Haare als nachhaltige Ressource
Die Klänge entspannter Radiomusik vermischen sich mit dem Surren des Rasierers, als Friseurin Wiktoria Egr-Wieczanska zum Trimmen ansetzt. Gekonnt bringt sie die Haare ihres Kunden in Form, die nun Strähne für Strähne auf dem Boden landen. Anschließend kehrt sie die Haarabfälle zusammen und gibt sie in einen großen Pappkarton. Auf den ersten Blick wirkt alles ganz normal, wie auch in anderen Salons. Besonders ist jedoch, dass das Haarstudio die Abfälle mit der Post verschickt. „Nach drei bis vier Monaten sende ich alles an ‚HAIR HELP the oceans‘. Das Paket wiegt dann so ungefähr fünf bis zehn Kilo, ist also ganz schön schwer“, erklärt Adnan Yavuz, Inhaber des „Haarstudio BY“ in Stuttgart Vaihingen. Er möchte Gutes tun und unterstützt daher das Start-up aus Bückeburg. Das Unternehmen „HAIR HELP the oceans“ stellt Ölfilter aus Haarabfällen her. Dank ihrer fettbindenden Eigenschaften und rauen Struktur nehmen Haare Fett und Öl auf. Zu Schläuchen und Matten verarbeitet, können diese nach Ölunfällen Gewässer reinigen. Umweltschädliche Chemikalien müssen dabei nicht eingesetzt werden.
In mehreren Schritten entstehen die Ölfilter des Start-ups. Zuerst werden Fremdkörper aussortiert. „Am Anfang waren sehr viele drinnen, das war wie bei einem Überraschungsei“, scherzt Emidio Gaudioso. Er ist Friseurunternehmer und Mitgründer von „HAIR HELP the oceans“. Mittlerweile sind die Partnersalons beim Einpacken der Abfälle vorsichtiger, trotzdem ist das Aussortieren ein notwendiger Schritt. Anschließend lockern Gaudioso und sein Team die Haare auf und vermengen sie mit geschredderten Korken. Diese sorgen im Wasser für Auftrieb, damit die Ölfilter nicht untergehen. Mithilfe einer speziell angefertigten Maschine wird die Mischung aus Haaren und Kork in Textilschläuche abgefüllt, die 20 bis 30 Meter lang sind. Auch saugfähige Matten aus Haaren filzt das Start-Up. Inspiriert wurden die Gründer vom französischen Verein „Coiffeurs Justes“, der ebenfalls umweltfreundliche Ölfilter produziert. Auch andere Projekte wie z.B. „FettFressHair“ stellen ähnliche Produkte her und nehmen Haarspenden an.
Hilfe im Ernstfall
Die Filter von „HAIR HELP the oceans“ kamen das erste Mal zum Einsatz, als im März 2026 im Mittellandkanal bei Rußbeck Heizöl auslief. „Plötzlich stand die Feuerwehr vor meinem Salon und fragte mich nach unseren Matten. Ich habe denen dann meinen Zahlencode für die Lagerhalle gegeben und sie haben das Material abgeholt“, erinnert sich Gaudioso. Zusammen mit der Feuerwehr legte er seine Filter im kontaminierten Bereich aus. Aufgrund nachlaufenden Öls dauerte der gesamte Einsatz drei Tage lang. „Wir konnten ihnen zeigen, dass die Produkte funktionieren“, freut sich Gaudioso. Bisher wurden die Matten und Schläuche nur lokal gespendet. Der langfristige Plan des Unternehmens ist es, aktiv auf Gemeinden und Feuerwehren zuzugehen und die Filter an sie zu verkaufen.
