Mode-Bewusst 8 Minuten

Mein Secondhandkonsum rettet nicht die Welt

Massenkonsum macht auch bei Secondhand keinen Halt.
Durchschnittlich 60 Kleidungsstücke kauft ein Deutscher jährlich. Fast jedes Fünfte wird dabei nie getragen. | Quelle: Sylvia Kopplow
21. Mai 2026

Mit einem Klick zur Heldentat. Und keine Sorgen mehr um unser Kaufverhalten. Ein Essay darüber, warum Secondhand nicht das Wundermittel gegen die Umweltbelastung durch die Fashionindustrie ist und die Frage: Wie nachhaltig kann Konsum sein?

Nicht das „gebraucht“-Schild macht Mode nachhaltig, sondern die Art, wie wir konsumieren.

Schätzungen des WWF zufolge verantwortet die Textilindustrie zwei bis zu acht Prozent des weltweiten CO₂-Ausstoßes. Natürliche Rohstoffe und Färbeprozesse verbrauchen viel Wasser. Pestizide und Synthetikfasern setzen Chemikalien und Mikroplastik in die Umwelt frei. Hinzu kommen die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, vor allem bei der Produktion von Fast-Fashion-Marken.

Wer nachhaltig shoppen will, ohne sein Gewissen zu belasten, steht also vor einer Menge Herausforderungen.

Die Lösung? Secondhand!

Kein neuer Ressourcenverbrauch, keine neue Nachfrage, kein schlechtes Gewissen. Auch ich kaufe gern Gebrauchtes in der Hoffnung, dass dadurch Abgase sinken, die Meere wieder sauberer und das Klima wieder besser wird. Secondhand scheint die Lösung für das Problem unserer Textilwirtschaft zu sein.

2022 verzeichnete der Secondhandmarkt ein Marktvolumen von knapp 15 Milliarden Euro und nahm damit innerhalb von zehn Jahren um 70 Prozent zu.

Marktvolumenanstieg von Secondhand
„Thrifting” ist in, „Y2k” und „Vintage” trenden auf Social Media. Die Beliebtheit von gebrauchter Kleidung steigt offensichtlich an - ein gutes Zeichen?
Quelle: IFH Köln, Branchenbericht Second-Hand 2023

Viele Gründe sprechen jedenfalls für Secondhand-Konsum: Gebrauchtes ist günstiger und die Kleidung verspricht Einzigartigkeit. Außerdem macht es doch jedem Spaß, sich auf der Suche nach neuen Fundstücken durch bunte Flohmarktstände zu wühlen. Laura Henn, Umweltpsychologin und Juniorprofessorin für nachhaltiges Handeln und Wirtschaften an der Universität Hohenheim erklärt, ein Grund sei auch: „dieses Jagdmotiv nach coolen Einzelstücken, die irgendwie einen bestimmten Wert tragen.”

„Dieses Jagdmotiv nach coolen Einzelstücken.“
Laura Henn, Umweltpsychologin

Secondhand wird also nicht nur aus Umweltbewusstsein gekauft, sondern auch aus Freude am Kaufen. Und es wird immer leichter: Vom Sofa zuhause lässt sich nebenbei durch die Secondhand-Online-Kataloge von Vinted oder Kleinanzeigen scrollen. Personalisierte Werbung zeigt uns Produkte genau nach unserem Geschmack. Der Kauf ist in nur wenigen Klicks getan. Die „neue alte Kleidung” wird direkt bis vor die Haustür geliefert. 

Mit dem guten Gewissen im Rücken greife ich manchmal auch zu ein paar Teilen mehr, schließlich ist es ja „nachhaltig”. Und wenn es mir doch nicht passt oder mir nicht gefällt? Kein Problem! Kann man ja wieder verkaufen.

Massenkonsum mit gutem Gewissen

Trotzdem ist Secondhand kein Allheilmittel. Denn auch wenn es hilft, Ressourcen zu schonen, löst es trotzdem nicht den Kern des Problems: Unseren immensen Überkonsum.

