Die beiden Ehrenamtlichen haben sich erst heute kennengelernt. Jetzt arbeiten sie Seite an Seite. Sie brauchen keine vielen Worte. Ein kurzer Blick reicht, dann heben sie die Frau behutsam von der Trage – Oliver links, Ulrike rechts. Mit ruhigen und koordinierten Bewegungen setzen sie ihren Fahrgast in den Rollstuhl. Obwohl sie sich erst seit wenigen Stunden kennen, wirken die beiden Ehrenamtlichen wie ein eingespieltes Team. Sie sind verbunden durch eine gemeinsame Aufgabe.
Fünf Stunden zuvor... Es ist 8 Uhr morgens. Ulrike wirft einen prüfenden Blick durch die Glastür. Dann klopft sie zweimal schwungvoll mit der Faust gegen das Glas. Einige Sekunden später erscheint ein Mann im Türrahmen. Er hat graue Haare, einen dichten Bart und eine markante, schwarze Brille. Mit einem freundlichen Lächeln öffnet Oliver die Tür. Die beiden umarmen sich freundschaftlich, obwohl sie sich noch nie zuvor gesehen haben. Für Oliver Krawczyk und Ulrike Abel beginnt der Sonntag mit einem Blind Date. Die beiden Ehrenamtlichen des Wünschewagens sind heute zum ersten Mal gemeinsam im Einsatz. Nach einem kurzen Kennenlernen besprechen sie die Details der anstehenden Wunschfahrt. Ihr Ziel: eine Frau mit Lungentumor und Metastasen. Sie wünscht sich einen Ausflug in die Wilhelma, den Stuttgarter Zoo. Die Ehrenamtlichen ziehen ihre dunkelblaue Arbeitskleidung an, laden einen zweiten Rollstuhl ins Auto und überprüfen die Sauerstoffflasche. Dann kann es losgehen.
Was ist der Wünschewagen?
Der Wünschewagen ist ein Projekt des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB). Er erfüllt sterbenskranken Menschen einen letzten Herzenswunsch und bringt sie an ihre persönlichen Sehnsuchtsorte. Die Fahrten sind für die Fahrgäste und ihre Angehörigen kostenlos und werden durch Spenden sowie ehrenamtliches Engagement finanziert. Die Teams der Ehrenamtlichen bestehen aus geschulten Freiwilligen mit medizinischer oder pflegerischer Erfahrung. Das Fahrzeug selbst ist ein speziell konzipierter Krankentransportwagen mit notfallmedizinischer Ausstattung.
Oliver ist 57 Jahre alt und arbeitet als Vertriebsleiter für eine metallverarbeitende Firma. Seit acht Jahren fährt er ehrenamtlich für den Wünschewagen in Ludwigsburg. Er erzählt, dass er nach seiner ersten Wunschfahrt am liebsten direkt noch einmal gefahren wäre. Ulrike entdeckte vor drei Jahren ihre Liebe zum Wünschewagen. Die 68-Jährige ist seit 50 Jahren Krankenschwester. Als sie vorläufig in den Ruhestand ging, merkte sie schnell, dass ihr etwas fehlte. Jetzt arbeitet sie neben dem Ehrenamt wieder zweimal im Monat im Krankenhaus. Für beide ist der Wünschewagen zu einem Herzensprojekt geworden. Sie wollen Menschen am Lebensende helfen, indem sie ihre letzten Wünsche erfüllen. In Deutschland engagieren sich rund 40 Prozent der Menschen freiwillig. Die meisten von ihnen tun dies aus ähnlichen Gründen wie Oliver und Ulrike. Laut dem Freiwilligensurvey aus dem Jahr 2019 ist Spaß mit knapp 94 Prozent zwar der häufigste Grund für freiwilliges Engagement, doch auch altruistische Motive spielen eine große Rolle. Für ca. 89 Prozent ist es wichtig, anderen Menschen helfen zu können, und ca. 88 Prozent möchten etwas für das Gemeinwohl tun.
Mit Herz und Haltung
In der Empfangshalle des Seniorenheims warten Fahrgast Christine und ihre Freundin Käthe bereits auf die Wunscherfüller*innen. Oliver geht direkt auf Christine zu, die eine blaue Bommelmütze trägt. Er kniet sich neben ihren Rollstuhl, um ihr auf Augenhöhe zu begegnen. „Na, schon aufgeregt?“, fragt er mit einem leichten Lächeln. Dann erklärt er ihr ruhig den Ablauf der Fahrt. Auch nach acht Jahren ist Oliver vor jeder Fahrt noch angespannt. Jeder Fahrgast bringt ein anderes Krankheitsbild mit, jede Fahrt hat eigene Bedingungen. „Es ist wichtig, den Fahrgast erst einmal abzuholen, also ohne Trage hinzugehen und zwischenmenschlichen Kontakt aufzubauen“, erklärt der Ehrenamtliche. Als die Dame den Wünschewagen sieht, fragt sie mit hochgezogenen Augenbrauen: „Liegen da Brötchen auf meiner Trage?“ Ihre Betreuerin lacht. Bei den Brötchen handelt es sich um den Wünschewagen-Bär, ein kleines Kuscheltier, das noch in Plastik eingepackt ist. Dieses wird sie den ganzen Tag begleiten.
„Empathie ist wichtig, aber sobald es für den Fahrgast gefährlich wird, handelst du medizinisch. Dann bist du nicht mehr einfach Ulrike, sondern die Krankenschwester, die genau weiß, worauf sie achten muss.“ Die Ehrenamtliche hilft der Begleitperson Käthe auf ihren Sitzplatz. Sie selbst setzt sich auf den gegenüberliegenden Klappsitz. Viel Beinfreiheit bleibt nicht. „Wir kriegen das schon hin“, sagt Ulrike mit einem Augenzwinkern. Ihr hellbrauner Haarschopf und Käthes graue Mütze verschwinden hinter der sich schließenden Schiebetür. Während der Fahrt dringt durch ein kleines Fenster leises Geplauder in die Fahrerkabine nach vorne.
Das Echo des Gebens
Im Zoo angekommen, setzen die Ehrenamtlichen die Damen mit vorsichtigen, aber sicheren Handgriffen in die Rollstühle um. Die 61-jährige Christine und ihre 96-jährige Freundin Käthe lernten sich im Seniorenheim kennen. Es ist ein Ausnahmefall, dass nicht nur der Wünschewagen-Fahrgast, sondern auch die Begleitung auf die Hilfe der Ehrenamtlichen angewiesen ist. Mit einer blau-weißen Sternchendecke über dem Schoß und dem Wünschewagenbär in der Hand geht es für Christine zum ersten Stopp: den Flughunden. Die Tiere stehen ganz oben auf ihrer Liste. Im schwülen Insektarium beschlagen die Brillen, und in den dicken Winterjacken wird den vier schnell warm. Doch das spielt keine Rolle, denn oben an einem dünnen Zweig hängt ein kleines, braunes Knäuel.
Auch wenn das hügelige Zoogelände den Ehrenamtlichen beim Schieben der Rollstühle viel abverlangt, ziehen sie weiter von Gehege zu Gehege: Faultiere, Löwen, Giraffen und Leoparden. Meist beobachtet Christine die Tiere still, doch ab und zu erzählt sie etwas über sie. Oliver stellt Christine hin und wieder eine Frage, gibt ihr aber auch Ruhe. Ulrike schiebt Käthes Rollstuhl und plaudert angeregt mit ihr. Für die Ehrenamtlichen zählt allein, dass die Fahrgäste ihre Wünsche so erleben können, wie sie es sich vorstellen – ob in tiefen Gesprächen oder in stiller Begleitung. Den Menschen am Lebensende ihre Sehnsüchte zu erfüllen, erfüllt sie dabei selbst mit großer Freude. „Man macht das Ehrenamt natürlich für die Fahrgäste, aber ich mache es auch für mich“, sagt Ulrike. „Die Menschen, die wir fahren, geben uns genauso viel zurück.“ Studien zeigen, dass Menschen tatsächlich glücklicher sind, wenn sie etwas für andere tun. Wer Ressourcen für andere einsetzt, erlebt mehr Wohlbefinden als jemand, der sie ausschließlich für sich selbst nutzt. Schon kleine hilfsbereite Handlungen können das eigene Glück steigern.
