Das Genderverbot 5 Minuten

Ein Rückschlag für die queere Community

Diktatheft, in welches mehrere Sätze geschrieben sind. Das Wort Schüler*innen ist als Fehler angestrichen.
Gendern im Schulkontext? Zukünftig wird die Gendersprache als Fehler angestrichen, jedoch nicht als ein solcher gewertet. | Quelle: Lisa Marie Glock
17. Mai 2024

Bayern verhängt das Genderverbot: Besonders betroffen zeigt sich die queere Community. Verschiedene Interviewpartner*innen teilen ihre Ansichten zum Verbot der Gendersprache. Kritisiert wird insbesondere, dass Personen nicht-binärer Geschlechtsidentitäten nun sprachlich ausgegrenzt werden. 

Das Genderverbot in Bayern trifft Patricia Schüttler wie ein Schlag in den Magen. Als Assistenzärztin in einem Transgenderzentrum in München und 1. Vorsitzende des Vereins Trans-Ident e.V engagiert sie sich nicht nur beruflich, sondern auch privat für die Akzeptanz von Geschlechtervielfalt. Zur Aufklärung junger Menschen besucht sie beispielsweise Schulen und Universitäten. Sie erzählt mit einem Lächeln davon, wie viel Wert die Jugend auf die Darstellung der Geschlechtervielfalt legt. Ihre eigene Transition zur Frau ist bereits 10 Jahre her. Für die heute 51-Jährige und für viele andere Menschen der queeren Community ist das Verbot der Gendersprache ein herber Rückschlag. Vorstandsmitglied und Trans*-, Kultur- und Disability-Beauftragter von Queer Augsburg e.V. Aiden Lane Ziegler beschreibt die Reaktionen in der queeren Community als bestürzt. Teils sollen Menschen mit Protest oder Gegendemonstrationen reagiert haben. 

Bild von Patricia Schüttler
Patricia Schüttler, 1. Vorsitzende des Vereins Trans-Ident e.V
Quelle: Patricia Schüttler

Seit dem 01. April 2024 ist es an bayrischen Schulen, Hochschulen sowie in Behörden verboten, zur Umschreibung von Geschlechtern Sonderzeichen zu verwenden. Das Verbot tritt durch eine Änderung der Allgemeinen Geschäftsordnung für die Behörden des Freistaates Bayern (AGO) in Kraft. Laut dem Innenminister Joachim Herrmann orientiert sich Bayern mit dem Genderverbot an dem Beschluss des Rates für deutsche Rechtschreibung. Dieser hat die Verwendung von Sonderzeichen im Wortinneren nicht empfohlen. Der Beschluss wurde mit einem Verweis darauf begründet, dass das Gendern die Verständlichkeit von Texten beeinträchtigen kann. Patricia Schüttler lässt dieses Argument nicht gelten. Sie ist der Meinung, dass man Wichtigeres zu tun habe, als sich darum zu kümmern, wie man durch ein Genderverbot Menschen ausschließt. Menschen, die ein Recht darauf haben, gezeigt zu werden. Ein Parteisprecher der CSU erklärt auf eine Anfrage hin, dass sich das Verbot ja ausschließlich auf die Schule und die Verwaltung beziehe. Die CSU als Partei lehne jegliche Form des Genderns mit Sternchen, Doppelpunkt und sonstigen ideologischen Kunstformen ab. Im privaten hingegen könne jede*r reden und schreiben, wie man möchte. 
 

Kritik am Genderverbot in Schulen

Nicht nur im privaten Kontext, sondern auch für Schüler*innen ändert sich durch das Verbot erstmal nichts. Die Verwendung von Gendersprache im Schulkontext wird zukünftig als nicht korrekt angestrichen, jedoch nicht als Fehler gewertet. Laut dem Vorstandsmitglied von Queer Augsburg e.V. Aiden Lane Ziegler befinden sich Schüler*innen in einem besonders vulnerablen Alter, in welchem die eigene geschlechtliche Identität entdeckt wird. Für ihn ist die Erfahrung vermeidbar, bereits in diesem frühen Alter sprachlich gesehen abgelehnt zu werden. Patricia Schüttler teilt diese Bedenken und kritisiert das Markieren von genderinklusiven Wörtern als Fehler. Sie bemängelt zudem, dass gerade Lehrer*innen, die ihren Unterricht mit Aufklärungsprojekten weiterentwickeln möchten, durch das Genderverbot verunsichert werden. Sie verlieren den Rückhalt von oben und wissen nicht mehr, ob sie mit diesen Projekten das Richtige lehren. 

„Was macht das mit einer Person, die schon früh erfahren muss, dass die Gesellschaft keinen sprachlichen Platz für sie geschaffen hat?“  

Aiden Lane Ziegler, Vorstandsmitglied und Trans*-, Kultur- und Disability-Beauftragter von Queer Augsburg e.V.

Wirft man einen Blick auf die junge Generation, so werden hier verschiedene Stimmen deutlich. Der Sprecher der Bundesschülerkonferenz, Florian Fabricus, sowie die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) sprechen sich klar gegen das Verbot aus. Die GEW schreibt in einem Statement auf ihrer Website, dass das Genderverbot eine Einladung zur Diskriminierung von LGBTIQ-Menschen sei. Man versuche, diese Menschen mit dem Verbot in die Unsichtbarkeit zu drängen. Yuko Becker ist Schüler*innenvorstand der StadtschülerInnenvertretung München (SSV München). Seiner Ansicht nach gibt es unter Schüler*innen eine Meinungstendenz in die Richtung, dass es zumindest unnötig sei, das Gendern zu verbieten. Er unterstreicht, dass die Argumente der Regierung von Schüler*innen als widersprüchlich wahrgenommen werden: Die Regierung fordert eine Freiheit der Sprache anstelle eines Genderzwangs und verbietet dann paradoxerweise das Gendern. Zudem sorgt die Handhabung der Politik mit dem Genderverbot für Ärger. Christoph Arz, hauptamtliche Leitung der SSV München, kritisiert die Art und Weise, wie die Staatsregierung mit dem Genderverbot Wahlkampf macht. Kontroverse Themen wie das Gendern oder Cannabis werden laut ihm in Bayern überspitzt dargestellt. Auch Patricia Schüttler findet es schade, dass das Verbot dazu genutzt wird, Wähler*innenstimmen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Sie verfolgt mit Spannung die politischen Entwicklungen und geht mit einem mulmigen Gefühl in die Zukunft. Besonders fürchtet sie, dass politische Restriktionen von der Sprache auf andere Bereiche ausgeweitet und queere Menschen immer mehr abgehängt werden. Die Entwicklung der Sprache geht für Patricia Schüttler Hand in Hand mit der Entwicklung und dem Denken der Gesellschaft. 

„Unsere Gesellschaft entwickelt sich weiter und unsere Sprache entwickelt sich weiter. Warum sollte man das voneinander entkoppelt sehen? Die Sprache stellt das dar, was Menschen denken.“ 

Patricia Schüttler, 1. Vorsitzende des Vereins Trans-Ident e.V

Dennoch hofft Patricia Schüttler, dass zukünftig mehr Menschen die Bedeutung des Genderns in seinen Grundzügen verstehen werden. Der jungen Generation wird die geschlechtersensible Sprache immer wichtiger. Diese Menschen repräsentieren die Zukunft und daher die Chance, dass es weitergeht.