Ist es wirklich normal, dass mein Kleiderschrank nur geschlossen bleibt, wenn die Hälfte in der Wäsche ist? Ist es normal, einen Pullover dreimal anzuziehen, bevor man ihn weiterverkauft? Vor allem der Kauf ungetragener Seondhand-Kleidung löst das Problem des Überkonsums nicht. Er kann ihn sogar erleichtern und das schlechte Gewissen beim Neukauf mindern. Denn wer kaum getragene Kleidung weiterverkauft, schafft nicht nur Platz im Schrank, sondern oft auch Raum für neuen Konsum.

Wann will ich das alles anziehen?

Auf Vinted findet man schon lange nicht mehr nur Secondhand-Kleidung, sondern auch Selbstgemachtes oder sogar komplett Unbenutztes. Häufig ist das auf Fehlkäufe oder sehr schnelllebige Trends zurückzuführen. Irgendjemand wird es schon kaufen - egal ob die teure Marken-Ledertasche oder das billige Shein-Top aus 100 Prozent Polyester. Und schon ist wieder Platz im Schrank.

Früher hatte man ein zweckbezogenes Kleidungsstück, anstatt fünf gleiche in unterschiedlichen Farben. „Es wird den Menschen sehr leicht gemacht, günstig und viel zu konsumieren. Auch schon sehr junge Menschen werden darauf konditioniert. Bevor sie gelernt haben, vielleicht darüber nachzudenken”, sagt Kai Nebel, Leiter des Forschungsschwerpunkts Nachhaltigkeit & Recycling an der Hochschule Reutlingen.

Vinted-Zentrale
Die Frage sollte nicht sein: Ist es nachhaltig? Die Frage sollte sein: Brauche ich das? Auch beim Secondhand-Shopping.
Quelle: Vinted Group

Mit ihrer großen Auswahl und jeden Tag neuen Produkten auf der Landingpage sprechen Plattformen wie Vinted genauso wie Fast-Fashion-Plattformen von Shein oder Temu unsere Konsummuster an. Käufe gebrauchter Kleidung haben zwar einen kleineren CO₂-Fußabdruck, da keine neuen Produktionsemissionen anfallen, doch nach eigenen Angaben gibt es auf Vinted auch viele Impulskäufer, die eben Kleidung neu kaufen, anstatt als Ersatz zu Neuware. Um wirklich nachhaltig zu sein, müsste der Secondhandkonsum den konventionellen Konsum jedoch ersetzen.

In einer amerikanischen Studie von 2025 untersuchten Meital Peleg Mizrachi und Ori Sharon, ob der Secondhand-Markt tatsächlich den Kauf neuer Kleidung reduziert oder diesen nur ergänzt. Sie fanden heraus, dass Secondhand-Käufe durch psychologische oder wirtschaftliche Rechtfertigung weiteren Konsum oftmals fördert, anstatt ihn zu ersetzen. Die Umweltvorteile von Secondhand werden demnach wieder gemindert. Einen solchen Effekt sieht man auch bei Vinted.

Vinted-Käufe und Emissionen
CO₂e, auch CO₂-Äquivalente, fassen verschiedene Treibhausgase in einer Einheit zusammen, je nachdem wie stark sie den Treibhauseffekt im Vergleich zu CO₂ verstärken.
Quelle: Vinted Impact Report 2023

In seinem Impact-Report 2023 schrieb Vinted, dass nur 40 Prozent der aufgezeichneten Transaktionen Käufe waren, die den Kauf von „First-Hand” ersetzen. Die anderen 60 Prozent waren also Impulskäufe. Damit ist zwar eine Einsparung des CO₂-Fußabdrucks zu verzeichnen, jedoch könnte diese noch weit größer sein. Über die Hälfte der Käufe, die zwar emissionsarm, aber nicht emissionsfrei sind, wäre gar nicht zustande gekommen ohne die Plattform. 

Der Rebound-Effekt

Der „Rebound”- auch Boomerang-Effekt - entsteht, wenn die Einsparung von Ressourcen wieder verkleinert wird, weil das Kaufverhalten des Käufers sich ändert. Beispielsweise wegen gutem Gewissens oder gespartem Geld insgesamt wieder mehr konsumiert wird. Dieser Effekt tritt vor allem auf, wenn die Motivation der Käufer nicht ernsthaft ökologisch ist.

