Religion

Mit Gott durchs Leben

Die religiöse Landschaft in Deutschland ist vielfältig. Das zeigt sich auch im Glaubensleben junger Menschen.
15. März 2023
Säkularisierung, Pluralisierung, Individualisierung – die Religionslandschaft in Deutschland verändert sich. Wie leben junge Menschen unter diesen Bedingungen heute ihren Glauben? Eine junge Muslimin und ein junger Christ über ihre Religionen und ihren Glauben.

„Magst du beten?“, fragt Alessandro eine Freundin, die zu Besuch ist, vorsichtig. Die beiden sitzen nebeneinander auf dem grauen Sofa in Alessandros Wohnung, die Teller mit dem dampfenden Essen schon in der Hand. Für ihn eine Tiefkühl-Pizza, für sie Tiefkühl-Kartoffelecken. Es ist Samstagabend. Sie haben den ganzen Nachmittag gequatscht. Über Gott und die Welt. Langsam kam der Hunger, deshalb heute schnell und einfach. Doch bevor sie zu Essen beginnen, soll noch gebetet werden. Die Freundin ergreift das Wort, dankt Gott für den Nachmittag, für das Essen, für den Abend.

Das Beten vor dem Essen gehört noch nicht lange zum Alltag des 26-Jährigen. Zwar wurde er als Kind eines Italieners und einer Deutschen katholisch getauft – weil es sich so gehört, doch an Gott glaubte er nie. Erst seit letztem Jahr bezeichnet Alessandro sich wirklich als Christ. Laut des Bertelsmann Religionsmonitors, der die Rolle von Religion in der Gesellschaft untersucht, gibt es immer weniger Menschen, die glauben. Die Märkte für alternative Heilverfahren sowie Esoterik, Meditation und Yoga boomen. In der heutigen Zeit sei vieles erklärbar, sodass man die Religion nicht brauche, sagt die Religionswissenschaftlerin Gritt Klinkhammer. Aber Alessandro hat sich entschieden: für ein Leben mit Gott an seiner Seite.

Ihr Glaube ist sichtbar

Zu diesen jungen Menschen, die sich für Gott entschieden haben, gehört auch Talibe Rabia. Sie ist eine von über fünf Millionen Muslim*innen in Deutschland. Ihre Religion ist sofort äußerlich sichtbar. Sie trägt ein pinkes Kopftuch, dazu ein beiges langes Kleid, ein „abaya“. „Für mich gehört die Kleidung mit zum Hijab, also zum Kopftuch“, erklärt die 22-Jährige. Sie studiert Wirtschaftsinformatik in Pforzheim, dort wohnt sie im Studierendenwohnheim. Talibe Rabia sitzt mit angezogenen Füßen auf einem Bürostuhl in ihrem Appartement. Sie wirkt entspannt. Die kleine Einzimmerwohnung sieht ganz gewöhnlich aus. Ein Schreibtisch, ein Kleiderschrank, ein schmales Bett und ein Regal finden darin Platz. Bücher, mit Mandeln und Haferflocken gefüllte Smoothie-Flaschen und ein bisschen Kosmetik füllen das Regal. Jeder Zentimeter ist gut ausgenutzt. Und man sieht: Der Islam ist Talibe Rabia wichtig. Über dem Bett hängen Bilder. Ein großes menschliches Herz, eine gezeichnete Frau mit Kopftuch und drei Bilder des für den Islam so wichtigen Ortes Mekka. Offen und freundlich, aber auch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, ja fast andächtig, spricht sie über ihren Glauben.

Irgendwann habe ich erkannt, dass es der richtige Weg für mich ist.

Talibe Rabia

Talibe Rabia ist mit dem Islam aufgewachsen, dort hineingeboren. Die Eltern kamen aus der Türkei nach Deutschland. Als Talibe Rabia zwei oder drei Jahre alt ist, lassen sie sich scheiden. Liebevoll spricht die junge Muslimin davon, wie ihre Mutter im Glauben ein Vorbild für sie war. Sie sieht als Kind, wie ihre Mutter betet und das Kopftuch trägt. Sie und ihre Geschwister werden damals in der Moschee oder von Bekannten unterrichtet. Sie lesen dort im Koran und lernen alles, was zum Islam dazugehört. Das sei ihrer Mutter wichtig gewesen und doch hätte sie ihre Tochter zu nichts gezwungen. Mit der Zeit ist Talibe Rabias Glaube immer stärker geworden. „Irgendwann habe ich erkannt, dass es der richtige Weg für mich ist.“

