Ein Wochenende glauben

Luisa Arnold

Ein Wochenende glauben

Luisa Arnold

Barfuß zu Techno tanzen, still in der Kirche sitzen und über meinen Papa nachdenken: Ein Wochenende lang suche ich nach etwas, woran ich nicht glaube.

Ecstatic Dance Stuttgart

Barfuß zu Techno tanzen, still in der Kirche sitzen und über meinen Papa nachdenken: Ein Wochenende lang suche ich nach etwas, woran ich nicht glaube.

Ecstatic Dance Stuttgart

Es ist Samstagabend und ich liege verschwitzt auf dem Boden einer Sporthalle in Botnang. Neben mir liegen 90 andere Personen im ganzen Raum verteilt, mit ihren Armen und Beinen von ihnen gestreckt, wie Seesterne. Der DJ spielt immer ruhigere Musik und lässt sie dann vollständig ausklingen. Niemand redet und auch meine Gedanken sind leise. In dem Moment vergesse ich, dass ich hier bin, um Halt zu finden.

Schon bevor ich 14 war, wusste ich, dass ich nicht an Gott glaube. Ich bin nicht in einem sonderlich gläubigen Haushalt aufgewachsen, niemand aus meiner Familie ging regelmäßig in den Gottesdienst und es wurde auch kein Tischgebet gesprochen. Trotzdem sind wir alle getauft und konfirmiert und es war jedes Jahr klar, dass wir in den Weihnachtsgottesdienst gehen. Damit sind wir keine Ausnahme: Zwar waren 2024 noch 45 Prozent der Deutschen Mitglied einer der beiden großen Kirchen, aktiv gläubig ist davon aber nur ein Bruchteil, schätzungsweise gerade einmal zwei Prozent. Als ich in der siebten Klasse war und für den Konfirmationsunterricht angemeldet werden sollte, sagte ich meinen Eltern, dass ich nicht an Gott glaube. Meine Mutter überzeugte mich, trotzdem teilzunehmen, um meinen Glauben vielleicht doch noch zu finden. Ich ging in den Konfiunterricht, meinen Glauben fand ich dort nicht. Auch sieben Jahre später habe ich ihn noch nicht gefunden. In meiner Altersgruppe fühlen sich laut einer Umfrage rund 50 Prozent als katholisch oder evangelisch. Trotzdem bin ich mit meinem fehlenden Glauben nicht allein, ein gutes Drittel meiner Generation tickt offenbar ähnlich wie ich und bezeichnet sich als konfessionslos. Dieses Wochenende möchte ich aber noch einmal probieren meinen Glauben zu finden.

Der Grund, warum ich es jetzt trotzdem noch einmal versuche, hat einen Namen: Anton Rudolf, mein Papa. Er war nicht gläubig, zumindest nicht bis kurz vor seinem Tod. In den Monaten davor kamen immer wieder Seelsorger*innen zu ihm ins Krankenhaus. Er hat viel über Gott gesprochen, gelesen und zu ihm gebetet. Es gab ihm Halt. Etwas, das ich an mir nicht kenne, aber suche. Die Gewissheit, dass es – egal was passiert – irgendwie gut wird, weil es einen Grund hat. Diese Überzeugung fehlt mir. Ich bin auf der Suche nach der inneren Ruhe und Sicherheit, die, so glaube ich, viele Menschen im Glauben finden. Bisher habe ich diese Sicherheit in meinem Leben nicht unbedingt vermisst und trotzdem beneide ich Menschen, die sie haben. Ich zerdenke bevorstehende Situationen, sorge mich ständig um die Zukunft. Ein wenig mehr Zuversicht würde mir also nicht schaden. Genau deshalb wollte ich wissen, ob ich diesen Halt finden kann. Bei einem Gott, an den ich nicht glaube, oder woanders. Also habe ich mir an einem Wochenende zwei sehr unterschiedliche Orte ausgesucht, an denen Menschen genau das zu finden scheinen: einen Ecstatic-Dance und einen evangelischen Gottesdienst.

