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Musik schafft Brücken

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Mit „Die Fermate“ haben Studierende der HdM ein besonderes Hörspiel entworfen. | Bild: Robin Zwirner

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Mit „Die Fermate“ haben Studierende der HdM ein besonderes Hörspiel entworfen. | Bild: Robin Zwirner
 

05 Jul 2021

Hat Musik die Kraft, Alzheimer zu heilen und Erinnerungen zurückzubringen? Das binaurale Hörspiel „Die Fermate” von Studierenden des Studiengangs „Audiovisuelle Medien” thematisiert diese Frage mit einer fiktiven Geschichte.

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Im Laufe des Semesters haben die Studierenden des Masterstudiengangs „Audiovisuelle Medien“ das binaurale Hörspiel „Die Fermate“ entwickelt. Dadurch soll beim Hören mit Kopfhörern ein dreidimensionaler Eindruck entstehen. Das Hörspiel setzt sowohl musikalisch als auch inhaltlich Akzente, indem es eine gestörte Vater-Sohn-Beziehung thematisiert. Auch die Kraft der Musik, Krankheiten wie Alzheimer zu lindern, ist Teil des Hörerlebnisses. Inspiriert von persönlichen Erfahrungen mit Alzheimer-Erkrankten wollen die Produzenten mit ihrem Hörspiel Hoffnung machen. Dieses wurde auf der MediaNight der Hochschule der Medien in Stuttgart am 1. Juli 2021 vorgestellt. 

Kopfhörer auf und play: Meeresrauschen und Möwengeschrei in der Ferne. Man fühlt die Nähe zum Meer buchstäblich. Türklopfen. Jemand betritt ein Haus.

Der Vater erkennt den Sohn nicht wieder

Maurice ist der Sohn des großen Komponisten Richard Rosenstein. Jahre zuvor zerbrach ihre Beziehung an Herr Rosensteins Gier nach Erfolg. Als Maurice endlich den Mut aufbringt seinen Vater zu besuchen, ist dieser an Alzheimer erkrankt und erkennt ihn nicht wieder. Herr Rosensteins Gedanken kreisen sich um eine längst vergangene Premiere. Klare Momente scheint er lediglich beim Anblick von Maurice’ Geige zu haben. Um die Erinnerungen seines Vaters wiederzuerwecken, gibt sich Maurice als Solist für die Premiere aus. Als er die Komposition vorspielt, erinnert sich Herr Rosenstein wieder an seinen Sohn.

Durch das binaurale Hörspiel kommen Distanzen stärker zur Geltung und die Zuhörer*innen bekommen das Gefühl, hautnah dabei zu sein. Dieses wird durch den bemerkenswerten Einsatz von musikalischen Klängen und vielseitigen Alltagsgeräuschen, wie etwa Türklopfen oder Schritten, unterstützt. Die Instrumente der Protagonisten nehmen eine zentrale Rolle in der Geschichte ein. In Momenten der Hoffnung und der schönen Erinnerungen kommt Maurice‘ Geige zum Einsatz. Das Klavier symbolisiert mit wahllosem Klimpern Melancholie sowie die Lückenhaftigkeit der Erinnerungen des Vaters. Zusätzlich ertönen Pauken in dramatischen Szenen zur Untermalung des angespannten Verhältnisses zwischen Vater und Sohn. Die Musik erreicht ihren Höhepunkt im Zusammenspiel von Klavier und Geige, als sich Herr Rosenstein endlich wieder an seinen Sohn erinnert.  Die dadurch entstehende Harmonie signalisiert die Versöhnung der beiden und verleiht der Musik eine heilende Wirkung. Das Hörspiel glänzt mit einer hervorragenden Tonqualität und der richtigen Auswahl an Instrumenten, die eine passende Atmosphäre erzeugen, sowie der starken Performance der Musiker*innen. Die Musik dient hier nicht nur zur Untermalung der Geschichte, sondern gezielt als eigener Handlungsstrang.

Ein Orchester voller schöner Erinnerungen

Maurice versucht alles, um zu seinem kranken Vater durchzudringen. Für diesen ist er allerdings nur ein fremder, ungebetener Gast, der ihn beim Komponieren für die Premiere stört. An dieser Stelle scheint die Vater-Sohn-Beziehung nicht mehr zu retten. Wie durch ein Wunder nimmt die Geschichte jedoch eine positive Wendung: Herr Rosenstein öffnet sich seinem Sohn, als dieser anfängt, Geige zu spielen. Weitere Instrumente und Gesprächsausschnitte ergänzen den Soloklang der Geige und bilden ein Orchester voller schöner Erinnerungen. Wo eigentlich kein Dialog mehr stattfindet, baut die Musik Brücken zwischen den Protagonisten. Herr Rosenstein macht seinem Sohn sogar ein Kompliment: „Wie du da eingesetzt hast, die Fermate bei Takt 17, das war grandios.” Hier findet man auch den Titel des Hörspiels wieder. „Fermate” steht in der Musik für einen lang andauernden Notenwert ohne festgelegten Schlusspunkt. Darin spiegelt sich Maurice’ Hoffnung wider, die Erinnerungen seines Vaters möglichst lange halten zu können. Auch hier schafft die Musik Brücken im Gehirn von Herrn Rosenstein.

Die Geschichte behandelt sensibel das Leid, das Angehörige von Alzheimerpatient*innen zu tragen haben. Es gelingt den Macher*innen die berührende Geschichte einer Familie mit wenigen Worten zu erzählen. Durch einen eindrucksvollen Sound und eine atmosphärische Komposition tauchen die Zuhörer*innen in ein spannendes Hörerlebnis ein. Das mitreißende Hörspiel ist absolut weiterzuempfehlen, weil die Geschichte sowohl musikalisch als auch inhaltlich sehr gut umgesetzt wurde.