Kinosterben? Nein, danke.
Die klassische Anzeigetafel auf dem Vordach des Delphi Arthaus Kinos leuchtet in der Nachmittagssonne. In großen roten Lettern stehen darauf Filmtitel wie „The Drama“ oder „Der Astronaut“. Es ist Ende April und die ersten heißen Tage des Jahres locken viele Menschen in die Stuttgarter Innenstadt. Noch hat das Delphi nicht geöffnet, doch immer wieder halten Passant*innen vor den geschlossenen Türen des alten Gebäudes an und schauen die ausgehängten Programmflyer und Plakate an. Im Foyer, das mit einerseits orangen, andererseits gläsernen Wänden für ein altes Kino sehr modern wirkt, schwebt schon der süße Geruch von Popcorn in der Luft. Es ist noch still. Zwei Mitarbeitende bereiten das Kino auf die ersten Vorführungen des Tages und die kommenden Gäste vor.
Auch Peter Erasmus, der Geschäftsführer der Arthaus Filmtheater Stuttgart GmbH, ist anwesend und unterhält sich im Foyer mit einem Mitarbeiter. Er betreibt mit dem Delphi und dem Atelier am Bollwerk zwei Arthaus Kinos. Der 73-Jährige sitzt entspannt auf einer der orangefarbenen Lederbänke im Eingangsbereich. Sein dunkelgraues Jackett sitzt passend über einem blau-weißen Hemd. Hinter ihm hängen an einer Pinnwand kleine Poster der anstehenden Filmvorstellungen. Auf die Frage hin, was ihm Kino bedeute, lehnt er sich nach vorne, blickt durch seine Brille auf den Boden, und antwortet, ohne lang zu zögern: „Mein Leben.“
Ein Leben für das Kino
Seit seinen Jugendjahren hat Erasmus ein großes Interesse für Filme, aus dem sich später eine Faszination für den Kinobetrieb entwickelte. Doch in den Kinos seiner Heimatstadt fand er statt der Filme, von denen er in Filmmagazinen las, vor allem amerikanische B-Ware. Desinteressiert von der Programmauswahl entschloss er sich mit 17 Jahren dazu, im Rahmen eines Schulkinos Filme seiner Wahl in der Aula vorzuführen.
In Freiburg begann er, Jura zu studieren, obwohl er eigentlich den tieferen Wunsch hatte, Filmemacher zu werden. Nachdem die Filmhochschule in München ihn nicht aufnahm, sammelte Erasmus in diversen Kinos Arbeitserfahrung. Im Jahr 1978 bekam er die Möglichkeit, die Theaterleitung eines Kinos in Stuttgart zu übernehmen. „Ich bin dann dahin gefahren, habe das Kino gesehen und gedacht: Das ist mein Traum, hier kann ich Programm machen.“, erinnert sich Erasmus. Als Theaterleitung konnte er sich in der Programmgestaltung ausprobieren. Die Programme, die anfangs unter anderem aus politischen Filmen und Filmklassikern bestanden, seien laut Erasmus erfolgreich gewesen. In den folgenden Jahren übernahm Erasmus die Leitung weiterer Stuttgarter Kinos, die leer standen oder deren Schließung bevorstand. Hoch- und Tiefphasen zogen sich durch diese Jahre. Manche seiner Kinos schlossen, neue Kinos kamen dazu. Das Atelier am Bollwerk öffnete 1997, das Delphi übernahm er 2001.
Tiefpunkt Corona
Im März 2020 stand den deutschen Kinobetrieben eine große Krise in Form des Lockdowns bevor. Nach den damaligen Leitlinien der Bundesregierung bezüglich der Coronapandemie mussten viele Betriebe geschlossen bleiben, um soziale Kontakte im öffentlichen Raum einzuschränken. Dazu gehörten Bars, Schwimmbäder, Museen und auch Kinos. Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater, prognostizierte im Sommer 2020 in einem Interview mit der dpa, dass man bei bestehenden niedrigen Auslastungsmöglichkeiten einen erheblichen Teil der Kinos verlieren werde. Laut der Kinobilanz der Filmförderungsanstalt (FFA) brach der Umsatz deutscher Kinos 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 69 Prozent ein. Den 118,6 Millionen Ticketverkäufen des Vorjahres standen lediglich 38,1 Millionen gegenüber. Diverse Medien berichteten von einem möglichen Kinosterben.
Die Folgen des Lockdowns für Kulturbetriebe trafen Peter Erasmus hart. „Das war überhaupt das Schlimmste, was ich in meinem Leben erleben musste“, berichtet er trocken. Nachdem die Infektionszahlen über den Sommer 2020 wieder sanken und die Lockdown-Vorkehrungen etwas gelockert wurden, konnten die Kinos unter Auflagen wieder öffnen. Anfang November 2020 mussten sie allerdings wegen einer neuen Infektionswelle bis Juni 2021 erneut schließen. „Am ersten November mussten wir wieder zumachen und dann waren es aber wirklich acht Monate. Es war für mich die Hölle“, erinnert sich Erasmus an den Winter zurück: „Da habe ich eine richtige Psychokrise gekriegt.“
Der Weg aus der Krise
Nachdem die Schutzmaßnahmen erneut etwas gelockert wurden, erklärte sich Erasmus Sohn bereit, die Gestaltung des Kinoprogramms zu übernehmen, und entlastete somit seinen Vater. Erasmus selbst überraschte das, da sein Sohn eher einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund hatte. Dieser Wandel sei aber genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen, erklärt er zufrieden. Seine Ansprechpartner*innen bei den Filmverleihen seien in Rente gegangen und deren Nachfolger*innen seien eher im Alter seines Sohnes. „Das war die richtige Entscheidung. Und dann haben wir tatsächlich nochmal richtig durchstarten können. Ich habe nicht geglaubt, dass das nochmal klappen würde. Es läuft wirklich super“, berichtet Erasmus stolz.
