Der „Ballon d'Or”: Die goldene Ära der spanischen Spitzenklubs

Franck Faugère/L’Équipe

Der „Ballon d'Or”: Die goldene Ära der spanischen Spitzenklubs

Franck Faugère/L’Équipe
24. Juni 2026

Ist der „Ballon d'Or” eine individuelle Auszeichnung oder Ergebnis eines Systems? Eine Netzwerkanalyse zeigt, wie stark spanische Vereine die Wahl prägen und worauf diese Dominanz beruht.

Der „Ballon d’Or” gilt als die renommierteste individuelle Auszeichnung im Weltfußball. Das französische Blatt „France Football” verleiht den Preis an den besten Spieler oder die beste Spielerin, die die Saison durch außergewöhnliche Leistung und Hingabe geprägt haben. Der angesehene Preis hat im Laufe seiner 70 Jahre mehrere Veränderungen durchlaufen. In den Anfängen zeichnete „France Football” nur den besten europäischen Spieler aus. Später wurden alle Spieler berücksichtigt, die in Europa aktiv waren. Schließlich wurde der Preis 2007 vollständig global geöffnet. So wurde die Auszeichnung einige Jahre gemeinsam mit der „FIFA” vergeben, bevor beide Organisationen wieder getrennte Preise einführten: auf der einen Seite den „Ballon d’Or” und auf der anderen den FIFA-Weltfußballer. Parallel dazu entstand der „Ballon d’Or féminin”, eine eigene Auszeichnung für die weiblichen Spielerinnen, welcher seit 2018 vergeben wird.

Die weltbekannten Fußballprofis Lionel Messi und Cristiano Ronaldo stehen sinnbildlich für den „Ballon d’Or”. Sie erhielten den angesehenen Preis bisher am häufigsten - aber nicht für ihre Heimatländer Portugal und Argentinien. Den Großteil ihrer Auszeichnungen gewannen sie während ihrer Zeit bei den spanischen Topclubs FC Barcelona beziehungsweise Real Madrid. Ihre Erfolge prägten eine Phase, in der die Auszeichnung fast schon fest in spanischer Hand war. Von 2009 bis 2021 ging der Preis bei den Männern sogar über ein Jahrzehnt lang ausschließlich an Spieler von FC Barcelona und Real Madrid.

Zählt nur der Hype oder wirklich echtes Talent?

Ein Blick auf die vergangenen 25 Jahre zeigt, dass diese beiden spanischen Vereine nicht nur viele Gewinner*innen stellten, sondern auch überdurchschnittlich häufig Spieler*innen, die in der Endauswahl unter den Top‑5-Nominierten landeten. Andere europäische Klubs, wie FC Arsenal liegen deutlich hinter den spanischen Spitzenvereinen und stellten teils nur einzelne Nominierte auf.

Spanische Topklubs bilden eine viel höhere Konzentration an Nominierten als beispielsweise FC Arsenal oder FC Bayern München. | Quelle: Sarah Siegmund

Dass nur wenige, gleichbleibende Klubs so viele Top-5-Nominierte aus einem Verein stellen ist damit kein Zufall, sondern spiegelt die sportliche Bedeutung und Sichtbarkeit dieser Teams im internationalen Wettbewerb wider. Lionel Messi und Cristiano Ronaldo prägten den Weltfußball über viele Jahre hinweg. Für FC Barcelona und Real Madrid entschieden sie regelmäßig große Spiele, stellten Torrekorde auf und führten ihre Teams zu Meisterschaften und Champions‑League‑Titeln. Laut Manfred Münchrath, Leiter des Ressorts „Fußball International“ des Sportmagazins „kicker”, ist das entscheidend: „Ballon‑d’Or‑Sieger wird man vor allem dann, wenn man etwas gewonnen hat.“ Spieler*innen, die in großen Wettbewerben weit kommen, ständen automatisch stärker im Fokus der Jury. 

„Ballon‑d’Or‑Sieger wird man vor allem dann, wenn man etwas gewonnen hat.“
Manfred Münchrath, Sportredakteur bei „kicker“

Bekanntheit oder mediale Präsenz spielten laut ihm dagegen eine zweitrangige Rolle: „Da spielt nicht mit, wie bekannt ein Spieler ist. Wenn Messi die halbe Saison verletzt ist, dann kann er in der Regel auch nicht Weltfußballer werden“, so Münchrath. Die Kriterien der Wahl der Weltfußballer*innen verstärken diesen Effekt. Bewertet werden individuelle Leistungen, der Einfluss auf das Team, Erfolge in nationalen und internationalen Wettbewerben sowie Fairplay. Grundlage ist immer die abgelaufene Saison.

Ablauf der „Ballon d'Or”-Wahl

Wer stimmt ab? 

Eine internationale Jury aus Fachjournalist*innenStimmberechtigt sind je ein/e Journalist*in aus den 100 bestplatzierten Nationen der FIFA‑Weltrangliste bei den Männern und aus den 50 bestplatzierten Nationen bei den Frauen.

Wie wird gewählt? 

