Collins Boateng | Bild: Collins Boateng

Interviews Das Leben als Freiberufler
Der „Hustle“ eines Freelancers

Collins Boateng | Bild: Collins Boateng

12 Jul 2018

Collins Boateng. Der gebürtige Stuttgarter ist Hip-Hop-Enthusiast der frühen Stunde. Nach seinem Studium an der Hochschule der Medien machte er seine Leidenschaft zum Beruf und trat mit seiner damaligen Rapformation Who That unteranderem als Vorband vor Rap-Legende Kendrick Lamar auf. Mittlerweile ist er 33 und hat seinen ersten richtigen Job als Technischer Mitarbeiter an der Hochschule der Medien. Er erzählt von vergangenen Tagen als aufstrebender Hip-Hop-Produzent und dem „Hustle“ eines Freelancers.

 Deine damalige Rapformation Who That was ist aus euch geworden?

Wir sind jetzt alle alte Säcke und Väter und haben es nun mal nicht geschafft, in dieser Formation durchzustarten. Man muss natürlich auch dazu sagen, es war englischsprachiger Rap aus Deutschland und Deutschland ist da einfach noch nicht ready für. Also, dass englischsprachiger Hip Hop aus Deutschland ernst genommen wird, das dauert noch.

Würdest du sagen, dass ihr zu früh dran wart mit eurer Musik?

Da bin ich mir sicher. Um einen Hit zu landen, muss man ja immer mit dem richtigen Song zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Wir waren mit unserem Sound definitiv am falschen Ort. Ob auch noch die Zeit falsch war? Vielleicht. Wenn man Deutschland mit anderen Länder vergleicht, ist Deutschland, was Hip Hop angeht, immer noch ein bisschen weiter hinten. Da sind die Franzosen und Engländer weiter. Ich behaupte sogar, dass die Schweden und Norweger fortgeschrittener sind. In diesen Ländern gibt es seit vier bis fünf Jahren Künstler, die auf Englisch rappen und ernst genommen werden. Obwohl Rap gerade so präsent ist wie noch nie, ist es in Deutschland trotzdem noch eine Nische, die gesellschaftliche Anerkennung sucht. In Amerika ist das ja nochmal etwas ganz Anderes. Wenn du da als 40-Jähriger mit einer Baggy rum rennst, sagt jeder: „Ja okay, easy!“ und hier heißt es dann: „Was geht, bist auch so ein Jo-Jo-Rapper-Typ?“

Aber du verfolgst deine Leidenschaft, neben deinem Job an der Hochschule der Medien, immer noch?

Genau, nebenberuflich dreh ich Musikvideos. In erster Linie im Genre Hip Hop. Natürlich auch paar „Industriesachen“, aber eigentlich ist schon diese Hip-Hop-Videos-Geschichte der leidenschaftliche Teil von dem Ganzen.

Wie bist du dazu gekommen?

Dazu gekommen bin ich über die Musik. Ich habe jahrelang Musik gemacht, mehr oder weniger erfolgreich. Dann habe ich gemerkt, Musikvideos finde ich auch spannend und da ist die Wertschöpfungskette des Geldes doch bisschen klarer definiert. Deswegen dachte ich mir: „Ja komm, das macht auch irgendwie Spaß und hat auch ein bisschen was mit Musik zu tun. Fangen wir doch mal an, da ein bisschen was zu machen“. Angefangen hat es dann eigentlich damit, dass ich und meine damalige Rapformation Who That selber Musikvideos gedreht haben. Daraus ist dann ein mehr oder weniger richtiges Business entstanden. Da man immer mehr Videos für sich selber gedreht hat, sind dann natürlich auch andere Leute auf uns aufmerksam geworden. Also habe ich mir ein kleines Freelancer-Team zusammengestellt, mit dem ich jetzt seit knapp zwei, zweieinhalb Jahren Musikvideos drehe.

Wieso konzentrierest du dich auf die Musikvideos und versuchst nicht, dir etwas als Produzent aufzubauen?

