Ein Haus ohne Regeln. 31 Räume, 37 Künstler*innen, 11 Tage Zeit. 

Mit VOLLFORMAT entsteht ein Ort im Ausnahmezustand mitten in Stuttgart.

Jule Weinmann

Ein Haus ohne Regeln. 31 Räume, 37 Künstler*innen, 11 Tage Zeit. 

Mit VOLLFORMAT entsteht ein Ort im Ausnahmezustand mitten in Stuttgart.

Jule Weinmann

Hinter Stuttgarts Fassaden

Laura Szafranek

Hinter Stuttgarts Fassaden

Laura Szafranek

Es ist ein grauer, schwüler Donnerstagnachmittag, als ich an der Haltestelle Johannesstraße aus dem Bus steige. In Stuttgart West ist heute nicht viel los. Die Luft riecht nach Regen und der Wind wirbelt Blätter vom Asphalt in die Luft. Ein guter Tag, um vor dem bevorstehenden Unwetter an einen Ort zu flüchten, der dem bewölkten Tag etwas Farbe verleiht. Ich laufe auf eine Mutter und ihre beiden Kinder zu. Sie stehen vor einem Gebäude, zeigen nach oben, neigen die Köpfe. „Affe?“, fragt eins der Kinder. Ich bleibe stehen und gucke nach oben. Ein riesiges Wandgemälde, ein Mural, erstreckt sich über die sonst graue Hausfassade: Eine Frau mit leuchtend grünen Augen sieht in die Ferne über den Kessel, über dem der Himmel gerade immer dunkler wird. Über ihrer Schulter hängt eine Art Trage, auf der zwei Affen sitzen. Es fängt an zu nieseln. Ich frage mich, was die mögliche Botschaft sein könnte, wer dieses Bild gemalt hat und wie so ein riesiges Wandgemälde überhaupt entsteht. Ich wende mich wieder der Straße zu. Durch die Baumkronen blitzt etwas Orangenes. Je näher ich komme, desto größer wird die leuchtende Fläche.

Ein unschwer zu übersehendes Transparent breitet sich da quer über zwei Hausfassaden des Gebäudes aus. „VOLLFORMAT“ steht da in schwarzen Lettern.

Jule Weinmann

Ein unschwer zu übersehendes Transparent breitet sich da quer über zwei Hausfassaden des Gebäudes aus. „VOLLFORMAT“ steht da in schwarzen Lettern.

Jule Weinmann

An diesem tristen Tag scheint dieser Farbklecks mitten in der Stadt besonders viele neugierige Passanten anzuziehen. Mir kommen Familien mit Kindern, Freundesgruppen in meinem Alter und ältere Menschen mit Gehstock aus dem Haus entgegen. Wer in diesem Haus einst zum Arzt gegangen ist oder in einem Büro Akten sortiert hat, kann heute ein begehbares künstlerisches Erlebnis über 5 Stockwerke erwarten – „ein Ort im Ausnahmezustand“. Für die VOLLFORMAT-Ausstellung haben 37 nationale und internationale Künstler*innen in 31 Räumen ihre Kreativität ohne jegliche Vorgaben ausgelebt. Schon im Erdgeschoss fühlt es sich an, als wäre man in den Kopf einer oder sogar mehrerer Personen gleichzeitig gestolpert, die vor lauter Kreativität nicht wussten, wohin mit den Ideen. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinsehen soll und in welchen bunten Raum ich aus dem noch bunteren Flur hineintreten soll. Es riecht nach Farbe. Im ersten Raum steht ein alter Röhrenfernseher auf dem Boden. Neben ihm dreht sich eine Lichtkonstruktion über einer verspiegelten Halbkugel. Halb lächelnd, halb die Stirn runzelnd filmt ein Mann das Spektakel. Ich höre ein Lachen aus einem anderen Raum als ich wieder den neongrünen Flur betrete. „Na, das sieht mal bequem aus!“, witzelt eine Frau und zeigt vor sich auf den Boden. In dem gelben Raum steht eine Art Stuhlgestell, umfasst von Spanngurten. „SETZ DICH!“ wurde mit Edding auf den Boden davor geschrieben. Dieser Aufforderung nachzukommen, traut sich die Frau dann aber doch nicht. Ich lasse meinen Blick weiter durch den Raum schweifen. In einem Sonnenstrahl, der sich durch die Wolken gekämpft hat, glitzert eine Art Kettenvorhang, der durch die Bewegung der ein- und ausgehenden Besuchenden wie in Zeitlupe schwingt. Dahinter hängen mehrere schwer zu identifizierende Elemente von der Decke. Ich überlege, wie man diese Installation beschreiben könnte. 