Samstagabend in der Sporthalle

Wo ich hinmuss, ist leicht zu erkennen. Mir fallen sofort Menschen mit bunter, weiter Kleidung auf, die vermutlich dasselbe Ziel haben, wie ich – Ecstatic Dance Stuttgart. Das ist eine Tanzreise, bei der man ohne Ablenkungen, wie das Smartphone oder Alkohol, zu sich finden und sich frei bewegen kann. Der Ecstatic Dance ist an keine bestimmte Religion gebunden. Jede*r darf hier so sein, wie er oder sie ist, und glauben, was er oder sie möchte. Im Mittelpunkt steht nicht ein bestimmter Gott, sondern die Verbindung zu sich selbst und zu den anderen im Raum. An der Tür begrüßt mich die Veranstalterin Katja. Sie strahlt mich an und lädt mich direkt auf einen veganen Raw-Kakao ein. Katja schreibt dem Kakao eine besondere Wirkung zu: Er soll das Herz öffnen. Dann ziehe ich meine Birkenstock-Schuhe aus und betrete die Sporthalle, denn hier wird ohne Schuhe getanzt, um sich zu erden und zu verbinden. Es ist keine gewöhnliche Halle mit Feldlinien auf dem Boden. Die eine Seite ist mit einer großen Fensterfront versehen und der Raum ist liebevoll geschmückt. An der hinteren Wand hängt ein großes Tuch mit einem bunten Lebensbaum. Darunter sind eine Buddha-Statue und Karten mit affirmativen Sprüchen aufgebaut.

In der Mitte befindet sich der “Altar”, er besteht aus einem Sonnenblumenstrauß, Kerzen, Efeututen und Lichterketten.

Luisa Arnold

In der Mitte befindet sich der “Altar”, er besteht aus einem Sonnenblumenstrauß, Kerzen, Efeututen und Lichterketten.

Luisa Arnold

Zu Beginn erklärt Katja die Regeln, während alle in einem großen Sitzkreis sitzen: Kein Alkohol, keine Drogen, kein Handy, barfuß, nicht reden und nicht verurteilen.

Ecstatic Dance Stuttgart

Zu Beginn erklärt Katja die Regeln, während alle in einem großen Sitzkreis sitzen: Kein Alkohol, keine Drogen, kein Handy, barfuß, nicht reden und nicht verurteilen.

Ecstatic Dance Stuttgart

Die ersten Minuten sind angeleitet, ich laufe mit rund 90 anderen Teilnehmenden im Kreis um den “Altar” herum. Dann bleiben wir stehen und sollen uns ausschütteln, alles rauslassen, auch die Geräusche in uns. Es erklingt Stöhnen und Geschrei. Danach sind wir auf uns selbst gestellt. Der DJ Sunshay aus Koh Phangan, eine Insel in Thailand, spielt elektronische Musik. Die Geschwindigkeiten variieren von entspannten, sanften Goa-Klängen bis hin zu hartem Techno. Anfangs bin ich noch etwas steif und mache nur kleine Schritte nach links und rechts, ich achte sehr genau auf meine Bewegungen und mein Umfeld, mit der Zeit werde ich lockerer. Ich hüpfe auf der Stelle, lasse meine Arme an meinen Seiten hochwandern und drehe mich im Kreis. Einige Personen ziehen ihre Oberteile aus, neben mir sitzt eine Frau bei Technomusik im Schneidersitz auf dem Boden, ein Pärchen macht auf der Tanzfläche wild rum, aber es gibt keine hochgezogenen Augenbrauen und kein Starren. Leider schwirrt mir immer wieder die Reportage im Kopf herum und ich versuche, alles genau wahrzunehmen, um es später gut aufschreiben zu können. Zwischendurch schaffe ich es, das auszublenden. Ich kenne keinen der Menschen um mich herum. Trotzdem tanzen wir im gleichen Rhythmus. Ich muss niemanden kennen, um mich nicht allein zu fühlen.

Als die Musik langsamer wird und die Teilnehmenden sich nach und nach auf den Boden legen, bin ich erleichtert – meine Füße brennen vom Barfuß tanzen und meine Beine werden müde. Während ich auf dem Boden liege, komme ich endlich zur Ruhe. Ich habe fast nie so wenig im Kopf wie in diesem Moment. Keine Prüfungen, keine Reportage, keine Deadlines. Nur der Hallenboden unter meinem verschwitzten Körper und das Gefühl, dass es für die nächsten paar Minuten egal ist, ob ich Halt finde oder nicht. Vielleicht ist genau das die Antwort, nach der ich nicht gesucht habe: Nicht Zuversicht, sondern die Erlaubnis, sie gerade nicht zu brauchen. Zum Abschied soll jeder ein paar Personen umarmen – so richtig, mindestens 20 Sekunden. Bei dem Gedanken fremde Menschen innig zu umarmen, fühle ich mich unwohl und nehme nicht an dem Ritual teil.

