Symbolbild | Bild: Annika Langenau

Reportagen Verstehen, dass man träumt
Klar

Symbolbild | Bild: Annika Langenau

20 Sep 2018

Wundervolle, faszinierende, ja sogar unmögliche Dinge passieren in unseren Träumen. Was würde passieren, nein, was wäre möglich, wenn Menschen während eines Traums verstehen, dass sie gerade träumen? Ein Selbstversuch zum Klarträumen. 

Ich wandere umher. Ziellos und leichtfüßig, als ob es nicht meine eigenen Beine sind, die mich tragen. Immer schneller werdend rausche ich vorbei an den kräftigsten Farben, die ich jemals gesehen habe. Tiefstes Lila zerfließt in helles Orange und endet in einem weißen, fast schon gleißenden Licht. Immer begleitet von der wohl schönsten Musik, die ich je gehört habe. Die Instrumente sind mehr wie Stimmen, doch sie sind nicht klar, eher weich und verschwommen – beinahe wie Wellen, die an meinem Ohr vorbeirauschen. Ich strecke meine Arme aus und fange an zu steigen. Ich fliege.   

Ich zählte schon immer zu den Kindern, die morgens am Frühstückstisch ganz begeistert den Eltern von den Träumen in der Nacht berichteten. Egal, ob von Monstern verfolgt oder wie in der Serie Heidi hoch oben auf einer Schaukel in den Wolken hängend. Ich war schon immer fasziniert von all den kleinen Geschichten, die sich nachts in meinem Kopf abspielten. Dass es wirklich eine Möglichkeit gibt, diese Geschichten selbst zu steuern, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können.   

Dass diese Möglichkeit nicht nur die wilde Phantasie aus einem Traum ist, bewies der amerikanische Psychologe Stephen LaBerge im Jahr 1980. Ihm war es gelungen, im wissenschaftlichen Rahmen seiner Doktorarbeit nachzuweisen, dass es sich bei Klarträumen um ein reales Phänomen handelt. Der Kern des Experiments bestand aus der Beobachtung seiner Augenbewegung während des Schlafs. LaBerge war immer wieder in der Lage, zuvor ausgemachte, unverwechselbare Signale durch bewusstes Hin- und Herbewegen seiner Augäpfel in der tiefsten Phase seines Schlafs wiederzugeben.  

Warum ich das Klarträumen lernen will? Ganz einfach, Entertainment. In einem Traum kann man alles tun, alles erreichen, was man jemals wollte. Nicht die Regeln der Physik, nicht die Vorgaben des gesellschaftlichen und sozialen Umfelds, allein die Grenzen deiner Vorstellungskraft setzen das Limit. Geht man nach Erfahrungsberichten der unzähligen Klarträumer auf der ganzen Welt, ist ein luzider Traum das intensivste und berauschendste Erlebnis, das man sich nur vorstellen kann. Lebhafter als alles, was man im wachen Zustand je erleben kann.  

Laut LaBerge besteht das Ziel des Klarträumens nicht darin, den Bezug zur Realität zu verlieren. Vielmehr soll diese Fähigkeit zu einem stärkeren Bewusstsein führen. Nicht nur im Traum, auch im alltäglichen Leben. Wir verbringen bis zur Hälfte unseres Lebens im Schlaf. Lernt man, auch diese Zeit aktiv zu nutzen, so LaBerge, kann man nicht nur seine Lebenszeit verdoppeln, sondern auch seinen wachen Zustand bereichern. Selbst Buddhisten erkannten schon früh das Potential von Träumen. So erklärt der tibetanische Mönch Tarthang Tulku: „Unsere Träume sind ein Lagerplatz voll von Wissen und Erfahrungen. Wenn wir unsere Traumphasen gut genug nutzen, dann bereichern wir nicht nur unseren Schlaf, sondern auch unser Leben.“ 

Während LaBerge das Thema aus wissenschaftlicher Sicht untersuchte, brachte der Forscher Mark Van der Keere ein Handbuch heraus, wie man das luzide Träumen erlernen kann. Eher aus spiritueller Sicht entwickelte er drei Schritte, die sich leicht in den Alltag einbauen lassen. Das Wichtigste, wie fast überall, ist die Vorbereitung. Genauer gesagt, die mentale Vorbereitung. Laut Van der Keere muss man zunächst verstehen, wie der eigene Glaube, die eigene Vorstellungskraft funktioniert. Dazu muss man sich zwei essentielle Fragen stellen.  

Kannst du das tun?

Man muss positiv gestimmt sein, man darf keinerlei Zweifel haben. Man muss die Tatsache akzeptieren, dass luzides Träumen kein seltenes Phänomen, sondern eine natürlich gegebene Gabe ist. Diese Erkenntnis erlangte ich bereits zu Beginn meines Experiments.  

