„Ich hab Angst, mich zu verlieren“
Ich glaube, ich will nicht in die Großstadt
Ich bin gestresst. Wieder einmal zu spät los, wieder einmal rennend zum Bus. Ich steige vorne ein, atme schwer, lächle und sage freundlich: „Hallo.“ Der Busfahrer schaut mich irritiert an, schließt die Türen und fährt los. Kein „Hallo“ für mich. Ein paar Wochen später bin ich wieder in der Heimat. Hier leben rund tausend Menschen und doppelt so viele Schafe und Kühe. Als ich in den Bus steige (der fährt hier nur einmal die Stunde), sage ich diesmal nichts. Plötzlich ruft der Busfahrer mir hinterher: „Guten Morgen!“ Ich muss schmunzeln. Alles beim Alten. Ich setze mich ans Fenster, schaue hinaus und denke über die beiden Begegnungen nach.
Ein Lied der Band Provinz kommt mir in den Kopf. Die vier Jungs aus Vogt, ein Dorf in Oberschwaben, singen von der Sehnsucht nach Heimat und der Angst, sich in der Großstadt zu verlieren. Ich hole meine Kopfhörer raus und drücke auf Play: „Ich will nicht in die Großstadt. Ich habe Angst, mich zu verlieren.“
Zucchini vor der Tür
In der Stadt kann ich alles sein. Mich neu erfinden, aus der Reihe tanzen, niemandem Rechenschaft ablegen. Ein Gesicht unter Tausenden. Das klingt nach Freiheit, fühlt sich aber manchmal seltsam einsam an. Zwischen unzähligen Möglichkeiten und Trends verliert man leicht den Bezug zu sich selbst. „Ich hab Angst, mich zu verlieren“ – diesen Satz verstehe ich nur zu gut. Auf dem Dorf ist das anders. Hier kennt jeder jeden, und alle interessieren sich für dich. Das kann charmant oder anstrengend sein, je nachdem, wen man fragt.
Wenn Hilde von den Yogafrauen noch vor meiner Mutter weiß, dass ich jetzt einen Freund habe, gerate ich ins Schwitzen. Wenn plötzlich meine etwas zu weite Jeans das Gesprächsthema auf dem Dorffest ist, bin ich kurz verunsichert. Man kann sich hier nicht verstecken. Dafür wird man gesehen. Das Dorf ist wie eine große, manchmal schräge, aber herzliche Familie. Man grüßt sich auf der Straße, bekommt Zucchini vor die Tür gelegt und zu jedem Feiertag ein GIF mit Glitzertext. In der Stadt kann man anonym und mysteriös sein. Aber ehrlich? Ich finde Fürsorge und Interesse dann doch cooler.
Eine Stunde Carpool Karaoke
„Die nächste Stadt ’ne Stunde Fahrt – is’ mir egal.“ Klar ist es praktisch, wenn die S-Bahn direkt vor der Haustür hält, aber die Stunde Fahrt war für mich nie verlorene Zeit. Im Gegenteil. Als Kind war es ein Highlight, wenn Mama sagte: „Heute fahren wir in die Stadt.“ Shoppen, essen gehen und abends zu Hause gibt es eine kleine Modenschau für Papa.
Später waren es die Fahrten in den Club, denn: „Hier gibt’s keinen Club, nur eine Bar.“ Mit lauter Musik, gutem Wein (nur auf der Rückbank) und heruntergelassenen Fenstern ging es auf die Autobahn in Richtung Stadt. Die Fahrt war meistens der beste Teil des Abends. Auf dem Land dauert alles ein bisschen länger: Das Ankommen am Ziel, aber auch das Ankommen neuer Ideen. Naja. Solange die Gesellschaft stimmt, ist das gar nicht so schlimm.
Großstadtglanz und schlechte Musik
Doch gibt es in der Stadt wirklich etwas, das man auf dem Dorf verpasst – „außer die Drogen, Eure Partys und die schlechte Musik?“ Hm. Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, was mir lieber wäre. Die durchgetanzte Nacht im Technoclub oder das Schunkeln zu „Angels“, kurz bevor das letzte Bier leer ist. Wahrscheinlich keins von beidem. Zwei Welten, beide nicht perfekt.
Der Punkt ist: Auf dem Dorf verpasst man weniger, als man denkt. Hier erfährt man, was Heimat bedeutet und wie sich echte Fürsorge anfühlt. Beim nächsten Mal versuche ich es in der Stadt noch einmal mit einem „Hallo“.
Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit“. Weitere Folgen der Kolumne sind: