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Gendergerechte Sprache
Jeder wie * mag

MEINUNG
Es gibt verschiedenste Möglichkeiten gendergerechte Sprache zu verwenden. | Bild: Luisa Funk

Gendergerechte Sprache Jeder wie * mag

Es gibt verschiedenste Möglichkeiten gendergerechte Sprache zu verwenden. | Bild: Luisa Funk
 

16 May 2021

Gendersternchen, Doppelpunkt oder doch generisches Maskulinum: Welche Vor- und Nachteile bringen die Möglichkeiten zum Gendern mit sich? Doch egal, ob und wie man es nun tut, es ist und bleibt eine individuelle Entscheidung.

Luisa Funk

Crossmedia Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020
PolitikGesellschaft

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Die Debatte um gendergerechte Sprache verwandelt sich viel zu oft in eine Debatte um einen Zwang zum Gendern. Von diesem Genderzwang kann meiner Meinung nach keine Rede sein. Friedrich Merz (CDU) sieht das aber anders. Ihn beschäftigt das Thema wirklich sehr, weshalb er sich auf Twitter über das Gendern lustig macht:

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Die Debatte über gendergerechte Sprache ist emotional ziemlich aufgeladen. Sachliche Argumente werden meist außen vor gelassen. Friedrich Merz zum Beispiel meint in einem weiteren Tweet, dass Gendern nicht gerade ein Ausdruck des Zeitgeistes sei. Mit seiner Ablehnung gegenüber gendergerechter Sprache ist er in Deutschland nicht alleine. Etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung steht dem Gendern kritisch gegenüber.

Die Debatte

Zu umständlich, zu anstrengend, nicht schön, klingt blöd, verunstaltet. All diese Argumente habe ich unter Tweets wie von Friedrich Merz gelesen. Der Verein Deutsche Sprache spricht sogar von „Genderunfug“ und einem „zerstörerischen Eingriff in die deutsche Sprache“. Ja, gendergerechte Sprache ist gewöhnungsbedürftig. Aber diese Vorbehalte sind für mich keine ernstzunehmenden Argumente gegen das Gendern.

Dass Sprache sich verändert, ist nichts Ungewöhnliches. Mit meinen Freunden rede ich schließlich nicht in Althochdeutsch, sondern erfinde durch Anglizismen quasi eine neue Sprache. Sprache ist außerdem Gewöhnungssache. Als ich das erste Mal für das edit.-Magazin schreiben sollte, war das Gendern hier verpflichtend. Zuerst war ich genervt und dachte mir, es sei total umständlich und die Arbeit würde dadurch länger dauern. Inzwischen habe ich mehrere Artikel geschrieben und habe mich an das Gendern tatsächlich gewöhnt. Ich mache es fast automatisch. Je öfter man gendert, es hört oder liest, desto schneller wird es selbstverständlich.

Unsere Sprache bestimmt auch unser Denken. Kinder trauen sich beispielsweise durch gegenderte Berufsbezeichnungen eher genderuntypische Berufe zu. So können Stereotypen aufgebrochen und mehr Gleichberechtigung erreicht werden. Auch der Moderator Klaas Heufer-Umlauf sieht das Gendern als Mittel für Gleichberechtigung. Die Sprache werde auch nicht verhunzt, wie die Sprachhistorikerin Damaris Nübling in einem Interview mit dem NDR erklärt, sondern schöner und adäquater und umfasse mehr Leute. Denn gendergerechte Sprache möchte alle Menschen miteinschließen, egal welchen Geschlechts. Es sollen andere Geschlechter neben dem männlichen sichtbar gemacht werden. Seit ich verstanden habe, dass Gendern Leute nicht nur mitnennt, sondern miteinschließt, versuche ich auch in meinem persönlichen Sprachgebrauch gendergerecht zu reden. Einfachheit ist ebenfalls kein Ausschlusskriterium. Schließlich hat die deutsche Sprache viel schwierigere grammatikalische Herausforderungen, wie zum Beispiel den Konjunktiv oder den Genitiv. Wer die Worte revanchieren, aquirieren oder prophylaktisch richtig aussprechen kann, ist auch in der Lage, eine kleine Sprechpause in ein Wort einzubauen.

Gendern tut keinem weh. Es trägt dazu bei, dass sich auch Frauen, nicht-binäre Menschen und Menschen aus der LGBTQ-Community angesprochen und miteingeschlossen fühlen. Unsere Sprache verändert sich permanent, da können wir doch auf unsere Mitmenschen eingehen und sie in unserem Sprachgebrauch berücksichtigen. Während der Corona-Pandemie haben wir schließlich viele neue Wörter in unseren Wortschatz aufgenommen. Da ist es doch auch möglich, seine Sprache gendergerecht zu gestalten.

Warum wir bei edit. gendern:

Bei edit. gendern wir mit dem Gendersternchen. Mit dieser Schreibweise werden neben Frau und Mann auch andere Geschlechter sichtbar. Dadurch werden traditionelle Geschlechterrollen aufgeweicht und Intersexuelle, Transgender oder Transsexuelle berücksichtigt. Wir möchten eine gendergerechte Sprache. Sprache kann diskriminieren, sich ständig verändern und dadurch für Gleichstellung angepasst werden. Das generische Maskulinum kommt für uns nicht infrage, da es Frauen und Menschen ohne klare Geschlechtszugehörigkeit ausschließt. Wir wollen bei edit. keine Diskriminierung, sondern eine gendergerechte Sprache. Dadurch schaffen wir Bewusstsein für alle Geschlechter und mehr Gleichberechtigung.

Gendern doch nicht so toll?