Irgendwo in Stuttgart, glaube ich zumindest. Alles ist verschwommen, aber ich meine, verschiedene Straßen und Gebäude zu erkennen. Es ist dunkel, still. Aus irgendeinem Grund fange ich an, auf den Gehweg zu kriechen. Ich fühle mich seltsam, kann es kaum erklären. Dann fange ich an mich zu wundern: Warum kann ich nicht gehen? Können andere Leute hier gehen? Dann sehe ich einen Mann, mehr eine Silhouette, er läuft aufrecht unter einer Straßenlampe. Mein Gefühlszustand ändert sich schlagartig von Verwunderung zu purer Angst. Ich denke: So herumzukriechen ist zwar interessant, aber nicht sicher. Mein nächster Gedanke: Ich mache das nie, ich laufe sonst immer aufrecht durch die Straßen, das ist nicht real – und in diesem Moment der kurzen Klarheit wache ich auf. Mein Herz schlägt, ich kann es kaum beruhigen.  

LaBerge weißt immer wieder in seinen Studien darauf hin, dass man, allein durch das Beschäftigen mit dem Thema, klare Träume haben kann. Das Schwierige ist, nach dem Erkennen ruhig zu bleiben, da einen sonst das Adrenalin aus dem Schlaf reißt.  

Was willst du tun?

Was würdest du in deinem Traum tun, wenn dir alle Möglichkeiten offenstehen? Laut Van der Keere braucht man einen genauen Plan, was man in seinem ersten klaren Moment tun möchte. Kann man sich seinen Wunschtraum immer wieder genau vor Augen führen, entwickelt das Unterbewusstsein ein Verlangen nach diesem Traum. Dieses Verlangen wird dem Kopf im Schlaf helfen, sich an das Vorhaben zu erinnern. Mein Vorhaben war von Vornherein klar: Ich will fliegen.  

Der zweite und wichtigste Punkt, um klar zu träumen, ist das Erinnern. Warum? Zunächst einmal wüsste man nicht, dass man einen Klartraum hatte, wenn man sich nicht an ihn erinnern kann. Außerdem muss man merken, dass man träumt, während man träumt. Das heißt man muss verstehen, wie die eigenen Träume funktionieren, muss sich mit ihnen vertraut machen. Während meiner Anfangsphase des luziden Träumens kam mir ein Traum immer wieder ins Gedächtnis.  

Ich sitze in meinem alten Kinderzimmer auf meinem Hochbett. Normalerweise leuchten Klebesterne als Nachtlichter über meinem Bett, diese Nacht ist alles dunkel. Ich spüre pure Angst und weiß nicht genau woher. Ich lehne mich über den Rand meines Bettes und sehe hinunter. Überall auf dem Boden reiht sich ein blutrotes Augenpaar an das nächste. Schreckliche Geräusche, wie die von wilden Tieren, werden immer lauter und ächzender. Ich beuge mich panisch und mit Schweiß überströmt rüber zu Tür und will um Hilfe schreien, doch ich bin stumm.  

Später erinnere ich mich, diesen Traum als Kind regelmäßig gehabt zu haben. Ich hatte ihn nur vergessen. 

Hört man auf Van der Keere, ist der beste Trick, um sich vermehrt an Träume zu erinnern, so simpel wie er klingt: Ein Traumtagebuch. Jedes Mal, wenn man aufwacht, notiert man sich alles, an das man sich erinnern kann: Emotionen, Details, Orte, Bewegungen. Auch Zeichnungen sind hilfreich. Wichtig ist, sich noch vor dem Bewegen, noch vor den ersten Gedanken an den Tag, an den Traum zu erinnern, denn mit jeder Sekunde des wachen Zustands verschwindet mehr davon.  

Es fiel mir am Anfang extrem schwer, mich direkt nach dem Aufwachen an meine Träume zu erinnern. Ich bin der Typ Mensch, der direkt nach dem Aufwachen den ganzen Tag durchdenkt und sich eine innere Liste schreibt, was alles getan werden muss. Schließlich fand ich eine Methode, mit deren Hilfe ich schnell die ersten Erfolge verbuchen konnte, auch wenn sie mich meinen Schlaf kostete: Die Wecker-Methode. Man stellt sich den Wecker zwei Stunden bevor man normalerweise aufsteht und lässt sich danach alle dreißig Minuten wecken. Diese Methode basiert auf zwei Fakten: Zum einen träumt man lediglich während den letzten Stunden seiner Schlafphase, der sogenannten REM (Rapid Eye Movement) – Phase. Zum anderen kann man sich am besten an die Träume erinnern, aus denen man direkt aufwacht. Es dauerte eine Weile, bis ich mich als klassischer Morgenmuffel an den Rhythmus der Wecker-Methode gewöhnte, aber die ersten Erfolge zu sehen war Motivation genug.  

