Gefangen im Nachrichtenstrom
Hinweis:
Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers zum Thema „Konsum”.
Zum Dossier gehören außerdem folgende Beiträge:
- Eine Woche ohne Kaffee und Süßes: Was mir wirklich gefehlt hat – Ein Selbstexperiment zum Verzicht auf Kaffee und Zucker.
- Warum wir kaufen, wenn wir fühlen. – Ein Bericht über Retail Therapy, also warum wir bei Stress, Streit oder Frust durch Einkaufen ein besseres Gefühl bekommen.
- Vapen: Warum greifen Jugendliche zur E-Zigarette? – Ein Podcast zum Konsum von Vapes.
- Personalisierte Werbung: Wie beeinflusst sie unser Konsumverhalten? – Ein Podcast darüber, wie personalisierte Werbung unser Konsumverhalten beeinflusst.
Eigentlich wollte ich das Handy längst weglegen. Doch statt zu schlafen, scrolle ich weiter. Eine schlechte Nachricht folgt auf die nächste: Kriege. Hunger. Leid. Unsicherheit. Was als kurzer Blick auf aktuelle Ereignisse beginnt, entwickelt sich zu einem Muster, das viele Menschen kennen: Das sogenannte Doomscrolling.
Der Begriff lässt sich in „doom” für drohendes Unheil und „scrolling” für das Durchblättern digitaler Inhalte aufteilen. Gemeint ist damit der übermäßige und zwanghafte Konsum negativer Nachrichten im Internet, insbesondere über soziale Medien und Nachrichtenportale. Dabei werden Gefühle wie Angst und Stress oft verstärkt. Der Soziologe und Medienwissenschaftler Stephan Weichert beobachtet, dass sich gerade in der Corona-Pandemie viele Menschen in ihrer Mediennutzung verloren haben und es ihnen schwerfiel, sich von dem ständigen Nachrichtenstrom abzugrenzen.
Doch warum konsumieren wir immer wieder negative Nachrichten, obwohl sie uns belasten?
Die Anziehungskraft des Negativen
Eine mögliche Erklärung liefert die sogenannte Negativitätsdominanz, auch „Negativity Bias” genannt. Dahinter verbirgt sich ein psychologisches Phänomen, bei dem negative Informationen stärker wahrgenommen werden und länger im Gedächtnis bleiben als positive. Weichert erklärt zudem, dass negative Inhalte oft kleine Dopamin-Kicks auslösen. Hinzu komme ein gewisser Voyeurismus, also die Neugier, das Schicksal und die Probleme anderer Menschen zu beobachten. Der Blick auf das Leid anderer könne dazu führen, die eigene Situation als vergleichsweise positiv wahrzunehmen.
Eine weitere Ursache liegt in unserer evolutionären Vergangenheit. Für unsere Vorfahren war es überlebenswichtig, Gefahren frühzeitig zu erkennen. Zu wissen, wo sich ein Raubtier aufhielt, konnte über Leben und Tod entscheiden. Unser Gehirn lernte deshalb, potenzielle Bedrohungen höher zu gewichten als neutrale oder positive Reize. Dieser Anpassungsmechanismus erhöhte die Überlebenschancen unserer Vorfahren und beeinflusst unser Verhalten bis heute.
Es ist also kaum überraschend, dass unser Blick immer wieder an Krisen, Katastrophen und Konflikten hängen bleibt. Die Welt hat sich verändert, unser Gehirn jedoch nur bedingt.
Die Illusion von Kontrolle
Neben der Anziehungskraft negativer Nachrichten spielt auch das menschliche Bedürfnis nach Kontrolle eine wichtige Rolle. Gerade in Krisenzeiten suchen viele Menschen verstärkt nach Informationen. Unsichere Situationen wie Kriege, Naturkatastrophen oder gesellschaftliche Krisen erzeugen das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Um diesem Gefühl entgegenzuwirken, versuchen wir, uns möglichst umfassend zu informieren. Die Hoffnung dahinter: Je mehr wir wissen, desto besser können wir die Situation verstehen und kontrollieren.
Doch genau darin liegt das Paradoxe beim Doomscrolling. Je mehr negative Nachrichten wir konsumieren, desto stärker rücken Risiken, Bedrohungen und Unsicherheiten in den Vordergrund. Weichert warnt, dass dies insbesondere in sozialen Medien außer Kontrolle geraten könne. Algorithmen bevorzugen häufig vor allem Negativnachrichten oder sehr stark polarisierende oder kontroverse Themen. Da solche Inhalte mehr Aufmerksamkeit und Interaktion erzeugen, spielen Plattformen sie bevorzugt aus.
Statt Orientierung zu schaffen, verstärkt der ständige Nachrichtenstrom häufig Gefühle von Angst, Hilflosigkeit und Überforderung. Der Versuch, durch Information Kontrolle zu gewinnen, führt so häufig zum Gegenteil: Wir fühlen uns unsicherer als zuvor.
Doomscrolling ist damit weniger Ausdruck von Neugier als vielmehr der Versuch, in einer unsicheren Welt Halt zu finden.
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Wenn Information zur Belastung wird
Natürlich sind schlechte Nachrichten nicht grundsätzlich schädlich. Sie informieren über reale Probleme und helfen dabei, gesellschaftliche Entwicklungen einzuordnen. Problematisch wird es jedoch, wenn aus gelegentlicher Information eine dauerhafte Konfrontation mit Krisen, Konflikten und Katastrophen wird.
Während frühere Generationen meist nur von Gefahren in ihrer unmittelbaren Umgebung erfuhren, tragen wir heute die Krisen der gesamten Welt in unserer Hosentasche. Mit jedem Griff zum Smartphone warten neue Schlagzeilen, neue Warnungen und neue Unsicherheiten.
