Die StuggiBiker teilen ihr Hobby Motorradfahren. | Bild: Franziska Schmock

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Freiheit auf zwei Rädern

Die StuggiBiker teilen ihr Hobby Motorradfahren. | Bild: Franziska Schmock

02 Jul 2019

Motorradfahren hat Suchtpotenzial und für die StuggiBiker ist es ein Highlight, wenn sie im Frühling die Maschinen aus der Garage holen. Doch das Hobby kann Menschenleben kosten.

Ein Sturm zieht auf. Wind fegt durch die Gassen in Bad Cannstatt und erste Regentropfen prasseln vom Himmel herab. Kein gutes Wetter zum Motorradfahren. Doch das ist heute Abend nicht wichtig, es geht ums Zusammensein. Im Wirtshaus zur alten Schmiede finden sich die Motorradbegeisterten zum Stammtisch zusammen. Doch ihr Hobby ist ein Gefährliches und sie haben auch die Schattenseiten kennengelernt. 

Zusammenhalt, Vertrauen, Freiheitsgefühl – Das verbinden die StuggiBiker mit ihrer Gruppe und dem Motorradfahren. Entstanden ist der Stammtisch im Jahr 2016, als Gründer Peter Raiber den Entschluss fasste, in Zukunft nicht mehr allein auf Touren unterwegs zu sein. Er startete einen Aufruf und schnell stellte sich heraus, dass er nicht der Einzige war, der sich nach Mitfahrern sehnte: Startschuss für die StuggiBiker. Jeden Monat treffen sie sich in Bad Cannstatt und tauschen sich über ihre Leidenschaft aus. Man schwelgt in Erinnerungen an vergangene Trips und plant die nächsten Touren.

Peter Raiber – Gründer der StuggiBiker. | Bild: Franziska Schmock

Ein Urlaub ohne „Moped“, wie sie die Maschinen liebevoll nennen, sei unvorstellbar. Sie fahren Motorrad, weil sie dabei ein ganz besonderes Freiheitsgefühl erleben. Einfach mal rauskommen – darum geht es. Die Persönlichkeiten in der Gruppe sind grundverschieden, die Einstellungen und Philosophien dennoch gleich. Dazu gehören auch die Fahrstile. Sie müssen in einer solchen Gruppe zueinander passen, sonst könne es gefährlich werden, sagt Peter. Wenn Gefahren nicht richtig eingeschätzt werden oder die Motorradfahrer risikobereit unterwegs sind, könne das die ganze Gruppe aus dem Gleichgewicht bringen. Das verursacht Unfälle. 

Ein Hobby mit Schattenseiten

Auf dem Motorrad ist man ungeschützt: Die vom Auto bekannte Knautschzone fehlt und von anderen Verkehrsteilnehmern wird man schnell übersehen. Das Kraftfahrt Bundesamt meldete im Jahr 2018 etwa zehnmal so viele PKW wie Krafträder auf Deutschlands Straßen. Dennoch ist die Anzahl der Todesfälle laut Statistischem Bundesamt bei Insassen von PKW nur etwas mehr als doppelt so hoch. Auffällig ist auch die Entwicklung der Todeszahlen in den vergangenen Jahren: Während immer weniger Menschen in PKW auf der Straße ums Leben kommen, stiegen die Todesfälle von Motorradfahrern seit 2016 konstant an. Allein im letzten Jahr um neun Prozent.