Mut beweisen

Ihr Kopftuch trägt Talibe erst seit anderthalb Jahren. Schon in der zehnten Klasse überlegt sie sich zu verschleiern. Ihre Mutter rät ihr, sich das gut zu überlegen. Sie erinnert ihre Tochter daran, dass sie in einem überwiegend christlichen Land Vorurteilen begegnen wird und Probleme bei der Jobsuche haben könnte. „Man braucht schon Mut, um das zu machen“, sagt Talibe Rabia. 2021 findet sie diesen Mut. Im Urlaub in Istanbul besucht sie ein Mausoleum, an dem Muradı Münzevi Hazretleri ruht. Dort wird Talibe Rabia plötzlich sehr emotional, ihr kommen die Tränen. Sie verspürt den dringenden Wunsch, „es endlich durchzuziehen“, und das Kopftuch zu tragen.

Zurück in Deutschland fängt sie sofort damit an. Die Reaktionen sind gemischt. Ihre Freund*innen reagieren positiv. Ihre ältere Schwester trägt kein Kopftuch und bewundert Talibes Mut. Auch die Chefin habe sie sofort unterstützt. Andere haben Berührungsängste, Vorurteile oder machen diskriminierende Bemerkungen. Immer wieder stellen Menschen Talibe Rabia die Frage: „Wieso bist du verschleiert?“ „Weil ich möchte!“, antwortet sie. Die Entscheidung war freiwillig. Manche Menschen akzeptieren diese Antwort nicht. Ihre Stimme wird laut, fast wütend, als die junge Muslimin davon erzählt. Was Talibe Rabia in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen tagtäglich erlebt, ist kein Einzelfall. Vor allem Frauen mit Kopftuch sind häufig Diskriminierung ausgeliefert.

Trotzdem bekennt sich Talibe Rabia zu ihrem Glauben und trägt das Kopftuch weiterhin. Laut der Shell Jugendstudie 2019 ist für 73 Prozent der muslimischen Jugendlichen in Deutschland der Glaube an Gott wichtig. Für Talibe Rabia „eigentlich sogar das Wichtigste.“ Sie kann sich ein Leben ohne ihren Glauben nicht vorstellen. „Da würde mir etwas fehlen. Die Geborgenheit würde fehlen. Und ohne meinen Glauben wäre meine Sicht auf das Leben voll anders“, sagt sie mit fester Stimme. Werte wie Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe seien ihr besonders wichtig und mit Rückschlägen könne sie besser umgehen.

Glaube in einer säkularen Welt

Die Shell Jugendstudie 2019 zeigte, dass im Gegensatz zu den jungen Muslim*innen Glaube und Religion für junge Christ*innen an Bedeutung verlieren. Für nur 39 Prozent der katholischen und für 24 Prozent der evangelischen Jugendlichen ist der Glaube an Gott wichtig. Die Religionslandschaft in Deutschland verändert sich. Durch Migration und Globalisierung sei sie pluraler geworden, so die Religionswissenschaftlerin Gritt Klinkhammer. Auch die Säkularisierung hat weiterhin einen großen Einfluss. Menschen distanzieren sich von Religion und Glaube. Auch sehr religiöse Menschen müssten sich dazu positionieren, erklärt Gritt Klinkhammer. „Wenn sie ihre Religion verteidigen, argumentieren sie ganz selbstverständlich, dass sie ihre Religion individuell wählen und dass sie ganz persönlich entscheiden.“

Vom Unglauben zum Glauben

Diese persönliche Entscheidung hat Alessandro im letzten Jahr getroffen. Erste richtige Kontakte zum Glauben hatte er vor sieben Jahren, während seines Studiums der Sozialen Arbeit. Bis dahin war er „das komplette Gegenteil von jemandem der glaubt.“ Kommiliton*innen haben ihm gezeigt, dass Glaube, Kirche und Religion keine Sache von Menschen über 60 Jahren ist, die sonntagsmorgens auf knarzenden Bänken in der kalten Kirche sitzen und Kirchenlieder auf Latein singen. Stück für Stück hat er sich mehr damit auseinandergesetzt. Hat mit seinen Kommiliton*innen darüber gesprochen. Dann lernt er eine Christin kennen, sie kommen sich näher und werden ein Paar. Der Glaube ist im Alltag kein großes Thema. Trotzdem sprechen sie immer wieder darüber. Sein Interesse wächst. Langsam, aber stetig. Schlussendlich hält die Beziehung nicht. Daraufhin folgt eine schwere Phase. Alessandro fühlt sich leer, traurig. In dieser Zeit beginnt er, in der Bibel zu lesen und Gottesdienste im Live-Stream zu schauen. Er erzählt niemandem davon. „Es waren sozusagen nur Gott und ich.“

