Es ist ein grauer Februartag. Leichter Nieselregen fällt auf die Fußgängerzone. Ein Wetter, bei dem man nicht länger draußen bleibt, als nötig. Menschen laufen zügig über die Stuttgarter Königstraße. Zwischen Schuhen auf Asphalt, dem Klimpern eines Straßenmusikers und den Megafonen einer Demonstration bleibt nur wenig Raum für Gespräche.
Am Pavillon vor dem Schlossplatz bleiben trotzdem einige Leute stehen. Ein Mann tanzt. Er trägt eine weiße Toga und dreht sich im Kreis. Aus einem kleinen Wagen neben ihm klingt Whitney Houstons „So Emotional“. Mitten im Stadtlärm schließt der Mann die Augen. Seine Arme schneiden durch die Luft, seine Schritte folgen einem eigenen Rhythmus. Zwei kleine Mädchen kichern, als er auf sie zukommt und ihnen eine Grimasse schneidet. Er lächelt und streckt ihnen die Hand entgegen.
Was zunächst wie eine ungewöhnliche Szene in der Fußgängerzone wirkt, ist für ihn mehr als ein spontaner Auftritt. „Tanz isch die Natur der Seele“, sagt Premaprayojana daśa, den viele in Stuttgart nur als den tanzenden Mann kennen. Dort ist er immer wieder an verschiedenen Orten beim Tanzen zu sehen. Seinen Tanz versteht er nicht als Unterhaltung oder Performance, sondern als Ausdruck seines Glaubens. Er lebt ohne festen Wohnsitz, hat kein Bankkonto und besitzt nur wenig. Viele gesellschaftliche Regeln lehnt er bewusst ab. Sein Alltag folge den Prinzipien seiner spirituellen Überzeugung, sagt er.
Eine Erscheinung im weißen Gewand
Schon äußerlich zieht Premaprayojana daśa Aufmerksamkeit auf sich. Sein Gang ist aufrecht, sein Erscheinungsbild gepflegt. Er trägt eine schwarze Brille. Die grauen Haare sind auf einheitliche Länge geschoren, bis auf einen dünnen Zopf am Hinterkopf. Trotz der Falten in seinem Gesicht wirkt er jung und energiegeladen. Der Bart ist gestutzt und in Form gebracht. Sein Körper ist in ein strahlend weißes Tuch gehüllt, das von seinem Nacken bis zu den Knien reicht. Sandalen schützen seine nackten Füße vor dem kalten Boden. Um sein linkes Knie spannt sich eine Bandage. Sein genaues Alter verrät er nicht, doch er wirkt wie jemand in den späten Fünfzigern.
Über seine Lebensphilosophie spricht er gern. Über sein eigenes Leben und alles, was nicht sein Glaube ist, deutlich weniger. Zum Interview treffen wir uns in einem Café, in dem er mit seinem Aussehen fragende Blicke auf sich zieht. Zugestimmt hat er nur unter einer Bedingung: dass niemand Geld mit seiner Geschichte verdient. Es ist ein Studierendenmagazin, das beruhigt ihn. Er spricht lange über Glauben, über Seele und Ewigkeit. Über das, was ihn zu dem Mann gemacht hat, der heute tanzend durch Stuttgart zieht, erzählt er erst nach mehrmaligem Nachfragen.
Eine Mutter, die nie aufgestanden ist
Über seine Kindheit spricht er heute nur noch zurückhaltend. Er deutet an, dass nicht Alles einfach gewesen sei. Wichtig scheint ihm zu sein, was daraus entstanden ist: ein frühes Gefühl für Verantwortung und die Notwendigkeit, sich auf sich selbst zu verlassen.
Aus dieser Erfahrung, so erzählt er weiter, sei ein Gedanke entstanden, der ihn seither begleite. Abhängigkeit, ob von materiellem Besitz oder von anderen Dingen, sei für ihn unvorstellbar. Es steckt Nachdruck dahinter, wenn er darüber spricht. Er beugt sich vor und wirkt angespannt, als wäre es ihm wichtig, Gehör zu finden. Was Viele als Sicherheit empfinden, wie zum Beispiel einen festen Wohnsitz oder Geld auf dem Konto, sei für ihn wie ein Bleigewicht, das ihn an die irdische Welt kette. Verantwortung hingegen werde später zum tragenden Fundament seines Glaubens – etwas, das Halt gibt, ohne festzuhalten.
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Die Rechnung, die nie aufging
Spätestens mit sechzehn Jahren, als er seine Lehre zum Raumausstatter begann, habe er sich gedacht: „Die Rechnung geht nicht auf” und sei zu der Überzeugung gelangt, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten sei. „Alle schwätzen von Liebe, aber wo isch diese Liebe? Alles, was ich feststellen kann, isch, dass sie sich betrügen. Dass sie sich gegenseitig ausnutzen.“ Dieses grundlegende Gefühl von Desillusionierung habe ihn zu seiner heutigen Spiritualität geführt.