Eine Art Plastikreifen, pappmascheeartige Ringe, ein Makramee und ein zusammengeknoteter Haufen aus Stoffen und Schnüren. Vermutlich muss man diesen Raum mit eigenen Augen sehen, um ein Bild von ihm zu bekommen. 

Jule Weinmann

Eine Art Plastikreifen, pappmascheeartige Ringe, ein Makramee und ein zusammengeknoteter Haufen aus Stoffen und Schnüren. Vermutlich muss man diesen Raum mit eigenen Augen sehen, um ein Bild von ihm zu bekommen. 

Jule Weinmann

Dieses Phänomen scheint sich durch die gesamte Ausstellung zu ziehen. Immer wieder fragen sich die Besuchenden gegenseitig, was diese Konstruktion oder jenes Gemälde zu bedeuten haben könnte, welche Materialien wohl verwendet wurden und wie lange es gedauert haben muss, nicht nur die einzelnen Räume, den Flur und das Treppenhaus, sondern auch Fenster, Heizkörper und Toiletten in dieses begehbare Kunstwerk zu verwandeln. 11 Tage und Nächte, erinnert sich Georg Waibel. Er ist einer der Kuratoren der VOLLFORMAT-Ausstellung und Initiator des PFFFESTIVALS – dem Projekt, mit dem die Idee, Stuttgart in eine offene Galerie umzuwandeln, begonnen hat. Georg hat innerhalb der kurzen Gestaltungsphase nicht nur Künstler*innen engagiert, Materialien besorgt und die Raumaufteilung geregelt, sondern auch selbst einen Raum mit seinem Kollegen Philipp Becker gestaltet. „INSPIRED BY FUN“ steht da in silbernen Lettern an den Wänden und der Decke, die dafür zentimetergenau ausgemessen wurden. „Die Positionierung der Typografie war recht mathematisch aufgebaut, deshalb haben wir relativ wenig dem Zufall überlassen“, erklärt Georg. Künstlerisch ohne jegliche formalen Vorgaben zu arbeiten, bedeutet nicht einfach, ohne Plan loszulegen, sondern sich entscheiden zu dürfen, ob es einen Plan geben und wie dieser aussehen soll. Die eigentliche Spaßkomponente sollte für Georg und Philipp in ihrem durchgeplanten Raum aber nicht zu kurz kommen.

Während die Materialauswahl anderer Künstler*innen auf Sprühdosen, Holz und Pappmaschee fiel, haben Georg und Philipp sich für ein besonderes gestalterisches Mittel entschieden: In den letzten zwanzig Minuten haben sie ihr bis ins Detail geplantes Kunstwerk mit gefüllten Farbeiern beworfen. 

Laura Szafranek

Während die Materialauswahl anderer Künstler*innen auf Sprühdosen, Holz und Pappmaschee fiel, haben Georg und Philipp sich für ein besonderes gestalterisches Mittel entschieden: In den letzten zwanzig Minuten haben sie ihr bis ins Detail geplantes Kunstwerk mit gefüllten Farbeiern beworfen. 