Ein stichhaltiges Argument gegen das Gendern gibt es aber: Das generische Maskulinum sei gar nicht diskriminierend. Das klingt im ersten Moment wie ein Widerspruch. Denn bei der Verwendung des generischen Maskulinums, also der rein männlichen Form eines Wortes, werden andere Geschlechter außer dem männlichen nicht genannt. Die Verwendung der rein männlichen Form führt fast ausschließlich zur Assoziation von Männern, sagen die einen. Nele Pollatschek dagegen sagt: Gendern sei diskriminierend. Weswegen sie nur noch das generische Maskulinum verwendet. Ihre Berufsbezeichnung ist dementsprechend Autor und nicht Autorin.

Für Nele Pollatschek bedeutet Gendern eine reine Reduzierung auf das Geschlecht. Deshalb empfindet sie gendergerechte Sprache als sexistisch. Da unterschiedliche Wortformen verwendet werden, würden Männer und Frauen somit auch unterschiedlich behandelt. Gendern sei außerdem diskriminierend, weil die Information über das Geschlecht einer Person als Information so wichtig sei, dass es immer dazu gesagt werden müsse. Andere Identitätskategorien, wie Religion oder ethnischer Hintergrund, würden nur erwähnt, wenn sie auch relevant seien. Das Geschlecht werde so zur wichtigsten Identitätskategorie. Nele Pollatschek hat in England andere Erfahrungen mit sprachlicher Gleichbehandlung gemacht. Hier wird hauptsächlich das generische Maskulinum verwendet. Der Guardian verweist darauf, dass beispielsweise Berufe heutzutage allen Geschlechtern offen stünden und Berufsbezeichnungen deshalb nicht gegendert werden sollen. Sprachliche Gleichheit werde durch sprachliche Gleichbehandlung erreicht.

Das klingt nach einem interessanten Ansatz für gendergerechte Sprache. Aber ist das nicht ein bisschen sehr einfach? Sprachen, wie Italienisch oder Französisch, machen Geschlechter sprachlich sogar noch deutlicher sichtbar. Wenn sich ein Adjektiv auf eine weibliche Person bezieht, muss auch die Endung angeglichen werden. Sprachen lassen sich nicht einfach so miteinander vergleichen. Jede Sprache entwickelt sich anders. England geht einen anderen Weg als Deutschland zur sprachlichen Gleichberechtigung. Deutschlands Weg kann sein, die Unterschiede der Geschlechter sprachlich sichtbar zu machen, um auf sie hinzuweisen. Entweder bleibt dieses Sichtbarmachen oder es weicht schließlich dem generischen Maskulinum. Ich persönlich bin stolz auf mein Geschlecht und stehe dazu. Ich möchte als Frau wahrgenommen werden. Geschlechter sind nun mal unterschiedlich und mich stört es nicht, diese Unterschiede auch sprachlich sichtbar zu machen.

Schließlich gibt es noch die Idee, nur neutrale Bezeichnungen zu verwenden. Aus Student*innen wird dann Studierende. Somit wird das Geschlecht komplett herausgehalten. Diese Variante wird laut der Sprachhistorikerin Damaris Nübling von nicht-binären Menschen favorisiert.

Ohne Sprache keine Gesellschaft

Sprache ist das wichtigste Mittel für die Kommunikation. Für die gesellschaftliche Teilhabe und den Aufbau von sozialen Beziehungen ist Sprache essenziell. Über 90 Prozent unserer sprachlichen Kommunikation dient nicht dazu, Informationen zu übermitteln, sondern soziale Beziehungen zu pflegen.

Mitglieder einer Gesellschaft besitzen den gleichen Wort- und Erfahrungsschatz. Dadurch entsteht Zusammenhalt und Identifikation. Genau deshalb umgeben wir uns auch mit Menschen, die ähnlich wie wir sprechen. Sprache kann auch unseren Platz in der Gesellschaft beeinflussen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Debatte um gendergerechte Sprache so emotional aufgeladen ist. Bei Sprache geht es auch um Identifikation, die etwas mit der Persönlichkeit zu tun hat. Wer also seinen Sprachgebrauch verändert, verändert auch einen kleinen Teil seiner Persönlichkeit. Das könnte Menschen vor solchen Veränderungen abschrecken.

Der Ton macht´s

Friedrich Merz hat in seinem Tweet seine Meinung geäußert. Daran ist nichts verkehrt. Wir leben in einer Demokratie mit Meinungsfreiheit. Diskussionen und öffentlicher Diskurs sind wichtig und gehören dazu. Es kommt nur darauf an, wie man seine Meinung verpackt. Eine Diskussion sollte immer sachlich und auf Fakten basiert sein. Äußerungen, die nur auf eine Provokation abzielen, bringen in einer öffentlichen Debatte keinen Mehrwert, gerade wenn die Fronten schon so verhärtet sind.

Apropos verhärtete Fronten: Es gibt keinen Zwang zum Gendern. Wer nicht gendern will, der muss es auch nicht tun. Bevor man aber den Entschluss fasst, sollte man die Argumente kennen, die für gendergerechte Sprache sprechen. Beides hat Vor- und Nachteile, die man für sich abwägen muss. Man kann das Gendern für sich auch einfach mal zwei Wochen ausprobieren. Wenn es sich dann immer noch falsch anhört und umständlich ist, kann man es für sich lassen. Aber es ist nicht richtig, es abzulehnen, ohne sich mit der Thematik auseinandergesetzt zu haben.

Wer nicht gendern möchte, sollte trotzdem respektieren und verstehen, warum es gendergerechte Sprache gibt. Andersherum dürfen Menschen nicht verurteilt werden, die nicht gendern möchten. Beides sollte respektiert werden. Sprache ist nun mal eine persönliche Sache.