern die Druckmittel. Bei Landsleuten, die beispielsweise ein Restaurant in Baden-Württemberg und Familie auf Sizilien haben, sehe das anders aus. „Wenn ein Mafia-Mitglied in die Gastronomie kommt, muss es sich nicht großartig vorstellen. Der sizilianische Gastronom kennt die Namen und weiß, mit wem er es zu tun hat“, erklärt Fritsch.

Die Schutzgelderpressung laufe hierbei wie ein normales Geschäft ab und sei dadurch schwer zu beweisen. Der Mafioso bietet qualitativ schlechten Wein an, den der Gastronom abkaufen muss, um keine Konsequenzen fürchten zu müssen. „Ein Großteil ist dann natürlich auch die Angst, dass der Familie auf Sizilien was passieren könnte. Und um das Ganze zu umgehen, nimmt man das einfach ab und gut ist“, so Fritsch.

Indirekt nehme die Mafia jedoch sehr wohl Einfluss auf die Gesellschaft, da sich ihr Einfluss auf die Wirtschaft wieder auf die Gesellschaft auswirke. Dies zeigt sich laut Fritsch beispielsweise am Immobilienmarkt. „Die italienische Mafia verfügt über sehr viel Bargeld, was sie loswerden und zurück in den Kreislauf bringen muss. Deshalb kauft sie alles Mögliche, was es zu kaufen gibt“, erklärt der Pressesprecher. Darunter fallen auch viele Immobilien für hohe Preise. „Das hat eine Auswirkung auf die Gesellschaft, weil eine Drei-Zimmer-Wohnung dann nicht mehr 120.000 Euro, sondern beispielsweise 180.000 Euro kostet."

Aber wie kann dagegen vorgegangen werden? Um den Überblick über alle Gruppierungen zu haben, arbeitet die Polizei mit Netzwerken. Über Informanten und Verfahren im Bereich der organisierten Kriminalität kommen sie von einer Gruppe zur anderen, von einem Kontakt zum nächsten. „Und dann fangen wir an mit der Strukturermittlung, aus der auch hervorgehen kann, dass die Verantwortlichen Angehörige einer Mafia-Familie sind. Wir müssen jede Straftat verfolgen. Aber dafür müssen wir erst einmal Ansatzpunkte finden.“ 

Laut Fritsch sei es einfacher, gegen Rauschgiftkriminalität vorzugehen als gegen Geldwäsche in der Baubranche. „Wenn jemand so im Verborgenen arbeitet, ist es schwierig. Da sind so viele Ecken, über die das Geld läuft.“ 
Mithilfe der Netzwerkanalysen könnten auch die unterschiedlichen Hierarchieebenen ausfindig gemacht werden, um die Köpfe der Mafia-Clans zu bekommen. „Aber je weiter es nach oben geht, desto schwieriger sind die Ermittlungen, desto abgeschotteter sind die Menschen.“ Gegen die organisierte Kriminalität gezielt vorzugehen und sie zu zerstören, ist also schwer – womit die Mafia wohl weiterhin ein offenes Geheimnis bleibt.

Der Artikel bezieht sich auf eine im Rahmen des Moduls „226305 Netzwerk- und Beziehungsmanagement“ erhobene Netzwerkanalyse. Hierbei wurde untersucht, wie die Mitglieder der Cosa Nostra, die 1986/1987 in den Maxiprozessen verurteilt wurden, miteinander vernetzt sind.

Der Datensatz und das Codebuch sind auf GitHub verfügbar.