Wehrpflicht 4 Minuten

„Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde"

Spielzeugsoldaten vor Kriegsszenerie.
Deutschland will kriegstüchtig werden. Doch gerade unter jungen Menschen werden Gegenstimmen laut. | Quelle: Lilli Zenth
02. März 2026

Deutschland will kriegstüchtig werden. Der Podcaster, Journalist und Bestseller Autor Ole Nymoen nicht. Er würde niemals für sein Land kämpfen. Im Interview verrät er warum, welche Kritik er an staatlichen Strukturen hat und warum er findet, dass die Schulstreiks gegen Wehrpflicht zu kurz greifen.

Hey Ole, du hast im März 2025 im Alter von 27 Jahren ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“. Warum würdest du denn niemals für dein Land kämpfen?

Ich würde die Frage umgekehrt beantworten. Ich kann jetzt 100 gute Gründe aufführen, warum ich nicht für Deutschland kämpfen will. Aber das interessiert den Staat im Ernstfall nicht. Wenn es tatsächlich zum Krieg kommt, dann macht kein Staat die Fähigkeit zum Krieg vom Willen seiner Bürger abhängig. Er zwingt seine Bürger in den Krieg. Und allein das ist meiner Meinung nach ja schon ein relativ guter Grund dagegen, das auch noch freiwillig mit sich machen zu lassen.

Mit dieser Haltung warst du eine der ersten oder zumindest lautesten Stimmen in der deutschen Medienlandschaft. Du hast das aber erst mal gar nicht mit deinem Buch gemacht, sondern mit einem Artikel in der „Zeit“, der sehr kontrovers diskutiert wurde. Wusstest du bei der Veröffentlichung dieses Artikels bereits, dass daraus ein Buch entstehen würde?

Nee, da habe ich mir erst mal nur den Frust von der Seele geschrieben. Nach zweieinhalb Jahren Krieg in der Ukraine, in dem unbeteiligte Deutsche der Meinung sind, man müsse möglichst viele Ukrainer und Russen in den Fleischwolf schicken, um Putin eine Lektion zu erteilen, da wollte ich erst mal diese Wut loswerden und gleichzeitig mal niederschreiben, was das eigentlich bedeutet, wenn Staaten sich im Krieg befinden. Nämlich dass Unschuldige aus beiden Ländern, die kein Problem miteinander hätten, aufeinander losgeschickt werden, um die machtpolitischen Ambitionen ihrer Staaten abzusichern. Dadurch, dass in zweieinhalb Jahren Ukrainekrieg niemand diese Haltung öffentlich vertreten hat, also dass man lieber kapitulieren würde, als sich für den Staat aufzuopfern, hat das dann für eine Menge Aufsehen gesorgt.

Gibt es denn deiner Ansicht nach keinen Fall in der Geschichte, in dem es gut war, militärisch los- oder zurückzuschlagen? Was ist z. B. mit dem Zweiten Weltkrieg? Wie hätte der Allmachtsanspruch von Hitlerdeutschland anders als militärisch gestoppt werden können?

Ich sage es mal so: Alle Staaten stellen gerne die jeweilige Gegenseite als modernes Äquivalent zu Nazi-Deutschland dar, um so die eigene Gewalt zu rechtfertigen. An diesen Debatten mag ich mich nicht beteiligen. Ich glaube nicht, dass Deutschland aus lauter Antifaschismus zur größten konventionellen Streitkraft Europas aufrüstet.

Der 28-jährige Ole Nymoen ist Autor, Kolumnist und zusammen mit Wolfgang M. Schmitt Co-Host des Podcasts „Wohlstand für alle“.
Quelle: Mark Sanchez

Du hast jetzt schon häufiger den Begriff des Staates verwendet und benutzt ihn auch in deinem Buch sehr häufig. Wen oder was genau meinst du damit?

