„Eine Woche ohne was Warmes zu Essen – da klappt der Körper zusammen. Der Körper braucht Calcium, Vitamine und all das Zeug“, sagt Alligator und streckt mir eine verbeulte Alubox entgegen – Reis mit Gemüse. Gastfreundlich wie die Punks im Stuttgarter Rosenstein Park sind, bekomme ich als Erstes etwas zu Essen angeboten. Es ist inzwischen 11 Uhr. Ich habe besser geschlafen als gedacht. Neben mir sitzt Jules, der unser Lager heute Nacht mit seinem Messer bewacht hat und mit dem ich am Vorabend einen kuriosen Ausflug gemacht habe. Die Sonne scheint schon durch die Äste. Die vielen Pendler*innen, die an uns vorbeirasen, sind kaum beeindruckt. Unser Schlaflager gehört zum alltäglichen Wahnsinn einer Großstadt.
Zu den Punks im Rosensteinpark hat mich Thomas gebracht. Er ist mein Guide durch Stuttgart – die Stadt, in der ich vor allem zum Studieren und Bummeln bin. Dank Thomas lerne ich sie nun aus einer anderen Perspektive kennen. Eine Perspektive von Menschen ohne festen Wohnsitz. Mit schlimmen Seiten, die vor allem unter der Paulinenbrücke sichtbar werden. Aber auch mit den guten Seiten, mit den Menschen, die Thomas richtig ans Herz gewachsen sind. Thomas sitzt rechts neben mir, er trägt ein graues Polohemd. Seine kurz geschnittenen Haare sind kein bisschen verstrubbelt – die Nacht im Park sieht man ihm weniger an als mir. Am Nachmittag davor habe ich Thomas zum ersten Mal getroffen. Ein Mitarbeiter der Stuttgarter Caritas hat ihn mir als Ansprechpartner vermittelt. Getroffen haben wir uns um 16 Uhr an der Bahnhofsmission. Sie ist eine Anlaufstelle für alle, die neu in die Stadt kommen und sich nicht auskennen. Neben Informationen gibt es hier Essen, Klamotten und Schlafsäcke für Bedürftige. Thomas ist manchmal dort, obwohl er schon seit drei Jahren in Stuttgart auf der Straße lebt und sich gerade aus diesem Leben herausarbeitet. Von dort ziehen Thomas und ich weiter, er will mir seine Freunde vorstellen. Wir versuchen, unterwegs ein paar Flaschen und Dosen zu finden. Aber die Konkurrenz ist groß, alle paar Meter treffen wir auf einen anderen Pfandsammler.
Schweizer kennt die halbe Stadt
Thomas kommt aus der Schweiz, das hört man sehr deutlich an seinem Akzent. Auf der Straße wird er von vielen nur mit „Schweizer“ angesprochen. Nach Deutschland ist er ursprünglich wegen der Liebe gekommen. Er war angestellt bei einem Transportunternehmen. „Ich verlor während der Fahrt einen Hinterreifen. Erst war ich zwei Monate freigestellt, dann arbeitslos“, erzählt Thomas. Danach ging das mit seiner Freundin auch auseinander und er hatte plötzlich weder einen Job, noch ein Dach über dem Kopf. Inzwischen bekommt der 55-Jährige Bürgergeld, das über die Evangelische Gesellschaft (eva) in Stuttgart ausgezahlt wird. Eine weitere Möglichkeit, um an etwas Geld zu kommen, ist sein Hobby. In der Saison pfeift Thomas rund alle zwei Wochen Rollhockey-Spiele in der Bundesliga.
Am Treffpunkt nahe dem Bahnhof angekommen, stellt Thomas sein Gepäck zur Seite und begrüßt seinen Freund Andi. „Wie geht’s?“, erkundigt er sich bei mehreren seiner Bekannten. „Ja muss“, kommt meist mit einem zufriedenen Seufzer zurück. Andi ist auf Substitute – heißt, dass er vom Arzt verschriebene Ersatzstoffe zu sich nimmt, statt den illegalen Drogen. „Ein Tag ohne, vielleicht. Aber ein Zweiter? Vergiss es. Du kannst nicht schlafen, nicht sitzen, nur laufen als Ablenkung“, sagt Andi. Er ist nicht der einzige, anderen um uns herum geht es ähnlich. Thomas ist von all dem nicht betroffen. Er trinkt zwar gerne Bier, ist aber nicht davon abhängig. „Heroin, mach das nie! Das hat mich auf die Straße gebracht“, gibt mir Andi als gutgemeinten Ratschlag mit.
