Das Meer, die Ruhe und das Licht Norwegens. Bilder die Martin begleitet haben, seit er mit acht Jahren das erste mal am Nordkap war. 

Martin Lühning

Das Meer, die Ruhe und das Licht Norwegens. Bilder die Martin begleitet haben, seit er mit acht Jahren das erste mal am Nordkap war. 

Martin Lühning

45 Jahre später macht er sich auf den Weg zurück. Allein. Mit dem Rad. Das Ende Europas in Sicht. Die Begleitung einer Reise, vor allem zu sich selbst. 

Martin Lühning

45 Jahre später macht er sich auf den Weg zurück. Allein. Mit dem Rad. Das Ende Europas in Sicht. Die Begleitung einer Reise, vor allem zu sich selbst. 

Martin Lühning

Martins 5.199 Kilometer

Martin Lühning

Martins 5.199 Kilometer

Martin Lühning

Juni 1981. Es ist zwei Uhr in der Nacht und draußen ist es dank der Mitternachtssonne so hell wie am Nachmittag. Martin ist acht Jahre alt, liegt im Zelt mit einem Buch in der Hand. Keine Taschenlampe nötig. Alles ist still, es weht eine kleine Windbrise und dann ist da diese Sonne, die einfach nicht untergehen möchte – die Mitternachtssonne. Er macht Urlaub mit seinen Eltern, weit oben in Norwegen. Er hat schon viele Abenteuerreisen mit seinen Eltern erlebt. Fortbewegungsmittel sind auf solchen Abenteuern meistens das Fahrrad oder der Camper. Aber kein Ziel und kein Erlebnis hält ihn so sehr fest, wie die Anmutung Norwegens.

Juni 2026. Ein heißer Tag, Deutschland steckt mitten in der Hitzewelle. 35 Grad und die Thermometer-Anzeige steigt von Tag zu Tag höher. Heute ist Martin 53 Jahre alt, groß und sportlich. Seine blonden Haare sind langsam grau geworden. Jahrelang stand sein Fahrrad berührungslos in der Garage. Familie, Job und der Alltag ließen keine Touren, wie er sie früher kannte, zu. Aber 2020 holte er es endlich wieder raus. Mit dem Fahrrad quer durch Deutschland, Riga oder die Slowakei. Aber da ist immer noch dieses Gefühl in ihm. Dieses Gefühl, das ihn jahrelang in der Nase kitzelte. Es ist der Traum, noch einmal die Mitternachtssonne zu sehen. Einmal in der taghellen Nacht durch Norwegen zu fahren. Mit dem Fahrrad ans Nordkap. An die 307 Meter steil abfallende Klippe, welche in den arktischen Ozean ragt. Der nördlichste Punkt Europas, den man auf dem Straßenweg erreichen kann. Und so steht er nun in lockerer Kleidung, mit Vorfreude und Nervosität im Nacken vor halbgepackten Taschen und seinem Fahrrad in jener Garage. 

Fahrradtaschen, volle Gefrierbeutel mit Kleidung, ein Helm, der Campingkocher und das zusammengeklappte Zelt. Alles in diesem Raum riecht nach Aufbruch und morgen ist es endlich soweit.

Annika Taube

Fahrradtaschen, volle Gefrierbeutel mit Kleidung, ein Helm, der Campingkocher und das zusammengeklappte Zelt. Alles in diesem Raum riecht nach Aufbruch und morgen ist es endlich soweit.

Annika Taube

„Norwegen ist einfach das Land, wo ich sage, das ist so geil, da will ich wieder hin!“ 

Martin Lühning

„Norwegen ist einfach das Land, wo ich sage, das ist so geil, da will ich wieder hin!“ 

