Gut, besser, Landsmann – Wie objektiv ist die Wahl zum FIFA-Weltfußballer?
Kaum ist die Wahl entschieden, veröffentlicht die FIFA die Stimmen der Wahlberechtigten. Was folgt, ist jedes Jahr dieselbe Diskussion: Warum wählen Trainer regelmäßig Spieler aus dem eigenen Land? Weshalb tauchen Teamkollegen auffällig häufig auf den Wahlzetteln der Kapitäne auf? Und wie objektiv kann eine Wahl überhaupt sein, wenn diejenigen abstimmen, die selbst Teil des Systems Fußball sind?
Der Verdacht begleitet die prestigeträchtige Auszeichnung seit Jahren. Immer wieder wird laut Fans, Medien und Experten nicht ausschließlich nach Leistung abgestimmt, sondern auch nach Loyalität, persönlicher Nähe oder nationaler Zugehörigkeit. Die britische Zeitung „The Guardian" schrieb bereits 2015, das Ausmaß an Bevorzugung und taktischem Wahlverhalten sei teilweise „so deutlich, dass der Eurovision Song Contest geradezu objektiv wirkt“.
Tatsächlich lassen sich bei veröffentlichten Stimmzetteln immer wieder auffällige Muster erkennen. Nationaltrainer wählen Spieler, die sie im Kreise der Nationalmannschaft trainieren. Kapitäne stimmen für Teamkollegen oder Landsmänner. Und Journalisten bewerten Spieler aus den Ligen, die sie Woche für Woche verfolgen. Doch wie stark basiert die Wahl nun tatsächlich auf Leistung – und wie stark auf sozialen Gemeinsamkeiten?
Wie funktioniert die Wahl?
Die Vergabe der „The Best FIFA Football Awards“ erfolgt einmal jährlich. Im Rahmen der Preisverleihung werden mehrere Auszeichnungen vergeben. Die Vergabe des Awards „The Best FIFA Men’s Player“ basiert auf einem mehrstufigen Auswahlverfahren.
Dabei legt die FIFA auf Basis der Entscheidung von Expertengremien elf wählbare Spieler fest. Die finale Abstimmung setzt sich zu jeweils 25 Prozent aus den Stimmen von Nationaltrainern, Nationalkapitänen, Sportjournalisten und Fans zusammen. Jede abstimmende Person hat 3 gewichtete Stimmen.
Für die Auszeichnung soll die Leistung auf dem Spielfeld sowie das allgemeine Verhalten auf und abseits des Platzes berücksichtigt werden. Ein wesentliches Merkmal des Wahlverfahrens ist dabei die Transparenz der Stimmabgaben: Nach jeder Auszeichnung veröffentlicht die FIFA die Stimmen der Nationaltrainer, Kapitäne und Journalisten.
Quelle: FIFA
Klein aber sichtbar
Zur Untersuchung der Beziehungen wurde eine soziale Netzwerkanalyse für die Wahljahre 2023 bis 2025 erstellt. Ein Blick auf die darin enthaltenen Abstimmungsdaten zeichnet zunächst ein überraschend nüchternes Bild. Die vermuteten „Biases“ – sprich Voreingenommenheiten – existieren zwar, fallen insgesamt jedoch deutlich moderater aus, als es die Diskussionen vermuten lassen. Im gesamten Wahlnetzwerk der Jahre 2023 bis 2025 teilen 5,35 Prozent aller Verbindungen zwischen Wählenden und Gewählten dieselbe Nationalität. Bei der Vereinszugehörigkeit – also Nationalmannschaftskapitäne, die für eigene Vereinskollegen stimmen – liegt der Wert sogar bei gerade einmal 2,27 Prozent.
Auf den ersten Blick erscheinen diese Zahlen gering. Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass unter den Hunderten von Wählenden – allein in einem einzigen Wahljahr – die wenigsten der gleichen Nation oder demselben Verein wie die Nominierten angehören. Es wäre also zu einfach, daraus zu schlussfolgern, dass soziale Nähe schlicht keine Rolle spielt. Gleichzeitig kann jedoch auch nicht von systematischer und wahlentscheidender Manipulation die Rede sein.