Die Folgen können erheblich sein. Studien zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen dem exzessiven Konsum negativer Nachrichten und einem erhöhten Stressempfinden sowie Angstzuständen und depressiven Verstimmungen. Wer ständig mit Krisenmeldungen konfrontiert wird, entwickelt leicht das Gefühl, die Welt bestehe ausschließlich aus Problemen. Aus Sorge wird Überforderung, aus Überforderung wird oft ein Gefühl von Ohnmacht.
Dass diese Belastung kein Einzelfall ist, belegt auch die Studie „Digitale Resilienz in der Mediennutzung“, an der Weichert beteiligt war. Eine ihrer zentralen Erkenntnisse lautet, dass der permanente Nachrichtenstrom bei vielen Menschen zu Erschöpfungserscheinungen führt. Besonders jüngere Generationen fühlen sich zunehmend von der Nachrichtenflut und der ständigen Verfügbarkeit digitaler Medien überfordert. Phänomene wie „News Fatigue“, „News Avoidance“ oder „News Burnout“ verdeutlichen, welche Folgen ein dauerhafter belastender Nachrichtenkonsum haben kann.
News Avoidance (im Deutschen „Nachrichtenvermeidung”) bedeutet das bewusste Vermeiden des Lesens, Hörens oder Schauens von Nachrichten.
News Fatigue (im Deutschen „Nachrichtenmüdigkeit”) beschreibt das subjektive Gefühl, sich durch zu viele Nachrichten erschöpft zu fühlen und müde zu sein, Nachrichten zu konsumieren und zu verarbeiten.
News Burnout meint die extreme Form einer Nachrichtenermüdung und beschreibt den Fall, dass sowohl das persönliche Wohlbefinden, als auch die psychische Widerstandskraft von Nutzenden so sehr beeinträchtigt wird, dass sie einfach ganz abschalten.
Quellen: Leonie Alatassi, Medienforscherin am Leibniz-Institut für Medienforschung (HBI) & VOCER Institut für Digitale Resilienz: Berichtsband – Digitale Resilienz in der Mediennutzung
Das eigentliche Problem des Doomscrollings ist also nicht die einzelne schlechte Nachricht, sondern ihre ständige Verfügbarkeit ohne Raum für Erholung.
Die Gegenperspektive: Müssen wir nicht immer informiert bleiben?
Bei all den negativen Folgen des Doomscrollings stellt sich jedoch eine wichtige Frage: Ist die Lösung wirklich, weniger Nachrichten zu konsumieren? Schließlich erfüllen Nachrichten eine zentrale gesellschaftliche Funktion. Sie informieren über politische Entscheidungen, gesellschaftliche Entwicklungen und globale Krisen. Eine funktionierende Demokratie ist darauf angewiesen, dass die Bevölkerung über aktuelle Ereignisse informiert ist und eine eigene Meinung bilden kann.
Auch die Medienforscherin Leonie Alatassi weist darauf hin, dass eine dauerhafte Nachrichtenvermeidung problematisch sein könne. Sie warnt: „Personen, die sich nicht in den Nachrichten über das aktuelle Geschehen und politische Entscheidungen informieren, verlieren den Anschluss an die öffentlich diskutierten Themen.“ Zudem betont sie, dass so auch die Fähigkeit, politische Entscheidungen kritisch zu bewerten, verloren gehe. Dennoch erklärt sie aber auch, dass ein temporärer Nachrichtenentzug durchaus positive Effekte haben könne. Zum Beispiel hätten sich laut einer Langzeitstudie Personen, die Nachrichten während der Corona-Krise aktiv vermieden haben, eher im Zusammenhang mit der Krise ehrenamtlich engagiert. Außerdem stellt sie klar: „Nur weil Menschen Nachrichten aktiv vermeiden, heißt das nicht, dass sie gar keine Nachrichten nutzen.“ Die Mehrheit greife trotzdem mindestens einmal täglich auf Nachrichten zu.
Genau hier verläuft die Grenze zwischen notwendiger Information und schädlichem Überkonsum. Krisen, Konflikte und Missstände wahrzunehmen ist wichtig. Problematisch wird es erst dann, wenn aus Information eine Endlosschleife wird, die keinen neuen Erkenntnisgewinn mehr liefert, sondern lediglich dieselben Sorgen immer wieder reproduziert. Nicht das Informieren an sich ist das Problem, sondern das endlose Scrollen in der Hoffnung, irgendwann die eine Nachricht zu finden, die uns Sicherheit gibt.
Der Mut, wegzuschauen
Am Ende zeigt sich: Beim Doomscrolling suchen wir nach Sicherheit und finden dabei oft das Gegenteil. Wir scrollen, weil wir verstehen wollen, was in der Welt passiert, weil wir hoffen, dass die nächste Nachricht Antworten liefert und Ordnung in das Chaos bringt.
Doch diese Hoffnung erfüllt sich selten. Nicht, weil Informationen wertlos sind, sondern weil keine noch so große Menge an Nachrichten die Unsicherheit der Welt vollständig beseitigen kann. Stattdessen geraten wir leicht in einen Kreislauf, in dem jede neue Schlagzeile nur den Weg zur nächsten ebnet.
Informiert zu sein, bleibt wichtig. Doch nicht jede Nachricht macht uns informierter. Manchmal bedeutet Medienkompetenz deshalb auch, eine Grenze zu ziehen. Nicht weil uns die Welt gleichgültig ist, sondern weil wir lernen müssen, mit ihren Krisen zu leben, ohne uns von ihnen vereinnahmen zu lassen. Vielleicht besteht der Mut heute nicht nur darin hinzusehen, sondern auch darin, rechtzeitig wegzuschauen.