Jedes Jurymitglied wählt aus der Liste der 30 Nominierten zehn Spieler*innen in absteigender Reihenfolge. Die Platzierungen werden anschließend über ein gestaffeltes Punktesystem verrechnet, bei dem die höchste Position die meisten Punkte (15 Punkte) erhält und die weiteren Plätze entsprechend weniger.

Wer gewinnt? 

Der „Ballon d’Or“ geht an die Person mit der höchsten Gesamtpunktzahl. Bei Punktgleichheit entscheidet zunächst die Zahl der Erstplatzierungen, danach die Zweit‑ und Drittplatzierungen.

Quelle: UEFA.com

Geld kauft Sichtbarkeit

Dass Spanien über Jahre hinweg so viele Ballon-d’Or-Gewinner*innen stellte, hängt eng mit der wirtschaftlichen Stärke seiner Spitzenklubs zusammen. Die Deloitte Football Money League ist eine jährlich veröffentlichte Rangliste der 20 weltweit umsatzstärksten Fußballvereine. Seit Jahren gehören die spanischen Top-Klubs FC Barcelona, Real Madrid und Atlético de Madrid dazu. In der aktuellen Ausgabe für die Saison 2024/25 liegt Real Madrid mit über einer Milliarde Euro Umsatz an der Spitze, gefolgt vom FC Barcelona mit 990 Millionen Euro.

Die hohen Einnahmen ermöglichen es den Vereinen, regelmäßig international erfahrene Spitzenspieler*innen aus anderen Klubs zu kaufen. In der sportökonomischen Forschung wird dieses Vorgehen als „Elite Recruitment“ bezeichnet: Vereine investieren dauerhaft mehr Geld in etablierte Profis, als sie durch Verkäufe anderer Spieler*innen einnehmen. Damit sich diese wirtschaftlich riskante Strategie lohnt, brauchen die Vereine sportliche Erfolge. Titel bringen Preisgelder, ziehen Sponsoren an und erhöhen ihre Sichtbarkeit weltweit.

Für die Ballon-d’Or-Wahl schafft diese Struktur klare Vorteile. Vereine mit großen finanziellen Möglichkeiten, insbesondere spanische Spitzenklubs, verpflichten häufiger die besten Spieler*innen, die wiederum regelmäßig um die wichtigsten nationalen und internationalen Titel spielen. Da sportliche Erfolge eine zentrale Grundlage für die Vergabe des „Ballon d’Or“ darstellen, steigen damit auch die Chancen dieser Profis auf Nominierungen und letztlich auf den Gewinn der Auszeichnung.

Andere europäische Vereine haben es schwer mit Spanien mitzuhalten. | Quelle: Nadja Ellinger

Münchrath beobachtet in diesem Zusammenhang, dass die Vereine dem „Ballon d’Or“ inzwischen zunehmend Bedeutung beimessen und stark darauf achten, dass ihre Spieler*innen die Auszeichnung gewinnen. Real Madrid habe in den vergangenen Jahren teilweise trotzig auf Wahlergebnisse reagiert, wenn eigene Favorit*innen leer ausgingen. Daran wird deutlich, welchen Stellenwert der „Ballon d’Or“ heute im Profifußball besitzt und dass er seinem Ruf als prestigeträchtigste individuelle Auszeichnung im Fußball weiterhin gerecht wird.

Der (Teufels-) Kreislauf des Erfolgs

Auf diese Weise entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Finanzstarke Klubs verpflichten die erfolgreichsten Profis, diese gewinnen Titel und genau diese Titel erhöhen wiederum die Chancen auf einen „Ballon d’Or“. Vereine mit geringeren finanziellen Möglichkeiten können in diesem System deutlich schwerer konkurrieren und stellen deshalb seltener Spieler*innen mit realistischen Chancen auf die Auszeichnung.

So gilt der „Ballon d’Or“ zwar als individuelle Ehrung für außergewöhnliche Leistungen einzelner Spieler*innen, aber die Daten der vergangenen Jahrzehnte zeigen, dass die Auszeichnung meist innerhalb derselben internationalen Spitzenklubs weitergegeben wird. Es ist nicht zu bestreiten, dass wirklich die besten Profis den renommierten „Ballon d’Or“ erhalten, doch in der Welt des internationalen Spitzenfußballs spiegelt es auch die strukturellen Verhältnisse um Macht und Ansehen wider.

Wie stabil Spaniens Einfluss bleibt, wird die nächste Wahl im Herbst zeigen.

Franck Seguin/L’Équipe

Wie stabil Spaniens Einfluss bleibt, wird die nächste Wahl im Herbst zeigen.

Franck Seguin/L’Équipe

Für diesen Beitrag haben wir eine Netzwerkanalyse der Top‑5‑Nominierten des „Ballon d’Or“ im Zeitraum 2000 bis 2025 durchgeführt. Die Analyse basiert auf öffentlich zugänglichen Daten, unter anderem von transfermarkt.de, Goal.com sowie offiziellen Veröffentlichungen von „UEFA” und „France Football”.

Der Datensatz und das zugehörige Codebuch sind hier einsehbar.