Laura Szafranek

Auch wenn es formal keine Vorgaben bei der Gestaltung für die Räume gab, kommt es bei so einem Projekt auf die Zusammenarbeit mit zuverlässigen Leuten an. Künstlerische Qualität und gute Ideen sind das eine. Das alles aber auch in so einer kurzen Zeit umsetzen zu können – und das außerhalb der gewöhnlichen Umgebung eines Ateliers – ist nochmal eine andere „sportliche“ Komponente, erzählt Georg. Aufgrund des geringen Zeitfensters und der hohen Temperaturen dieses Sommers von teilweise über 36 Grad arbeiteten die Künstler*innen auch nachts. Die Geräusche dieser Arbeit um drei Uhr morgens sind auch der Polizei nicht entgangen. Mit der Vermutung auf einen Einbrecher, der gerade versucht, einen Safe aufzuflexen, rückte die Polizei in einer Nacht in der Johannesstraße 47b an. Statt eines Verbrechers trafen die Beamten einen Künstler an, der gerade mit einem Dremel arbeitete. Direkt identifizieren konnten sie den Arbeiter in dieser Situation trotzdem nicht – er war von oben bis unten mit Sägespänen bedeckt.

Tritt man aus Georgs „INSPIRED BY FUN“-Raum auf den Flur, begibt man sich auf gefährliches Terrain – zumindest visuell. Eine Art Geiselnahme findet auf einer Wand statt. Man läuft an Zielscheiben vorbei und wird selbst zu einer: Schwarze Silhouetten richten Waffen in den Gang. „CHOOSE YOUR ENEMY“ steht auf einer roten Wand.

Die Toilette auf diesem Gang ist mit oranger Farbe vollgesprenkelt und erinnert an die Überreste eines Actionfilms. Georgs Raum wirkt wie ein bunter Bunker auf diesem „gefährlichen“ Stockwerk. 

Jule Weinmann

Die Toilette auf diesem Gang ist mit oranger Farbe vollgesprenkelt und erinnert an die Überreste eines Actionfilms. Georgs Raum wirkt wie ein bunter Bunker auf diesem „gefährlichen“ Stockwerk. 

Jule Weinmann

Dass die Räume keinem bestimmten Schema folgen oder aufeinander abgestimmt wurden, ist eins der Merkmale, die den Reiz von VOLLFORMAT ausmachen. Einzelne künstlerische Handschriften sollen sichtbar bleiben und die Unterschiede und Extremitäten den Diskurs über die Kunst, durch die man sich in diesem Gebäude bewegt, anregen. Laut Georg ist genau das das Schöne an dem Projekt: „Die Murals müssen nicht jedem Besuchenden gefallen und dürfen unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Man kommt über Kunst ins Gespräch, weil Geschmäcker unterschiedlich sind.“ Dieser Diskurs soll auch dadurch gefördert werden, dass die Kunst mitten in der Stadt stattfindet und der Eintritt kostenlos ist. Man soll die Kunst nicht erst in einem Museum suchen müssen, sondern sie im alltäglichen Stadtraum einfach nebenbei wahrnehmen können.

Mit diesem Gedanken entstand auch die Ursprungsidee des PFFFESTIVALS. Wie das „PFFF“ im Namen des Projekts schon verrät, geht es um Sprühdosen, Graffiti und das Ziel, Kunst im urbanen Stuttgarter Raum sichtbar und einfach zugänglicher zu machen. Nach Reisen in andere Großstädte und der Organisation eines größeren Mural-Projekts in den USA stellten Georg und sein Team, das Studio Vierkant, fest, dass genau das in Stuttgart fehlt: Kunst, die einfach so im alltäglichen Stadtbild passiert. „Dann war eigentlich schnell klar: Lasst uns das doch ‚einfach‘ mal in Stuttgart machen.“, sagt Georg. Seit 2023 findet man 20 Murals von nationalen und internationalen Künstler*innen in elf Stuttgarter Stadtbezirken. Darunter das „Auto-Graffiti“ am Berliner Platz, wie manche Stuttgarter es als Treffpunkt bezeichnen, das eigentlich „Spindle Tower No. 2“ heißt und vom französischen Künstler Fred Battle gestaltet wurde. Außerdem zwei figurative Fassaden der britischen Künstlerin Eloise Gillow: die beiden Frauen, die nachdenklich über das Getummel in der Schwabstraße blicken. 