Eine große Bestätigung erfährt er, als es seiner ganzen Familie nicht gut geht. Die Oma ist eine Treppe heruntergestürzt, der Opa hatte einen Herzinfarkt, beide liegen im Krankenhaus. Seine Mutter, seine Schwester und schließlich er bekommen Corona. Die Familie erlebt einen absoluten Tiefpunkt. Doch plötzlich hat Alessandro das Gefühl, dass jemand zu ihm spricht: „Nächste Woche wird noch mal etwas kommen, danach die Woche auch, aber dann, dann wird alles gut.“ Ab dem Zeitpunkt ist er von einer starken Ruhe und Hoffnung erfüllt, die er auch an seine Familie weitergeben kann. In diesem Moment merkt er, dass er wirklich glaubt und, „dass Gott 100 Prozent wirklich ist.“

Gott begegnen

Sonntagabend. Es regnet. Ein Wetter, bei dem man es sich am liebsten auf der Couch gemütlich machen würde. Doch Alessandro hat sich vorgenommen, nach Wochen mal wieder in den Gottesdienst zu gehen. In der letzten Zeit hat er nur morgens online den Livestream geschaut. Er muss sich beeilen. Das Gemeindehaus der City Chapel Stuttgart, einer evangelikalen Freikirche, ist zwar nicht weit von ihm zu Hause entfernt, doch es ist schon 17.20 Uhr. In zehn Minuten geht es los. An der Tür wird er freundlich empfangen. Ein Willkommensteam steht bereit und begrüßt die überwiegend jungen Gottesdienstbesucher*innen. Bevor er sich einen Sitzplatz sucht, begrüßt Alessandro schnell noch eine Freundin, die er aus dem Studium kennt. Er strebt einen Sitzplatz in der letzten Reihe des hellen, freundlichen Raumes an. Dort ist er für sich. Fühlt sich hier am wohlsten. Noch immer ist sein Glaube etwas sehr Persönliches für ihn. Eine Band steht vorne und spielt das erste moderne Lied. Viele im Saal singen mit, stehen auf und heben die Hände. Alessandro ist ganz bei sich. Er schließt die Augen. Zwischendurch öffnet er die Hände oder beugt sich nach vorne. Es scheint als wäre er in sich versunken. Er will sich auf Gott einlassen und ihm begegnen.

Das ist viel besser als die Ablenkung in anderen Dingen zu suchen wie Instagram oder Zocken.

Alessandro

Das versucht Alessandro auch im Alltag: „Ich frage Gott, was würdest du dazu sagen, wie würdest du das angehen? Mache ich gerade das Richtige?“ Verschiedene Rituale sind Teil seines Alltags geworden. Christliche Musik, Bibellesen oder einfach nur mit Gott sprechen. Es gelingt ihm mal mehr, mal weniger. „Aber ich brauche das manchmal. Mir einfach bewusst Zeit zu nehmen. Das tut mir gut. Das ist viel besser als die Ablenkung in anderen Dingen zu suchen wie Instagram oder Zocken.“ Neben dem Gottesdienst am Sonntagabend besucht Alessandro mittwochs eine Gruppe für junge Erwachsene im Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) in Stuttgart. Der CVJM ist eine überkonfessionelle christliche Gemeinschaft mit zahlreichen Ortsvereinen in ganz Deutschland. Bei der Gruppe in Stuttgart erlebt Alessandro Gemeinschaft und Freundschaft. „Der Glaube vervielfältigt sich. Man fühlt sich nicht alleine. Man kann gemeinsam Gott erleben und feiern und sich mit ihm unterhalten. Und man kann Erfahrungen teilen.“

Glaube in Gemeinschaft

Die Kirchenaustritte sind auf einem historischen Höchststand. Weit mehr als 600 000 Menschen sind 2021 aus der Kirche ausgetreten. Religiöse Angebote werden nach Angaben des Bertelsmann Religionsmonitors weniger in Anspruch genommen. Die Religionswissenschaftlerin Gritt Klinkhammer denkt trotzdem nicht, dass sich der Glaube auf eine rein individuelle Ebene verlagern wird. „Ich glaube eher, dass sich die Bubble verstärkt. Also dass wir dann intensive religiöse Zirkel haben werden.“

