,,Kalt und dunkel“, so beschreibt Yasaman den 19. Februar 2025. Der Geruch von Desinfektionsmittel liegt schwer in der Luft. Sie vernimmt hektische Schritte, knappe Anweisungen, das Piepen von Geräten, die sie nicht einordnen kann. Aber all das ist kein Vergleich zu ihren Gedanken und wie sie ihren Verstand beherrschen. Eigentlich sollte sie in ihrem Zimmer sitzen und nicht im Krankenhaus. Die Hände sollten über die Tastatur ihres Laptops tanzen, sie sollte weiter an ihrer Masterarbeit schreiben. Stattdessen hält sie verkrampft ihr Handy in der Hand und sie googelt nach Symptomen. Zunächst war es nur Appetitlosigkeit, dann kam Müdigkeit hinzu, Kopfschmerzen, die ihren Alltag vollständig dominierten. Die Symptome machten sich bereits im November 2024 bemerkbar, aber ernst genommen wurde Yasaman zu Beginn nicht.
Bei unserem Gespräch in einem Cafè klammern sich ihre Hände um die Kaffeetasse, ihre Nägel haben einen zarten Rosaton und ihre braunen Augen funkeln mich aufmerksam an. Die Haare, die inzwischen länger geworden sind, trägt sie in einem Pixie Cut.
Die Diagnose
Es gab zunächst unzählige Untersuchungen, aber keine einzige Antwort: ,,Ich habe immer eine andere Diagnose bekommen. Nach drei, vier Monaten kam ich dann schließlich ins Krankenhaus.“ Dort hat sie ihren 24. Geburtstag verbracht, umgeben von ihrer Familie und Freunden, aber ratloser denn je. 10 Tage vergehen und das Bild scheint immer noch unklar: ,,Die Ärzte hatten mir gesagt, dass sich in den Zwischenräumen meiner Lunge ein Schatten befindet, der da nicht hingehört.“, erinnert sich Yasaman, die Augen blicken in die Ferne. Sie beschreibt, wie sich damals eine leise Vorahnung langsam um ihren Verstand legte: ,,Ich habe dann gegoogelt, was es sein könnte, und dann kam Tumor raus. Das heißt, ich hatte eigentlich direkt ein Gefühl, was auf mich zukommt.“ Zum ersten Mal nimmt ihre Stimme einen Hauch von Kälte an, ihr Blick verhärtet sich, während sie vom 04. März 2025 erzählt, der Tag ihrer Diagnose.
Den Arzt nimmt sie wie eine Maschine wahr, die Abwesenheit von Mitgefühl und die Art und Weise, wie er die Worte ausspricht, scheinen sie in der Sekunde mehr zu treffen als seine Worte selbst: ,,Er kam in mein Zimmer und hatte gar kein Feingefühl. Er sagte: ‚Sie haben das Hodgkin-Lymphom. Sie haben Krebs und sie werden wahrscheinlich mit Chemo behandelt.‘ " Ihre Stimme klingt nun monoton, ein Widerhall vom Verhalten des Arztes. Sie lacht kurz auf, aber es klingt bitter, ironisch. Für ihn ist das nur ein weiterer Termin, eine weitere Nummer von vielen auf seiner Liste. Für Yasaman bedeutet das jedoch einen Riss in ihrer Realität.
Das Hodgkin Lymphom
Das Hodgkin-Lymphom ist eine bösartige Erkrankung des Lymphsystems. Das Lymphsystem ist Teil der Immunabwehr und besteht aus Lymphgefäßen, Lymphknoten sowie Organen wie Milz, Thymus und Mandeln. Die Lymphflüssigkeit enthält weiße Blutkörperchen (Lymphozyten), die Krankheitserreger und Zellreste zu den Lymphknoten transportieren, wo sie gefiltert und zerstört werden. Das Hodgkin-Lymphom beginnt meist in einem Lymphknoten und breitet sich über die Lymphbahnen aus. Ursache sind genetisch veränderte Lymphozyten, die sich unkontrolliert vermehren. Typisch sind schmerzlose Lymphknotenschwellungen und eine geschwächte Immunabwehr.
Quelle: Deutsche Krebshilfe
In der Sekunde, in der die Diagnose verkündet wird, sind auch ihre Freunde und ihr Freund Lukas im Zimmer. ,,Man hatte die ganze Zeit die Hoffnung, dass es doch etwas anderes ist.“ Yasaman war überrascht, aber nicht nur wegen der Diagnose, sondern wegen ihrem eigenen Verhalten in dem Moment. Sie spürt den Blick ihrer Freunde auf sich lasten, ihr betretenes Schweigen, ihre Fassungslosigkeit. Also füllte sie die Stille mit Kälte, mit Wut. Yasaman, die sonst so fröhliche, liebenswürdige Person, wird in diesem Moment abweisend, hart. Sie beschreibt, dass ihre Natur herzlich ist, dass sie anderen mit Freundlichkeit entgegentritt, aber in der Situation, verlor sie all diese Qualitäten.