Die Frau mit den Affen und den grünen Augen, die ich auf dem Weg zu VOLLFORMAT entdeckt habe, stammt vom gebürtigen Stuttgarter Jack Lack. 

Jule Weinmann

Die Frau mit den Affen und den grünen Augen, die ich auf dem Weg zu VOLLFORMAT entdeckt habe, stammt vom gebürtigen Stuttgarter Jack Lack. 

Jule Weinmann

Mit den unterschiedlichsten Künstler*innen zusammenzuarbeiten und Projekte im Großformat umzusetzen, ist für das Studio Vierkant nichts Neues. Die Organisation der Gruppenausstellung war trotzdem nicht immer einfach und durch die gleichzeitige Arbeit an seinem eigenen Raum für Georg „schon ein bisschen stressig“. Das Projekt trotz des kurzen Zeitraums und der organisatorischen Herausforderungen umzusetzen, war dennoch ein No-Brainer: „Ein komplettes Gebäude zur Verfügung zu haben und es künstlerisch transformieren zu können, ist eine ziemlich einmalige Gelegenheit.“ Diese einmalige Gelegenheit bezieht sich auch auf die Möglichkeit, die Ausstellung zu besichtigen. Nach dem 17. Oktober wird das Gebäude der BB-Stiftung renoviert. Die gemeinnützige Organisation möchte aus dem Gebäude einen neuen Platz für Begegnung und Kreativität schaffen. Sie soll nicht nur ein Ausstellungsort bleiben, sondern durch Werkstätten und Ateliers Raum für neue Produktionen bieten. Kunstwerke von 37 Künstler*innen, tage- und nächtelange Arbeit, genaueste Planung und volle kreative Verausgabung – wie fühlt sich das an, dass das Ergebnis dieses Projekts, die Gestaltung eines gesamten Gebäudes, nur für eine bestimmte Zeit existieren wird? Für Georg liegt dieses Phänomen in der Natur der Sache. Im Graffiti-Bereich lebe die Kunst davon, dass sie vergänglich ist, irgendwann verschwindet und immer wieder Neues entsteht. Umso wichtiger ist für ihn der oberste Stock der Ausstellung: Der gesamte Arbeitsprozess wurde durch eine filmische Begleitung, ein Foto-Magazin und eine Fotostrecke festgehalten. „Dadurch bleibt eine andere Form des Werks erhalten“, erklärt Georg.

Im Gegensatz zu den anderen Stockwerken wirkt das Dachgeschoss auf den ersten Blick fast langweilig. Man wird nicht sofort von Formen und Farben überwältigt, sondern muss auf die Suche nach den Besonderheiten gehen. Dann erkennt man auf den Fotos Hände voller Farbe, Menschen mit Atemschutzmasken, lachende Gesichter und Georg, der Farbeier an die Wände wirft. Während die Besuchenden durch die Stellwände streifen, fragen sie sich gegenseitig, was ihr Lieblingsraum der Ausstellung war. Eindeutige Antworten gibt es dafür nicht. Hier oben wird greifbar, welche Arbeit dahintersteckt, jeden Meter eines Gebäudes mit 31 Räumen zu transformieren. Eine gewisse Nostalgie setzt ein für das, was gerade noch in den Räumen unter uns existiert, aber in ein paar Wochen Geschichte sein wird. „Man muss das so lassen! Die ganze Arbeit! Das wäre doch so schade, das alles wegzumachen!“, redet ein Besucher auf einen anderen Mann ein. Der andere Mann lächelt, während er seinen Blick von den Fotowänden zum Fenster streifen lässt. Der graue Himmel ist aufgebrochen. Von hier oben sieht man, wie die Abendsonne den Stuttgarter Kessel in ein diesiges Licht taucht.

„Vielleicht ist genau das das Besondere“, antwortet er, „dass das alles hier nicht für immer da ist.“

„Vielleicht ist genau das das Besondere“, antwortet er, „dass das alles hier nicht für immer da ist.“