Talibe Rabia engagiert sich in Pforzheim in der muslimischen Hochschulgemeinschaft. In den Moscheen fand sie keinen Anschluss. Die junge Muslimin vermisst die Zeit in ihrer Heimat Weinheim. Sie erinnert sich, wie sie sich als kleine Kinder immer bei einer Frau in der Nachbarschaft getroffen haben. „Sie hat gesagt: ‚Eigentlich ist Moschee überall da, wo du Islam lehrst und praktizierst.‘ Dann hatten wir bei ihr zu Hause sozusagen eine eigene kleine Moschee.“ Talibe Rabia mag es, mehr über den Islam zu erfahren, von Gelehrten oder von anderen Gläubigen. „Dadurch wächst du im Glauben.“ Die Gemeinschaft gebe ihr Kraft, weil sie spüre, dass es andere gibt, denen der Glaube genauso wichtig ist wie ihr.

Menschen erleben ihren Glauben sehr unterschiedlich. Es komme darauf an, wer man ist und woran man glaubt, erklärt Gritt Klinkhammer. Die Religion, der politische Bezug, die Sozialisation und die Familiengeschichte hätten einen Einfluss auf die Bedeutung und die Funktion des Glaubens für die Menschen.

Glaube ist Gefühl

Es ist 12.44 Uhr. Eine App zeigt Talibe Rabia: Es ist Zeit für das Mittagsgebet. Fünfmal am Tag beten Muslim*innen weltweit: morgens, mittags, nachmittags, abends, nachts. Die genauen Zeiträume für die Gebete ändern sich täglich, sie richten sich nach dem Stand der Sonne. Ganz selbstverständlich rollt Talibe Rabia ihren lila, schwarzen Gebetsteppich in Richtung Mekka aus, das sich im Südosten befindet. Auch wenn sie unterwegs ist, versucht sie, sich die Zeit zu nehmen. Vor dem Gebet reinigen sich Muslim*innen. Das hat Talibe Rabia schon am Morgen gemacht. Nur in bestimmten Fällen, wenn sie auf Toilette war oder wenn sie geblutet hat, muss sie die Waschung wiederholen.

Talibe Rabia stellt sich ans Ende des Teppichs und legt die Hände über die Brust. Sie betet still. Man sieht, wie sich ihre Lippen bewegen. Sie beugt sich nach vorne, kniet sich hin, beugt sich auch dort, stellt sich wieder hin. Keine fünf Minuten dauert das Gebet. Sie ist ganz bei sich und ganz bei Gott, lässt sich nicht davon ablenken, dass jemand zu Besuch und sie nicht alleine in ihrem WG-Zimmer ist.

„Ich glaube einfach daran!“

Talibe Rabia

Vieles in ihrem Glauben drückt sich durch Gefühle aus. Talibe Rabia sucht nach Worten: „Das ist schwer zu beschreiben. Man fühlt sich nicht so alleine. Man fühlt sich geborgen.“ Momente des Zweifels gibt es bei ihr eigentlich nicht. „Ich glaub einfach dran! All diese Gefühle, die ich habe: wenn ich bete, wenn ich traurig bin, oder dieser Moment in Istanbul. Das zeigt mir einfach, dass es richtig sein muss.“

Auch für Alessandro hat der Glaube viel mit Gefühlen zu tun. Er spürt Gottes Nähe. Dann kommen ihm auch schon mal die Tränen. Etwas, womit er noch nicht so gut umgehen kann. „Voll komisch!“, sagt er. „Ich versteh das gar nicht.“ Obwohl viele Dinge noch neu und komisch für ihn sind, bereut Alessandro es nicht, sich für den christlichen Glauben entschieden zu haben. „Es hat seine Zeit gebraucht. Von negativ denkend über den Glauben zu dem, wie es jetzt ist.“ Manchmal wünscht er sich, Gott früher kennengelernt zu haben. Aber mit fester Stimme sagt er: „Ich habe Vertrauen, dass das der Weg ist.“

Für Alessandro ist ein Leben mit dem Glauben noch neu. Für Talibe Rabia gehört es schon immer dazu. Trotzdem haben beide eine eigene, individuelle Entscheidung getroffen. Sie versuchen beide, ihren Glauben mit Ritualen in den Alltag zu integrieren: Gebet, Bibellesen, im Koran lesen, in Gemeinschaft mit anderen über den Glauben sprechen. Glaube hat für beide viel mit Gefühlen zu tun. In einer säkularen Welt stoßen sie auf Interesse, aber auch auf Ablehnung und Unverständnis. Die junge Muslimin anders als der junge Christ. Vieles ist gleich. Vieles ist anders.