Na ja, ich würde sagen, der Staat ist erst mal der Akteur, der auf einem Territorium über die Leute herrscht, die er sich durch Gewalt zu seinen Bürgern gemacht hat. Das sind quasi die Gewaltmonopolisten, die aus den letzten paar Jahrhunderten Krieg hervorgegangen sind. Und das ist eben nicht ein Verbund von Menschen, die sich aufgrund irgendeiner Ähnlichkeit zusammengefunden hätten und dann gesagt haben: Wir machen jetzt zusammen Gesellschaft. Es ist nicht so, dass die Bürger von unten sich einen Staat begründen, sondern im Gegenteil: Die Herrschaft schafft sich ihre eigenen Bürger. Dass die sich dann auch noch mit dem Staat, dem sie unterworfen sind, identifizieren, ist ziemlich häufig. Das ist aber meiner Meinung nach ein Fehler.

Also würdest du sagen, dass Staaten aus deiner Perspektive prinzipiell abzulehnen sind, oder kann der Staat auch etwas Positives sein?

Nun, auf jeden Fall ist die Existenz von 200 Staaten in dieser Welt nicht funktional für die Leute, die in dieser Welt leben. Das sind nicht Organisatoren eines gelingenden Lebens für die Menschen, sondern das sind, wie schon gesagt, die Gewaltmonopolisten, die die Leute in zivilen Zeiten in ökonomische Konkurrenz zueinander zwingen. Und im Kriegsfall, das ist dann quasi der äußerste Fall, werden die Menschen dann auch in militärische Konkurrenz zueinander gebracht. Das heißt aber, dass die Menschen ihr ganzes Leben lang im Wettbewerb zu anderen Menschen stehen, mit denen sie so von Natur aus gar keine Konflikte oder Probleme hätten. Der einzige Grund, warum sie miteinander ökonomisch oder militärisch konkurrieren, ist, weil ihre Staaten ihnen das auferlegen und nicht, weil sie sich das ausgesucht hätten. Und viele Leute bekennen sich positiv dazu. Viele Leute sind Nationalisten und finden das gut. Die identifizieren sich mit ihrem Staat und sind für den Erfolg ihres Staates. Dass es aber oftmals auf ihre eigenen Kosten geht, wollen sie dabei nicht wahrhaben.

Der einzige Grund, warum sie miteinander ökonomisch oder militärisch konkurrieren, ist, weil ihre Staaten ihnen das auferlegen und nicht, weil sie sich das ausgesucht hätten.

Ole Nymoen

Was meinst du mit „auf ihre eigenen Kosten geht“? Hast du ein Beispiel dafür?

Ja, also dass zum Beispiel die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit hergestellt wird, indem ihre Löhne geschmälert werden oder indem der Sozialstaat kurz und klein gespart wird, das wollen viele Leute so nicht sehen, sondern denken, dass der Erfolg ihres Staates gleichbedeutend sei mit ihrem eigenen Erfolg.

Du stellst auch in deinem Buch die These auf, dass der Staat seinen Bürger*innen vorgaukle, mit ihnen in einem Interessenverband zu stehen. Und du schreibst: „Nur wenn diese Täuschung gelingt, kann der Staat sicher sein, dass sein Volk ihn als politische Heimat verteidigen wird. Heimat, Staat und Volk müssen zur untrennbaren Dreifaltigkeit verschmelzen (…)“ Jetzt sehen wir Schüler*innen, die in Schulstreiks gehen und sich gegen eine Wehrpflicht aufstellen, ähnlich wie du es auch tust. Siehst du diese Dreifaltigkeit damit ins Wanken gebracht?

Ich denke, das wird sich zeigen. Ich glaube, dass viele dieser jungen Leute noch ziemlich unschlüssig sind, was sie wollen und was sie eigentlich an der Wehrpflicht falsch finden. Und das ist kein Wunder. Das sind Kinder. Meine Sorge ist, dass sich die Schüler nur gegen das Mittel wehren. Dass sie sagen: „Die Wehrpflicht finden wir doof“, aber die eigentliche Kriegstüchtigkeit, die geplant ist, nicht unbedingt kritisieren. Man hat das schon bei einigen rausgehört, die gesagt haben, sie wollen nicht gezwungen werden, aber wenn andere das für sich entscheiden, ist das ja okay. Das halte ich für naiv.

