Inhaltswarnung für Leser*innen: Dieser Artikel kann Themen enthalten, die als sensibel empfunden werden könnten. Der Text beschäftigt sich mit folgenden sensiblen Themen: Gewalt, Tod, Diskriminierung, Flucht und Konflikte.
Bitte sei dir dessen bewusst und lies den Artikel entsprechend deiner persönlichen Sensibilität. Unsere Absicht ist es, respektvoll und einfühlsam zu berichten, um die Würde der betroffenen Personen zu wahren.
Nazima Khairzad ist 14 Jahre alt, als sie 2016 Schritt für Schritt den schneebedeckten Berg hinaufstapft. Der Himmel ist klar und blau. Die Luft ist kalt in Bamiyan, Afghanistan. Die ausgeliehenen Skischuhe des örtlichen Ski-Clubs sind schwer an den Füßen. Sie muss sich erst an sie gewöhnen. Die Ski hat sie geschultert. Einen Lift gibt es nicht. Etwa eine halbe Stunde dauert der Aufstieg. Oben angekommen klicken die Schuhe in die Bindung. Zum ersten Mal in ihrem Leben steht sie auf Ski. "Wie benutze ich die? Wie bremse ich?", fragt sie sich. Sie beginnt, den Berg herunterzufahren. Sie stürzt oft. Rückblickend erscheint ihr das, was sie in diesem Moment tut, gefährlich.
Nazima lächelt, als sie sich an diesen Tag erinnert. 24 Jahre alt ist sie heute – eine zarte Person mit braunen Augen und langen, dunklen Haaren, die eine kraftvolle Energie ausstrahlt. Während sie in einem kleinen Café in Frankfurt am Main sitzt, erzählt sie auf Englisch von der rasanten Skifahrt. Diese sei nicht das erste Mal gewesen, dass sie etwas gewagt habe, das eigentlich nicht für sie vorgesehen war. Diese Reportage basiert auf ihren persönlichen Erfahrungen, die sich nicht eindeutig überprüfen lassen.
Der erste Schritt
Der Gedanke, Sport zu treiben, kam ihr nicht auf dem schneebedeckten Berg, sondern im Bamiyan Stadium zwei Jahre zuvor. Nazima und ihre Schwester Nazira begleiten ihren jüngeren Bruder zu einem Fußballspiel. Sie sollen ihn anfeuern. Angekommen sehen sie zwei Mädchen, die sich auf dem Rasen einen Fußball zuspielen. Der Rasenplatz, wie man ihn auf Fotos sieht, ist von einem Drahtzaun und hellen Steintribünen umgeben. Hinter dem Platz erstrecken sich die Berge. Auf den Gipfeln ist Schnee zu erkennen. Der Fußballtrainer kommt auf die Schwestern zu. Er fragt, ob sie in einer neuen Mädchen-Mannschaft mitspielen wollen. Nazima kann ihr Glück kaum fassen. Bis zu diesem Moment hatte sie kaum geglaubt, dass es für sie möglich sein könnte, selbst Sport zu machen.
Wer entscheidet?
Nachdem der Vater von der Arbeit zurückgekehrt war, versammelte sich die Familie im Wohnzimmer. Während des Abendessens, so erinnert sich Nazima, fragten die Mädchen ihre Eltern um Erlaubnis, Fußball spielen zu dürfen. Sie müssten mit ihrem jetzigen Leben zufrieden sein, antworteten die Eltern. Schließlich dürften sie zur Schule gehen – etwas, das ihren Cousinen in der ländlichen Gegend verwehrt bliebe. Laut UNICEF haben Mädchen in ländlichen Gebieten Afghanistans schlechtere Chancen auf Schulbildung als in der Stadt lebende Mädchen. „Keine meiner Cousinen hatte Zugang zu Bildung. Sie waren nie in einer Schule. Ohne Mahram dürfen sie das Haus nicht verlassen.“, erzählt Nazima.
