Ausschließlich Unikate: Alles im Laden ist selbstgemacht. | Bild: Svenja Sapper

edit.Puls Pop-up-Store „derladen“
Heute hier, morgen dort

Ausschließlich Unikate: Alles im Laden ist selbstgemacht. | Bild: Svenja Sapper

09 Dec 2017

In „derladen“ verkaufen regionale Künstler und Designer ihre Produkte und haben mittlerweile ihre eigene Fangemeinde. Seit zehn Jahren besteht das Geschäft, das aktuell am Killesberg zu Hause ist. Doch Vorsicht: So schnell „derladen“ aufploppt, ist er vielleicht auch schon wieder weg.

Die Tür steht offen. Ein einziger Raum voll mit Kleidungsstücken, Geschirr, Lebensmitteln, Spielzeug. Auf dem Schaufenster steht in großen grünen Buchstaben „derladen“.

Es ist hell in dem Geschäft. Durch die Glasscheibe fällt so viel Licht in den Raum, dass es fast schon blendet. Aus einer Stereoanlage dudelt leise britische Popmusik. Eine Frau sitzt an einem Holztisch. Sie lächelt, als eine Kundin den Laden betritt. Von einem Regal baumelt Schmuck, daneben ein Spiegel. Kleidungsstücke hängen an Ständern oder sind an Schaufensterpuppen drapiert. Auf einem Tisch steht ein Teeservice, daneben geflochtene Korbsessel.

Nahezu alles in diesem Raum kann man kaufen. Zumindest solange sich das Geschäft noch am Stuttgarter Killesberg befindet. Denn „derladen“ ist ein Pop-up-Store. Ein Geschäft, das eine Form von Rastlosigkeit verkörpert. Denn es bleibt nie lange an einem Ort.

Individualität steht im Vordergrund

Pop-up-Stores sind ein Trend, der aus den USA nach Deutschland geschwappt ist. Russell Miller, ein Eventmanager aus Los Angeles, entwickelte um die Jahrhundertwende die Idee, durch temporäre Ladeneinheiten anstelle von permanenten Shops mehr Kunden in die Geschäfte zu locken. Seit 2004, als in Berlin der erste Pop-up-Store Deutschlands eröffnete, ist der Trend zum schnelllebigen Geschäftsmodell auch hierzulande angekommen.

Individualität, das sei das Besondere an Pop-up-Stores, erzählt Kathrin Großmann, die Frau, die bei „derladen“ hinter dem Holztisch sitzt. Einkaufen, sagt sie, solle für Kunden von Pop-up-Stores ein besonderes Erlebnis werden.

Der älteste Pop-up-Store in Stuttgart

Und welches besondere Erlebnis bietet „derladen“ den Kunden, Frau Großmann? „Das Besondere ist, dass alle unsere Produkte von uns selbst hergestellt werden und aus der Region stammen. Kunden treffen die Künstler selbst in deren Laden.“

Großmann ist selbst Künstlerin. Seit zehn Jahren betreibt sie mit ihren Kolleginnen Manuela Dörr und Katja Waibl „derladen“. Das Geschäft ist somit der älteste Pop-up-Store in Stuttgart.

Die Geschichte des Stores begann in Kathrin Großmanns Wohnzimmer, einem ehemaligen Laden. Mit Schaufenster. Dort begannen die drei Künstlerinnen ihre Produkte zu verkaufen. Die Produkte, das sind Großmanns Handarbeiten aus Filz, die von Dörr designte Damenmode und die Mode von Waibl, die mit ihren Kleidern Geschichten erzählen will.

Zehn Jahre sind seither vergangen. „derladen“ ist im Umkreis von Stuttgart an zehn bis fünfzehn verschiedenen Standorten „aufgepoppt“, meistens für einen Zeitraum von vier bis acht Wochen.  

Mittlerweile sind auch andere Künstler am Projekt beteiligt. „Wir lernen auf Messen viele Leute kennen und fragen direkt an, ob sie bei uns verkaufen wollen“, sagt Großmann. Und sie wollen es, ziemlich viele jedenfalls. Zehn Künstlerinnen und Designerinnen sind am aktuellen Sortiment beteiligt.