Auch interessant
Vertraute Fremde
Nach mehreren Stunden ist der Rundgang im Zoo vorbei, doch die Wunschfahrt ist es noch nicht. Christine möchte unbedingt noch zu McDonald´s. Für die 96-jährige Käthe ist es der erste Big Mac ihres Lebens. Beim Essen herrscht allgemeine Ruhe. Alle sind erschöpft. Als Christine auf der Trage langsam die Augen zufallen, entscheiden die Ehrenamtlichen, aufzubrechen.
Für Christine war die Wunschfahrt genauso, wie sie sie sich vorgestellt hatte: „Wir haben uns schon riesig darauf gefreut und konnten alles sehen, was wir sehen wollten. Wir sind froh, dass wir die Gelegenheit dazu bekommen haben.“ Sie findet, dass der Wünschewagen eine gute Sache ist, da nicht jeder die Möglichkeit hat, aus eigener Kraft noch etwas Schönes zu unternehmen. Auch Käthe schwärmt von dem Tagesausflug und den Wunscherfüller*innen. „Ich hätte nicht erwartet, dass es Menschen gibt, die so für einen da sind“, sagt sie mit Inbrunst. „Ihr seid wirklich Engel.“ Oliver und Ulrike sind sichtlich gerührt.
Die Fahrten gehen Oliver oft noch lange nach. Nicht selten versterben Fahrgäste wenige Tage nach einer Wunschfahrt. Bei jeder neuen Wunschfahrt-Anfrage überlegt der Ehrenamtliche deshalb, ob er momentan in der Lage ist, den Fahrgast zu begleiten. Als eine enge Freundin von Ulrike starb, legte sie eine Pause ein. In der Zeit fühlte sie sich nicht bereit, mitzufahren. Dabei sind manche Wunschfahrten emotionaler als andere. Sie erinnert sich an eine Fahrt, bei der sich ein Mann Mitte 50 mit Pankreastumor unter Tränen ein letztes Mal von seinen Eltern verabschiedete. „Da musste ich dann kurz auf die Toilette. Zum Weinen“, erzählt sie. Nach den Fahrten sprechen die Ehrenamtlichen häufig miteinander. „Teilweise wird im Auto geweint, teilweise gelacht, teilweise ist es sehr still, weil man seinen Gedanken nachhängt“, sagt Oliver. Meist kennen sie sich am Morgen noch nicht, aber wenn sie abends aus dem Auto steigen, sind sie sich nah. Psychologische Forschung zeigt, dass Menschen sich einander näher fühlen, wenn sie gleichzeitig intensive Emotionen erleben. Das gilt unabhängig davon, ob diese positiv oder negativ sind, und sogar dann, wenn sie nicht dieselben Gefühle teilen. Gemeinsame emotionale Intensität kann Verbundenheit schaffen. Das erleben auch die Ehrenamtlichen.
Egal, ob es in den Zoo, in die Stammkneipe oder an die Nordsee geht – Oliver und Ulrike sind sich darin einig, dass jede Wunschfahrt auf ihre Weise einzigartig ist. Der Zielort spielt für sie keine Rolle. Die Begegnungen dafür umso mehr. Oliver hat die Arbeit beim Wünschewagen gezeigt, dass jeder Tag wichtig ist. „Die größten Probleme, die man selbst hat, würde der Mensch hinten im Wünschewagen sofort eintauschen, wenn er dafür mehr Lebenszeit bekäme.“ Doch nicht nur der Kontakt zu den Fahrgästen, sondern auch der zu den anderen Ehrenamtlichen ist eine Bereicherung. Wenn sich die Ehrenamtlichen für eine Wunschfahrt melden, wissen sie nicht, wohin die Fahrt geht und mit wem sie diese durchführen werden. Nach der Wunschfahrt fühlt es sich fast wie eine kleine Familie an. Ulrike sagt mit einem Schmunzeln: "Wir kommen als Fremde und gehen als Freunde."