Richard Toellner weiß heute, was die Welt für ihn zusammenhält – der Glaube und ein Leben nach eigener Intuition. | Bild: Natalie Schweizer

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Ausstieg aus der Ewigkeit

Richard Toellner weiß heute, was die Welt für ihn zusammenhält – der Glaube und ein Leben nach eigener Intuition. | Bild: Natalie Schweizer

27 Jan 2020

Was bewegt einen Wissenschaftler, ins Kloster zu gehen und nach 20 Jahren in Gemeinschaft wieder auszutreten? Für Richard Toellner war dies eine Frage der Intuition. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, musste er sich mit 22 Jahren zwischen seiner „rationalen Seele“ und dem eigenen Gefühl, das willkürlich fremde Wege geht, entscheiden. Anstelle von Karriere, fand der Mathematiker seine Erfüllung in einer evangelischen Bruderschaft. Doch es kam erneut zu einer Kehrtwende.

„Ich wollte wissen, was die Welt zusammenhält.“ – Richard Toellner

Blicken wir zurück auf die Zeit vor dem Kloster. Was hat dich dazu bewegt, Mathematik zu studieren und eine Karriere als Wissenschaftler anzustreben?

Bereits als Kind interessierte ich mich dafür, die Umwelt zu erkunden und zu erforschen. Meine naturwissenschaftliche Begabung entfaltete sich kontinuierlich. Von der Natur über die Physik kam ich zur mathematischen Grundlagenforschung. Ich sah es als meine Berufung, in die Tiefe der Wissenschaft und Mathematik einzudringen. Ich wollte wissen, was die Welt zusammenhält. Die Wissenschaft lieferte mir keine Antwort und ich wusste, dass ich an der falschen Stelle suchte.

„Geld verdienen ist keine seriöse und ernstzunehmende Aufgabe für mich!“ – Richard Toellner

Wie kam es zu deiner Entscheidung, in einer evangelischen Bruderschaft zu leben?

Mein Kumpel gründete ein erfolgreiches Unternehmen und bot mir an, einzusteigen. Doch ich entschied anders. Geld verdienen ist keine seriöse und ernstzunehmende Aufgabe für mich! Eines Tages habe ich an einer Karnevals-Veranstaltung eine Frau kennengelernt. Plötzlich saßen wir in einer Ecke und haben über Gott gesprochen. Sie war ein Mitglied meiner späteren Gemeinschaft. Da ich aus einem Theologenhaushalt komme, war mir der Glaube nicht fremd. Doch diese Frau erweckte in mir ein Bedürfnis, das ich noch nicht kannte. Durch sie erkannte ich, im Glauben den wahren Sinn des Lebens zu finden. Ich folgte meiner Intuition und der inneren Stimme und ging mit 22 Jahren ins Gethsemanekloster Riechenberg.

Welche Schwierigkeiten stellten sich bei deiner Entscheidung?

Freunde und Familie standen meinem Vorhaben kritisch gegenüber, wovon ich mich aber nicht abhalten ließ. Das stellte jedoch die kleinste der vielen Schwierigkeiten dar. Ich musste mich entscheiden, ob ich später einmal heiraten oder den ehelosen Brüdern angehören möchte. Dies sollte eine Entscheidung für den Rest des Lebens sein. Eine weitere zentrale Schwierigkeit für mich war, das aufzugeben, das ich liebte – die Wissenschaft und Forschung. Meine Berufung als Wissenschaftler aufzugeben, war schwer für mich und ich musste mit meinem Inneren kämpfen.

„Ich wollte wissen, was die Welt zusammenhält.“ – Im Zwiespalt zweier Seelen steht Richard mit 22 Jahren vor der Herausforderung, sich zwischen Karriere und Kloster zu entscheiden. | Bild: Natalie Schweizer
Durch eine schicksalhafte Begegnung erkennt Richard den wahren Sinn des Lebens im Glauben, folgt seiner Intuition und entscheidet sich für das Gethsemanekloster Riechenberg bei Goslar. | Bild: Natalie Schweizer
Nach zwanzig Jahren erneuter innerer Kampf: Die Begegnung mit seiner zukünftigen Frau regt ihn zu einem Perspektivwechsel an und er erkennt, dass er den Glauben auch ohne Kloster in seinem Herzen verankern kann. | Bild: Natalie Schweizer
Die Liebe siegt und der Austritt aus dem Kloster gelingt. Heute lehrt Richard Mathematik und Physik an der katholischen Schule St. Klara. Hier kann er seine christlichen und wissenschaftlichen Interessen verbinden. Er bewahrt sich das Mönchtum im Herzen. | Bild: Natalie Schweizer

Wie sah dein Leben im Kloster aus?  