Du bist ja tatsächlich sehr konkret mit den Streikenden im Kontakt. Zum Beispiel bei deinem Vortrag beim Schulstreik in Jena. Wie gehst du dort auf die Leute zu? Was willst du ihnen mitgeben?

Ich habe mich jetzt entschieden, die Art und Weise der Agitation ein bisschen zu verlagern. Ich möchte weniger öffentliche Lesungen machen und mehr mit den Schülern sprechen, die sich dort versammeln und die versuchen, da was auf die Beine zu stellen. Deshalb hatte ich den Schulstreik-Teams angeboten, dass ich zumindest im Osten, wo ich lebe, an die Orte fahre und versuche, den jungen Leuten nahezulegen, die Proteste ein bisschen gezielter und weniger diffus zu gestalten.

Dein Buch liest sich für mich wie eine Art Argumentationsleitfaden für diese jungen Menschen. War das so gedacht? Und an wen richtet es sich?

Also einerseits schon auch, um Leute zu überzeugen, die nicht der Meinung sind, die einfach neugierig werden durch den Titel, sich mal eine andere Meinung anhören wollen oder durchlesen wollen und dann tatsächlich überzeugt werden. Also kürzlich berichtete mir tatsächlich eine Freundin, dass sie jemanden kennen würde, der behauptet hatte, er würde im Ernstfall für Deutschland kämpfen, und nach der Lektüre meines Buches gesagt hat, jetzt würde er es nicht mehr tun. Aber klar, es geht auch sehr stark darum, denjenigen, die schon die Meinung vertreten, aber Schwierigkeiten haben, sie argumentativ zu verteidigen, eine gewisse Hilfe zur Hand zu geben. Wofür dieses Buch aber definitiv nicht gedacht ist, ist für Kriegsdienstverweigerung.

Warum nicht?

In Deutschland darf man den Kriegsdienst verweigern, bislang aus Gewissensgründen. Meine Gründe sind allerdings politisch. Und ich hoffe, dass wirklich niemand auf die Idee kommt, mein Buch bei der Kriegsdienstverweigerung vorzubringen. Mit einer moralischen Argumentation, wie sie gefordert ist, wenn man aus Gewissensgründen verweigern will, hat dieses Buch nichts gemein.

Wie hat es sich denn für dich angefühlt, über Krieg, bei dem es ja eigentlich konkret um Leid und Tod geht, als etwas so Argumentatives und Abstraktes zu schreiben?

Ja, es ist ein bisschen absurd, das stimmt schon. Also es ist eigentlich so eine konkrete, blutige, bestialische Sache. Und dann kommt man daher und schreibt auf so eine abstrakte Art und Weise über Staaten und ihre Gewaltansprüche. Aber ich glaube, das ist erst mal das Notwendige, um überhaupt die Sache richtig zu besprechen und dann auch eine richtige Kritik vorbringen zu können. Weil einfach nur die Schrecken des Krieges aufzuzählen – das kann man machen, aber die werden ja auch nicht unbedingt geleugnet. Wir kriegen täglich schreckliche Bilder zu sehen. Und daraus wird dann aber nicht der Schluss gezogen, das muss schnellstmöglich aufhören, sondern daraus wird der Schluss gezogen: Deshalb muss jetzt mehr Krieg sein, damit die gerechte Seite gewinnt. Deshalb, glaube ich, kommt man da nicht so weit, wenn man so sehr auf diese Gräuel zu sprechen kommt. Auch wenn es stimmt: Ein bisschen mehr Konkretion hätte man vielleicht reinbringen können.

Rosig sind deine Perspektiven ja nicht gerade. Hast du denn Angst vor der Zukunft?

Angst ist übertrieben. Aber es ist schon so, dass ich es jetzt für vollkommen unwahrscheinlich halte, dass irgendwann eine größere militärische Konfrontation mit Russland ansteht. In zynischen Momenten denke ich schon drüber nach: Was mache ich dann eigentlich? Ökonomisch sieht es ziemlich schlecht aus hier, und die Kriegsgefahr halte ich auch für gar nicht so unrealistisch. Von daher: Ja, optimistisch blicke ich nicht in die Zukunft.

Dann können wir ja nur hoffen. Vielen Dank für das Interview, Ole.