Hat man sich mental auf die Reise vorbereitet und kann sich mit Hilfe des Traumtagebuchs regelmäßig an Träume erinnern, folgt der letzte Schritt. Man muss sich mit seinen eigenen Träumen vertraut machen. Träume sind so individuell wie du. Sie entstehen aus deiner Persönlichkeit, deinen Erfahrungen, deinen Eindrücken. Aus diesem Grund lassen sich bei jedem Menschen individuelle Zeichen finden, die dir sagen, dass du gerade träumst – deine Traumzeichen. Um einen klaren Moment im Traum zu erlangen musst du lernen, deine persönlichen Zeichen zu erkennen. Diese verändern sich ständig mit dir und können von Objekten über Emotionen bis hin zu bestimmten Szenarien reichen.  

Ich laufe herum, nein, ich renne. Ich verspüre pure Panik, als ich mich durch eine verwinkelte, alte Stadt winde, die fast an das alte Rom erinnert. Ich höre Schritte, hinter mir, sie kommen näher und näher. Panisch versuche ich ihnen zu entkommen. Plötzlich erinnere ich mich: Dieser Gang! Dieser kleine Gang mit zwei Rosenstöcken rechts am Eingang, in denen sich ein zerfetztes, weißes Tuch verheddert hat, hier habe ich mich schon einmal versteckt! Ich renne durch den Gang und finde eine kleine Tür am Boden, die mir für den Moment Schutz bietet. Doch sicher bin ich hier noch lange nicht. Wo geht es weiter?  

Bei meinem Versuch, mich an meine Träume zu erinnern, gerate ich immer wieder in dieses Szenario, in diese eine Stadt. Sobald mir das erste Mal ein Gang oder eine Tür bekannt vorkommt, habe ich einen klaren Moment: Ich hatte diesen Traum schon einmal. Obwohl ich es schaffe, im Traum zu bleiben und die bekannten Wege zu finden, so kann ich meinen Traum nicht insoweit steuern, dass die Gefahr vorübergeht. In den letzten Wochen meines Versuchs stellte ich fest, dass in dieser Zeit mein häufigstes Traumzeichen die Verfolgung war. Egal in welchem Szenario, sobald ich von irgendwas verfolgt wurde, war mir klar: Ich träume.  

Van der Keere beschäftigte sich auch mit dem Prinzip der Traumdeutung: „Man wird sehen, dass unser Wachzustand unsere Träume beeinflusst und dass unsere Träume uns Zeichen senden. Sie helfen uns zu verstehen, welchen Bereichen unseres Lebens wir mehr Aufmerksamkeit zu schenken haben.“ Wird man in Träumen regelmäßig verfolgt, ist das laut führenden Traumdeutern ein Zeichen von Stress und geistiger wie auch körperlicher Belastung. Zur Zeit dieser Klarträume war ich mitten in der Prüfungsphase.

Der Selbstversuch war für drei Monate angesetzt, mittlerweile dauert er schon ein halbes Jahr. Auch wenn ich noch weit davon entfernt bin, meine Träume zu steuern, geschweige denn meine eigene Psyche zu ergründen, so hat mich doch der schnelle Erfolg des Tests fasziniert. Die Gefühle, die man in einem klaren Moment im Traum hat, sind kaum zu beschreiben.   

Hört man auf Forscher wie Mark Van der Keere und Stephen LaBerge, so zeigen deren Ergebnisse, dass wir Träume nicht als kindische Phantasien unseres Gehirns abstempeln sollten. Auch wenn unsere Kultur dazu tendiert, Träume zu ignorieren, so sind sie doch genauso real wie unser „waches“ Leben. Wenn wir danach streben wollen, unser Leben zu verbessern, sollten wir ernsthaft darüber nachdenken, unsere Träume in unsere Anstrengungen zu integrieren.  

Ich fliege. Keine Worte könnten die Freude beschreiben, die ich in diesem Moment empfinde. Vorsichtig werde ich wieder auf dem Boden abgesetzt. Die Farben verschwinden nach und nach, die Musik verblasst langsam in meinem Ohr. Wer mich durch diese faszinierende Welt getragen hat? Ich weiß es nicht. Langsam komme ich wieder zu mir und mir wird klar, es war ein Traum. Die Euphorie hielt tagelang, die Erinnerung behalte ich für immer.