Quelle: Mizrachi & Sharon, Sci Rep, 2025

Nachhaltigkeit als Fassade

Nicht nur individuelle Kaufgewohnheiten gefährden die eigentlich Nachhaltigkeit fördernde Wirkung von Secondhand. Auch große Modeunternehmen wie H&M oder Zalando verfolgten den Aufschwung von Secondhand, wobei einige den Secondhand-Ansatz auch in ihre Geschäftsmodelle integrierten.

Aktuelle Recherchen zur Secondhand-Plattform Sellpy ergaben jedoch, dass vor allem Kleidung schlechter Qualität nie erneut genutzt wurde. Obwohl sie ursprünglich als Secondhandware gedacht war, landete sie letztlich in Müllbergen im globalen Süden. H&M besitzt große Anteile an der Plattform. Das umweltfreundliche Versprechen von Secondhand wurde dabei zum eigenen Greenwashing ausgenutzt.

2024 verfolgte Greenpeace 20 gespendete Kleidungsstücke aus Österreich, die sie bei Altkleidersammlungen und Mode-Händlern, darunter auch H&M, abgaben. Schätzungsweise wurden nur drei der Kleidungsstücke von Privatpersonen weiter genutzt. Auch hier war das Problem vor allem die schlechte Qualität von billig produzierter Fast-Fashion, ein übersättigter Altkleidermarkt und das erschwerte Recycling von Mischtextilien.

Auch diese Beispiele zeigen, dass Secondhand allein Mode nicht nachhaltig macht. Nur ein bewusster Umgang mit Konsum kann das. Sowohl seitens der Großhändler, als auch bei uns Käufern.

Wir können schlecht alle nackt herumlaufen

Was ist dann die Lösung? Secondhand ist schonmal besser als Neukauf. Doch der Konsum von Kleidung, die man nicht benötigt, verbraucht Ressourcen und treibt den Teufelskreis von Überkonsum und Überproduktion an. „Es wäre ideal, keine Kleidung zu kaufen, aber das ist im Alltag kaum möglich. Deshalb ist es wichtig, insgesamt weniger Kleidung zu kaufen”, rät Margarita Ocampo von Future Fashion. 

Aber auch eine lange Nutzungsdauer ist wichtig. Indem wir unsere bestehenden Klamotten wertschätzen, gut pflegen und bei Bedarf reparieren, können wir unsere Kleidung länger nutzen. Henn empfiehlt, Freude in weniger Dingen zu finden und auch die Nachteile von Überkonsum zu sehen: „Wer schon mal umgezogen ist, weiß, was für eine Belastung es ist, sehr viel Zeug zu haben. Wer viele Sachen hat, muss oft aufräumen.”

„Es wäre ideal, keine Kleidung zu kaufen, aber das ist im Alltag kaum möglich.“
Margarita Ocampo, Future Fashion

Sollte man wirklich mal müde vom eigenen Kleiderschrank sein, könnte es helfen, kreativ beim Styling zu werden. Repair-Cafés bieten Möglichkeiten zum Reparieren und Upcycling. Außerdem gibt es lokale Leih- und Tauschkonzepte, bei denen die Kleidung im Umlauf bleibt. Unabhängige Organisationen wie Greenpeace oder Future Fashion in Baden-Württemberg können Orientierung für umweltschonenden Konsum und nachhaltige Labels bieten.

Auch mir ist klar geworden, dass Secondhand allein die Umweltprobleme der Modeindustrie nicht löst. Ich merke selbst, wie leicht man in Kaufrausch geraten kann. Innezuhalten und sich zu fragen: Brauche ich das wirklich? Gefällt mir das in einem Jahr immer noch?, kann helfen, den Konsum zu reduzieren und nachhaltiger mit unserer Kleidung umzugehen. 

Anstatt sich also nur auf Secondhand zu verlassen, sollten wir unseren Konsum grundsätzlich hinterfragen. Denn nur so können wir wirklich etwas verändern.