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Es kommt wohl häufiger vor, dass auf der Straße zwei aneinander geraten – oftmals, weil sie alkoholisiert sind. Thomas versucht, sich aus sämtlichen Konflikten herauszuhalten. Er hat noch etwas vor mit seinem Leben. Aktuell fehlt nur noch die mündliche Prüfung bei der IHK, dann ist er ausgebildeter Sicherheitsfachmann und kann einen Job antreten. Bis das so weit ist, besucht er Tag für Tag die Caritas-Tagesstätte in der Olgastraße 46. Hier hat er die Möglichkeit, alle zwei Tage zu duschen, werktags zu frühstücken und dreimal die Woche eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen. „Seit diesem Jahr ist die Olga am Dienstag- und Donnerstagnachmittag geschlossen, wegen der Kürzungen der Stadt“, sagt Thomas. Für ihn und die anderen ist das ein harter Schlag. „Das war das erste Mal in der 58-jährigen Geschichte der Olgastraße, dass wir gekürzt wurden“, berichtet Kai Koch, Teamleiter der Tagesstätte.
Die Stadt hat entschieden
Im Dezember vergangenen Jahres verabschiedete der Stuttgarter Gemeinderat den Doppelhaushalt 2026/27. Dieser beinhaltet eine pauschale Kürzung von zehn Prozent bei den freiwilligen Zuschüssen und Förderungen im Amt für Soziales und Teilhabe (THH 500). Dem Caritasverband für Stuttgart werden in diesem Jahr 14.000 Euro für die Tagesstätte Olga46 gestrichen. Auch andere Angebote für Wohnungslose, wie Notunterkünfte, der Erfrierungsschutz oder die Bahnhofsmission, müssen mit weniger Geld der Stadt auskommen.
Bevor Thomas und ich weiterziehen in Richtung Mineralbäder, machen wir noch einen kurzen Stopp beim Rewe. „He, alles klar?“, begrüßt Thomas den Sicherheitsmann am Eingang. „Jaja, wie immer“, grinst er zurück. „Die sind alle sehr freundlich. Aber man darf es sich nicht verscherzen. Andi hat geklaut und seitdem Hausverbot.“ Der Pfandautomat spuckt uns einen Bon mit drei Euro Guthaben aus. Es reicht gerade so für ein günstiges Brot und reduzierte Wurst.
Auf Platte mit den Punks
Mit der U1 bei den Mineralbädern angekommen, laufen wir Richtung Schloss Rosenstein. Auf halber Strecke halten wir an den ehemaligen Wachthäuschen an. Hier sind sie, die Punks. Zu siebt sitzen sie auf dem Sandstein im Kreis. Thomas freut sich, sie alle wiederzusehen. Ich grüße in die Runde, das angebotene Bier und die Zigaretten lehne ich dankend ab. Sie spielen gerade „Truth or Dare“ mit Flaschendrehen. Sie hauen einen Sex-Witz nach dem anderen raus und kriegen sich nicht mehr ein vor Lachen. Um mich herum reiht sich ein leeres Oettinger Export an das nächste, nüchtern ist hier niemand. Ich fühle mich absolut fehl am Platz und zugegebenermaßen etwas unwohl.
Inzwischen ist es dunkel und kurz vor Mitternacht. Jules, gehört zur Gruppe der Punks, will mir etwas zeigen. Der untere Schlossgarten ist menschenleer – nur wir beide sind unterwegs. Zu unserer Sicherheit hält er ein Messer in seiner rechten Hand. Mir ist bei all dem etwas mulmig. Wir laufen die Allee entlang, immer wachsam nach Geräuschen. „Wenn ich sag’ verpiss dich, dann rennst du sofort in die andere Richtung“, warnt mich Jules. Sein Blick ist ernst, also sollte ich auch seine Ansagen ernst nehmen. Nach einer guten viertel Stunde, biegen wir hinter einer Parkbank rechts ab und erreichen unser Ziel: die ehemalige Platte der Punks. Die Platte beschreibt bei Menschen, die auf der Straße leben, den Ort, an dem sie ihr Lager aufschlagen. Wir steigen über eine Mauer, hier ist es stockfinster. Wir schalten die Handylichter an und sehen zwei vollgestopfte Einkaufswägen und einige Isomatten vor uns. Kleidung, Brote, Geschirr und jede Menge Schlafsachen. „Die Platte war richtig gut, bis eines Tages der Macheten-Mann kam. Dann sind wir umgezogen“, sagt Jules. Wem genau das übriggebliebene Zeug gehört, weiß Jules nicht. Ob die Person wiederkommt, geschweige denn noch lebt, ist unklar. Ich merke, dass die Punks ein etwas anderes Verständnis über ihr Straßenleben haben als die Leute vom Bahnhof-Treffpunkt. Jules fängt an, mir davon zu erzählen: „Es gab schon Zeiten, da ging es mir deutlich schlechter. Kein Schwanz ist so hart wie das Leben. Jetzt auf der Straße zu sein, ist absolute Freiheit für mich. Ich habe keine Verantwortung, muss niemandem antworten, muss keine Miete zahlen. Im normalen Alltag hat man so viel Stress. Hier musst du nur gucken, dass bisschen Geld zusammenkommt.“
Langsam ist es Zeit, schlafen zu gehen. Ich habe meine Isomatte schon ausgerollt. Es wird sehr schnell ruhig. Der Einzige der wach bleibt ist Jules. Er übernimmt die erste Schicht der Nachtwache. Wird er zu müde, weckt er einen seiner Kollegen auf. Mich haben sie durchschlafen lassen. Würde Thomas die Nacht alleine verbringen, gilt die goldene Regel: Verrate niemals jemandem den Ort, an dem du nachts schläfst. Es kann immer passieren, dass man beklaut wird, oder schlimmer.