Martin Lühning

2022 steht der Entschluss fest, welchen er nun im Jahr 2026 umsetzt: „Ich nehme meine ganzen Überstunden und bin erstmal weg“. Er errinert sich an viele Tage, die abliefen wie dieser: Es ist 18:30 Uhr, Martin schließt die Haustür auf, zieht nach vielen Stunden harter Arbeit als Polizist Jacke und Schuhe aus. Ein Tag wie jeder andere, den man als Polizist in der Rauschgiftbekämpfung beim LKA eben hat. Martin klappt den Laptop auf, öffnet Google Maps und zoomt bestimmt das hundertste Mal in diese eine Küstenstraße in Norwegen rein, die er mittlerweile auswendig kennt. Er sucht noch einmal die geeignetsten Campingplätze heraus, verbringt Stunden damit, Fähren zusammenzusuchen, die er nehmen muss und checkt weitere hundert Mal, wo er auf seiner Strecke zum Nordkap etwas zu essen kaufen könnte. Oft ist er die Strecke schon gefahren. Nach Feierabend. Zumindest im Kopf. Zur Entspannung. Für Martin ist es weniger Pflicht als pure Freude, einen harten Tag mit der Planung für die große Tour ausklingen zu lassen. Manchmal denkt er, er wird erst in der Pension fahren können. Wenn die Kinder groß sind. Manchmal fürchtet er, dass er dann nicht mehr fit genug sein könnte. 

Dass sein Traum jetzt schon wahr wird, verdankt er auch seiner Frau, seinen beiden Kindern und den Kollegen auf der Arbeit. Alle unterstützen ihn. „Ich bin unendlich dankbar dafür, weil ich weiß, dass das was Besonderes ist“, sagt er. Der Plan: fünf Wochen unterwegs mit jeweils rund 200 km pro Tag. Von Süddeutschland die für ihn gewohnte Strecke bis nach Hamburg, mit der Fähre nach Dänemark und Schweden. Schließlich durch Norwegen bis ganz nach oben ans Nordkap. 

22. Juni 2026, 6 Uhr, 20 Grad. Der Aufbruch. Unzählige Male wurden das Fahrrad gewogen und die Taschen umgepackt. Martin hat keine Angst, aber ein bisschen Respekt ist da schon. Martin schreibt: „Wenn ich nicht nervös wäre, wäre ich glaub tot.“ 

„Wenn ich nicht nervös wäre, wäre ich glaub tot. “
Martin Lühning

Jetzt oder nie

Wacklige Knie, zittrige Hände am Lenker. In Deutschland kann er sich noch einrollen. Warm werden mit dem Rad, der bevorstehenden Strecke und sich selbst, ohne groß nachdenken zu müssen. Die ersten sieben Tage vergehen ohne Überraschungen. Übernachtungen sind noch fix eingeplant und Martin hat Zeit – Zeit für Gedanken, für die sonst im Alltag wenig Raum ist.

Es ist heiß in Deutschland, unerträglich heiß. Der Nacken schmerzt. Die Beine sind schwer. Das, was Martin aber die ganze Zeit bleibt, ist die Dankbarkeit, die Zufriedenheit darüber, was er erleben darf: „65 km des Tages sind drin, die Beine fühlen sich eher nach 165 km an. Du rollst mit gesenktem Kopf die Straße entlang, beachtest die schöne Bank am Wegesrand fast nicht, bis dein Kopf endlich einschaltet und dir sagt: Dreh um, mach eine Pause, du hast fast alle Zeit der Welt“. Er freut sich über vorbeilaufende Spaziergänger und Straßenkehrer, die ihn so herzlich anlachen. 

26. Juni 2026. An Tag 5 kommt er in Dänemark an. Das Land begrüßt ihn mit 40 Grad – der heißeste Tag, den es jemals in Dänemark gab, erfährt Martin im Nachhinein. Durch eine geschmolzene Teerschicht verliert sein Reifen Luft und 10 km vor dem Tagesziel kommt das erste Mal die Luftpumpe zum Einsatz. Die Strecken sind monoton. Gerade. Lang und zäh. Sorgen machen sich breit: „Was, wenn ich die geplante Fähre morgen nicht bekomme?“

Irrelevante Ängste, denn nicht mal 24 Stunden später sitzt Martin mit repariertem Reifen und einem Grinsen im Gesicht auf der Fähre von Frederikshavn nach Göteborg. 

Martin Lühning

Irrelevante Ängste, denn nicht mal 24 Stunden später sitzt Martin mit repariertem Reifen und einem Grinsen im Gesicht auf der Fähre von Frederikshavn nach Göteborg. 

Martin Lühning

Auf einer windigen Fährfahrt kann er kurz innehalten und lädt neue Fotos sowie einen kleinen Text auf Instagram hoch. Hier hält er seine Familie und Freunde auf dem Laufenden und alle können sehen, wo er sich wann befindet. 

