Open Source statt Microsoft - ein offensichtlicher Fehler?
In deutschen Behörden sollen nicht mehr länger die gängigen Softwareprogramme von Microsoft, Palantir und anderen zum Einsatz kommen. Zu groß ist die Sorge über zu viel politischem Einfluss aus den USA, der sich dort immer mehr auch auf die großen Tech-Firmen ausweitet. Da standardmäßig deren Produkte in deutschen Behörden eingesetzt werden, könnte Deutschland diese Auswirkungen schon bald zu spüren bekommen. So befürchtet es Karsten Wildberger, der erste deutsche Minister für Digitales und Staatsmodernisierung. Seine Alternativlösung: Open-Source.
Was bedeutet eigentlich Open-Source?
Open-Source bezeichnet Software, deren Quellcode öffentlich einsehbar ist. Dadurch kann relativ einfach etwas von jedem mit Fachkenntnissen dazu programmiert oder verändert werden. Im Gegensatz dazu steht Closed-Source-Software, die Bekanntesten stammen von US-Firmen wie Microsoft. Deren Quellcode ist nur für die jeweiligen Unternehmen sichtbar und gehört ihnen auch. Nutzende haben darauf somit keinen Zugriff oder Einfluss. Daher steht diese Form häufig in der Kritik, wenn es um Datenschutz oder dem Entwickeln eigener Innovationen geht.
Quelle: ionos.de
In den kommenden Jahren will Wildberger für mehr Vergleichsangebote aus Deutschland beziehungsweise der EU sorgen. Diese sollen dann flächendeckend und bundeseinheitlich im ganzen Land von Staatsministerien bis hin zur kommunalen Verwaltung anstelle von Microsoft und Co. verwendet werden. Dabei würde aber auch die Digitalisierung in diesen Ämtern noch langsamer voranschreiten, als ohnehin schon. Das Austauschen durch Programme, die teils noch gar nicht fertig entwickelt sind und die individuelle Handhabung der einzelnen Länder würden den Vorgang noch weiter ausbremsen. Ein zielführender Plan sieht anders aus.
Gute Idee, aber ...
Eine vollständige Abkehr von den BigTech-Anbietern ist daher keine gute Idee. Denn das umzusetzen dürfte kostspielig werden. Im aktuellen Zustand bei öffentlichen Ämtern ist meistens Microsoft der Standard, ähnlich wie bei den meisten Büros in Deutschland. Daher könnte eine komplette Umstellung des Systems durchaus kostspielig werden. Schließlich muss das Amt alle Mitarbeiter im Umgang damit schulen. Eventuell müsste extra dafür sogar zusätzliches Personal angestellt werden. Damit handelt es sich bei der Debatte auch um eine Frage der Verfügbarkeit von Ressourcen, personell wie finanziell. In Anbetracht dessen, dass weder Kommunen noch die Länder aktuell über einen monetären Wohlstand verfügen, ist das durchaus bedenklich. Einzelne Landeshaushalte dürften vielleicht noch über die nötigen Mittel verfügen, auf kommunaler Ebene könnte das Vorhaben des Digitalministeriums in der Umsetzung allerdings schwierig werden.
Das Land Schleswig-Holstein hat bereits seit 2024 komplett auf Open-Source-Software umgestellt. Dabei lief es nicht problemfrei beim Umstellungsprozess. Beschäftigte in der Justiz hatten anfangs zeitweise Probleme, auf ihre Mails zuzugreifen, konnten Haftbefehle und andere wichtige Unterlagen nicht versenden oder lesen. Somit dauerte einige Zeit bis zur finalen Ausführung. Wie soll dann eine kleine Stadtverwaltung diese Schritte bewältigen? Dazu gibt es von Wildberger bislang keine Aussage. Dazu kommt auch die Tatsache, dass sich nicht jede Anwendung wie Microsoft Teams oder spezielle Softwares für Fachämter angemessen mit allen zugeschnittenen Funktionen durch ein Open-Source-Programm ersetzen lassen.
Wenn diese auch wegfallen, wird digitale Arbeit in deutschen Behörden noch schwerer. Da die Reform des Ministeriums sich nur auf öffentliche Ämter bezieht, könnte eine Art Parallelwelt entstehen. Denn grundsätzlich bestehen schon jetzt Defizite bei der Digitalisierung. Viele Archive sind zum Beispiel noch nicht vollständig digitalisiert. Das Einsetzen von Open-Source-Programmen und das damit verbundene Abrücken von den gängigen Marktführern würde sie weiter von der Gesellschaft abschneiden. Software von Microsoft ist zu sehr verbreitet, Dagegenhalten wäre eine große Herausforderung. Egal ob im Beruf oder für den privaten Gebrauch. Es ist der Standard. Wenn sich nun die öffentlichen Ämter dagegenstellen, verlieren sie die digitale Schnittstelle zum Privaten. Denn kommerzielle Unternehmen werden weiter auf die Closed-Source setzen, da es für sie einfach die effizientere Lösung ist. Sollte eine Person dann den Beruf von einer privaten Firma zu einer öffentlichen Arbeitsstelle wechseln, müsste sie sich wieder komplett umstellen, was ebenfalls zu einem zusätzlichen Aufwand führt.
EU-weite Lösungen sind sinnvoll
Im Grunde ist der Ansatz schlau, mit mehr Open-Source-Software zu arbeiten. In der Tat würde dieser Weg ein Stück weit die Unabhängigkeit gegenüber den USA zurückbringen. Schließlich kooperieren die US-Firmen immer mehr mit der Politik von Donald Trump, die sich aktuell weiter von einer Demokratie entfernt. Auf eigene Open-Source zu setzen kann Deutschland digitale Souveränität verschaffen. Ein kompletter Rückzug von jeglicher Closed-Source-Software ist jedoch nicht direkt das, was getan werden sollte. Denn an gewissen Stellen sind sie einfach besser oder werden so gebraucht wie sie sind. Daher der Vorschlag: Die Programme beibehalten, aber den Einfluss der Firmen aus der Politik heraus minimieren. Dafür braucht es keine riesigen Verträge mit den Staatsmächten. Es könnte viel einfacher dadurch funktionieren, wenn die EU ihre Richtlinien und Vorgaben für auswärtige Software verschärft, sodass sie den europäischen Standards genügen. Teilweise gab es schon zielführende Abkommen mit den Unternehmen, wie die geschlossene EU-Datengrenze mit Microsoft. Wenn diese Praktiken weiter ausgebaut werden, dann hat Deutschland auch mehr Unabhängigkeit.