Wir statt ich: Das Konzept der sozialen Identität
Warum Menschen andere Mitglieder aus ihrem sozialen Umfeld oft bevorzugen, erklärt Sozialpsychologe Nik Steffens von der University of Queensland mit dem Konzept sozialer Identität. Gruppen geben Menschen Orientierung und Zugehörigkeit. Familie, Nation, Verein oder auch das eigene Team prägen das Bild davon, wer sie sind. Dabei steht nicht das „Ich“ im Vordergrund, sondern das „Wir“. Genau deshalb betrachten Menschen Leistungen selten vollkommen losgelöst von ihrem sozialen Umfeld. Wer Teil derselben Gruppe ist, wird oft intensiver wahrgenommen – nicht zwangsläufig aus Absicht, sondern weil gemeinsame Identität die eigene Sicht auf Erfolg beeinflusst: „Wenn eine Leistung von jemandem erbracht wird, den wir als „einen von uns" wahrnehmen, schenken wir ihr häufig mehr Aufmerksamkeit, erleben sie als bedeutsamer und empfinden sie zugleich als etwas, das positiv auf die eigene Gruppe zurückfällt“, erklärt Steffens.
Der Erfolg eines Spielers kann damit indirekt auch als Bestätigung der eigenen Gemeinschaft verstanden werden. Wenn ein Nationaltrainer oder ein Kapitän für einen Spieler aus dem eigenen Land oder Verein stimmt, wird damit auch die Qualität des eigenen Teams oder sogar der eigenen Arbeit aufgewertet.
Verzerrt soziale Nähe den Blick?
Wie stark solche Mechanismen die Abstimmungen tatsächlich beeinflussen, zeigt sich besonders beim Blick auf das teils unterschiedliche Wahlverhalten zwischen Kapitänen, Trainern und Journalisten.
Auffällig ist dabei vor allem das Wahlverhalten der Nationaltrainer. Sie stimmen deutlich häufiger für Spieler aus dem eigenen Land ab als Kapitäne oder Journalisten. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Trainer arbeiten eng mit ihren Spielern zusammen, und verantworten sportlichen Erfolg und Teamklima gleichermaßen. Die Wahl eines eigenen Nationalspielers kann deshalb nicht nur Anerkennung für individuelle Leistungen sein, sondern auch Ausdruck von Vertrauen, Loyalität oder strategischer Rücksichtnahme innerhalb des Teams.
Gleichzeitig spielt wohl auch ein indirekter gruppeninterner Druck eine Rolle. Wer Teil eines Teams ist, bewegt sich in einem sozialen Gefüge, in dem Loyalität und Rückhalt wichtig sind. Eine ausbleibende Stimme für einen eigenen Spieler könnte schnell als mangelnde Wertschätzung interpretiert werden – selbst dann, wenn sportliche Gründe im Vordergrund stehen.
Georg Holzner, Sportjournalist beim „kicker" und seit 2021 als Medienvertreter für Deutschland bei den FIFA Awards stimmberechtigt, sieht mögliche Präferenzen bei Trainern jedoch gelassen: „Dass Trainer ihre eigenen Spieler wählen, finde ich überhaupt nicht verwerflich“, sagt Holzner. Schließlich sähen sie ihre Spieler täglich im Training und hätten direkten Einfluss auf deren Entwicklung. Problematisch werde es seiner Ansicht nach erst dann, wenn Leistung vollständig in den Hintergrund geraten würde.
Dass Trainer dennoch überwiegend leistungsorientiert abstimmen, davon ist Holzner überzeugt. Gerade auf diesem Niveau werde wenig dem Zufall überlassen. „Ich glaube, dass diese Wahl sehr fundiert organisiert ist“, sagt der „kicker"-Reporter. Die Vorauswahl der FIFA auf elf nominierte Spieler begrenze mögliche Ausreißer zusätzlich.
Journalisten: Neutrale(re) Experten
Deutlich zurückhaltender fallen mögliche Voreingenommenheiten dagegen bei Journalisten aus. Anders als Trainer oder Kapitäne bewegen sie sich nicht innerhalb eines festen Mannschaftsgefüges. Sie teilen weder täglich Kabine noch Trainingsplatz mit den Spielern und stehen dadurch weniger unter sozialem oder gruppeninternem Druck.
Ganz frei von subjektiven Eindrücken sind aber auch sie nicht. Wer Woche für Woche dieselben Ligen verfolgt, entwickelt zwangsläufig einen anderen Blick auf bestimmte Spieler als auf jene, die seltener beobachtet werden. Dennoch scheint gerade die journalistische Distanz dafür zu sorgen, dass soziale Nähe eine geringere Rolle spielt.