29. Juni 2026, 20 Grad. Nach mehreren Tagen mit Nudeln, Dönertellern oder Müsliriegeln, findet Martin in einem kleinen Supermarkt mitten in Schweden mal wieder einen Apfel zum Essen. „Endlich Vitamine“, denkt er und genießt ihn in vollen Zügen. Die 40 Grad in Dänemark sind längst vergessen. Inzwischen ist es deutlich kühler und endlich kommt auch die Jacke zum Einsatz. Mit dem starkem Rückenwind ist Schweden nur ein vorbeifliegendes Land, das er schnell durchradelt. Eine kurze Etappe, um dem Ziel näher zu kommen.

In nur acht Tagen schafft es Martin nach Norwegen. Eine rekordverdächtige Zeit. Trotz der Hitze, Knieschmerzen und schwindelerregenden Höhenmetern. Er überquert er die Grenze. „Ich könnte heulen vor Freude“, schreibt Martin. Bis zu diesem Zeitpunkt verläuft alles nach Plan. Die Sonne ist meistens draußen, die Campingplätze sind sauber. Keine großartigen Defekte am Fahrrad, die mehr als eine Stunde Zeit kosten und immer wieder nette Mitfahrende, die Martin auf seiner Reise begleiten. Nur seine Knochen lassen ihn am Morgen spüren, dass er keine 20 Jahre alt mehr ist. Aber das sind nur Kleinigkeiten und so kann es weiterlaufen. Martin fährt unaufhaltsam weiter Richtung Norden. 

5. Juli 2026, minus zwei Grad. Und irgendwann, da kommt das Tief, oder? Es kommt mit Regen, der Kälte, mit Nebel und Schnee. Es kommt mit seinen nassen Klamotten und den rutschenden Reifen auf kaltem, fast gefrorenem Boden. Aber es kommt nicht mit fehlender Motivation! Martin hält totz extremen Wetterhöhen und -tiefen durch.

Schwere Wege. Irgendwo im Nirgendwo mitten in Norwegen. Die Berge verschwinden im Nebel.

Martin Lühning

Schwere Wege. Irgendwo im Nirgendwo mitten in Norwegen. Die Berge verschwinden im Nebel.

Martin Lühning

Atemberaubende Natur und keine Menschenseele auf den leeren Straßen. Martin holt das Halstuch raus, zieht das dickere Shirt an und streift seine Überzieh-Schuhe drüber. In den kurzen Pausen kocht er sich heißen Kaffee, der in der Kälte sofort beginnt, zu dampfen. Sein Bein quält ihn seit einigen Tagen mit einer Entzündung. Trotzdem hält er durch, telefoniert mit seinem Physiotherapeuten, der ihm die Sorgen über sein Bein nimmt. Kein Wetter und keine Schmerzen könnten ihn brechen oder vom Erreichen des Ziels abhalten. Das, was ihn plötzlich tatsächlich aus dem Tritt bringt, ist etwas anderes. 

9. Juli 2026. Heute ist das Rad leicht, es gibt endlich eine klare Abfahrt. Weit und breit keine Schlaglöcher. Doch dann ist es plötzlich da: Ein schreckliches Krachen im Fahrrad. Die hintere Speiche ist durch. Von jetzt an fühlt sich jeder weitere Meter wie ein Glücksspiel an – Martin muss sein Tagesziel noch erreichen, bevor er sich um die kaputte Speiche kümmern kann. Er hält durch, die Motivation ist bis jetzt nicht gefallen und das wird sie auch nicht. Tagesziel geschafft! Am Abend wird er von Norwegen mit einem phänomenalen Campingplatz, einer Temperatursteigerung bis zu 15 Grad und einem kühl fließenden Bach für seine schweren Beine belohnt. So steht er jetzt im erfrischenden Nass, isst seine Spaghetti und hofft auf einen erfolgreichen nächsten Tag.

Am nächsten Tag erreicht Martin einen Fahrradladen. Mit dem geflickten Rad und leeren Straßen in Aussicht kann es losgehen, „On the Road again“, schreibt er Freunden und Familie. In der nächsten Nacht regnet es. Mal wieder ein nasses Zelt und ein steifer Rücken, aber als er am Morgen die Musik anmacht, ist von schlechter Laune nichts zu spüren. Auch wenn die letzten Tage eher ein Tief waren: Es hielt nur zwei Tage an!

