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Influencer*innen zwischen Coachella und Weltkrisen: Verantwortung ja, Halbwissen nein

Influencerin, Daumen runter
Wer Millionen Menschen erreicht und von ihrer Aufmerksamkeit lebt, beeinflusst nicht nur Kaufentscheidungen. | Quelle: Maya Siegle
22. Mai 2026

Der Feed läuft weiter wie immer – trotz Kriegen, Klimakrise und politischer Spannungen. Doch viele Follower*innen erwarten inzwischen mehr als schöne Bilder und Unterhaltung. Ein Kommentar.

Glitzernde Festival-Outfits, Sonnenuntergänge in der Wüste, perfekt inszenierte Instagram-Stories: Wenn das Coachella-Festival in Kalifornien stattfindet, verwandeln sich die sozialen Netzwerke jedes Jahr in eine Bühne für Lifestyle-Content. Während Influencer*innen ihre Erlebnisse teilen, taucht in den Kommentaren immer häufiger eine andere Frage auf: Warum sagt ihr nichts zu dem, was gerade in der Welt passiert? Wer jedoch von Influencer*innen zu jeder Krise ein Statement verlangt, verwechselt Reichweite mit Kompetenz.

Wenn Influencer*innen auf Coachella tanzen, erfüllen sie zunächst genau das, wofür ihnen viele Menschen folgen: Unterhaltung und Inspiration. Aber daraus entsteht Verantwortung, die sich im besonderen Verhältnis zu ihrem Publikum begründet. Viele junge Menschen folgen Creator*innen über Jahre hinweg und entwickeln das Gefühl, sie persönlich zu kennen. Forschende sprechen hier von parasozialen Beziehungen – einseitigen, aber emotionalen Bindungen zwischen Publikum und öffentlicher Person. 

Orientierung an Vorbildern

Wer täglich Fitness-Tipps, Beauty-Routinen oder seinen Alltag teilt, wird schnell auch zu einem oder einer „Meinungsführer*in“ – einer Person, die laut Kommunikationswissenschaftler*innen Einstellungen und Sichtweisen anderer Menschen besonders stark beeinflusst. Eine Studie des Leibniz-Instituts für Medienforschung zeigt, dass sogenannte Personen-fokussierte themenvielfältige Social-Media-Accounts für junge Follower*innen vor allem wichtig sind, wenn es darum geht, sich eine persönliche Meinung zu bilden.

Diese Nähe erklärt, warum viele in gesellschaftlichen Krisen wissen wollen, wie ihre Vorbilder denken, wie ihre Haltung zu demokratischen Werten oder aktuellen Debatten ist. Doch hier beginnt schnell das Dilemma. Influencer*innen sind keine Journalist*innen und keine öffentlichen Institutionen mit Informationsauftrag. Ihre Kanäle entstehen meist aus ganz anderen Gründen: Mode, Sport oder Comedy. Wer sich dort plötzlich zu komplexen Themen äußert, sollte sich auskennen. Millionenpublikum und mangelndes Hintergrundwissen sind eine gefährliche Kombination. Politische Themen dürfen nicht wie beliebiger Lifestyle-Content behandelt werden.

Nachgefragt: Siehst du Influencer aufgrund ihrer Reichweite in der Verantwortung, gesellschaftspolitische Themen anzusprechen?

Influencerin @gehmalzumbekka über Reichweite und Verantwortung
Influencer @yessinkarim über Reichweite und Verantwortung
Influencer @noeldederichs über Reichweite und Verantwortung
Influencer @lasselebtlaut über Reichweite und Verantwortung
Digital Creator @henkenbergen über Reichweite und Verantwortung

Natürlich erfüllt nicht jede*r Influencer*in die gleiche Rolle. Schließlich wünscht man sich von einer Finanzexpertin auch keine Tipps zur Ernährung oder von einem Streamer Informationen zur richtigen Hautpflege. Und natürlich dürfen alle ihre persönliche Meinung äußern und klar Stellung beziehen. Wenn sie gesellschaftspolitische Themen ansprechen, haben sie gleichzeitig die Pflicht, ihre Position zu begründen. Denn problematisch wird es, wenn Influencer*innen Aussagen treffen, ohne Fakten einzuordnen. Wer nur deshalb politische Statements veröffentlicht, weil Schweigen sofort kritisiert wird, äußert oft eher performative Stellungnahmen.

Laut einer Studie des MIT verbreiten sich Falschinformationen deutlich schneller, breiter und tiefer als wahre Informationen. Das sollte jedem bewusst sein und im sorgfältigen Umgang mit dem eigenen Feed berücksichtigt werden – was leider häufig nicht der Fall ist. Eine Studie der Unesco offenbarte bereits 2024 Erschreckendes: Fast 62 % der Creator*innen überprüfen demnach die Richtigkeit von Informationen nicht, bevor sie diese mit ihrer Community teilen. Für fast 42 % ist die Anzahl von Likes und Aufrufen eines Inhalts der wichtigste Faktor bei der Bewertung der Glaubwürdigkeit einer Online-Quelle.

Junge Menschen verlassen sich inzwischen bei der Nachrichtenbeschaffung vor allem auf soziale Medien. | Quelle: 2015 Reuters Institute Digital News Report, 2015 Reuters Institute Supplementary Digital News Report, 2025 Reuters Institute Digital News Report

Niemand kann erwarten, dass Lifestyle-Creator*innen zu allen gesellschaftlichen Debatten etwas sagen möchten und können. Aber wer Millionen Menschen erreicht und von ihrer Aufmerksamkeit lebt, beeinflusst eben nicht nur Kaufentscheidungen. Begrüßenswert ist, darin eine Chance zu sehen, sich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einzubringen. Schon einfache Signale können Wirkung haben, etwa der Aufruf, wählen zu gehen. Oder Coachella fernzubleiben, weil der Festival-Inhaber, ein rechter Milliardär, umstrittene Spenden getätigt hat und die Klimakrise leugnet.

Influencer*innen müssen nicht jede Krise kommentieren. Aber sie müssen bewusst mit ihrer Reichweite umgehen. Dazu gehört auch, dass öffentlicher Druck nicht wichtiger wird als tatsächliches Wissen über ein Thema. Zwischen Lifestyle-Content und Weltgeschehen die richtige Balance zu finden, ist eine Herausforderung: für Influencer*innen – und für ihre Follower*innen. 

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