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„Hilft auch bei Migräne“ – Marion nimmt ihren Job mit Humor. | Bild: Melanie Spremberg

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Dildos statt Tupperware

„Hilft auch bei Migräne“ – Marion nimmt ihren Job mit Humor. | Bild: Melanie Spremberg

12 Dec 2017

Tupperparties kennt jeder. Dieser Frauenrunde wäre das jedoch zu bieder. Das Abendprogramm heute: eine Dildo- und Dessousparty.

Melanie Spremberg

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2017
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Marion Kolitsch ist eine sogenannte Dildofee und veranstaltet Partys der etwas anderen Art. So auch an diesem Abend bei Gastgeberin Leonie. Ich durfte mich dazu gesellen und in eine Welt eintauchen, in der Sex ganz offen thematisiert wird.

Die fremde Haustür

Zu Beginn des Abends bin ich etwas nervös. Ich klingel an der mir fremden Haustür und steige das Treppenhaus in den ersten Stock hinauf. Es öffnet Leonie, die direkt anbietet, mir meine Jacke abzunehmen. Auch der Rest der sechsköpfigen Frauengruppe begrüßt mich herzlich. Bei Salzstangen, Chips und Kerzenschein sitzen wir um den Wohnzimmertisch und beschnuppern uns, wie auch Bichon Frisé Gabbanna und Mops Katy, die uns an dem heutigen Abend Gesellschaft leisten.

Leonie befüllt Gläser mit Sekt und Lillet und leitet den Beginn des Abends ein. „Schön, dass ihr alle hier seid. Prost!“, sagt sie und Marion ergänzt: „Umso größer der Brand, desto ruhiger die Hand.“ Alles klar, denke ich. Das könnte ein lustiger Abend werden.

Bis zu 800 Euro Umsatz

Marion ist ein echtes Energiebündel. Neben ihrer Anstellung an einer Tankstelle wird sie zu privaten Dildo- oder Dessouspartys geladen oder gibt Modenschauen in Swingerclubs, um ihre Kleidung an den Mann – oder die Frau – zu bringen. „Einmal hatte ich eine Veranstaltung mit 190 Gästen“ sagt sie und die seien auch meistens sehr kauffreudig. Pro Veranstaltung reichen die Umsätze von 350 bis 800 Euro. Dabei spiele es aber keine Rolle, ob sie sechs oder hundert Gäste habe, „mit wie viel Einnahmen ich nach Hause gehe, ist immer unterschiedlich“.

Gefunden wird Marion über das Erotikportal JoyClub und auf Facebook unter dem Namen pillow talk, zu deutsch „Bettgeflüster“. Ihre Artikel kauft sie bei verschiedenen Großhändlern ein.

Nebenbei gibt sie Frauencoachings mit Themen wie „Wie wirke ich wieder sexy?“ oder „Wie bekommt man eine Ausstrahlung?“ Der Schlüssel dazu, verrät sie uns, sei Zufriedenheit und der Einklang mit sich selbst.

Immer noch ein Tabuthema

Mit sich im Einklang scheint auch Leonies Mutter Marta, die mit von der Partie ist und zu meiner Linken sitzt. Heiter erzählt sie von ihrem letzten Besuch im Sexshop: Sie habe zu der Angestellten gesagt: „Ich hätte gern ein schönes Spielzeug für mich“, diese blickte sie daraufhin überrascht an. „Normalerweise ist es immer für die Freundin“, habe sie mit einem Zwinkern gesagt. „Aber warum eigentlich?“, meint Marta und wirkt nachdenklich. „Das Thema ist und bleibt zu einem gewissen Grad tabu.“ Unrecht hat sie damit laut YouGov nicht.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes besitzt nur ein Drittel der 1009 Befragten ein Sextoy. Bei älteren Deutschen über 60 Jahren ist nur jeder Achte (12 Prozent) im Besitz von Dildo und Co, in der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren nur 37 Prozent. Zwar ist ein Großteil der Befragten überzeugt, dass die kleinen Helfer den Sex bereichern (54 Prozent), jedoch haben noch mehr die Auffassung, dass Sexspielzeuge in der Gesellschaft immer noch ein Tabu sind (58 Prozent). In Zeiten von Amorelie und Eis.de für Viele unverständlich. Ebenso für Marion.