Haare schenken Hoffnung
Die Zweithaar-Manufaktur „Rieswick“ in Velen-Ramsdorf fertigt Perücken an. Seit 2015 stellt sie außerdem die Website „haare-spenden.de“ zur Verfügung. Sind abgeschnittene Haare länger als 25 cm, können sie in Form von Zöpfen an das Projekt versandt werden. Die Spenden kommen insbesondere Kindern und Jugendlichen zugute, die unter Haarausfall leiden. Ziel ist es, ihnen zuzahlungsfreie Perücken anzubieten und weitere gemeinnützige Projekte zu unterstützen. Für Max Rieswick, einer der Geschäftsführer des Familienunternehmens „Rieswick“, sind Haare deshalb mehr als nur ein Rohstoff: „Haare sind einer der besten Stoffe der Welt.“
„Die Rohzöpfe können nicht komplett zu Perücken verarbeitet werden. Im sogenannten Hechelprozess trennen wir die langen Haare, die wir für Perücken gebrauchen können, von den kürzeren“, erklärt Max Rieswick. „Die kürzeren Haare sammeln wir und verarbeiten sie ebenfalls weiter. Ursprünglich wollten wir einfach Müll vermeiden, jetzt ist da ein bisschen ein Hobby draus geworden.“ Familie Rieswick stellt ebenfalls aus Haaren Matten her. Diese werden nicht nur zum Reinigen von Ölverschmutzungen eingesetzt, sondern können auch vor Schädlingen schützen. Eichenprozessionsspinner oder Schnecken vermeiden es, mit den Matten in Kontakt zu kommen. Außerdem speichern die Haare Feuchtigkeit, was in trockenen Gebieten hilfreich für Pflanzen ist. Aus besonders kurzen Stoppeln können Pellets hergestellt werden, die Öl aufzusaugen oder als Einstreu Verwendung finden. „Ich bin fest davon überzeugt, dass Haare einer der besten Stoffe der Welt sind“, freut sich Max Rieswick. Er möchte in Kooperation mit Universitäten und Hochschulen noch weitere Nutzungsmöglichkeiten für Haarreste finden.
Echthaar-Perücken werden für mehrere tausend Euro gehandelt. Aus kurzen Haarabfällen entstehende Erzeugnisse haben einen deutlich geringeren Marktwert. Trotz seines umfangreichen Engagements bezweifelt Rieswick, dass aus dem Verkauf der Produkte ein Geschäftsmodell entstehen wird. Die Manufaktur „Rieswick“ stellt ihre Haarmatten Feuerwehren und anderen Interessierten umsonst zur Verfügung. „Die Müllvermeidung ist enorm, wenn man Haare noch nutzt. Ich glaube, ein sich lohnendes Geschäftsmodell erreicht man eher durch Müllvermeidung. Nicht in Form eines sinnvoll genutzten Produktes, das man auf dem freien Markt verkaufen kann“, erklärt Rieswick.
Global vernetzt und innovativ
Im Austausch stehen viele Herstellende von Haarmatten mit der amerikanischen Nonprofit-Organisation „Matter of Trust“. Seit 2000 koordiniert sie ein Projekt zur Verarbeitung von Haarabfällen und ist dafür mit Partnern weltweit vernetzt. Auch „Rieswick“ und „HAIR HELP the oceans“ gehören dazu. Interessierte können eine Filzmaschine erhalten, um Haare zu Matten zu verarbeiten. Diese werden lokal verkauft oder verschenkt. Abnehmende und Forschungspartner*innen sind unter anderem das „Air Force Civil Engineering Center“ oder das Ministerium für Umweltschutz in San Francisco. Auf der Fashion Week 2023 in Paris waren die Haarmatten ebenfalls gefragt. Das Modelabel „AIREI“ schneiderte sie zu Oberteilen, die von Models auf dem Laufsteg präsentiert wurden. Auch in Australien, London oder Kolumbien erforschen und verarbeiten Engagierte Haarabfälle. Ergebnisse fließen auf der Website der Nonprofit-Organisation zusammen, gegenseitig wird sich unterstützt und inspiriert.
Der Karton des Friseurs Adnan Yavuz ist schon fast voll. In Kürze können die Haarreste von Stuttgart aus ihre lange Reise antreten. Die Haare des Kunden, der im Spiegel seine Frisur betrachtet, finden vielleicht schon bald in einem Fluss oder See ihren Einsatz. „Mir gefällt die Vorstellung, dass meine Haare noch etwas bewirken können“, sagt er und verlässt zufrieden den Salon.