Umwelt&Wirtschaft

Verkehrswende
Wieso Elektroautos nicht die Klima- und Mobilitätsprobleme der Zukunft lösen werden

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In Stuttgart findet man immer mehr Ladesäulen für Elektroautos. | Bild: Sarah Anthony

Verkehrswende Wieso Elektroautos nicht die Klima- und Mobilitätsprobleme der Zukunft lösen werden

In Stuttgart findet man immer mehr Ladesäulen für Elektroautos. | Bild: Sarah Anthony
 

09 Feb 2022

CO2-freies Autofahren durch Elektroautos? Es klingt ganz so, als könnten E-Auto-Neukund*innen beim Abgeben ihres alten Autos ihr schlechtes Gewissen gleich mit entsorgen. Leider nicht, denn für eine erfolgreiche Verkehrswende braucht es deutlich mehr, nämlich zwei Strategien.

Sarah Anthony

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020
UmweltNachhaltigkeitPolitik

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Elektroautos gelten als Allheilmittel für Verkehrswende und Klimaprobleme. Das ist zu kurz gedacht, denn selbst rein elektrisch betriebene Fahrzeuge werden alleine weder unseren Planeten retten können, noch die Mobilitätsprobleme der Zukunft lösen. Zwei Verkehrsstrategien müssen her. In den Städten braucht es mehr Radwege und alternative Verkehrskonzepte. Auf dem Land, wo Autos benötigt werden, fehlt es an grüner Infrastruktur. 

Grundsätzlich wäre es sinnvoll, zwischen urbanem und ländlichem Raum zu unterscheiden. In der Stadt hat ein eigenes Auto wesentliche Nachteile: Die Abgase verschlechtern die Luftqualität und, sind wir mal ehrlich, die meiste Zeit steht man eh nur im Stau. Die typischerweise eher kurzen Distanzen in der Stadt lassen sich prima mit öffentlichem Nahverkehr, per Rad oder zu Fuß zurücklegen. In der Vorzeigestadt Kopenhagen gibt es beispielsweise seit 2016 mindestens genauso viele Fahrradfahrer*innen wie Autofahrer*innen. Die dänische Metropole hat das Potential des Radverkehrs früh erkannt und entsprechende Maßnahmen getroffen. Durch Erhöhungen der Parkgebühren, Reduktionen des Parkraums für Autos und gleichzeitigem Ausbau der Fahrradinfrastruktur und -sicherheit entscheiden sich immer mehr Dän*innen für das Rad. Ähnliche Maßnahmen sollte es auch für deutsche Städte geben.

Zwei Konzepte für Stadt und Land

Im ländlichen Raum müssen die Menschen ganz andere Distanzen bewältigen und brauchen daher eher ein Auto. Durch den höheren Individualverkehr ist es lukrativer, das E-Auto und dessen Ladeinfrastruktur dort auszubauen. Anstatt jedes Auto durch ein batteriebetriebenes zu ersetzen, sollte der Individualverkehr eingeschränkt und der ÖPNV ausgebaut und günstiger gestaltet werden. Wer Auto fahren möchte, dürfte dies immer noch tun, nur nicht alleine. Carsharing und Mitfahrgelegenheiten wären auf Dauer umweltfreundlicher als ein Auto, das man nicht täglich braucht, in der Garage zu parken.

Egal wie neu die Technik, egal wie gut die Energieeffizienz, E-Autos sind nur so grün wie der Strom mit dem sie betankt werden. Der E-Automarkt boomt. Viele Automobilhersteller wittern das lukrative Geschäft – bei Audi beispielsweise sollen ab 2026 keine Verbrennungsmotoren mehr vom Band laufen. Potentielle Käufer*innen werden mit Prämien und Steuervorteilen geködert. Bis zu 9 000€ können sie beim Kauf eines reinen E-Autos ergattern! Das zieht. In den ersten sieben Monaten des vergangenen Jahres wurden dreimal mehr E-Autos bestellt als im Jahr zuvor. Nur wenn der Strom aus erneuerbaren Energien stammt, fährt das Auto auch klimaneutral. Daher braucht es zuerst eine CO2-freie Stromproduktion und -speicherung, damit den vielen Elektroautos nicht der Saft ausgeht. Aber es geht ja nicht nur um das Fahren: Das Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg hat berechnet, dass alleine bei der Herstellung der Batterien bis zu neun Tonnen Kohlendioxid-Äquivalent in die Luft gepumpt werden. Noch bevor das Auto also losfährt ist die Klimabilanz schlechter als bei Verbrennermotoren.

Elektroautos sind somit nur Teil einer Lösung. Sie beheben aktuelle Probleme, da ihre Benutzung kein direktes CO2 erzeugt. Wir wissen aber nicht, was in der Zukunft passiert, wo der ganze (grüne) Strom herkommen soll und wie Batterien umweltfreundlich recycelt werden können. Ein Umdenken ist unausweichlich. Eine Sache auszutauschen um ein bestehendes System möglichst unverändert zu belassen kann nicht zielführend sein. Verbrennermotoren durch Batterien zu ersetzen, unser Verhalten und Konsumgewohnheiten aber unberührt zu lassen, wird nicht funktionieren. Ein Auto darf kein Statussymbol mehr sein. Im Gegenteil – die Menschen, die aus ökologischen Gründen darauf verzichten und Alternativen suchen, sollten dafür stärker anerkannt werden. Unsere Prioritäten dürfen nicht auf bequemen Autos liegen, sondern auf Klimaschutz und Gesundheit in der Zukunft.