Das Kloster Riechenberg ist eine Klosteranlage am Stadtrand von Goslar. Alle Brüder im Kloster hatten ihren eigenen Job, wodurch jeder für sich finanziell unabhängig war. Während der Klosterzeit war ich Gärtner und trug so meinen Teil zur Gemeinschaft bei. Später war ich zudem Mathematiklehrer am Gymnasium Josephinum des Bischofs. Nebenbei entdeckte ich meine große Leidenschaft für die Literatur und versuchte mich als Schriftsteller.

Welche Probleme stellten sich im Kloster?  

Die Bruderschaft führte gemeinsam Rituale durch und betete zusammen, was mir gefiel. Jedoch war das Kloster eine harte Schule und brachte reichlich Schwierigkeiten mit sich. Anstatt um fünf Uhr ins Bett zu gehen, stand ich nun um fünf auf. Zudem empfand ich die Bruderschaft als eine „Einzelkämpferbruderschaft“, in welcher der Gemeinschaftssinn nicht sehr ausgeprägt war. Es war nicht immer so harmonisch, wie man es sich vorstellen mag. Es war oft eine herausfordernde geistliche Übung, sich selbst in seiner Begrenztheit sowie die Mitbrüder zu ertragen. Reibungen und Konflikte waren nicht vermeidbar. Wie überall auf der Welt, musste man sich auch hier beweisen. Hier war es wichtig, die Balance zu finden und seine eigenen Bedürfnisse auch mal hintenanzustellen.

„Diese Gespräche halfen mir, den Glauben im Herzen zu verankern.“ – Richard Toellner

Wie kam es nach 20 Jahren zur Entscheidung, aus dem Kloster auszutreten?

Eines Tages traf ich eine Frau im Kloster, in die ich mich später verlieben und die ich heiraten sollte. Sie war Maklerin und entschloss sich, nach Portugal zu pilgern. Auf der Durchreise kam sie an unserer Bruderschaft vorbei. Zuerst nahm ich sie als eine „Esoterik-Tante“ wahr. Die spirituellen Gespräche eröffneten mir neue Sichtweisen. Diese Gespräche halfen mir, den Glauben im Herzen zu verankern. Mir wurde bewusst, dass ich nicht im Kloster sein muss, um zu glauben und dass es Zeit wird für etwas Neues.

Welche Hindernisse stellten sich dir beim Austritt?

Die Entscheidung aus dem Kloster auszutreten, war natürlich nicht leicht. Ich musste erneut mit meinem Inneren kämpfen. Die Bruderschaft zu verlassen, war ein großer Schritt, schließlich sollte dies eine Lebensentscheidung sein. Da ich einen Beruf als Lehrer hatte und abgesichert war, stellte der finanzielle Aspekt keine große Schwierigkeit dar. Jedoch war es anfangs sehr schwer, sich wieder in die Gesellschaft, mit all ihren Konventionen, einzugliedern.

Heute bist du Mathematiklehrer an der katholischen Schule St. Klara in Rottenburg. Wie gestaltet sich dein Leben heute und welche Rolle spielt der Glaube dabei?

Nach dem Kloster widmete ich mich meiner neuen Leidenschaft, der Literatur. Ich schrieb ein Gedicht und meinen ersten Roman. Natürlich beschäftige ich mich auch weiterhin mit der Wissenschaft. So setze ich mich bis heute mit der Relativitätstheorie auseinander. An St. Klara unterrichte ich zudem Oberstufen-Mathematik sowie Physik und bereite Abiturienten vor. Durch die Schule kann ich meine christlichen und wissenschaftlichen Interessen verbinden. Regelmäßig finden auch Gottesdienste statt, in denen ich mich einbringe. Nach wie vor stehe im morgens um fünf auf und meditiere. Die „Einladung zum Morgengebet“ spielt noch heute eine große Rolle in meinem Leben. Das Gebet begleitet mich durch alle Herausforderungen. Das gregorianische Morgengebet hilft mir, den Glauben zu verinnerlichen.

Wie blickst du heute auf deinen Lebensweg, mit all seinen Herausforderungen und Chancen, zurück?

Ich bereue nichts, da ich immer auf meine Intuition gehört habe. Aus heutiger Sicht hätte ich jedoch manchmal andere Entscheidungen getroffen und mich beispielsweise früher der Literatur gewidmet. Familie und Kinder stellen erst in den letzten Jahren eine Herausforderung dar. Dass Kinder den Sinn des Lebens komplettieren, bemerkte ich leider zu spät. Mit 22 Jahren dachte ich, alles erlebt und gesehen zu haben, was natürlich rückblickend blauäugig war. Bis heute trage ich das Mönchtum in meinem Herzen und habe eine gute Beziehung zum Kloster. Anfangs wollte ich wissen, was die Welt zusammenhält. Heute weiß ich, dass es der Glaube und die eigene Intuition ist.

„Anfangs wollte ich wissen, was die Welt zusammenhält. Heute weiß ich, dass es der Glaube und die eigene Intuition ist.“ – Richard Toellner
Infografik | Bild: erstellt von Sandra Noll
Infografik | Bild: erstellt von Sandra Noll
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