Drei Frauen, ein Projekt (von links): Manuela Dörr, Kathrin Großmann und Katja Waibl leiten den ältesten Pop-up-Store Stuttgarts. | Bild: derladen-stuttgart.com
Zur Zeit ist "derladen" am Killesberg beheimatet. | Bild: Svenja Sapper
In leerstehenden Ladenräumen werden unter anderem Postkarten, Schlüsselanhänger und Schmuck verkauft. | Bild: Svenja Sapper
Inzwischen sind viele Künstler an dem Projekt beteiligt. Dementsprechend groß ist auch die Auswahl. | Bild: Svenja Sapper
In einem einzigen Raum werden die Produkte zum Kauf angeboten. | Bild: Svenja Sapper
Wer ungewöhnliche Accessoires sammelt, wird bei "derladen" sicher fündig. | Bild: Svenja Sapper
Diese Ecke des Ladens erinnert an ein Kinderzimmer. | Bild: Svenja Sapper
In diesem Spiegel können sich Kundinnen betrachten, sie können ihn aber auch gleich kaufen. | Bild: Svenja Sapper
Wenn es draußen dämmert, erleuchten farbige Lampen den Ladenraum. | Bild: Svenja Sapper
Die zum Verkauf angebotenen Produkte dienen zugleich als Inneneinrichtung. | Bild: Svenja Sapper

 

Kunden werden zu Fans und Freunden

Katja Waibl, Manuela Dörr und Kathrin Großmann sitzen selbst hinter dem Tresen, kennen jedes einzelne Produkt. Als eine Kundin den Laden betritt, erhebt sich Großmann. „Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?“ Die Kundin sucht einen Wintermantel, ist sich aber unsicher, ob ihr das Modell auch steht. Großmann reicht ihr den Mantel und führt sie zum Spiegel. Die Farbe gefalle ihr, sagt die Kundin. „Probieren Sie ihn ruhig an“, ermutigt Kathrin Großmann sie. „Gut sieht das aus“, findet Großmann. Die Kundin nickt. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man die beiden für zwei Freundinnen auf Shoppingtour halten.

Eine Mutter mit kleinem Kind kommt ins Geschäft. „Schön, dass ihr mal wieder da seid“, begrüßt Kathrin Großmann die beiden. Es gibt viele Kunden, die immer wieder kommen. Die Besitzerin sagt, dass einige Stammkunden dem Laden mittlerweile überallhin folgen. Über einen Verteiler können sie sich informieren, wann und wo „derladen“ als Nächstes auftauchen wird. An jedem Standort kommen weitere Fans hinzu.

 

 

Kann man davon leben?

An diesem Nachmittag kommen nicht besonders viele Kunden in den Laden. Kein Vergleich zum Trubel auf der Königstraße, zu den Schlangen vor den Umkleidekabinen von Geschäften in der Innenstadt. Kann ein Raum, in dem Künstler ihre selbst gefertigten Produkte verkaufen, mit den Kaufhäusern mithalten? Kann man davon leben, einen Pop-up-Store zu betreiben?

Kathrin Großmann lacht. Sie und ihre Kolleginnen haben alle noch eigene Projekte als zweite Einkommensquelle. Grundsätzlich, sagt sie, verdiene man aber nicht wenig Geld. Die Mietpreise seien geringer, wenn man sich nur temporär in einem Laden einmiete.

Es gibt noch mehr Pop-up-Stores in Stuttgart, beispielsweise in der Concept Mall am Rotebühlplatz, wo immer wieder temporäre Geschäfte Einzug halten. Nicht jeder Store verkauft eigene Produkte, aber alle machen sich dasselbe Prinzip zunutze.

Erfolgsprinzip: Mangel

Auch psychologische Gründe spielen eine Rolle für die Beliebtheit von Pop-up-Stores, meint Großmann. Nach wenigen Wochen zieht das Geschäft weiter. Chance verpasst. Vielleicht taucht es Wochen, Monate später woanders auf.

Pop-up-Stores beweisen, dass Menschen oft genau die Dinge begehren, die sie nicht haben können. Die temporären Geschäfte machen sich die Gier der Kunden zunutze. Konsumenten kaufen jetzt, weil der Laden in einem Monat verschwunden sein wird. Manager bezeichnen das als Strategie der Verknappung. Je weniger die Käufer haben können, desto mehr wollen sie.

Es ist Abend geworden. Draußen wird es dunkel. Der Besuch bei „derladen“ ist vorbei, auch wenn die Künstlerinnen noch bis 19 Uhr hinter dem Tresen stehen werden. Von der Bushaltestelle aus kann man den Laden noch gut sehen, hell erleuchtet. Durch das Schaufenster sieht man die Verkäuferinnen und ihre Kunden, die im Geschäft vorbeischauen, wenn sie Feierabend haben. „derladen“ wird bald wieder umziehen. Die drei Künstlerinnen werden neue Produkte zum Verkauf anbieten. Ihr Projekt bleibt aber, so nennt es Großmann, eine Herzensangelegenheit.