Ein neuer Morgen
Drei Meter neben mir ist Alligator wach geworden. Er sieht topfit aus und schaut mit freundlichem Lächeln zu mir rüber. „Guten Morgen“, begrüßt er mich. Kurz darauf zischt es und schon hängt das Dosenbier an seinen Lippen. Ich krieche aus meinem Schlafsack. Neben dem von Jules steckt noch sein Messer zwischen den Bodenplatten – man weiß ja nie.
Dave, einer der Punks, geht mit einer großen PET-Flasche Wasser holen. „Auch wenn ‚Kein Trinkwasser‘ am Brunnen steht, kann man das trotzdem gut trinken“, sagt er. Währenddessen fängt Alligator an, den Einkaufswagen auszuräumen. Ich bin beeindruckt, was alles rauskommt. Sonnencreme, Deo, Haarspray, dazu einiges an Kochzeug. „Gestern habe ich gefüllte Paprika für alle gemacht“, erzählt Alligator. Er holt das große Küchenmesser aus dem Rewe-Einkaufskorb und schnippelt Kohlrabi, Karotte und Paprika in schmale Streifen. Die Brennpaste erfüllt ihren Zweck, auch wenn es lange dauert, bis der Reis fertig gekocht ist.
Alligator bietet mir an, ihn zum Schnorren begleiten zu dürfen. Auf dem Weg zum Edeka erzählt er von seinem Leben. Er hatte keine leichte Kindheit und hat heute keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern. Ich frage ihn nach der Sache mit dem Alkohol. „Ich trinke, seit ich zwölf bin. Durch Bier schaltet mein Kopf bisschen ab, sonst spinnt er. Ein halber Tag ohne geht grad so, mehr auf keinen Fall. Mir ist schon klar: Das ist eine feige Flucht.“ Trinken ist ein absolutes Dauerthema auf der Straße, das habe ich inzwischen gemerkt. Kai Koch von der „Olga46“ bestätigt mir das: „Drogen, ob es jetzt Alkohol oder etwas anderes ist, dämpfen die Empfindungen natürlich stark. Die Obdachlosigkeit geht oft Hand in Hand mit dem Alkoholismus.“ Er sieht den Alkohol auch als häufige Ursache in die Obdachlosigkeit: „Oft ist es so, dass wenn jemand zu viel getrunken hat, er seinen Job verliert. Oder die Frau sagt: Jetzt reicht’s, zieh aus.“
Mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass mich hier eh niemand kennt, war es für mich keine allzu große Hürde, mich vor den Edeka zu setzen. Vor uns steht die leere Blechdose zum Schnorren. „Wichtig ist, höflich zu sein, den Leuten den Tag zu versüßen“, gibt mir Alligator als Tipp. Er grüßt die Passanten: „Hallo die Dame, einen schönen Tag noch.“ Nach anderthalb Stunden haben wir keinen einzigen Cent bekommen. Vor dem Aldi Stadtmitte würde es viel besser klappen.
Das absolute Elend
Zum Abschluss des Tages bringt mich Thomas noch zur Paule, die Paulinenbrücke am Gerber. „Das hier ist das Ende vom Ende, absolutes Elend“, sagt Thomas. Auch hier kennt er einige. Das Problem bei den Leuten an der Paule sei, dass die meisten von ihnen gar nicht von dort weg wollen. Ihnen Geld zu geben, mache keinen Sinn, Kleidung wäre am ehesten noch hilfreich. „Es macht mich traurig und ich verstehe es auch nicht, wie man seinem eigenen Körper etwas spritzt, das er gar nicht will“, kommentiert Thomas das Geschehen. Als ich ihn nach seiner größten Angst frage, überlegt er nur kurz: „Meine größte Angst ist, dass ich die Leute verliere, die mir ans Herz gewachsen sind. Andi und Alligator zum Beispiel.“
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Später ergänzt Thomas, dass das auch der Grund sei, warum er nicht in die Schweiz zurückmöchte. Es ist eben doch eine ganz besondere Gemeinschaft und ein starker Zusammenhalt unter denen, die hier auf Stuttgarts Straßen leben. Das habe ich am Treffpunkt Bahnhof und auch bei den Punks im Park erlebt. Meine 24 Stunden reichen keinesfalls, um das Leben auf der Straße vollständig zu verstehen. Noch immer habe ich einige Fragezeichen im Kopf. Ich bin froh, die andere Perspektive kennengelernt zu haben und bin aufs Neue von einem starken Gefühl der Dankbarkeit erfüllt, jederzeit nach Hause gehen zu können. Nach Hause unter die warme Dusche, in mein bequemes Bett, an den reich gedeckten Tisch und zu meiner Familie.