Sonntagmorgen in der Kirche

Ich gebe dem Glauben noch eine Chance. Am Sonntagmorgen gehe ich in den evangelischen Gottesdienst. Das Gebäude ist mir noch gut bekannt, hier wurde ich konfirmiert.

Bunte Fenster, eine mit Gold verzierte Kanzel, ein Flügel vor den Sitzbänken und ein großer Jesus am Kreuz über dem Altar.

Luisa Arnold

Bunte Fenster, eine mit Gold verzierte Kanzel, ein Flügel vor den Sitzbänken und ein großer Jesus am Kreuz über dem Altar.

Luisa Arnold

Die dunklen Kirchenbänke bilden einen Kontrast zu dem hellen Raum.

Luisa Arnold

Die dunklen Kirchenbänke bilden einen Kontrast zu dem hellen Raum.

Luisa Arnold

Das große Kirchenschiff ist spärlich besetzt. Der Mitgliederschwund der Kirchen ist deutlich zu spüren: Allein 2024 haben die katholische und die evangelische Kirche zusammen mehr als eine Million Mitglieder verloren. Als ich eintrete, werden mir zwei Gesangbücher in die Hand gedrückt. In den vorderen Reihen sitzen die Personen noch einigermaßen dicht zusammen. Ich nehme etwas weiter hinten Platz. Hier hat fast jeder eine Reihe für sich, es wirkt so, als bräuchten die Leute einen Sicherheitsabstand. Niemand begrüßt mich, als ich mich hinsetze. Der Jugendchor begleitet den Gottesdienst. Mir fällt auf, dass im vorderen Teil der Kirche hauptsächlich die Familien der Kinder, die mitsingen, sitzen.

Ich singe bei den Liedern mit, gehe nach vorne, um mir ein Kreuz mit dem Wasser aus dem Taufbecken auf die Handinnenseite zu zeichnen und einen Segen von der Pfarrerin entgegenzunehmen. Ich muss ein Grinsen unterdrücken, es fühlt sich komisch an, wieder hier zu sein. Ich kann mich nicht daran erinnern, als ich das letzte Mal hier war. Nach meiner Konfirmation bin ich noch ein- oder zweimal mit meiner Familie in den Weihnachtsgottesdienst gegangen, danach kann ich mich an keinen Besuch mehr erinnern. In der Predigt spricht die Pfarrerin darüber, was die Mauern der alten Stadtkirche schon alles miterlebt haben. Ich blättere im Gesangbuch zum nächsten Lied und schaue dem Tontechniker dabei zu, wie er immer wieder an den Einstellungen für das Mikrofon der Pfarrerin spielt. Es ist der sechste Sonntag nach Trinitatis, ein Fest am Sonntag nach Pfingsten, bei dem Christen die Dreieinigkeit von Gott feiern. Heute sollen wir uns daran erinnern, dass wir alle getauft sind und zu Gott gehören. “Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!” ist der Wochenspruch. Ein Gott, der mich besitzt, klingt für mich beklemmend. Trotzdem denke ich an jemanden, für den genau dieser Glaube Halt am Ende seines Lebens bedeutet hat.

Was mein Papa gefunden hat

In der Zeit, bevor er starb, durften wir meinen Papa wegen der Corona-Pandemie nicht im Krankenhaus besuchen, also wandte er sich an Gott.

Vielleicht war Gott der einzige, der noch zu meinem Papa durfte, als wir nicht da sein konnten. Und mein Papa fand etwas bei ihm.

Luisa Arnold

Vielleicht war Gott der einzige, der noch zu meinem Papa durfte, als wir nicht da sein konnten. Und mein Papa fand etwas bei ihm.

Luisa Arnold

Etwas, das ich nicht begreifen kann, das für mich so fern ist wie die Kirchenbank am Sonntagmorgen. Ich würde so gerne mit ihm darüber sprechen. Aber diese Antwort bekomme ich nicht mehr – ich muss meine eigene finden.

Nach Umarmungen, Sicherheitsabstand, barfuß tanzen, still auf der Bank sitzen, lauter Techno- und sanfter Chormusik ist es immer noch wie nach dem Konfiunterricht: Ich habe meinen Glauben nicht gefunden. Ich habe dafür Gemeinschaft gefunden. Ich habe auch keine Zuversicht gefunden, aber dafür die Erlaubnis, sie nicht zu brauchen.