Ein Mahram ist ein Mann, den eine Frau nach islamischem Recht nicht heiraten darf.
Dieses Heiratsverbot kann entstehen durch
- eine nahe Blutsverwandtschaft,
- eine Milchverwandtschaft (z. B. Amme, der Ehemann der Amme, die Söhne der Amme)
- bestimmte Heiratsverbindungen (z. B. Stiefvater, Schwiegervater)
Aus Frust weinen die Schwestern oft, das Essen bleibt für zwei Tage stehen. Sie rühren es nicht an, eine Art Hungerstreik. Sie verstehen nicht, wieso ihre Eltern ihnen das verbieten. An das Verbot halten sie sich nicht. Ihren Eltern erzählen sie, sie würden zur Schule gehen. Stattdessen gingen sie im Geheimen zum Fußball, erinnert sich die heute 24-Jährige. Schließlich stimmen die Eltern zu. Unter einer Bedingung: Die beiden Schwestern müssten immer zusammenbleiben und aufeinander aufpassen.
Die Ski-Karriere entwickelt sich
Als Nazima das erste Mal Ski fährt, werden sie und ihre Schwester von der Organisation free to run begleitet. Die Initiative unterstützt Frauen und Mädchen in Afghanistan dabei, Sport zu machen. So kommt Nazima zum Bamiyan Ski Club, wo sie von zwei internationalen Trainerinnen betreut wird. Die Schwestern nutzen jede Gelegenheit zum Trainieren. Mit der Zeit wird Nazima so gut im Skifahren, dass sie in die afghanische Frauen-Nationalmannschaft berufen wird.
Das erste große Rennen
Ende Januar 2020 reist Nazima für das dreitägige internationale Malam Jabba Winter Sports Festival nach Pakistan. 36 internationale und 63 nationale Skifahrer*innen aus zehn Nationen nahmen teil. Sie ist mit einer jungen Frau aus Aserbaidschan untergebracht. Die Frau ist allein angereist, trägt kein Kopftuch, bedeckt ihr Haar nicht. Sie erzählt Nazima, dass sie allein lebt. Dass so etwas möglich sein könnte, war Nazima bis dahin nicht bewusst. Auch das Skifahren ist anders als zuhause. Hier gibt es Lifte. Niemand muss an diesem Ort stundenlang einen Berg hinaufsteigen, um ihn dann innerhalb weniger Minuten hinunterzufahren. Sie glaubt nicht, dass sie Chancen auf eine Medaille hat. Vor dem Rennen ist Nazima aufgeregt, sogar so, dass sie einen Blackout vom Lauf bekommt. Heute erinnert sie sich vor allem an die Aufregung davor und an die Freude, überhaupt dabei gewesen zu sein.
Nach dem Wettkampf kehrt Nazima nach Afghanistan zurück. Ihr wird klar, dass sie nicht mehr so leben möchte wie zuvor. Sie will allein und selbstbestimmt leben, eigenständig denken. Andere sollen nicht mehr entscheiden können, ob sie das Haus verlassen darf, wen sie heiratet, ob sie Sport treiben oder arbeiten darf. Nicht ihre Familie, die ihr vorerst den Sport verbot, ist für Nazima das Problem, sondern die Kultur, die diese Regeln vorgibt. „Sport bedeutet für mich Freiheit. Durch Sport habe ich viel über Frauen gelernt und was es bedeutet, frei zu sein. Davor dachte ich, Frauen haben keinen Stolz.“
Sport als Antrieb
Kurz nach dem Wettkampf, im Februar 2020, fährt sie wieder ein Rennen. Sie nimmt an der 10th Afghan Ski Challenge in Bamiyan teil und gewinnt die Goldmedaille.