Sie selbst kann sich nicht mehr an den Moment erinnern, aber ihre Freunde erzählen ihr später von ihrer Reaktion: ,,Habt ihr es jetzt gehört? Sagt es meiner Mutter, dass ich Krebs habe.“ Sie beschreibt sich zuerst als eiskalt, doch der Schock lässt nicht lange auf sich warten und die Wut ebnet den Weg für Tränen. Dabei kreist nur ein Gedanke in ihrem Kopf: Wieso ich?
Der Verlust von Unabhängigkeit
Die Oberärztin erzählt ihr, dass sie eine 99% Chance hat, gesund zu werden, dass sie sich keine Sorgen machen soll. Yasaman vertraut darauf, ihre Eltern bestärken sie, weinen nie, zumindest nicht vor ihr. Wenn sie es tun, dann auf dem Weg zur Arbeit, unterwegs, versteckt vor ihrer Tochter, für die sie stark bleiben möchten. Und das erwarten sie auch von Yasaman, das scheint jeder von ihr zu erwarten: ,,Du musst stark sein.“, so zitiert Yasaman ihr Umfeld, ihren Freund, ihre Familie. ,,Das hat mich immer getriggert. Ich habe dann gesagt: ,Ich kann auch schwach sein, ich will jetzt nicht stark sein. Ich will schwach sein.‘ “
Aber Krebs bleibt für Yasaman vor der Chemo zunächst nur eine entfernte, kaum greifbare Realität. Erst mit dem Verlust ihrer Unabhängigkeit, die sie Stück für Stück während der Chemotherapie verliert, setzt die Realisation ein. Durch die Nebenwirkungen der Therapie verliert sie Kontrolle. Kontrolle über ihre Fähigkeit eigenständig zu laufen, zu denken, ohne Hilfe zu leben. Sie erinnert sich an einen Tag nach der Chemo, an dem ihr Vater sie zu ihrem Zimmer hinauf tragen musste. ,,Ich konnte die erste Stufe nicht hochsteigen. Ich konnte mein Bein nicht heben, um die Treppe hochzugehen. Und das war so der Moment, wo auch für meine Eltern die Einsicht kam.“ Während sie sich an ihren Vater klammert, merkt sie, wie er weint. Ihr Vater, der starke Fels, der sie als Kind auf seinen Schultern trug. Sie will ihn trösten, ihm sagen, dass alles gut wird, aber der Krebs hat ihr sogar die Fähigkeit zu sprechen genommen.
Aber Yasaman betrachtete die Chemo nicht als ihren Feind, nicht als ,,ein Mittel, was sie jetzt kaputt machen wird“. ,,Ich habe es trotzdem als Heilungsprozess gesehen. Ich weiß noch, ich habe mich vor der ersten Chemo geschminkt, hübsch gemacht, habe mir was Schönes angezogen.“ Sie glaubt daran, dass das Denken, die eigene Einstellung, auch den Körper beeinflusst und hat nie eine Sekunde daran gezweifelt, dass sie wieder gesund wird.
Der Beginn einer neuen Identität
Und dennoch konnte sie einem Gedanken nicht entweichen: Wann fallen die Haare aus? Mit dem Verlust der Haare gab sich der Krebs vollständig zu erkennen. Es war der Beginn der vollkommenen Einsicht und das Ende von einem Stück ihrer Identität. An einem Abend sitzt sie im Bett und zieht vorsichtig an ihren Haaren, die sie bereits kürzer geschnitten hat. Mit jedem Ziehen verliert sie ein Stück Haar und ein Stück ihrer selbst. ,,Die Vorstellung, dass ich meine Haare verliere, war richtig schlimm. Ich habe oft geweint.“ Jeder Blick in den Spiegel wurde zu einer Begegnung mit einer Fremden. ,,Ich habe in den Spiegel geguckt und mich nicht erkannt.“ Sie beschreibt es als einen ständigen Kampf, zu sich zurückzufinden. ,,Aber diese Erkenntnis, dass du nicht zu dir zurückfindest, sondern eine neue Version von dir kennenlernst, die kommt eher später.“
Genuss und Unbeschwertheit, die Leichtigkeit, die man vor allem als junger Mensch empfinden sollte, wurden für eine Zeit nur zur Erinnerung. Die Gegenwart wurde von einem Leben im Urlebensmodus geprägt: Geplante Reisen fielen flach, an ihrer Stelle traten Infusionen, Tabletten und endloses Warten. Sogar Essen wurde nur zu einem Mechanismus: ,,Während dieser Chemotherapie hat mir der Geschmackssinn manchmal über zehn Tage gefehlt. Und Essen war ja das Einzige, was mir so ein bisschen ein gutes Gefühl gegeben hat in der Zeit.“
Yasaman vermeidet auch bewusst Musik in der Zeit, Dinge, die ihr eigentlich Freude bereiten, aber die ein potenziell schmerzvolles Echo bilden könnten: ,,Ich habe keine Sekunde Musik gehört, weil ich nicht wollte, dass ich mich an die Zeit erinnere, wenn ich ein Lied höre.“ Ein letztes Stück Kontrolle über ihre eigene Zukunft. Während sie ins Leere starrt, bildet das Tropfen der Infusion den einzigen Ton, der den Raum füllt. Sie hält dennoch an einem Gedanken fest, an einem Versprechen, gerichtet an den Krebs: Jetzt gehört mein Körper dir, aber die Zukunft gehört mir.