Für Georg Holzner gehört genau diese professionelle Distanz zum eigenen Anspruch. Bevor er seine Stimmen abgibt, tauscht er sich mit internationalen Kollegen aus, analysiert die von der FIFA bereitgestellten Statistiken und versucht, Leistungen möglichst umfassend einzuordnen. Dabei gehe es nicht nur um Tore oder Assists. „Wo trifft die individuelle Fähigkeit auf den Mehrwert fürs Team?“, beschreibt Holzner seinen Ansatz.
Der kicker-Reporter achtet nach eigener Aussage unter anderem darauf, wie stark ein Spieler das Spiel seiner Mannschaft beeinflusst, welche Räume er öffnet oder wie sehr seine Präsenz Mitspieler besser macht. Ein weiteres Mittel ist die Untersuchung der Siegesquote der Mannschaft mit und ohne den jeweiligen Spieler. Einen festen Maßstab, an den sich jeder Journalist hält, gibt es dabei allerdings nicht. Während manche Wählende Tore und Vorlagen stärker gewichten, achten andere mehr auf Spielkontrolle, Defensivarbeit oder taktischen Einfluss. Eine vollkommen objektive Definition von Leistung existiert im Fußball daher kaum.
Die öffentliche Diskussion über mögliche Bevorzugungen sieht Holzner dabei als Teil der Verantwortung, die mit einer solchen Wahl einhergeht. „Es liegt an uns Journalisten, die Objektivität zu wahren“, sagt er.
Führen transparente Wahlen zu mehr Objektivität?
Die Analyse zeigt insgesamt ein vergleichsweise klares Bild: Voreingenommenheiten bei der FIFA-Wahl liegen durchaus vor, allerdings deutlich weniger stark, als es öffentliche Diskussionen häufig vermuten lassen. Gemeinsame Nationalität oder Vereinszugehörigkeit spielen eine Rolle, dominieren die Abstimmungen jedoch nicht.
Gleichzeitig macht die Untersuchung deutlich, dass sich Leistung im Fußball kaum vollständig von sozialen Wahrnehmungen trennen lässt. Wer Spieler täglich trainiert oder mit ihnen spielt, gemeinsam Erfolge erlebt oder ihre Leistung aus nächster Nähe verfolgt, bewertet Leistungen zwangsläufig anders als Außenstehende. Objektivität bedeutet deshalb nicht unbedingt völlige Neutralität, sondern vielmehr den bewussten Umgang mit den eigenen Perspektiven und möglichen Präferenzen.
Eine besondere Rolle spielt dabei die Transparenz der FIFA-Wahl. Anders als bei vielen anderen Auszeichnungen sind sämtliche Stimmen öffentlich einsehbar. Für Steffens kann genau das dazu beitragen, dass Wählende ihre Entscheidungen bewusster treffen. „Wenn Menschen wissen, dass ihre Entscheidungen sichtbar sein werden, denken sie möglicherweise genauer darüber nach, ob sie ihre Wahl begründen können“, erklärt er.
Gleichzeitig könne Transparenz jedoch auch neue soziale Erwartungen erzeugen. Wer öffentlich abstimmt, weiß, dass die eigene Entscheidung von Fans, Medien, Verbänden oder dem eigenen Umfeld beobachtet wird. Dadurch entsteht womöglich ein anderer Druck — etwa die Erwartung, Spieler aus dem eigenen Land oder Umfeld besonders zu berücksichtigen. Transparenz beseitigt mögliche Biases also nicht zwangsläufig, sondern verändert mitunter lediglich die sozialen Mechanismen hinter einer Wahl.
Ob die Nähe zu Spielern, Vereinen oder Nationen bei einer geheimen Abstimmung letztlich größeren Einfluss hätte, bleibt offen. Sicher scheint nur: Die Diskussion darüber, wie objektiv eine Wahl im Fußball überhaupt sein kann, dürfte den „The Best FIFA Football Award“ noch lange begleiten.
Für diesen Beitrag haben wir eine Netzwerkanalyse durchgeführt. Untersucht wurden die Wahlbeziehungen der berechtigten Wähler zu den wählbaren Spielern bei der Abstimmung zum „The Best – FIFA-Weltfussballer" in den Jahren 2023 bis 2025. Die Analyse begrenzt sich auf die Top-50-Mannschaften der FIFA-Weltrangliste.
Für die Datenerhebung haben wir die offizielle Webseite der FIFA genutzt und mit Angaben von transfermarkt.de ergänzt.
Der Datensatz und das Codebuch sind auf Github verfügbar.