17. Juli 2026. Martin erreicht das kleine norwegische Dorf Nusfjord. Genau hier war er vor 45 Jahren schon mit seinen Eltern. Diese riesigen Felsen, viel Natur und ein kleines Kaffeehäuschen im Dorf wecken sofort seine Erinnerungen, es sieht genau gleich aus. Er ist vertieft in die schönen Gedanken an früher, während er sich mit heißem Kaffee und einer frischen Zimtschecke aufwärmt. Eine kurze Pause tut Martin gut. Er steht kurz vor seinem Ziel.

Je näher er dem Ziel kommt, desto heller werden die Nächte und ruhiger die Schlafplätze.

Martin Lühning

Je näher er dem Ziel kommt, desto heller werden die Nächte und ruhiger die Schlafplätze.

Martin Lühning

18. Juli 2026, 9 Grad. „I Just Can't Get Enough” von Depeche Mode läuft laut in Martins Ohren.

Martin Lühning

18. Juli 2026, 9 Grad. „I Just Can't Get Enough” von Depeche Mode läuft laut in Martins Ohren.

Martin Lühning

Die Laune ist gut – ein perfekter Tag zum Radfahren, bis Norwegens Realität ihn mal wieder einholt. Ein paar Stunden später hat es 4 Grad, die Jacken sind an. Wind und Regen begleiten ihn bis zur nächsten Pause. Nach fast vier Wochen zeigt Martins Statistik 4.449 geschaffte km und 51.360 Höhenmeter. 

20. Juli 2026, 10 Grad. Gefühlschaos in Martins Kopf. In vier Tagen könnte er am Nordkap sein – eine Woche vor Planung –, nur knapp 600 km sind übrig. Dieses Gefühl kann er kaum in Worte fassen. „Ich weiß aktuell nicht, wie ich mit diesem Moment umgehen soll“. Auf der einen Seite durchströmt ihn die Freude, aber auf der anderen Seite ist da die Angst vor dem großen Fall, denn was kommt danach, wie wird diese Leere wieder gefüllt? 

Es ist der 23. Juli 2026, 23:38 Uhr. Ich bekomme eine Nachricht. Eine Sprachnotiz von Martin. „Es ist der Hammer, ich bin mitten im Tunnel, habe Empfang und Radio, es ist irre, absolut irre. Ich bin irgendwo zwischen Festland und Nordkapinsel – unterm Meer. Herzliche Grüße”. Martins Euphorie springt mir fast durch das Handy entgegen. Drei Stunden später erreicht uns ein Video in der „FindPenguins” App. Martin steht ein paar Meter vor dem Ziel. Er bedankt sich bei allen, die ihm diese Reise ermöglicht haben. Er bedankt sich bei seiner Familie, seinen Arbeitskollegen und allen, die ihn bei seinem Weg unterstützt haben. Für ihn ist es der emotionalste Moment, so kurz vor dem Ziel zu stehen. Den Tränen nah macht er sich auf die letzten paar Meter.

24. Juli 2026, 4 Uhr, 9 Grad. Martin ist immer noch 53 Jahre alt. Hinter ihm liegen nun 5.199 km und rund 59.000 Höhenmeter. Er ist jetzt jemand, der sich nach 45 Jahren Warten seinen Traum erfüllen konnte. Mit der Mitternachtssonne im Rücken schießt er endlich das lang ersehnte Foto am Nordkap. Kein Ruhetag, keine Unfälle. Nach vier Wochen Abenteuer hat er auch keine Angst mehr vor dem Fall ins Leere. Zu schön sind die Erinnerungen im Kopf und zu voll ist sein Herz mit allem Erlebten. 

Ein lang geträumter Traum wurde wahr. Und eins ist sicher: Martin bleibt nicht lange rad(t)los.

Martin Lühning

Ein lang geträumter Traum wurde wahr. Und eins ist sicher: Martin bleibt nicht lange rad(t)los.

Martin Lühning

Zur Entstehung dieser Reportage:

Ich habe Martin nicht persönlich begleitet, sondern stand während der Reise in engem Kontakt mit ihm: telefonisch und über die App FindPenguins, auf der er seine Eindrücke teilte. Zitate stammen aus diesem Austausch sowie einem Treffen kurz vor der Abfahrt.