Der Aufstieg auf den Shah Fuladi dauert sechs Tage. Unterwegs ist sie mit einer Teamkollegin. Ihre Familie weiß nichts davon. Sie möchte nicht, dass sie sich Sorgen machen. Erst durch eine Berichterstattung im Fernsehen erfahren sie, was Nazima geschafft hat. Danach meldeten sich Bekannte bei ihren Eltern. Die Schwestern sollten aufhören, Sport zu machen. Sie würden andere Frauen dazu animieren, selbst Sport treiben zu wollen. „Und ich dachte: Okay, das ist genau der Grund, wieso ich frei sein möchte. Nicht wegen mir, sondern wegen anderer Frauen.“ Für ihre Cousinen sei sie ein Vorbild, meint Nazima.
Der Traum von Pakistan
Kurz nachdem die USA und die NATO am 29. April 2021 mit dem Truppenabzug aus Afghanistan begonnen hatten, eroberten die Taliban ländliche Gebiete Afghanistans. Als Nazima erstmals versucht, nach Pakistan zu gelangen, rechnet sie noch nicht damit, dass die Taliban es nach Kabul schaffen. Sie ist allein unterwegs und möchte sich eine eigene Zukunft aufbauen. An der Grenze angekommen, erfährt sie, dass der Übergang geschlossen ist. Davor drängen sich Menschen. Die Polizei versucht, sie zurückzudrängen. Auch mit Schlagstöcken. Nazima wird getroffen.
Zurück in Kabul rückt der Beginn eines neuen Lebens weiter in die Ferne. Sie ist dort für ein Informatikstudium eingeschrieben, das sie nie beginnen wird. Nazima hat kein Geld, um Afghanistan zu verlassen. Eine Freundin finanziert ihr schließlich ein Flugticket nach Islamabad. In Pakistan bleibt Nazima über ein Jahr. Sie wartet. Auf ein Visum, auf eine Entscheidung, auf einen Ausweg. Als die Taliban nach wenigen Monaten am 15. August 2021 Kabul übernehmen, wird ihr klar: Zurück kann sie nicht mehr.
Die Taliban
Die militant-islamistische Vereinigung übernahm von 1996 bis 2001 und erneut seit 2021 die politische Macht in Afghanistan. Als Rechtssystem sehen sie die Scharia als Grundlage. Seit ihrer Machtübernahme haben die Taliban laut der UN mindestens 70 Dekrete gegen die Rechte von Frauen und Mädchen erlassen:
- Frauen dürfen keinen Sport machen.
- Frauen müssen von einem Mahram begleitet werden, wenn sie mehr als 77 Kilometer reisen.
- Die Bildung ist für Mädchen über die 6. Klasse hinaus ausgesetzt.
- Frauen dürfen nicht mehr an öffentliche Badeorte, Parks, Sportvereine oder Freizeitparks.
- In Anwesenheit eines Mannes, der kein Mahram ist, müssen Frauen ihr Gesicht vollständig verschleiern.
- Frauen dürfen in der Öffentlichkeit nicht singen, rezitieren oder etwas laut vorlesen.
- uvm.
Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung, UN Women, tagesschau
Stimmen aus der Vergangenheit
Im November 2021 wird eine Teamkollegin aus Nazimas Skiteam von den Taliban ermordet. Sie ist eine von mehr als 1.000 Zivilist*innen, die seit der Machtübernahme durch die Taliban ermordet wurden. Die Nachricht löst im Team Angst aus. „Natürlich könnten sie uns töten, wenn wir zurückgehen, vor allem mich.“ Nazima spricht ruhig, als sie das sagt. Ihre Stimme wird energisch, als sie von ihren Cousinen erzählt. Manche von ihnen seien 13, 14 Jahre alt und sollten mit 65-jährigen Männern verheiratet werden. UNICEF rechnet damit, dass ungefähr ein Drittel der 15–49-jährigen Frauen vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet wurden. Nazima selbst sei schon vor ihrer Geburt ihrem Cousin versprochen worden. Sie sei froh, dass die Heirat nie durchgeführt wurde, denn „ich habe den Typ überhaupt nicht gemocht, als ich aufgewachsen bin.“ Sie sei ein zu aktives Mädchen gewesen. Eine Freundin von ihr solle, sobald sie nach Afghanistan zurückkehre, verheiratet werden. Sie erzählte Nazima, dass sie sich das Leben nehmen werde, sollte sie zurück müssen. Rund 80 % der Suizidversuche in Afghanistan werden von Frauen verübt. Laut der BBC sei Zwangsheirat ein Auslöser für Suizid bei Frauen im Land. Nazima ist bewusst, was das alles bedeutet, auch, dass sie dagegen nichts ausrichten kann.