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Anzahl Getöteter bei Verkehrsunfällen nach Art der Verkehrsbeteiligung. | Bild: Franziska Schmock

Laut einer Statistik des Landes verunglücken durchschnittlich 13 Motorradfahrer täglich auf den Straßen Baden-Württembergs. Auch Peter Raiber hat die Gefahren seines Hobbys schon am eigenen Leib gespürt. Kurz nachdem er seinen Führerschein in den Händen hielt, folgte ein Unfall. Es sei der jugendliche Leichtsinn gewesen, der ihn aus der Kurve trug. Er ließ das Motorrad erst mal stehen, erzählt er. Einige Zeit später der Albtraum: Beim Linksabbiegen mit dem Auto übersieht er einen heranfahrenden Motorradfahrer. Dieser stirbt nach dem Zusammenprall an seinen Verletzungen. Für einen Moment ändert sich die Stimmung am Stammtisch, das Lachen und die Gespräche verstummen. Man nimmt die Gefahren, die das Hobby mit sich bringt, nicht auf die leichte Schulter. „Ich war aufmerksam, aber habe den Motorradfahrer einfach nicht kommen sehen“, erklärt Peter. Sein Job als Polizist half ihm bei der Verarbeitung der Ereignisse, meint er: „Ich habe durch die Arbeit ein dickes Fell bekommen.“ Trotz allem stieg er 2011 wieder aufs Motorrad. Die positiven Erinnerungen überwiegen für ihn klar, seine Leidenschaft ist riesig. Für ihn ist Motorradfahren mehr als ein Hobby: „Es ist eine Sucht.“

In der Gruppe ist noch nie etwas Schlimmes passiert, sie fahren unfallfrei, worüber alle sehr froh sind. Peter ist sich aber sicher, dass die StuggiBiker auch im Ernstfall zusammenhalten. „Ich könnte auch darüber sprechen und bei der Verarbeitung unterstützen“, erklärt er. Der Polizist sieht sich als Vermittler und ist überzeugt davon, dass sie so etwas überstehen würden.  

Touren schweißen zusammen

Am Tisch wird gelacht und man spürt die Begeisterung rund ums Thema Motorrad. Aber es geht auch um Privates. Nicht nur Freundschaften, sondern auch Partnerschaften enstehen durch die Gruppe. Wie bei Peter und seiner Frau: Die beiden haben sich über die StuggiBiker kennengelernt und erst vor Kurzem geheiratet. „Durch die Touren wächst man noch enger zusammen. Man teilt Interessen und lernt neue Möglichkeiten der Freizeitgestaltung kennen, auch abseits vom Thema Moped“, erklärt Peter. Seit er seine Frau kennt, lässt er sich zum Beispiel sehr für Opern begeistern. Etwas, mit dem er vorher nichts anfangen konnte.

„Am schönsten sind die Touren durch die Pyrenäen.“ – Harry Hild

„So, jetzt gebe ich auch Mal meinen Senf dazu“, erklärt Harry Hild und stellt passend dazu einen Tiegel Senf auf den Tisch, der von seinem Essen übriggeblieben ist. Harry ist schon seit der Gründung im Februar 2016 Teil der StuggiBiker und verbindet viele Erinnerungen mit der Gruppe. Die Runde schmunzelt, Spaß stehe immer im Vordergrund, auch wenn es darum geht, die nächsten Touren zu planen. Wichtig seien dabei vor allem Kurven und Berge. „Am schönsten ist es in den Pyrenäen“, sagt Harry. Aber auch in der Umgebung sind die Biker gerne unterwegs, zum Beispiel im Schwarzwald oder im Schurwald. „Dort gibt es auch schöne Straßen, aber oft ist es entweder zu heiß oder es regnet“, erklärt Peter.

Eine zweite Familie

Touren machen Spaß, da sind sich alle einig. „Die Mühe, die man sich bei der Planung macht, führt immer zu einem tollen Ziel“, sagt Peter. Motorradfahren kann zusammenschweißen. Das zeigen die StuggiBiker. Aber es kann auch Menschenleben kosten und enge Bindungen auseinanderreißen, wenn jemand einen geliebten Menschen verliert. Dennoch ist sich Peter sicher: „Die Gruppe ist wie eine zweite Familie.“

Gemütlich sitzen die StuggiBiker beim Stammtisch zusammen. | Bild: StuggiBiker