Egal ob in Nachrichten, Bildern oder Videos: Fehlinformationen können überall auftreten. (Symbolbild) | Bild: Cordula Friz

Data Faktencheck
Entfremdung zwischen Publikum und Journalismus

Egal ob in Nachrichten, Bildern oder Videos: Fehlinformationen können überall auftreten. (Symbolbild) | Bild: Cordula Friz

20 May 2019

Immer häufiger hört man Begriffe wie „Fake-News“, „Desinformation“ oder „Lügenpresse“ fallen. Neben Ereignissen wie dem Fall Claas Relotius oder der Wahl Donald Trumps zum US-amerikanischen Präsidenten sorgen die Begriffe für eine lebhafte Debatte. Doch kam es bereits zu einer Entfremdung zwischen Publikum und Journalismus?

Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger Matthias Döpfner warnt die Medienbranche vor dem Verlust der Glaubwürdigkeit. Anfang des Jahres teilte er der Deutschen Presse-Agentur in einem Interview mit: „Es ist zu einer tiefen Entfremdung zwischen Leserinnen und Lesern und den journalistischen Angeboten gekommen." Nachfolgend soll untersucht werden, ob Döpfner mit seiner Aussage Recht behält.

Vertrauen in Presse und Rundfunk

Je nach Medienart variieren die Vertrauenswerte. Rundfunkkritiker sehen oftmals das Weltbild der Öffentlich-Rechtlichen als einseitig an. Ebenfalls ist der Rundfunkbeitrag häufig in der Kritik. Die Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen, welche unter anderem von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz gefördert wird, untersucht seit zehn Jahren das Medienvertrauen in der Bevölkerung und dessen Entwicklung. Die neusten Ergebnisse wurden im März 2019 veröffentlicht.

Laut der Mainzer Studie sind die Vertrauenswerte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zwar leicht gesunken (2018: 65 Prozent, 2017: 72 Prozent, 2016: 69 Prozent), dennoch liegt der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch immer an der Spitze verschiedener Mediengattungen, gefolgt von Regionalzeitungen (63 Prozent). Das Fernsehen ist und bleibt somit weiterhin eine wichtige Nachrichtenquelle für das Publikum.

Auch der neuste Digital News Report, welcher von dem in Oxford ansässigen Reuters-Institut für Journalismusforschung in Auftrag gegeben wird, bestätigt, dass die höchsten Vertrauenswerte auf die Hauptnachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme und auf regionale Tageszeitungen fallen. Das Projekt verfolgt seit 2012 die Nutzung von Nachrichten in verschiedenen Ländern. Dabei wurde Anfang 2018 eine zeitgleiche Online-Befragung in 36 Ländern realisiert.

Die ländervergleichenden Ergebnisse können im Reuters Institute Digital News Report 2018 eingesehen werden. Klicke hier, um zur deutschen Teilstudie des Reports zu gelangen.

Vertrauen in Online-Nachrichten

Diskussionen über die Datenskandale von Facebook und Fake News im Internet sind laut der Mainzer Studie dafür verantwortlich, dass viele Menschen immer misstrauischer gegenüber Online-Nachrichten werden. Nur 21 Prozent der Befragten vertrauen den Nachrichten auf Seiten von Suchmaschinen, und lediglich vier Prozent vertrauen den Nachrichten in sozialen Netzwerken. Zudem stieg der Anteil derjenigen, die die Nachrichten in sozialen Medien generell für nicht vertrauenswürdig halten, innerhalb eines Jahres von 42 auf 51 Prozent. Die Daten der Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen basieren auf Umfragen im Oktober/November 2018 und wurden damit vor dem Fall Claas Relotius erhoben. Über die Effekte des Falles wird erst die nächste Studie aus Mainz Auskunft geben.

Laut Digital News Report 2018 sind 37 Prozent der Deutschen über „Fake-News“ im Internet besorgt. Das bezieht sich hauptsächlich auf Berichte, in denen Tatsachen verdreht oder verfälscht werden (90 Prozent) sowie auf schlechte journalistische Leistungen, wie sachliche Fehler, starke Vereinfachung, oder irreführende Überschriften (89 Prozent). Die meisten Deutschen Internetnutzer sehen laut der Deutschen Teilstudie basierend auf dem Digital News Report 2018 Medienunternehmen bzw. Journalisten in der Verantwortung (72 Prozent), Maßnahmen zur Reduzierung von Fehlinformationen in den Medien zu ergreifen. Die wenigsten Onliner in Deutschland sehen die Regierung in der Verantwortung.

Durch neue Technologien können Informationen schnell und gezielt verbreitet werden. Doch was unternimmt die EU gegen Desinformationen? Finde es in diesem Blogpost heraus.

Medienvertrauen und Entfremdung

Laut der Mainzer Langzeitstudie für Medienvertrauen stimmten 27 Prozent der Aussage „Die Medien haben den Kontakt zu Menschen wie mir verloren“ zu. Im Jahr zuvor stimmten nur 18 Prozent dieser Aussage zu. Auch der Aussage, dass die Medien die gesellschaftlichen Zustände ganz anders darstellen, als man es in seinem eigenen Umfeld wahrnehme, ist nach der Mainzer Studie von 36 auf 43 Prozent gestiegen. Hier lässt sich eine Spaltung zwischen Publikum und journalistischen Inhalten erkennen. Des Weiteren haben die Auswertungen der Mainzer Langzeitstudie mitunter gezeigt, dass es vor allem in Online-Medien zu einer Entfremdung zwischen Publikum und Journalismus gekommen ist.

Dennoch gaben 44 Prozent der Befragten an, Medien in wichtigen Fragen zu vertrauen, welcher der höchste gemessene Wert der Studienreihe ist. Im Jahr 2017 waren es noch 42 Prozent. Zudem zeigt sich nach der deutschen Teilstudie des neusten Digital News Reports seit 2012 in Deutschland, trotz der Umbrüche im Nachrichtensektor, wie auch in den (welt-) politischen Kontexten, keine dramatischen Änderungen in der Nachrichtennutzung. Indikatoren, wie das Interesse an Nachrichten, die Häufigkeit der Nachrichtennutzung, und die bevorzugten Nachrichtenquellen erweisen sich als recht stabil. Des Weiteren ist laut dem Report in allen Ländern das durchschnittliche Vertrauen in die Nachrichten im Allgemeinen mit ebenfalls 44% relativ stabil.

Matthias Döpfner spricht von einer „tiefen Entfremdung“ zwischen Publikum und journalistischen Angeboten. Die Studien zeigen zwar Rückgänge im Medienvertrauen (Online, Presse und Rundfunk) auf, jedoch sind keine großen Abnahmen und Veränderungen im Nutzungsverhalten zu erkennen, um von einer tiefen Entfremdung zu sprechen. Somit kann die Aussage Döpfners, dass es zu einer tiefen Entfremdung zwischen Lesern und journalistischen Angeboten gekommen ist, als falsch bewertet werden.