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Träume können platzen
Nur ihre Medaille aus Pakistan hat sie in Islamabad bei sich. Den Großteil ihrer sportlichen Errungenschaften lässt sie zurück – erst im Haus, später unter der Erde. Nach Europa kann sie vorerst nicht. Ein Visum zu bekommen, ist schwierig. Nazima steckt fest. Als ihr Visum nach drei Monaten ausläuft, hat sie keine Perspektive mehr, kein Geld für ein Hotel. Sie ist nun illegal im Land. Die Angst, nach Afghanistan zurückgeschickt zu werden, wird immer größer. Unterstützung erhält sie von der NGO Kabul Luftbrücke (KLB), die sie in einem Gästehaus wohnen lässt und ihr hilft, ihr Visum zu verlängern. Zu dieser Zeit vertieft sie ihre Englischkenntnisse weiter.
Auch ihre Familie ist zu der Zeit auf der Flucht. Medaillen, Zertifikate, jede Spur auf die sportlichen Errungenschaften der Schwestern wird im Hof des Hauses vergraben. Nazimas Schwester kann nach Italien fliehen. Der Rest der Familie versteckt sich zunächst in Kabul, später gelingt ihnen die Ausreise in den Iran. Die Familie ist über drei Länder verteilt.
Deutschland als sicherer Hafen?
Als Nazima Ende 2022 nach Deutschland kommt, droht ihr nach kurzer Zeit die Abschiebung nach Italien, da sie dort in die EU eingereist ist. So sieht es das sogenannte Dubliner Übereinkommen vor. Mit der Hilfe einer Anwältin und der KLB versucht sie, die Abschiebung zu verhindern. Zu dieser Zeit lernt sie Deutsch. Skifahren kann sie nicht so häufig, da es in der Nähe ihres Unterbringungsorts in Hanau keine hohen Berge gibt. Häufig geht sie ins Fitnessstudio oder joggen.
Anfang 2024 wird Nazima krank. Sie fällt vermehrt in Ohnmacht. Im Krankenhaus wird ihr ein Hirntumor diagnostiziert. Ihrer Familie, die erst seit Kurzem wieder in Deutschland vereint ist, sagt sie nichts. Sie weiß nicht, was mit ihr passieren wird, und entscheidet, alles allein zu regeln. Wie immer. Sie erzählt ihrer Familie, sie würde zwei Wochen nach München wollen, um dort wandern zu gehen. Die Berge würden ihr guttun. In Wirklichkeit liegt sie in einem Krankenhaus in Frankfurt am Main und wird operiert. Als man sie vor der Operation fragt, ob sie Familie habe, antwortet sie: „Nein, ich habe niemanden.“ Sie möchte ihre Familie nicht zusätzlich belasten. Rund zweieinhalb Wochen danach erhält sie ihre Aufenthaltsgestattung für Deutschland. Im Sport muss sie fast von Null anfangen. Rollstuhl, Rollator, erste Schritte. Sie kämpft. Bereits Ende 2025 läuft sie wieder einen Marathon.
Wenn sie über ihre Zukunft spricht, breitet sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Sie möchte eine Ausbildung in München beginnen, um den Bergen wieder nah zu sein und wieder Skifahren zu können.