Durch die Pandemie schafften es das Delphi und das Atelier, mit der Hilfe von Förderprogrammen, aber auch durch Aktionen, die den Kinos Aufmerksamkeit und Unterstützung verschafften. Erasmus erzählt begeistert von dem Verkauf von Gutscheinen. „Obwohl das Kino zu war, haben die Leute uns die Kinogutscheine aus den Händen gerissen.“, erinnert sich Erasmus freudig. Jemand habe 100 Stück gekauft, nur um das Kino zu retten. Zusätzlichen Erfolg hatten das Delphi und das Atelier in der Coronazeit mit dem Vermieten ihrer Säle. Laut Erasmus hätten besonders Unternehmen die großen Räumlichkeiten unter den Abstandsregelungen der Pandemie sehr attraktiv gefunden. Bis heute seien die Säle beliebt für Privatveranstaltungen wie Junggesell*innenabschiede. „Wir haben pro Woche im Schnitt zwei bis drei Anfragen, wovon dann etwa zwei Drittel auch stattfinden.“, erklärt Erasmus. Neben Werbeeinnahmen sind solche Veranstaltungen oder der Verkauf von Popcorn und Snacks wichtig für den Umsatz. Laut Erasmus würden sich Kinos meistens nicht durch Filme finanzieren. Bei 40 bis 53 Prozent der Einnahmen, die an die Filmverleihe gehen, 20 Prozent Personalkosten, weiteren 20 Prozent für die Miete und zusätzlichen Kosten wie Strom, Gas und Wasser bleibe vom Film meist nicht mehr viel übrig.
Die Eingangstür öffnet sich, und mit den ersten Gästen dringt die Geräuschkulisse der Stadt ins Foyer. Zwei Gäste mittleren Alters grüßen Erasmus. Er grüßt herzlich zurück und deutet auf die beiden Herren: „Das sind beispielsweise Gäste, die jede Woche dreimal kommen. Und das gefühlt schon seit 20, 25 Jahren.“ „Und immer wieder gerne“, entgegnet einer der beiden Gäste lächelnd, bevor er sich an der Kasse anstellt.
Ein Ausblick in die Zukunft
„Das vielbefürchtete Kinosterben hat bisher nicht stattgefunden“, erklärte FFA-Vorstand Peter Dinges in einer Pressemeldung der FFA im August 2021. Die Zahlen zum Kinobestand seien im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie konstant geblieben. In den letzten Jahren lässt sich ein Aufwärtstrend im Umsatz der deutschen Kinobranche beobachten. Dennoch wurden die 1,024 Milliarden Euro Umsatz aus dem Jahr 2019 bisher noch nicht erreicht. Der jährliche Kinoumsatz lag im Jahr 2025 bei 924 Millionen Euro.
Laut Erasmus gehe es dem Delphi und dem Atelier am Bollwerk jetzt trotzdem besser denn je. Wegen Streaming mache er sich keine Sorgen mehr. Er erinnert sich an die Pandemie zurück: „Was habe ich das gehasst, zu Hause herumzusitzen und Filme im Streaming anzugucken. Das war für mich eine Strafe.“ Nach der Pandemie kamen viele treue Zuschauer*innen zurück. Zu Erasmus Freude seien darunter auch viele jüngere Besucher*innen gewesen. Eine Krise sieht Erasmus nur für einen Teil der Branche: „Kinocenter in kleineren Orten, die lieblos geführt werden, die nur die ersten 15 bestlaufenden Filme spielen, werden Schwierigkeiten kriegen.“ Es gebe immer weniger Titel, die durchschlagende Erfolge seien. „Es wird alles immer schneller durchgekocht. Man kann sagen, dass nach drei, vier Wochen eigentlich das große Geschäft gemacht ist. Und so kann man meiner Meinung nach kein Kino machen.“ Erasmus ist sich sicher: „Kleine, von leidenschaftlichen Kinomachern betriebene Kinos wird es bestimmt noch für 20, 30 Jahre geben.“
Die Sonne ist untergegangen und das letzte bisschen Licht verschwindet hinter den Gebäuden der Stuttgarter Innenstadt. Die roten Filmtitel auf der Anzeigetafel sind jetzt warm beleuchtet. Eine Vorstellung von „The Drama“ soll um 20.45 Uhr beginnen. Eine Schlange aus größtenteils jungen Menschen steht bis zur Tür. Auch wenn die Umsätze am deutschen Kinomarkt insgesamt noch nicht die Höhe von 2019 erreicht haben, scheinen die Arthaus Kinos in Stuttgart erst einmal nicht auszusterben.