Kerzenwachs, Erdbeeröl und Vibratoren

Diese beginnt derweil die Vorstellung ihrer Produkte mit einer Tube Massageöl als Gastgeschenk. Dann gibt sie ein weiteres Öl in die Runde, dieses jedoch ist essbar, sagt sie. Die Frauen und ich nehmen eine Fingerspitze der rotfarbenen Flüssigkeit. Schmeckt nach Erdbeere.

Als nächstes schüttet sie uns das Wachs aus einer ganz speziellen Kerze auf die Handfläche. Zu meiner Verwunderung ist dieses nicht heiß oder verfestigt sich, sondern fühlt sich wie ein lauwarmes Öl an, das sich wunderbar verreiben lässt. „Ideal zum Massieren des Partners“, klärt uns Marion auf.

Marion geht zum Wühltisch, auf dem wie ein Mini-Flohmarkt all ihre Produkte verstaut sind und kramt einen Vibrator hervor. Kaum, dass er eingeschaltet ist, hält sie sich ihn an die Schläfe und sagt: „Ist auch ganz gut bei Migräne.“ Alle lachen. Die Stimmung ist inzwischen aufgelockert. Neugierig testen alle die Kraft des kleinen Gerätes an ihrer Nasenspitze.

Daraufhin werden einige Vibratoren in die Runde gegeben. Einer im Delfinlook, einer getarnt als Schwimmentchen — den man neben der Badewanne garantiert nicht erkannt hätte — Vibratoren zum Einführen, Vibratoren mit Fernsteuerung, Paarvibratoren für Sie und Ihn.

Gastgeberin Leonie entdeckt ein Halsband aus der Sado-Maso-Szene. Als nicht nur sie, sondern auch die Hunde dieses interessiert begutachten, ist die Menge erheitert.

Von S bis 3XL, von Mitte 30 bis Ende 50

Inzwischen steigt die Neugier auf den Kleiderständer, an dem von Ledercorsagen über Hotpants mit durchgängigem Reißverschluss bis hin zu transparenten Kleidern alles zu finden ist. Die Größen der meisten Dessous gehen von S bis 3XL. So ist für jeden etwas dabei.

Während einige sich ganz dem Kleiderständer widmen, stöbern andere in Katalogen mit noch mehr Auswahl. „Wenn euer Artikel nicht dabei ist oder die Größe nicht passt, kein Problem. Wir können alles nachbestellen“, erklärt Marion.

Anproben, gegenseitige Beratung, Gelächter und Sekt – so schreitet der Abend voran bis alle wieder ihre ursprüngliche Kleidung tragen. Ob Schlabbershirt oder Lederleggings mit durchsichtigem Oberteil, die Styles der Mädels sind so individuell wie sie selbst. Von Mitte 30 bis Ende 50 war heute alles mit dabei.

Als alle wieder um den Wohnzimmertisch sitzen, zückt Marion eine Mappe und nimmt die Bestellungen der Mädels entgegen, immer der Reihe nach. Inzwischen trudeln nach und nach die Lebenspartner ein. „Da ist ja mein Taxi“, freut sich eine der Frauen. Ich verabschiede mich ebenfalls und bedanke mich für einen interessanten Abend mit zahlreichen Eindrücken und neuen Denkanstößen. Wieder durch die Haustür stelle ich fest, dass so schräg, wie eine solche Feier anfangs auch scheint, sie im Endeffekt doch wie jede andere ist: nette Leute, gute Gespräche und ein klein wenig Alkohol. Für mich definitiv die witzigere Alternative zur Tupperparty.

„Die Leute finden's klasse. Selbst meine Kinder haben damit kein Problem.“ – Marion Kolitsch
Ein Wühltisch lädt zum Stöbern ein: knappe Dessous, Masken, Öle sowie Sextoys sind hier zu finden. | Bild: Melanie Spremberg
Von aufreizend bis dezent: An einem Kleiderständer hängen Röcke, Kleider und Corsagen in den unterschiedlichsten Materialien und Größen. | Bild: Melanie Spremberg
Das „kleine Ferkel“, das als Kaffeekasse dient, ist ebenfalls passend gekleidet. | Bild: Melanie Spremberg
Marion präsentiert uns den Renner unter ihren Geschenkeboxen. Vom Kinofilm Shades of Grey inspiriert stößt die „Grey Box“ auf große Nachfrage. | Bild: Melanie Spremberg
Am Ende des Abends dann das Geschäftliche: Zufrieden nimmt Marion die Bestellungen der Partygäste entgegen. | Bild: Melanie Spremberg