Auch interessant
Ein Symbol der Wiedergeburt
Es ist Juli 2025, ein blauer Himmel erstreckt sich über den Horizont. Die warmen Sonnenstrahlen werfen sanfte Schatten in Yasaman’s Zimmer. Sie packt die restlichen Sachen für ihren Flug nach Gran Canaria, ein Flug, der ein Ende symbolisieren soll. Oder den Anfang einer anderen Version von sich selbst. Die Reise wurde schon lange geplant, mit der Einsicht, dass das Warten endlich ein Ende hat. „Ich war zu Hause und ich hatte schon meinen Flug gebucht, um weg zu fliegen, aber ich hatte mein Ergebnis noch nicht.“ Sie ist angespannt, kann sich nicht vollends auf die Reise freuen, denn sie wartet noch auf das Ergebnis der Abschlussuntersuchung ihrer Chemotherapie. Ohne die Sicherheit, dass der Krebs fortan nur eine Erinnerung bleibt, würde sie nicht fliegen. Das Ergebnis steckt noch bei der Post fest, aber das Warten ist unerträglich. Yasaman ruft bei der Praxis an, das Atmen fällt ihr schwer, aber die Worte erreichen sie trotzdem: ,,Sie sind gesund.“
Yasaman beschreibt den Moment als eine zweite Chance, die sie bekommen hat: ,,Der Befund wurde am 22. Juli ausgestellt. Und 22 ist meine Glückszahl, da ich selbst am 22. Februar Geburtstag habe.“ Sie betrachtet diesen Tag als eine symbolische Wiedergeburt, ein zweiter Geburtstag. Aber neben Erleichterung empfindet Yasaman noch etwas anderes: Ungewissheit. Wird sie jemals wieder zu sich finden? Sich wiedererkennen?
Yasaman redet langsam, bedacht, als müsste sie sich selbst etwas eingestehen: ,, Es wird, glaube ich, niemals normal, weil man einfach nicht dieselbe Person ist.“ Durch die Zeit hat sie sich neu kennenlernen müssen. Sie lächelt traurig: ,,Man kann auch irgendwie nicht ‘normal‘ werden. Ich weiß, dass ich nicht mehr die Yasaman werde, die ich einmal war.“ Sie gesteht, dass ein Teil von ihr immer gebrochen sein wird und das zu akzeptieren, sei ein Prozess. ,,Es wird eine neue Version von mir geben. Aber da bin ich wahrscheinlich noch nicht mal, ich bin immer noch auf dem Weg.“
Leben im Hier und jetzt
Sie war schon immer jemand, die auf sein Äußeres einen hohen Wert gelegt hat, aber durch die Erfahrung, hat all dies an Bedeutung verloren. ,,Keinen Wert und keinen Nutzen“, Materielles wurde zur Nebensache, sie hat gelernt, öfter Nein zu sagen, auf ihren Körper zu hören. ,,Ich versuche auch nicht mehr so viel von mir zu verlangen. Ich habe immer nach einem Zeitplan funktioniert und hatte immer Ziele im Kopf. Und wollte das und das bis da und hier erreichen.“ Sie akzeptiert nun, dass man über vieles im Leben keine Kontrolle hat und versucht, im Hier und Jetzt zu leben. Chaos zu akzeptieren, aber sich nicht davon definieren zu lassen.
Der 6. Februar 2026. Ein Jahr ist seitdem vergangen. Das Cafè ist laut, Stimmen prallen aneinander, aber Yasaman strahlt Ruhe aus. Selbst wenn ihre Lippen kein Lächeln bilden, so tun das doch stets ihre Augen. Es ist ansteckend, man vergisst sogar fast, dass sie von einer Krankheit erzählt. Während der Zeit wurde ihr viel genommen, aber ihr Strahlen bleibt unerschütterlich, ein ewiger Teil von ihr. ,,Nach dieser Zeit weiß ich, Leben darf sich leicht anfühlen.“
*Die Redakteurin steht in einer freundschaftlichen Beziehung zur Protagonistin.