Eigentlich hatte Premaprayojana daśa den festen Plan, mit der Volljährigkeit sofort von zu Hause auszuziehen. Dass er seinen Plan erst gut ein Jahr später mit 19 Jahren umsetzte, lag seiner Aussage nach daran, dass er sich für seine beiden deutlich jüngeren Brüder verantwortlich gefühlt habe. Kontakt zu seinen Eltern habe er heute keinen mehr. Auf die Frage, ob sie noch leben, kann er keine Antwort geben. Die Beziehung zu seinen Brüdern pflege er heute nur noch sporadisch. Für ihn war der Bruch alternativlos. „Je klarer eine Entscheidung isch, desto besser“, sagt er. Wenn er über die Verantwortung spricht, die er unfreiwillig übernehmen musste, liegt ein leiser, kontrollierter Unterton von Wut in seiner Stimme.
Lange sei er danach nirgendwo geblieben. Es folgen wechselnde, meist kurze Anstellungen. Arbeit habe er dabei nie als Mittel zum Geldverdienen verstanden, sondern als Tätigkeit an sich. Eine Mentalität, mit der er sich gegen die Abhängigkeit von Geld schützen will.
Der Weg der (un)erschütterlichen Liebe
Dann mag er nicht mehr weiter über seinen Lebensweg sprechen, mag nicht erzählen, wo er heute wohnt, wovon er genau lebt. Lieber erzählt er von dem, was ihm wirklich wichtig ist: Seinem Glauben. Er vergleicht ihn mit einer Küchenmaschine. Diese brauche eine Anleitung, die genau auf die Marke und das Modell zugeschnitten ist, und so sei es auch mit dem Glauben. Für ihn ist das „Shuddha Bhakti“, der Pfad der unvermischten Liebe und Hingabe zum höchsten Herrn – eine Form der hinduistischen Gottesverehrung, die völlig frei von materiellen Motiven sei. Das Leben versteht er als Kreislauf aus Geburt, Krankheit und Tod, auch „Samsara“ genannt. Diesen Kreislauf gilt es zu durchbrechen, um in das Reich der Ewigkeit zu gelangen.
Sein Glaube dient ihm jedoch auch als Maßstab für Andere. Immer wieder unterscheidet er zwischen denen, die den Weg bereits erkannt hätten, und jenen, die noch im Materiellen verhaftet seien. In solchen Momenten schwingt ein Hauch von Überlegenheit mit und er klingt aufgebracht. Wieder wirkt es, als wolle er überzeugen. „Das System ist so ausgerichtet, dass lauter kranke Umstände als Realität angesehen werden”, sagt er. Als Beispiel nennt er Geschlechterdiversität. Auch die Menschen, die während der Covid-19 Pandemie für einen Test anstanden, beschreibt er als „degeneriert". Es ist ein Moment, in dem sein Weg der Hingabe und Liebe zu Menschen an eine deutliche Grenze stößt.
Auf die Frage nach den Reaktionen der Menschen denkt er lange nach. Seine Antwort wirkt abgewogen, vorsichtig formuliert. Ob Menschen sich auf die Begegnung mit ihm einlassen, sagt er, beruhe auf Freiwilligkeit, viele seien jedoch durch ein „gesellschaftliches Korsett“ eingeschränkt. Manche Gruppen, erzählt er, begegneten ihm skeptischer als andere. Dabei spricht er mehrfach von negativen Erfahrungen mit Männern, die er als „arabisch oder muslimisch" beschreibt. Konkrete Situationen hätten vereinzelt sogar in aggressiven Begegnungen geendet, genauere Details nennt er nicht. Es bleibt unklar, ob er eine Erklärung dafür hat oder sucht.
Den Zustand, den er beim Tanzen erreicht, vergleicht er mit der Naivität eines Kindes: Es gäbe kein Gestern, kein Morgen, nur das Hier und Jetzt. Sie würden aus einem Impuls heraus handeln, ohne Erwartung an ein Ergebnis, und könnten deshalb staunen. Mitten in der Stuttgarter Königstraße bleiben Menschen stehen. Schauen ihm zu. Fragen nach einem Foto. Ein junger Mann spricht ihn an, gibt ihm Geld und tanzt für die Dauer eines Liedes mit ihm. „Tanzen isch die Natur der Seele.” Nur dann gelinge es ihm, sich von der materiellen Welt zu lösen und sich mit der Ewigkeit zu verbinden. Der Tanz ist seine Art, mit einer Welt umzugehen, in der die Rechnung für ihn niemals aufging.