Das habe ich lang versucht und ich mache immer noch Mucke, so ist es nicht. Aber du musst Geld verdienen! Es geht nicht anders! Du kannst nicht den ganzen Tag daheim rumhängen und sagen: „Ja geil, mir macht das Spaß!“, und hast am Ende des Tages irgendein Beat gemacht. Den kriegst du dann nicht wirklich platziert, also nichts erreicht. Deswegen ist es tatsächlich auch das Geld, das da so ein bisschen der Antrieb ist. Du kannst als Producer zwar okay Geld verdienen, es ist jetzt aber auch nicht so, dass ich mir damit eine Existenz aufbauen kann.

Die Möglichkeit bestand nie?

Also natürlich, es gab mehrere Momente, wo ich dann dachte: „Okay krass, wenn ich jetzt so weitermache, könnte was gehen“. Aber das sieht nur von außen so nice aus, dieser Producer Lifestyle. Das ist schon ein Hustle, man muss das schon mögen. Es ist einfach nicht so, dass du jetzt ein Portfolio von 20 Künstler hast, mit allen bist du cool, alle kommen zu dir und sagen: „Ja komm, wir machen eine coole Session.“ So läuft das nicht. Du machst zehn Beats, wenn du Glück hast, werden drei gepicked, von den dreien geht dann vielleicht einer halbwegs steil. Was heißt steil gehen? Er kriegt die Chartplatzierung 20 oder so. Da ist kein Cash drin. Keiner gibt dir sofort Geld für deinen Beat. Du musst hoffen, dass der Song steil geht, und dann kannst du vielleicht, wenn du genügend Prozent von den Tantiemen bekommen hast, damit Geld machen. Deswegen, schwierig…

Schon mal überlegt, sich selbst vor das Mikro zustellen?

Ja, immer mal wieder, aber ich bin jetzt 33. Mit 33 fängt man nicht einfach so an zu rappen. Klar, es gibt natürlich Künstler, die jetzt auch schon über 40 sind, aber dann rappen die schon seit 15, 20 Jahren. Da habe ich dann doch noch andere Optionen.

Auch nicht als du jünger warst?

Mit 18, 19, 20 hatte ich schon immer wieder den Gedanken: „Ja komm, jetzt rapst du mal selber.“ Aber da war ich bereits zu arg in diesem Producer-Ding drin, so dass ich mir erstmal Rap-Skills erarbeiten musste. Ich hatte also nicht wirklich die Zeit selber zu rappen.

Hast du als Freelancer jemals einen Moment gehabt, in dem du dir dachtest: „Okay, jetzt sieht es richtig schlecht aus“?

Ja natürlich, Diggi! Also, das gehört auch dazu. Wenn du nur für dich verantwortlich bist, ist das auch egal. Du hast deine Pfandflaschen und du weißt: „Okay, damit komm ich jetzt die Wochen noch rüber.“

War es schon so schlimm?

Ja klar, schlimmer! Ich meine, das ist der „Freelancer-Hustle“. Du machst das erste Jahr, schreibst deine Rechnungen, und plötzlich verdienst du in einem Jahr mehr als 16.000 Euro. Also fängst du an, Umsatzsteuer abzuführen, und kriegst fett Geld. Natürlich gibst du die Kohle aus, und auf einmal heißt es: Steuernachzahlung von… Auf jeden Fall genügend. Dann denkst du dir: Fuck Alter, woher kriege ich jetzt fünf Riesen her, weil du halt die Steuern ausgegeben hast. Aber das gehört dazu. Also, ich kenne keinen, der in diesem Game unterwegs ist, dem das nicht passiert ist. Das passiert dir einmal und nie wieder.

Und wie bist du aus diesen Situationen wieder herausgekommen?

Ja, du musst halt cool bleiben. Das hört sich zwar immer so ekelig und dumm an, aber du musst einfach cool bleiben! Klar, man hat Freunde, zu denen man dann geht und sich Geld pumpt. Aber dann musst du dich halt raffen. Dann gehst du halt ein paar Wochenenden nicht mehr feiern und lässt 100 Euro liegen. Guckst halt dann, dass du abends um zwei Uhr keine Pizza bestellst, sondern kochst einfach gescheit und dann kannst du schon ein bisschen Kohle zusammenhalten.

Im Grunde genommen erwachsen werden?

Genau, genau. Bisschen strukturierter sein, einen Plan haben, was mit der Kohle passiert, und dann geht das. Aber man brauchst auch manchmal solche Momente, damit man weiß wie man damit umzugehen hat.